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Fahr nach Magaluf, wenn du das absolute Urlaubsparadies suchst

Wenn du noch nicht weißt, wohin es in deinem nächsten Urlaub geht, dann solltest du Magaluf in Betracht ziehen. Hier kannst du mit einer Horde Engländer entspannen, es ist immer schönes Wetter, der Alkohol ist billig und du kannst dir sicher sein, dass...
20.6.13

Nach einer Woche Mallorca erreichte ich den Flughafen in Palma, nur um zu erfahren, dass mein Flug gestrichen worden war. Ich, meine Familie, meine Freundin und 300 andere Urlauber, die irgendwann vereint in unserem gemeinsamen Schicksal Freundschaften geschlossen hatten, wurden in einen Bus gepackt. Schreiende Babys, von Sonnenbrand geplagte, sombrerotragende Studenten und ein Haufen alter Leute gaben komische Sitznachbarn ab, während wir die langen und dunklen Balearenstraßen entlangfuhren. Ich hatte erwartet, dass man uns in irgendeinem verschlafenen Ibis-Hotel am Stadtrand von Palma ablädt, aber dann, plötzlich, bogen wir scharf ab und das hier trat brüllend aus der feuchten Nacht hervor:

Wir waren dazu bestimmt, eine Nacht in Magaluf zu verbringen: Das Primavera für Leute, denen die Swedish House Mafia und Wodka-Energy-Drinks lieber sind als The Field und MDMA. Also keiner der Orte, für die ich mich entschieden hätte, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Versteht mich nicht falsch, ich gehöre nicht zu den Menschen, die ihre einzige freie Woche im Sommer damit verbringen, osmanische Ruinen zu besuchen oder Quellwassereinläufe in entlegenen tibetischen Dörfern zu sammeln. Aber meine Vorstellung von Spaß besteht nicht aus Wettkotzen vom Balkon meines Hotels. Seltsamerweise neige ich dazu, mich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen einzufädeln.

Weil wir aber schon um vier Uhr morgens in einem anderen Bus sitzen mussten, war es unmöglich, diese Gelegenheit zu ignorieren. Meine Freundin und ich entschlossen uns dazu, die beschissene Digitalkamera meiner Mutter mitzunehmen und diese nicht geplante durchzechte Nacht zu dokumentieren.

Den Anfang machte das Hotel. Anscheinend war es ein Vier-Sterne-Haus, aber in Wirklichkeit schien es eher ein lateinamerikanisches Super-Gefängnis zu sein—ein albtraumhaftes Panoptikum voller jaulender Geisteskranker, die wodka-trunken aus ihren Anti-Selbstmord-Fenstern kotzen.

Schlaf spielt in magalufischen Hotels keine große Rolle. Ich kann mir vorstellen, die Zimmermädchen putzen die Zimmer lieber um ein Uhr nachts als tagsüber. Denn dann wissen sie, dass alle draußen feiern, und nicht unruhig auf ihren Zimmern liegen und ihren Schädelbasisbruch auskurieren. Nur daran vorbeizugehen, fühlt sich bereits so an, als wäre man Jodie Foster im Schweigen der Lämmer, wenn sie gerade dabei ist, Hannibal Lecter in der Anstalt zu besuchen—beobachtet, missbraucht und voller Angst, dass jemand auf dich abspritzen könnte.

Der ruhigere Teil der Stadt war ein verschlafenes Plätzchen. Es gab von kleinen Festungen aus Plastikstühlen umgebene Pubs und authentisch trostlose Pommesbuden. Es schien ein Ort zu sein, wo Urlauber ihre Vorstellungskraft mit heimischem Fernsehprogramm betäuben und ihre Arterien mit importiertem Fett verstopfen.

Es wirkte, als wäre die gesamte Gegend aus dem Nichts entstanden. Nur dass man nicht nette Bars aus dem Boden gestampft, sondern die deprimierenden Wohnzimmer der Urlauber einfach Hunderte Kilometer von zu Hause wieder aufgebaut hatte.

Während all das dem Ruf der Stadt zu widersprechen schien, der größtenteils auf Rumhuren, Rectum-Saufen und Balkonsurfen basiert, hörten wir auf einmal die Synth-Beats und das unverständliche Geplärre von Tausenden tobenden Teenagern in unmittelbarer Nähe. Es war an der Zeit, diese demilitarisierte Zone zu verlassen und in Richtung Strip aufzubrechen.

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Und ja, das war wirklich ein unvergesslicher Augenblick.

Stell dir jedes Stadtzentrum, in dem du schonmal gewesen bist, an einem Samstagabend vor. Und jetzt stell dir einen biblischen Tornado vor, der alles wegfegt und das ganze Zeug auf einer Straße an der spanischen Küste wieder auskippt—Kebapstand, Polterabende, Straßenkämpfe, V-Ausschnitt tragende Widerlinge und das alles.

