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Die Schweizer Armee zeigt Schulkindern, wie man Handgranaten (offiziell: „Wurfkörper“) wirft

In Graubünden können Grundschüler während der Sommerferien für einen Tag ins Militär. Natürlich sind sie keine Kindersoldaten, falsch ist es trotzdem.

von Daniel Kissling
30 Juli 2015, 10:45am

Foto von davidd

Ich kann mich noch ganz gut an meine Ferienpass-Erlebnisse erinnern. Einmal gingen wir Pingpong spielen, dabei fuhren wir in einem VW-Bus zum Lokal des Tischtennisvereins. An einem anderen Tag zeigte uns die Feuerwehr, wie man Feuer löscht, die große Leiter ausfährt und wie viel Kraft das Wasser hat, das aus dem Feuerwehrschlauch spritzt. Bei beidem hatte ich Spaß.

Was mir als Grundschüler garantiert auch Spaß gemacht hätte: Handgranate werfen, Panzer fahren und Sturmgewehre anschauen. Denn welches Kind—wahrscheinlich wären es immer noch mehr Jungen als Mädchen—zwischen neun und zwölf Jahren hätte das nicht? Genau denselben Gedanken scheint man sich auch im schweizerischen Graubünden gemacht zu haben, denn neben Klettern, Vögel beobachten, Besuch auf dem Pferdehof, Schaukeln und Unihockey gibt es dort noch ein ganz besonders actionreiches Angebot für die Kleinen: „Ein Tag beim Militär".

Foto von Ferienpass

Es mag auf den ersten Blick harmlos wirken: Da zeigen die in Chur stationierten Rekruten der 12. Infanterie ein paar Kindern Tagesablauf und Kaserne, Fahrzeuge und Uniform, was es zu Essen gibt und alles, was Kinder über das Militär eben wissen wollen. „Warum auch nicht?", denken sich dabei auch die Verantwortlichen beim Heer, sehen darin sogar „eine gute Gelegenheit, den Kindern das Militär etwas näher zu bringen", wie es in einem Bericht auf der offiziellen Seite des Bundes heißt. Und sind dann am Ende ganz gerührt von den „Danksagungen von Müttern" und den „glänzenden Kinderaugen beim Panzerfahren". Das Fortbestehen der Armee, ja das Überleben der Schweizer Nation scheint gesichert ... und Verharmlosung beziehungsweise Glorifizierung von Militarismus und Waffengewalt ebenso.

Was dabei nämlich in dem Bericht gekonnt fast komplett unter den Tisch gekehrt wird: Wofür das Militär in erster Linie da ist. Auch eine Verteidigungsarmee, als welche die schweizerische sich selber versteht, hat nämlich in erster Linie einen Zweck: Schutz der Bevölkerung vor dem Feind, heißt: gegen den Feind kämpfen. Oder noch einmal anders formuliert: im Notfall schießen, bombardieren, töten. Das ist es, wozu man in der Rekrutenschule mit strengem Drill ausgebildet wird, gerade in der Infanterie, den Bodentruppen.

Ganz um diese Aspekte rum kann oder will man dann auch nicht kommen. Bevor es nämlich für die Bündner Schüler in Krankenstation und Feldpost geht, gibt es zuerst noch eine Lehrstunde in militärischem Benehmen. „Sie lernen zu grüßen und ein ‚Daher' zu bilden", heißt es trocken. Und wieder übersetzen wir: Kindern wird beigebracht, stramm zu stehen, zu salutieren und ihrem Vorgesetzten zu gehorchen, wenn dieser „Daher!" schreit. Denn wo kämen wir sonst hin im Krieg, wenn man nicht spuren würde?

Noch spannender wird es aber am Nachmittag. Dann nämlich kommt der Teil, der im Ferienpass-Prospekt so unschuldig unter „Ausrüstung" zusammengefasst wird. Die Armee ist da schon ehrlicher: Es geht um Waffen. „Vom normalen Sturmgewehr über das Scharfschützengewehr bis hin zum Minenwerfer ist alles vorhanden. Alles kann angefasst und in die Hände genommen werden."

