Ihr nennt es Depressionen, ich nenne es die Wahrheit

Ich glaube so langsam, dass mir meine bedrückenden Gefühle etwas Reines und Wahrhaftiges mitteilen wollen—eine Nachricht meiner Seele über meinen Lebensstil und das Leben an sich.

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01 Juni 2015, 10:42am

Alle Illustrationen: Joel Benjamin

Macht einen die Wahrheit wirklich frei oder doch nur kaputt? Genau diese Frage schießt mir durch den Kopf, während mein Psychiater und ich meinen Medikamenten-Cocktail anpassen und weiter nach der perfekten Kombination suchen, damit ich von meiner Existenzkrise nicht komplett vereinnahmt werde. Gleichzeitig arbeite ich mit meiner kognitiven Verhaltenstherapeutin an der „Bedeutung" der richtigen Einordnung dieser Gefühle. Sie versucht, mir dabei zu helfen, weniger Angst vor meinen Emotionen zu haben.

Diese Angst ist jedoch immer noch da. Ich glaube allerdings so langsam, dass mir diese Gefühle etwas Reines und Wahrhaftiges mitteilen wollen—eine Nachricht meiner Seele über meinen Lebensstil und das Leben an sich. In erster Linie wollen sie mir allerdings sagen, dass ich so nicht mehr weitermachen kann.

Man sagt, dass alles, gegen das wir uns wehren, bestehen bleibt, und ich habe jetzt schon mein ganzes Leben lang versucht, diese Emotionen zu unterdrücken. Aber erst vor Kurzem habe ich damit angefangen, mich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen—mit all den Schichten, die letztendlich das ausmachen, was der norwegische Metaphysiker Peter Wessel Zapffe als „kosmische Panik" bezeichnet hat. Es hat jetzt den Anschein, als könnte ich nicht mehr länger ignorieren, was ein Teil von mir schon immer gewusst hat: Das Leben ist absurd und furchteinflößend. Vielleicht sollen wir ja Angst vor der Wahrheit haben?

In Der letzte Messias, seinem Essay aus dem Jahr 1933, beschreibt Zapffe Depressionen als die Überevolution des Geistes. Er vergleicht den Verstand einer an Angstzuständen oder Depressionen leidenden Person mit einer bestimmten Hirschart aus der paläontologischen Zeit, die ausgestorben sein soll, nachdem das Geweih irgendwann zu schwer geworden ist.

„Im depressiven Zustand", schreibt er, „ähnelt der Verstand einem solchen Geweih, dessen prunkvolle Größe den Träger nach unten zieht."


Zapffe formuliert auch die Idee, dass der Verstand eines angsterfüllten oder depressiven Menschen im Vergleich zu dem der anderen Leute womöglich wacher ist oder mit einer tiefgreifenderen Wahrheit in Verbindung steht.

„Depressionen, ‚Existenzangst', Essenverweigerung und so weiter werden immer als Anzeichen einer Krankheit angesehen und auch dementsprechend behandelt", schreibt er weiter. „Oftmals sind solche Phänomen jedoch Botschaften eines tieferliegenden, direkteren Lebensgefühls; bittere Früchte eines tiefgreifenden Gedankens oder Gefühls an der Wurzel antibiologischer Tendenzen. Die Seele ist hier nicht krank, sondern ihr Schutz versagt oder sie wird abgewiesen—und zwar weil sie richtigerweise als eine Art Verrat am höchsten Potenzial des Egos voller Erfahrung ist."

Warum leidet dann nicht jeder Mensch an Depressionen? Was genau ist dieser „Schutz", den ich—so wie die meisten anderen Leute auch—quasi mein ganzes Leben lang aufrecht erhalten konnte? Und was lässt einen dann urplötzlich und schrecklicherweise hinter diese Fassade blicken?

Zapffe schreibt, dass dieser Schutz aus vier Verteidigungsmechanismen besteht: Isolation, Verankerung, Ablenkung und Sublimieren.

Laut dem Metaphysiker ist Isolation dabei nicht das Absondern von sich selbst (obwohl ich das häufig mache), sondern die Verdrängung von negativen Gedanken zu den Themen Existenz, Bedeutungslosigkeit, persönliche Freiheit und Tod in den äußersten Bereich unseres Verstands. Vielleicht war ich da früher besser drin? Zumindest konnte ich besser etwas vorspielen, vor allem wenn es um das allgemeine Verhalten der „gemeinsamen Stille" ging—das bedeutet, dass man im alltäglichen Smalltalk mit anderen Menschen diese negativen Gedanken mit keiner Silbe erwähnt.

Als Dichterin ist es mir bisher immer möglich gewesen, die Auseinandersetzung mit meinen Gedanken und Gefühlen mit Hilfe meiner Kunst zu verarbeiten. In letzter Zeit fällt es mir jedoch immer schwerer, meine soziale Maske bei belanglosen Gesprächen aufzubehalten. Inzwischen tut es mir körperlich weh, auf einem solchen Level zu interagieren und eine „angenehme", aber gleichzeitig oberflächliche Unterhaltung mit einer anderen Person zu führen, denn ich frage mein Gegenüber in meinem Kopf dann ständig: „Warum beschäftigen dich diese Gedanken und Gefühle nicht? Wirst du von deiner Angst denn nicht komplett vereinnahmt? Falls nein, was läuft dann bei mir falsch? Falls ja, warum ignorieren wir dann beide die Existenz dieser Angst und reden stattdessen über belanglosen Scheiß? Ich habe irgendwie das Gefühl, als ob wir uns alle umarmen und miteinander weinen sollten oder so."

