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Die Frau aus dem viral gegangenen, öffentlichen Dreier arbeitet jetzt als Stripperin

Alexis Frulling meint, dass sie aufgrund des durch ihren Sexskandal verursachten Shitstorms keinen Job in Calgary findet. Deshalb tourt sie jetzt durch den kanadischen Bundesstaat Alberta.
Mack Lamoureux
Toronto, Canada
22.7.15
Foto: YouTube-Screenshot

Foto: YouTube-Screenshot

Alexis Frulling steht im Peelerz auf der Bühne—dabei handelt es sich um einen „Stripclub für Ölbohrer" in der kleinen, südlich von Edmonton liegenden Industriestadt Nisku im kanadischen Bundesstaat Alberta. Neben ihr steht noch ein Ansager, der die Leute im Publikum fragt, ob sie Frulling nackt sehen wollen oder nicht.

Anschließend dreht sich der Ansager zu der jungen Frau und will wissen, ob sie ihren Stampede-Rodeoritt genossen hat.

„Das habe ich", antwortet sie ganz draufgängerisch. „Ich habe das Pferd weggelassen und stattdessen zwei Cowboys geritten."

Das Publikum johlt zustimmend auf und mit einem Country-Song von Big & Rich im Hintergrund macht sich Frulling bereit für ihren ersten Tanz.

Später, als sie sich in der an den Stripclub anschließenden Hotellobby neben mir niederlässt, ist von der überschwänglichen und stolzen Frau, die ich eben auf der Bühne gesehen habe, nicht mehr viel übrig. Frulling trägt jetzt Jeans-Shorts sowie ein Flannelhemd ohne Ärmel und wirkt überwältig. Sie macht aber vor allem einen ausgelaugten Eindruck.

Vor einem Monat war Frulling noch eine junge Frau, die einfach nur ihr Leben in Calgary gelebt hat. Das sollte sich jedoch schlagartig ändern, als sie auf dem Weg zu einem Wiz-Khalifa-Konzert plötzlich in Stimmung kam und sich dazu entschied, mit ihren zwei Begleitern einen Dreier zu haben. Sie suchten sich eine ihrer Meinung nach ruhige Gasse zwischen zwei Industriegebäuden aus und legten los. Das war nicht gerade die beste Entscheidung ihres Lebens—also die Wahl des Ortes, nicht der Sex an sich.

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Um es kurz zu machen: Irgendjemand erwischte die Drei, filmte das Ganze und stellte das Video anschließend ins Internet—und das ist in Kanada anscheinend verboten. Das Video ist zwar jetzt nicht besonders anstößig, aber man sieht trotzdem sofort, was los ist. Und das Filmchen trat eine richtige Online-Lawine los. Am Anfang wurde das Ganze nur mit Titeln wie „stay classy Calgary" oder „save a horse, ride two cowboys" verbreitet und hatte den Anschein eines typischen Internet-Memes—ein anonymer Zwischenfall, der im World Wide Web die Runde macht. Aber dann brachte jemand Frullings Namen ins Spiel und kramte ein Bild hervor, das sie mit einem der am Dreier beteiligten Männer zeigt. Und schon war ihr Leben für immer verändert.

Das Internet zeigte sich mal wieder von der hässlichsten Seite: Tausende Leute aus den hintersten Ecken stürzten sich auf die junge Frau aus Calgary, betitelten sie als Schlampe oder Hure und meinten, dass ihr Leben eine Verschwendung wäre. Dabei kam natürlich auch wieder die offensichtliche Doppelmoral unserer Gesellschaft zum Vorschein, denn die zwei Männer des Videos wurden als Helden bezeichnet und mit metaphorischen High-Fives überschüttet. Frulling blieb jedoch weiterhin das Flittchen. Das Ganze war nicht schön anzusehen, ein klarer Fall von feiger Frauenfeindlichkeit und dazu noch total vorhersehbar.