Nun stell dir vor, dass man zwei Flaschen San Miguel für weniger als 2,5 Euro bekommt. Jetzt noch einen Jahrmarkt und unglaubliches Wetter dazu denken. Nun weißt du, warum die Leute hierher kommen. Es ist schön, aber verrückt. Es ist himmlisch, aber schäbig. Und es ist völlig außer Kontrolle geraten.

Fast jeder Mann gehört hier einer von zwei Gruppen an. Die erste Gruppe besteht aus den Standard-Mallorca-Jungs. Sie kommen aus mittelgroßen Städten und sie hassen es, Socken zu tragen.

Dann sind da die verkleideten Junggesellenabschiedstypen, die die weiß gepflasterten Straßen entlang marodieren. Es sind meist Baywatch-Rettungsschwimmer, Weihnachtsmänner in Hawaiihemden oder sie tragen Shirts mit witzigen Sprüchen drauf.

Aber der Hauptpreis für das aufwendigste Kostüm geht an die besoffenen und Pommes kauenden Zenturionen. Die ganze Stadt schien nur so vor ihnen zu wimmeln. Sie stolperten herum, stürzten billigen Fusel hinunter und beäugten die einheimischen Mädchen wie die echten römischen Zenturionen es getan hätten, wenn sie diese Insel belagert hätten.

Wenn du darüber nachdenkst, wirst du feststellen, dass eins der verrücktesten Dinge in Magaluf die Banalität der Musik ist. Menschen gehen dorthin, um ihren Körper, ihre Seele und ihre Psyche in einem schrecklichen Chaos zu zerschlagen. Und solche Acts wie Rizzle Kicks scheinen dabei sehr gefragt zu sein. Ich mein, schon verständlich, dass Cannibal Corpse nicht eingeladen werden, um demnächst im Mallorca Rocks Hotel zu spielen. Aber Rizzle Kicks? Verfickter lascher Pop-Rap?

Natürlich gab es nicht nur geile Böcke. Es gab auch ein paar Hühner. Meine Favoritinnen waren diese Mädels, die, wie du dir sicher vorstellen kannst, respektable und verantwortungsvolle Frauen sein werden, wenn sie in die Heimat zurückkehren. Aber das hier war nicht ihr Zuhause. Und für diese Nacht waren sie keine Krankenschwestern oder Grundschullehrerinnen, sie waren „Claire the Cock Crusader“ und „Gabby the Knob Gobbler“. Eine Truppe von notgeilen Bräuten, die bereit waren, den Straßenkampf mit den Zenturionen aufzunehmen.

Was du in den zahlreichen Dokumentation über besoffene Touris nicht immer sehen kannst, ist, wie unglaublich hackevoll sie in Wahrheit sind. Es ist ja kein Geheimnis, dass Briten gerne saufen, vor allem, wenn sie im Urlaub sind, aber der durchschnittliche Magalufer ist nicht damit zufrieden, eine wenig angeheitert zu sein. Sie schütten sich die Drinks nur so rein, als würden sie Giftmüll in der Nordsee versenken. Ich schätze, dass die Mägen dieser Spinner am Ende eines solchen Abends aussehen wie die Plastikmüllteppiche im Nordpazifischen Ozean.

Das Beunruhigendste ist aber der Mangel an Türstehern, Polizisten oder anderen Personen mit ein bisschen nüchterner Restlogik. Denn das bedeutet, dass es niemanden gibt, der die gewalttätigen Übergriffe dieser trunkenen Mobs verhindern kann.

Die Boxsack-Maschinen sind wahrscheinlich so was wie eine kommunale Verordnung, denn beinahe jeder Club hat eine davon. Sie dienen dazu, den aufgestauten, testosterongeladenen Kleinstadtgroll zu kanalisieren und auf etwas weniger Zerbrechliches als auf die Nase eines harmlosen Passanten,umzuleiten. Der Überschallschlag eines Amateur-MMA-Kämpfers ließ eine dieser Maschinen mächtig schrillen und trug damit zur surrealen und unentspannten Atmosphäre bei. Es war, als wenn wir in einer Hinterhofwerkstatt wären. Dumpfe Schläge hallten durch die Nacht.