Der zweite Verteidigungsmechanismus, die Verankerung, besteht darin, sich mit verschiedenen sozialen Institutionen zu identifizieren—dazu gehören zum Beispiel Familie, Arbeit, Religion, Moral, gesellschaftlicher Status, Körperlichkeit oder Ziele. Wenn wir uns an diese externen Identitäten binden, dann ist es uns möglich, „Mauern um die nur schwer greifbare Auseinandersetzung mit unserem Bewusstsein" zu bauen. Das Risiko einer Existenzkrise liegt hier darin, dass sich diese Vorstellungen von uns selbst irgendwann einmal widersprechen oder wir sie gleich komplett verlieren—einen Job, eine geliebte Person oder ein anderes externes Element, das uns dabei geholfen hat, uns selbst zu definieren.

Ein solcher Verlust, den ich in letzter Zeit hinnehmen musste, war der meines Strebens, bestimmte Leute zu beeindrucken oder sie mit meinen Erfolgen zu verführen. Das könnte man jetzt auf den ersten Blick auch als etwas Gutes betrachten, aber mich hinterließ dieser Verlust mit einem Gefühl der Bedeutungslosigkeit.

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In Sachen kreative Ziele habe ich viel erreicht. Jetzt wird mir jedoch nicht mehr klar, warum das überhaupt noch irgendeine Bedeutung haben sollte. Ich denke mir jetzt zum Beispiel Folgendes: „Nun, der Typ, auf den ich mal stand, ist inzwischen bei Facebook geblockt. Er kann also gar nicht sehen, was ich erreicht habe. Warum sollte ich mich also überhaupt noch anstrengen?"

Ist es möglich, aufgrund meiner kreativen Errungenschaften einfach nur für mich selbst glücklich zu sein? Ich schäme mich, wenn ich jetzt sagen muss, dass ich diese Frage zur Zeit mit Nein beantworten würde. Diese Errungenschaften fühlen sich bedeutungslos an. Im Angesicht unserer Sterblichkeit sind sie das vielleicht auch. Ich rede es inzwischen sogar schlecht, wenn ich anderen Lebewesen helfe—zum Beispiel dem Mädchen, das ich betreue, oder dem Hund, den ich gerettet habe. Ich denke dann immer obsessiv daran, dass die beiden Tiere essen. Ich helfe ihnen, mit ihrem Leid fertig zu werden, während sie andere Lebewesen leiden lassen. Ich verursache also selbst immer mehr Leid. Dazu kommt, dass auch ich manchmal bei McDonald's esse.

Inzwischen schaffe ich es auch nicht mehr, mich von meinen verhängnisvollen Gefühlen abzulenken. Früher habe ich mich immer zwanghaft mit irgendetwas beschäftigt, um nicht über tiefgreifendere Fragen nachdenken zu müssen. Ich war wie besessen von meinem Aussehen, von Liebe und von meinen Errungenschaften. Ich habe diverse Körperteile entwachst, verschiedene Diäten ausprobiert und auf SMS gewartet. Fernsehen war zwar noch nie wirklich mein Ding, aber wenn ich heutzutage den TV anmache, dann habe ich das Gefühl, ich würde ersticken. Es hat irgendwie den Anschein, als würden viele dieser Vorgehensweisen von einer unsichtbaren Macht einfach so weggenommen werden.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum man in Fragebögen zu Depressionen immer gefragt wird, ob man das Interesse an Aktivitäten verloren hat, die man früher einmal gerne gemacht hat. Dabei klingt es immer so, als sei der Verlust des Interesses etwas Schlechtes. Was, wenn diese Aktivitäten schon immer dumm, bedeutungslos und destruktiv waren? Was, wenn ich einer höheren Wahrheit damit einen Schritt näher komme?

Eine Sache, die mir jedoch weiterhin Kraft gibt, ist das Sublimieren—das Verarbeiten dieser Erfahrungen mithilfe meiner Kolumnen. Der Schreibprozess verleiht meinen beängstigenden Gedanken und Gefühlen eine Bedeutung und einen Rahmen. Er lässt sie weniger endlos erscheinen. Aber was, wenn in dieser Endlosigkeit die Wahrheit liegt? Warum habe ich so schnell Angst vor dem, was real ist?

Einerseits rede ich mir ein, dass ich so schnell wie möglich Abstand von diesem Bewusstsein für das Bedeutungslose, den Tod und das endlose Infragestellen nehmen sollte. Andererseits sage ich allerdings auch immer: „Nein, du musst auch weiterhin dein bisheriges Weltbild auseinandernehmen, denn am Ende wird etwas Höheres und Besseres auf dich warten."


Falls du dir um deine eigene psychische Gesundheit oder um die eines geliebten Menschen Sorgen machst, dann findest du hier Hilfe und weiterführende Informationen.

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