Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
News

Anonymous bringt Vergewaltiger zur Strecke

Ein Mädchen hat sich umgebracht, nachdem sie vergewaltigt, fotografiert und drangsaliert wurde. Die Polizei hat den Fall zu den Akten gelegt, aber die Hacker von Anonymous haben ihre Peiniger gefunden und drohen, die Namen zu veröffentlichen.

von Patrick McGuire
17 April 2013, 6:28am

Rehtaeh Parsons, via Facebook

Update: Der kanadische Polizeikommissar Bob Paulson hat sich zu einer möglichen Zusammenarbeit mit Anonymous geäußert. „Wenn sie mit uns arbeiten wollen, müssen sie leider ihre Masken abnehmen, aber ich glaube nicht, dass sie bereit sind, das zu tun. Wir sind offen dafür, mit allen aus der Bevölkerung zusammen zu arbeiten.“ Sie haben auch bekannt gegeben, dass sie den Rehtaeh-Parsons-Fall aufgrund „neuer und glaubwürdiger Informationen“ wieder aufnehmen werden.

Ein paar Tage nach dem Selbstmord von Rehtaeh Parsons—dem Mädchen aus Halifax, das sich umbrachte, nachdem sie mehrfach vergewaltigt, fotografiert und drangsaliert worden war—spielt die Hacker-Gruppe Anonymous ein Versteckspiel mit den Behörden der kanadischen Provinz Nova Scotia. Sie sagen, dass sie die Namen von den Verdächtigen haben und drohen, sie zu veröffentlichen, wenn die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Die Polizei hatte die Ermittlungen gegen die Verdächtigen nämlich zuvor eingestellt und den Fall zu den Akten gelegt. Die Namen der Peiniger sind schon in kleineren Online-Kreisen zirkuliert, aber auf den großen Anonymous-Plattformen wurden sie noch zurückgehalten. Das Ganze hat eine Reihe negativer Kommentare auf Facebook nach sich gezogen, die Anonymous „destruktive Selbstjustiz“ vorwerfen. Anonymous  sagt allerding, dass bereits mehrere Verbrechen in der kanadischen Kleinstadt begangen wurden und eine 17-Jährige habe sich umgebracht, weil die Polizei es nicht geschafft hat, ihren Job richtig zu machen.

Ich habe mich an ein beteiligtes Mitglied von Anonymous gewandt, um mir selbst ein Bild von ihren Motiven zu machen.

VICE: Woher kommen eure Informationen, die euch auf die Namen der vier Verdächtigen gebracht haben?
Anonymous: Die Informationen, die wir gesammelt haben, kommen aus einer Kombination von Internetrecherche und Informanten. Das ist wie Journalisten- als Detektivarbeit. Wir benutzen erweiterte Suchtechniken, um das Internet nach Statements, Fotos, Videos oder was auch immer zu durchkämmen. Wir können uralte Konstoausszüge von Verdächtigen finden, auf Konten, von denen sie nicht einmal mehr wissen, dass es sie noch gibt. Außerdem haben wir eine gewisse Vertrauensbeziehung innerhalb unserer Online-Community aufgebaut und unsere Informanten fühlen sich sicher, wenn sie mit uns sprechen, weil wir ihre Identitäten schützen. Wir behandeln die Informationen von ihnen so, wie die Polizei das machen würde, indem wir sie mit anderen Aussagen vergleichen und Backgroundchecks der Personen machen, von denen die Infos kommen. Das Ganze hat auch einen psychologischen Aspekt. Es ist wichtig, die Motive der Leute, die dir Informationen zukommen lassen, zu erkennen. Manche wollen einfach nur dabei sein und schmücken deswegen ihre Geschichten aus oder manchmal wollen sie sich auch an jemandem rächen. Man kann sich auch nicht immer auf Erinnerungen verlassen. Also müssen wir testen, ob die Aussagen der Leute kompromittiert sind, weil es schon so lange her ist oder sie in einem emotional aufgewühlten Zustand waren.

Sind in diesem Fall eure Quellen auf euch zugekommen?
Die meisten Quellen sind auf uns zugekommen, aber ein paar haben wir auch gefunden, indem wir die Internetkommunikation zwischen dem Opfer und den Verdächtigen untersucht haben.

Was habt ihr bisher über diesen Fall herausgefunden?
Diese vier Jungs und die mutmaßliche Vergewaltigung sind nur die Hälfte des Falls. Die wirklich schuldigen Parteien sind die Erwachsenen, die Rehtaeh Gewalt angetan haben. Ich möchte gerne sehen, dass diese vier Jungen für ihr Verbrechen bestraft werden, weil sie sonst ein furchtbares Vorbild für andere junge Männer in Novia Scotia setzen. Aber noch wichtiger ist es mir, dass die Polizei und die Schule zur Verantwortung gezogen werden. Sie hatten die Verantwortung, sich um sie zu kümmern, sie zu beschützen und ihre Qualen zu lindern. Sie haben komplett versagt. Jetzt haben sie nichts Besseres zu tun, als sich alle gegenseitig zu beschuldigen. Von der Schule heißt es, sie hätten nichts gewusst. Die Polizei sagt, sie hätten keine Beweise gefunden. Beide Institutionen haben sich der Inkompetenz schuldig gemacht.

