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Was der Facebook-Jahresrückblick über unsere Gesellschaft aussagt

Das Schlimme am neuen Feature ist nicht das Feature selbst, sondern wie wir es nutzen.
26.12.14

Das Jahr 2014 ist fast vorbei—aber eben nur fast und nicht bevor wir von unseren exhibitionisch-veranlagten Facebook-Freunden das neuste Feature ins Gesicht gedrückt bekommen: den Jahresrückblick in Bildern und Statusupdates.

Dabei macht Facebook nur das, was die nichtsozialen Medien zu dieser Zeit auch machen—diesmal sogar ganz ohne sentimentale Klimper-Untermalung. Jahresrückblicke sind sowas wie der Anker, auf den wir Redakteure dankbar zurückgreifen, damit unsere Köpfe nicht explodieren, während die ganze Welt Starkbier trinkt und sich die letzten Reste Weihnachtsbraten aus den Zahnzwischenräumen zupft. Und sind natürlich das beliebteste Journalistenwerkzeug, um zu zeigen, wie absurd auch dieses Jahr wieder mal war—egal ob in Bezug auf News, Schrägheit, Sexyness oder Drogen.

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Insofern ist es kein Wunder, dass auch die Plattformen, auf denen wir uns tummeln, uns am Ende noch mal sagen wollen, wie super und denkwürdig doch eigentlich alles war. Das Problem ist nur, dass wir dabei am Ende den Oberflächlichkeiten huldigen, die bei unsren Freunden am besten angekommen und am besten ins Bild zu setzen sind—die geschaffte Prüfung, die neue Chanel-Handtasche oder den Yoga-Urlaub in Thailand.

Auch Verlobungen und Beziehungsbeginne scheinen im großen Review auf. Ob das auch der Fall wäre, wenn man sich scheiden lässt? Natürlich nicht, möchte ja auch keiner sehen, die hässlichen Seiten des Lebens. Schön, dass du ein Teil davon warst—das ist auch die vorgeschlagene Nachricht, wenn man seinen Rückblick teilen möchte. Wer ist damit genau gemeint? Facebook selbst natürlich, sonst würde es ja „schön, dass IHR ein Teil davon wart" heißen.

Traumurlaub, you jelly? Foto: szwerink | photopin | cc

Wir übernehmen also alle fast blind diese Mentalität, dass ein Leben außerhalb der sozialen Medien irgendwie nicht so wirklich stattfinden kann (und auch nicht stattgefunden hat, weil es dazu ja kein Best-of-Video gibt) und lassen uns freiwillig auf den niemals endenden, digitalen Teufelstanz ein.

Wirklich schlimm daran ist aber, dass wir uns von einem Algorithmus—der einzig nach Likes und Zirkulation geht—sagen lassen, woran wir uns zu erinnern haben. „Hmm, mein Jahresrückblick ist irgendwie lame, mein Jahr muss wohl ziemlich scheiße gewesen sein!" Sollen wir uns wirklich von einem Programm sagen lassen, was unsere Highlights waren? Mal ganz abgesehen davon, dass das Leben eben nicht nur aus Sonnenschein und guter Laune besteht.

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Dabei laufen wir Gefahr, dass wir uns an den Highlights anderer orientieren und das Gefühl bekommen, selber den Traumurlaub auf Aruba machen zu müssen oder zumindest mal wieder ein Motiv für ein protziges neues Profilbild suchen—sonst glauben die Leute noch, man ist ein Niemand.

Das Ganze hat natürlich abseits jeglicher Medienzwänge und Sozialkonventionen auch ein paar gute Seiten. Man vergisst zwar nicht, wo man auf Urlaub war und coole Surfer-Dudes und Dudettes kennengelernt hat, aber schon, was man so über das Jahr verteilt in die Welt hinausspeibt—ein guter Zeitpunkt, ein bisschen über das eigene Verhalten zu reflektieren beziehungsweise gleich im Scham zu versinken, vor allem wenn Negativ-Highlights wie die Ice Bucket Challenge im Rückblick auftauchen.

Aber auch kleine Nettigkeiten—oder in meinem Fall, jede Menge Katzenbilder—, die wir einem Freund hinterlassen haben, sind manchmal genug, um das Happyness-Barometer wieder in die richtige Richtung zu drehen. So wie in Zombieland eben, Rule 32: Enjoy the Little Things. Auch, wenn es nur auf Facebook ist, und wir nicht im Supermarkt Zombies zermetzeln müssen, um an ein paar Naschereien zu kommen.

Die ganze unsichtbare Scheiße. Foto: Seniju | photopin | cc

Mein Jahresrückblick besteht übrigens tatsächlich zu 60 Prozent aus Katzenbildern oder Bildern von mir, wo ich irgendwo mit einem Drink in der Hand stehe, sitze oder tanze. Urlaub hab ich zwar schon ein paar Jahre nicht mehr gemacht, stört mich aber kaum.

Was ich mir persönlich vom nächsten Jahr wünschen würde, ist wohl eine Gratwanderung aus „eigentlich ziemlich simpel" und „totaler gesellschaftlicher Umwälzung": Ein bisschen mehr nach vorne schaun, aufhören, Menschen nach Lebensereignissen zu beurteilen und am wichtigsten: Aufhören, eine Zweiklassengesellschaft aufzubauen und zu unterstützen, wo Strandschönheiten und Social Media-Bobos das wahre Leben leben und weniger exhibitionistische Zeitgenossen das Gefühl bekommen, sie verpassen irgendwas.

Wir sollten aufhören, eine Gesellschaft zu sein, die alles übers Auge absorbieren muss und sich so schnellstmöglich ein Urteil bilden kann. Hinter Menschen stecken eben doch meistens mehr als ein paar Lieblingsfilme und Schopenhauer-Zitate.

2015 sollten wir also alle ein bisschen weniger hinter elektronischen Geräten und ein bisschen mehr vor der Türe sein. Geht raus, hackt Holz, klettert auf einen Baum, spuckt Politiker an oder baut einen Schneemann. Macht Fotos davon und behaltet es für euch—echte Fotos, die nicht durch Social Media-Kanäle geballert werden, sind der neue große Shit, vertraut mir. Und Geld für wohltätige Zwecke konnte man schon spenden, als das Internet und die globale Vernetzung noch ein feuchter Traum von Isaac Asimov war—just saying.

Blickt mit Adrian nach vorne und schickt ihm Bilder eurer Schneemänner: @doktorSanchez