Vor Kurzem hat der britische Journalist Jon Ronson ein Buch über Twitter-Ausschreitungen und öffentliche Bloßstellungen sowie die daraus resultierenden Konsequenzen veröffentlicht. Dafür hat er auch Menschen aufgesucht und interviewt, die ähnliche Erfahrungen wie Frulling machen mussten. „Die Leute, mit denen ich mich getroffen habe, waren meistens arbeitslos, weil sie wegen ihrer Vergehen gefeuert wurden. Außerdem erschienen sie mir alle mental gesehen irgendwie kaputt—zutiefst verwirrt und traumatisiert", schrieb er. Wenn sich Leute an ihren Computer setzen und „Schlampe" eintippen, dann ist ihnen oftmals einfach nicht klar, welche Folgen das für andere Menschen im echten Leben haben kann.

„Gewisse Gedanken, dass man vor irgendetwas wegrennt und sich selbst umbringt, sind immer da", erzählt mir Frulling. „Aber mal ehrlich ... Du darfst einfach nicht zu dir durchdringen lassen, was diese Leute denken, über dich zu wissen—denn diese Leute kennen dich verdammt noch mal nicht."

Das Peelerz (Foto: Facebook)

Genau deshalb stellte sich Frulling ihren anonymen Peinigern. Aber sie gibt auch zu, dass sich die ersten drei Tage wie ein Traum angefühlt haben. Noch in der Nacht, als das Video viral ging, wurde die junge Frau in allen sozialen Netzwerken aktiv und stellte dazu noch ein YouTube-Video online, in dem sie die „Hater" zur Rede stellt. Sie nahm sich der Geschehnisse an, versuchte dabei, den Schaden so gering wie möglich zu halten, und ging als Siegerin hervor.

Frulling hätte nie gedacht, dass sie mal in einem Stripclub enden würde. Zur Zeit hat sie jedoch einen der meistgesuchten Namen Kanadas. Sie ist ohne Arbeit und die Aufmerksamkeit, die ihr das Dreier-Video einbrachte, hat die Jobsuche in ihrer Heimatstadt quasi aussichtslos gemacht.

„Wegen des ganzen Bullshits, der hier gerade abläuft, finde ich in Calgary einfach keine Arbeit", meint sie.

Für eine junge Frau, die auf sich selbst gestellt ist und ihre Rechnungen zahlen muss, ist es keine Option, gar kein Einkommen zu haben. In den Tagen nachdem sie öffentlich bekannt wurde, klingelte ihr Telefon immer wieder—am anderen Ende waren Leute, die ihr Geld dafür boten, in Clubs zu „unterhalten". Erst sagte sie nein, doch nach mehreren Tagen der Angebote gab sie schließlich nach. Die Anrufe wurden so zahlreich, dass sie einen Agenten engagieren musste. Vor diesem Abend hatte sie als Barkeeperin in Striplokalen gearbeitet, aber sie hätte nie gedacht, dass sie je auf der Bühne stehen würde.

„Was sollte ich tun? Ich muss arbeiten", sagt sie mir, während Country-Musik durch die geschlossenen Türen hinter uns dröhnt. „In gewisser Weise musste ich das hier machen, aber ich hätte es nicht tun und weiterleben können und nichts machen können. Aber wenigstens mache ich was. Die Leute respektieren Stripperinnen nicht und wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Letzten Endes haben alle ihre eigene Art von Arbeit."

„Ich will nicht enden wie ..." Ihr Satz läuft ins Nichts. „Ich hab früher in Stripclubs gearbeitet und manche Stripperinnen haben Klasse, aber es kann auch genau das Gegenteil mit dir passieren."

Hier sind wir also, in einem bekannten Stripclub auf einem großen Industriegelände in der Nähe des Edmonton International Airport. Ein Ort, der allerhöchstens dafür „bekannt" ist, dass der Film Beerfriends dort gedreht wurde. Das Etablissement ist so stolz auf diese Tatsache, dass es seinen Namen kurz nach Erscheinen des Films von seinem eigentlichen „Airways" zu dem Namen des fiktiven Stripclubs im Film, „Peelerz", änderte.