Aber was ist, falls ihr die falsche Person unter Verdacht habt?
Ich habe Erfahrung damit, Leute im Internet zu finden. Wir würden niemals an die Öffentlichkeit gehen, wenn wir nicht 100 Prozent sicher sind. Glücklicherweise ist das nicht wirklich ein Problem. Die Jungs, die den Angriff verübt haben, haben selbst öffentlich breit geklpft, was sie getan haben und es gab sogar ein Foto von der Vergewaltigung, das auch mehrere Schüler gesehen haben—das zeigt natürlich genau die Inkompetenz der Schule, die ich schon erwähnt habe.

Manche Leute benutzen diese Idee von uns oder den Gedanken an die falschen Individuen, um von den wahren Problemen abzulenken. Wir alle wissen, wer die Polizisten und Schulbeamten sind, die sich in diesem Fall schuldig gemacht haben. Ich denke, man muss auch erwähnen, dass Gerichtssysteme oft unschuldige Menschen schuldig sprechen und sie ins Gefängnis schicken, oder sie sogar zum Tode verurteilen. Es ist also Quatsch, das Justizsystem mit Anonymous zu vergleichen.

Wie reagierst du auf Kritiker?
Angenommen ich veröffentliche die Namen der Vergewaltiger ... welches Gesetz breche ich damit? Vielleicht könnten sie mich wegen Verleumdung verklagen. Natürlich müssten sie aber erst beweisen, dass sie gelogen haben.

Ich habe von Kritikern gehört, die sagen, dass wir das Foto ignorieren sollten, weil sowas wahrscheinlich ständig überall passiert. Wir können doch schließlich nicht vom Justizsystem erwarten, jeden zu bestrafen, der Fotos mit vergewaltigten Frauen rumreicht, oder? Es ist „einigermaßen normales pubertäres Verhalten“. Die setzen eine traumatische Vergewaltigung mit einem Nacktfoto von einem Mädchen gleich, das sie selber und freiwillig für ihren Freund gemacht hat.

Welche Parallelen siehst du zwischen diesem Fall und dem von Amanda Todd, die sich auch umbrachte, nachdem Nacktbilder von ihr im Internet zirkulierten?
Ich glaube, man hätte den Tod von beiden verhindern können. Ich glaube, dass Rehtaehs Tod ähnlich ausgeschlachtet werden wird. Politiker werden im Fernsehen davon reden, dass jetzt die Zeit gekommen ist, sich mit dem Problem zu beschäftigen. Sie werden sagen, dass wir mehr machen müssen und dann werden sie vermutlich ankündigen, dass sie für irgendeine Studie über Mobbing Geld ausgeben werden—oder darüber reden, wie sehr sie sich bei diesem Thema engagieren werden. Wenn man das Mobbing-Problem lösen könnte, indem man in den Nachrichten darüber spricht, wären wir schon längst durch damit. Was kann ein Justizminister gegen Mobbing machen? Er ist kilometerweit weg vom Problem. Wir müssen etwas in den Schulen verändern, wo die Kinder das auch mitbekommen.

Was werdet ihr machen, wenn die kanadische Polizei die Verantwortlichen für Rehtaehs Tod nicht festnimmt?
Ich denke, jemand sollte die Frauen an den Universitäten, auf die diese Jungs irgendwann gehen werden, warnen, dass der Typ, der da neben ihnen sitzt, ihre Menschlichkeit nicht respektiert und ihnen bei der erstbesten Gelegenheit Gewalt antun wird. Viele Leute haben gesagt, wir sollten uns nach Leah Parsons Wünschen richten, aber ich glaube, dass wir eine Verantwortung haben gegenüber jedem jungen Mädchen, das potentiell in einen dunklen Raum mit einem dieser Arschlöcher geschleift werden könnte. Allerdings finde ich nicht, dass es fair wäre, wenn ich die Entscheidung, die Jungs zu outen, allein fälle. Ich arbeite eng mit einer Gruppe von Menschen zusammen, und wir werden das gemeinsam diskutieren, die Konsequenzen in Betracht ziehen, und hoffentlich die richtige Entscheidung treffen.

Wenn du eure Operation hier betrachtest, wie würdest du auf die Äußerungen von Rehtaehs Mutter, sie wolle keine weitere „Selbstjustiz“ oder „Mobbing“ als Konsequenz von Rehtaehs Tod, antworten?
Ms Parsons hat gesagt, dass sie keine Selbstjustiz will. Ich zitiere: „Ich finde, dass sie für das, was sie getan haben, zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Ich will nicht, dass ihnen physisches Leid zugefügt wird.“ Ich sehe nicht, inwiefern das mit unseren Zielen in Konflikt steht. Anonymous setzt sich nicht dafür ein, dass diesen Menschen in irgendeiner Art und Weise Leid angetan wird. Außerdem stehen wir in Kontakt mit Ms Parsons. Wir haben ihr die Informationen zukommen lassen und haben ihr gesagt, dass wir sie erstmal vor der Öffentlichkeit zurückhalten werden. Wir machen das nicht, weil wir auf den richtigen Moment warten, um die Hunde auf die Jungs loszulassen. Wir haben eine Menge neuer Spuren für die Polizei hevorgeholt und wir hoffen, dass sie ihnen folgen und wir wollen ihre Untersuchungen nicht kompromittieren.