Philip B.

Philip Berkovitz ist ein supergefragter Shampoo-Guru. Der 48 Jahre alte CEO eines Haarpflegeunternehmens frisiert die Modeelite, darunter Supermodels wie Christy Turlington, Carol Alt und Iman.

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März 19 2013, 8:16am

Philip Berkovitz ist ein supergefragter Shampoo-Guru. Der 48 Jahre alte CEO eines Haarpflegeunternehmens frisiert die Modeelite, darunter Supermodels wie Christy Turlington, Carol Alt und Iman. Vom Bostoner Kleinstadtfriseur zum Hairstylisten der Hollywood-Topstars: Der New Yorker Salonlöwe, Liebling Londons und seit einigen Jahren in Berlin ansässige Berkovitz zuckt nicht einmal mit der Wimper, wenn er Kunden wie David Bowie, Brad Pitt, Martha Stewart und Courtney Love nennt. Wenn man so will, shampooniert er internationale Kopfhäute und Locken mit dem American Dream, er erfasst das Wesentliche des US-Hairstyles und beglückt damit von seinem aufgemotzten Berliner Expat-Domizil aus den Rest der Welt. Diktieren Spitzenstars einen internationalen Trend, steckt mit Sicherheit dieser Mann dahinter.

Berkovitz stieß sich zuerst mit 22 als Assistent von Marilyn Monroes Koloristin Jeannie King die Hörner ab und wechselte dann in den berühmten Arthur Johns Salon in West Hollywood. Während seiner Zeit bei der Promi-Hairstylistin Sally Hershberger gehörten unter anderem Calvin Klein, Sammy Davis und Prince zu den Kunden des Salons.

Berkovitz lebt mit seinem Partner (und Kreativdirektor von Philip B.) Michael Huober zusammen. Zu ihrem Apartment erhält man nicht so einfach Zutritt. Nach einem Gruß in die Videokamera am Eingang eines bankähnlichen Gebäudes geht es im surrenden Lift hinauf zu einer Privatetage, deren komplett weiß möbliertes Penthouse die blendende Aussicht auf den Alexanderplatz vorwegnimmt. Bayrische Kuckucksuhren lassen stündlich den Kuckucksruf ertönen, und auf dem Bett ist eine amerikanische Flagge aus arabischen Schals ausgebreitet. An der Wand hängt ein Schnappschuss: Lady Gaga leckt die Brustwarzen einer Maskenbildnerin auf einer Party in David LaChapelles Atelier in L.A.—von Philip persönlich fotografiert.

VICE: Unter anderem sagst du also amerikanische Modetrends voraus?
Philip B:
Ich kümmere mich um den Modebericht für das Home Shopping Network in Amerika und lege in jeder Saison—Frühling, Sommer—den Stil für das Jahr fest. Die kommenden Stile werden immer von Berühmtheiten inspiriert; der kurze Pixie-Cut sowie das Comeback der Dauerwelle. Naturlocken kommen wieder—waschen und fertig. Eine Menge Trends wandern um den Globus. Ich würde nicht direkt sagen, dass sie in den USA ihren Anfang nehmen. Aber Amerikaner sind gut darin, sie zu verbreiten, und das passiert dann auch schneller als in Europa. Amerika ist eine Art Labor. Wenn ein Trend dort funktioniert, breitet er sich rasend schnell aus.

Du stellst Wundershampoos her. Wie wirken deine Haarpflegeprodukte?
Oleosome sind nanomolekular; die Moleküle sind sehr fein und reich an Vitamin E für die Haarpflege. Nanopartikel sehen unter dem Mikroskop aus wie Kaviarkugeln. Wenn sie trocknen, ziehen sie ins Haar ein. Das Haar zieht sich zusammen, die Mikrokugeln darin platzen und geben kleine Mengen Vitamin E ab. Wenn du föhnst, brauchst du das—Wasser schützt das Haar nicht, Öl schon. Dein Haar fühlt sich dann frisch und gesund an.