Jetzt ist Frulling oben ohne, umgeben von Männern, die sich um die Bühne drängen, ihr zujubeln und bereit sind, für ein Bild ein wenig Geld zu zahlen. Sie hat früher getanzt, also ist es nicht so seltsam für sie, auf einer Bühne zu stehen, und sie sieht natürlich dabei aus. Sie sagt mir, dass sie versucht, keine Choreographie zu haben und alles improvisiert zu halten.

Bis zum letzten Tanz der Nacht hat sie ihr Unterteil anbehalten und sich nur obenrum ausgezogen, doch dieser Tanz ist anders. Alle Männer vorne in der sogenannten „Perv Row" beginnen, wie von einem Kollektivbewusstsein gesteuert (und damit den Online-Massen, die Frulling hierher gebracht haben, nicht unähnlich), gleichzeitig auf die Chromverkleidung zu hämmern, sodass der donnernde Lärm den Raum erfüllt. Es vibriert durch die gesamte Bar, sodass die Bohrturm-Schilder an den Wänden wackeln. Es übertönt fast komplett die Musik, die schon viel zu laut gestellt ist. Frulling macht ein paar Schritte und zieht sich dann komplett aus.

„Oh, sieht aus, als hätten wir hier eine Unten-Ohne-Party", tönt der Ansager.

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Nach ihren Auftritten wird ein Eimer in die Mitte der Bühne gestellt und ein Spiel namens „Last Loonie in the Bucket" gespielt, bei dem die Männer kanadische Dollarmünzen, sogenannte Loonies, in den Eimer werfen und der Mann, dessen Loonie als letztes darin landet, ein Paar von Frullings Höschen mit nach Hause nehmen darf.

Für ein oder zwei Minuten regnet es in diesem 200-Personen-Stripclub in Nisku Loonies (Frulling muss Hunderte verdient haben). Als der Ansager die letzten Sekunden ankündigt, fängt ein junger Mann namens Mattie—in einem engen schwarzen T-Shirt und einem viel zu kleinen Cowboyhut—an, Münzrollen mit je 25 Ein-Dollar-Münzen aufzureißen und Händevoll davon zu werfen. An diesem Punkt wird im klar, dass er gewinnen wird, und er fängt an zu zittern.

„I fucking love strippers, man!", schreit Mattie und donnert dabei auf die Chromverkleidung.

Mattie nimmt die Unterwäsche mit nach Hause.

„Heute Abend ist ihr erstes Mal auf der Bühne. Wir werden uns also alle wie Gentlemen benehmen, OK?", hatte der Ansager verkündet.

Frulling ist komplett alleine hier in Edmonton. Sie hat sich mit ein paar der Tänzerinnen angefreundet, doch abgesehen davon wird sie für ihre schnelle und dicht geplante Tour durch die Clubs von Alberta alleine sein. Sie wird durch Lloydminster, Red Deer, Grande Prairie, Fort McMurray und Medicine Hat reisen. Der Agent, der all diese Auftritte gebucht hat, war im Peelerz, um sie beim ersten Tanz zu unterstützen, doch Frulling wird den Rest der Reise alleine bestreiten. Während unserer Unterhaltung fragte ich sie, ob es schwer sei, so lange von ihrer Familie getrennt zu sein, und sie brach zusammen.

„Ich wohne momentan nicht wirklich zu Hause. Ich bin irgendwie ausgezogen. Gebe ihnen ein bisschen Ruhe vor mir."

Ich frage, ob sie wegen des Stampede-Vorfalls ausgezogen sei.

„Ja und nein. Es gibt mir einfach Zeit, um zu wachsen", sagt sie. „Ich denke, es ist ein großer Schritt für mich, dass ich einfach, naja, ausziehe und von vorn anfange."

Sie sieht mich an, als mehr junge Männer aus dem Stripclub kommen, um eine Zigarette zu rauchen.

„Hast du noch mehr Fragen? Ich habe Interviews dermaßen satt."