Bin ich zu empfindlich, wenn es mich bei diesem Satz schaudert? Scharfschützengewehr und Minenwerfer in Kinderhänden? Echt jetzt? Ich stell mir die Situation vor: Da steht der kleine Felix und der nette Soldat zeigt ihm, wie man durch das Zielfernrohr eines Scharfschützengewehrs späht. Und der kleine Felix, vonCall of Dutyund Co. geschult, stellt sich vor, wie er dem Mirko, der ihn immer wegen der Brille hänselt, einen sauberen Kopfschuss verpasst. Es muss nicht so gewesen sein. Aber es kann.

Es geht nicht darum, die Armee zu ignorieren, vor Kindern zu verbergen. Das kann man gar nicht, denn dafür ist sie zu präsent. Zumindest ich kann mich daran erinnern, wie mein Vater in den Wiederholungskurs der Armee verschwand und nach drei Wochen in Camouflage und mit Militär-Biscuits wieder auftauchte. Auch an seine Dienstpistole kann ich mich erinnern und die Ehrfurcht, die ich davor hatte, als er sie mir einmal zeigte, wobei mein Vater alles andere als ein glühender Soldat war.

Waffen, Helme, Panzer, gerade echte, keine Miniaturen oder Plastikvarianten, sie faszinieren Kinder, die Räuber und Polizist, Cowboy und Indianer und Piraten und Batman spielen. Ist es da wirklich nötig, ihnen auch noch zu zeigen, wie man fachmännisch eine Handgranate schleudert, wie zwar nicht im Bericht steht, aber auf dem Foto zu sehen ist? Er scheint mächtig Spaß daran zu haben, der Junge mit dem Baseball-Cap (im Gegensatz zum kritisch schauenden, dunkelhäutigen Freund neben ihm, aber dem traut Verteidigungsminister Ueli Maurer ja sowieso nicht).

Alle lieben Paintball oder zumindest Laser-Tag, Kriegspielen macht Spaß. Sich als Kind vorzustellen, jemanden abzuknallen, ob wir wollen oder nicht, ebenfalls. Ich bin überzeugt, dass die Rekruten, die sich um die Schulkinder kümmern durften—laut Bericht war es für die Soldaten eine „tolle Abwechslung"—, ihren Job gut gemacht haben. Doch was heißt das? Heißt das, dass jetzt alle Kinder, ob Jungs oder Mädchen, ins Militär wollen? Oder heißt das, dass die jungen Rekruten ihnen vermittelt haben, dass wir eigentlich hoffen sollten, eine Armee irgendwann gar nicht mehr zu brauchen?

Das Heer beteuert auf unser Nachfragen die Harmlosigkeit der Sache und verwehrt sich gegen den Vorwurf der Propaganda. „Es handelt sich hier um eine gewöhnlichen Anlass und nicht um Krieg spielen. Es geht bei diesem Angebot darum, den militärischen Alltag zu vermitteln, ob an Kinder oder Erwachsene spielt dabei keine Rolle. Eine Waffe gehört halt zum Militär", erklärt Kirsten Hammerich, Verantwortliche Kommunikation Heer, und vergleicht: „Das wäre ja wie wenn Sie eine Schokoladenfabrik besichtigen würden und es den ganzen Tag keine Schokolade gäbe."

Auch im Berühren und Halten von Waffen sieht Hammerich kein Problem: „Es wird ja nicht angeboten, damit zu Schiessen. Die Waffen sind entladen und gesichert und werden von ausgebildeten Berufmilitärs erklärt." Doch wie sieht es mit dem Werfen von Handgranaten-Attrappen aus? Auch bei diesem Thema verneint Hammerich: „Das sind keine Handgranaten, sondern sogenannte ‚Wurfkörper', so ähnlich wie beim Ballwerfen in der Schule."

Nun gut, dann hat der Junge also beim Werfen eines „Wurfgeschosses" Spaß. Dagegen ist nichts einzuwenden. Trotzdem hoffe ich aber, dass die Kinder die gleiche Entwicklung durchmachen wie ich damals. Beim Schnuppertag in der Feuerwehr gefiel es mir sehr. Ich fühlte mich als Held. Als es dann circa zehn Jahre später für mich darum ging, ob ich bei der Feuerwehr in meinem Heimatdorf mitmachen sollte oder nicht, drückte ich mich, genauso wie ich mich vor dem Militär gedrückt hatte. Wenn Kinder fasziniert Handgranaten werfen, muss das nicht heißen, dass sie es als Erwachsene auch tun werden. Darauf anlegen sollte man es aber definitiv nicht.

Daniel auf Twitter: @kissi_dk




Titelbild: davidd | Flickr | CC BY 2.0

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