Von oben nach unten: Philip und Snoop beim Suberbowl 2005. Zubereitung eines Extrakts am Küchenherd—Rosmarin aus Ibiza wird gekocht. „Auf der Haut bei akuten Infektionen angewendet, es ist ein natürliches Antiseptikum“, erklärt Philip B. Und das Endprodukt

Glaubst du, dass jeder Starfriseur bestimmte Berühmtheiten im Programm hat?
Nein, man muss sie kaufen. Alle Stars haben ihren Preis. In deinem Leben gibt es vielleicht einen, zwei oder drei, die dich wirklich mögen, aber letztendlich ist es ihr Job, und sie wollen bezahlt werden.

Inwiefern unterscheiden sich deine Shampoos von all dem Mist, den wir bei Rossmann und überall sonst so kaufen können?
Meine Firma war die erste, die ein Qualitätsmerkmal aufdrucken ließ, eine Prozentangabe auf dem Etikett. 23,2 Prozent reine Pflanzenextrakte in meinem White Truffle Shampoo. Eine Frau nimmt es nach einem harten Arbeitstag mit nach Hause. Sobald sie es benutzt, werden bestimmte Chemikalien im Gehirn stimuliert. Verführung, Schönheit und Sinnlichkeit. Man kann das nur verstehen, wenn man den Duft riecht. Es ist echt.

Vor der Gründung deiner eigenen Firma 1991 warst du Starfriseur?
Ich war fünf Jahre lang Starfriseur in L.A. In L.A. läuft alles nach dem Prinzip der Mundpropaganda. So war es schon immer, so wird es immer bleiben. Du machst eine Person glücklich, und dann kommen all ihre Freunde, deren Freunde und wiederum deren Freunde zu dir. So fing es mit meiner Firma in den späten 1980ern an. Ich habe mich damals mit der Geschichte der Haarpflege vor der industriellen Revolution beschäftigt, da ging es nur um Haaröl. Das war meine Inspiration. Ich fing an, auf molekularen Strukturen basierende, tierversuchsfreie Produkte zu kreieren. Ich studierte Naturwissenschaften. Ich wollte etwas erschaffen, das möglichst nahe am Menschen ist, und das war die Ölanwendung, die den Haarbruch bei Sharon Stone gestoppt hat. Das brachte mich in die Charts und noch weiter.

Sharon Stone. War sie die Erste?
Sie war die Erste, die mich allgemein bekannt gemacht hat. Davor kannte man mich nur in Hollywood und New York, sonst war ich nirgendwo in Amerika bekannt. Sharon hat mich etabliert. Das war für Sliver, damals in den 1990ern. Eines Tages riefen Paramount Pictures an; sie hatten mich ausfindig gemacht, und sagten, es gäbe da ein Problem. Ich fragte: „Was denn für ein Problem?“ „Sharon Stones Haare brechen ab“, sagten sie. Ich entgegnete: „Okay. Wo ist sie denn?“ Sie sagten: „Also, wir drehen gerade in New York, und wir haben ein riesen Budgetproblem, weil wir alle Straßen rund um das Rockefeller Center haben absperren lassen. Für die Genehmigung haben wir einige Millionen Dollar gezahlt, und seit heute brechen ihre Haare ab, und wir können nicht drehen.“


Philip zeigt uns zum ersten Mal dieses Bild von Sharon Gault und Gaga.

Aber was hast du gemacht?
Alle drei Tage musste mit Bleichmittel behandelt werden. Was war passiert? Sie hatten die falsche Tönung verwendet, und das Haar wurde grau. Sie haben es noch einmal gebleicht, und dann fingen die Haare an abzubrechen. Alle sind durchgedreht, weil sie die Produktion stoppen mussten. Sie hingen in einer Warteschleife, und das Geld zerrann ihnen zwischen den Fingern. Unglaublich, was Haare in so großen, zigmillionen Dollar teuren Spielfilmen für eine Rolle spielen, oder? Im Trump Tower Salon wurde ich Sharon Stone vorgestellt. Ich schaute mir ihr Haar an, griff zur Ölanwendung, trug sie auf und arbeitete sie ein. Alles, was sie dann noch tun musste, war, es über Nacht einwirken zu lassen.

Halten Stars wie Sharon Stone eigentlich Kontakt?
Über die Jahre habe ich sie einige Male getroffen. Wir halten Kontakt, aber ich kann nicht mit ihr werben, weil ich sie nicht bezahle. Das ist okay. Ich brauche das nicht. Ich will Menschen nicht kaufen. Das überlasse ich L’Oreal.