Eine Bar, die versucht, sich von dem Sumpf abzuheben, ist die „ORIGINAL ALEX INDIE“-Bar. Ich bin mir nicht sicher, welcher Alex gemeint ist. (Turner? James? Kapranos?) Aber er muss ein tapferer Mann sein, wenn er es mit dem Guetta-Monopol aufnimmt und gute alte britische Gitarrenmusik spielt. (Ernsthaft, Guetta ist für die europäischen Ferienzentren das, was Lex Luger für die Crackhöhlen von Atlanta ist)

Ich bezweifle ernsthaft, dass Indie-Musik in den Zuständigkeitsbereich von Junggesellenabschieden fällt, aber es war gut zu sehen, dass jemand etwas anderes versucht.

Die Flut an Stripclubs beweist, dass Magaluf seinen Ruf als modernes „Sodom und Gomorra“ versteht.

Doch das Konzept eines Stripclubs in Magaluf verwirrt mich. Wenn man in einem absoluten Kaff lebt, dann kann ich es verstehen, wenn man einen Stripclub besucht, um menschliches Fleisch zu sehen. Denn in manchen Gegenden sind Stripclubs so was wie Museen, die einem einen kurzen Einblick in die Welt der Exotik ermöglichen. Aber in Magaluf, wo man jederzeit problemlos Nippel sehen kann? Das ist so, als würde man in Rom in einen Fastfood-Pizzaladen gehen, oder nicht?

Und wenn dir das alles noch nicht genug ist, kannst du die traumatische Nacht auf deiner Haut verewigen lassen. Ich dachte zwar immer, dass es illegal wäre, besoffene Leute zu tätowieren, aber weil diese Gesetze in Magaluf anscheinend nicht existieren oder einfach nicht so eng gesehen werden, gibt es verdammt viele Tattoostudios. Sie sind zwischen Bars, Kebapständen und Bob-Marley-Feuerzeug-Shops angesiedelt und haben die ganze Nacht geöffnet—und wie es scheint, auch immer eine Menge zu tun.

Ich wette, ihr fragt euch jetzt, welche Art von Tätowierungen die Menschen dort bekommen, richtig?

Hm, seht selber.

Man könnte meinen, dass Magaluf das Paradies für junge Menschen ist, wie eine Studentenverbindung in der Sonne. Und in vielerlei Hinsicht ist es das auch. Aber rund um die wichtigste Fußgängerzone waren auch kleine Gruppen von alten Leuten. Sie schlürften ihr lauwarmes Bier und blickten voller Missgunst auf die Jungspunde und äfften sie nach. Sie schienen voller Stolz auf ihr Alter zu sein und wurden von der Jugend dafür respektiert und sogar gemieden. Für jeden, der eine Bar besitzt, muss sich das aber ziemlich beschissen anfühlen.

Sind die Kids nicht eigentlich weggefahren, um von solchen Leuten zu entkommen? Aber hier wurden sie von stirnrunzelnden grauen Säcken angegafft und verurteilt.

Als es Zeit wurde, den Bus zu erwischen, um diesem Schlamassel zu entfliehen, verwandelte sich die Stadt in eine düstere Atmosphere. Menschen begannen zu kämpfen. Ich sah einen Mann, der mit blutüberströmtem Gesicht von Sanitätern zurückgehalten wurde. Aber nicht weil er kämpfen wollte, sondern weil er weiter trinken wollte. Sogar die harten Zenturion begannen zu schwächeln.

Ich fragte mich, ob es hier jemanden gab, der tatsächlich Spaß hatte. Ja, sie waren im Urlaub. Ja, sie waren sehr betrunken. Zweifelsohne zwei gute Vorraussetzungen für einen Urlaub. Aber soll Urlaub bedeuten, dass man im Stuhl einer Pommesbude zusammensackt, während sein frisch erworbener Geliebter in seinen lustigen Hut kotzt?

Auf jede Gruppe von notgeilen Böcken, die es richtig krachen ließen hatten, kamen mindestens vier Menschen, die den Schock ihres Lebens erlitten haben. Ich sah heulende Mädchen, die auf Bänken saßen und sympathische Gastwirte anbettelten, damit diese ihnen ein Taxi riefen. Ich sah junge blutüberströmte Männer, die nicht von anderen jungen Männern blutig geschlagen wurden, sondern von ihrer eigenen rücksichtslosen Dummheit. Es schien so, als würde jede Nacht in Magaluf in einer Krise enden.

Als ich nüchtern zum Hotel zurückstampfte, merkte ich, dass jeder Magaluf hasst, weil es in Wahrheit ein schrecklicher Ort ist. Eine Stadt, die betrunkene Menschen in der gleichen Weise produziert, wie Sheffield seinen Stahl, oder Detroit seine Autos. Alles dort sieht schrecklich aus. Nicht nur das, es schmeckt auch schrecklich. Aber hey, es ist billig, die Sonne scheint, und die Wahrscheinlichkeit, dass du Sex hast, oder so etwas in der Art versuchst, ist sehr sehr hoch. Super Urlaub!