Du bist Snoop begegnet?
Ich war drei Tage mit ihm unterwegs, und war total high. Nach den drei Tagen stieg ich aus dem SUV aus und fragte: „Wo bin ich?“ Das war’s. Und er meinte: „Nett mit dir rumzuhängen, Mann.“ Ich hatte echt Spaß.

Wie schaffst du es, diesen großen Namen so nahezukommen?
Ich habe das schon sehr früh herausgefunden. Wie viele Menschen, außer deinen Eltern, berühren dich physisch? Deine Maniküristin berührt dich, dein Friseur berührt dich, aber wer sonst? Dein Partner oder deine Partnerin. Es sind nur eine Handvoll Menschen, die dich in deinem Leben physisch berühren. Der Friseur ist einer davon. Wenn du die Leute berührst, ihr Selbstwertgefühl hebst und dafür sorgst, dass sie sich positiv wahrnehmen, dann kannst du es gar nicht verhindern, ihr bester Freund zu werden.

Du hast mal erwähnt, dass du in deiner Küche selbst gemachte Geschenke für deine Freunde kreierst. Entwickelst du auch deine Produkte in deiner Berliner Küche?
Ich mache das alles hier, und in L.A. Ich habe mein Lavendelshampoo auch hier entwickelt, in der Küche. Hier stelle ich nur Handgemachtes für Freunde her, Weihnachtsgeschenke und Prototypen. Wir haben eine Fabrik, dort können wir drei Millionen Flaschen täglich produzieren.


Ein Geschenk von Michael Huober an Philip. Die Platte kommt aus der Fabrik in München, in der alle goldenen Schallplatten hergestellt werden.

Ich schätze, man sollte ein bisschen Kohle übrig haben für Philip B. Wie viel kosten die Produkte so?
Die Produkte kosten zwischen 20 und 355 Dollar. Finanzkrise oder nicht: Schönheit ist krisenresistent.

Was ist mit der Modewelt, ist das da genauso?
Sind Haare und Outfit aufeinander abgestimmt, gehst du perfekt gestylt aus dem Haus, dein Selbstvertrauen wächst, du strahlst. Die Leute sehen dich und erinnern sich an dich. Mode und Beauty sind internationale Sprachen. Frauen fühlen das. Amerikaner lieben den Exzess und zu übertreiben. Amerikaner lieben es einzukaufen. Wenn wir aufwachsen wird uns immer wieder gesagt, dass wir große Träume haben sollen, und wir haben eine „Ich schaff das“-Mentalität, die in Europa oft noch fehlt.

Wie haben US-Schönheitsideal und US-Kultur Deutschland und den Rest der Welt geprägt?
Durch Stars. Alles, was man braucht, ist eine gute Realityshow.

In deiner Wohnung hängt ein Foto, das du von Lady Gaga geschossen hast. Ich möchte unbedingt die Geschichte dazu hören.
Ich möchte das Foto zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorstellen. Ich habe es selbst gemacht. Ich war mit Sharon „Mama Make-up“ Gault da, die Madonnas und Britney Spears’ Make-up macht.

Also, was ist nun wirklich auf David LaChapelles Geburtstagsparty passiert?
Sharon rief mich an. „Kommst du vorbei und machst David die Haare?“ Ich sagte: „Klar.“ Ich kam mit meinem Zeug in sein Atelier. David sagte, er gäbe an dem Abend eine Geburtstagsparty und ich solle doch auch kommen. Alle sind auf der Party total ausgeflippt. Die Paparazzi warteten vor der Tür, Gaga tanzte mit einem Zwerg. Dann fing Sharon mit einem Striptease an. Sie rief: „Fotografier mich, fotografier mich!“ Dann lief Gaga ins Bild. Wir aßen Kuchen und hatten eine Piñata. Eigentlich bin ich immer noch der Junge aus Boston. Obwohl ich es weit gebracht habe, macht es mir immer wieder Spaß, auszugehen und zu erleben, wie die Stars wirklich sind, wie sie als Mensch sind. Wir alle träumen davon.  
 

Fotos von Grey Hutton

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