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Film

Ein Interview mit Charlotte Roche

Wir haben mit der Moderatorin und Autorin gesprochen und uns direkt um den Finger wickeln lassen.

von Josef Zorn
02 August 2013, 12:00pm
Zweimal hat uns die liebe Charlotte Roche krankheitsbedingt das Interview in Wien abgesagt. Wir waren alle sehr traurig darüber. Dann kam aber doch noch der heißersehnte Anruf von der Fernseh-Moderatorin Schrägstrich Grindautorin und im Grün von Floridsdorf unterhielt ich mich mit der einfachen Mutter und Pony-Trägerin. Und, verdammt, sie hat mich mit ihrem Charme, den Lachanfällen und der Flucherei um den Finger gewickelt.

Als pubertierender Musiksender-Konsument fand ich das Fräulein Roche damals ziemlich nervig, dann plötzlich scharf und mittlerweile richtig interessant. Ihr Buch Feuchtgebiete ist zwar nicht mein Gebiet, aber die Verfilmung der menstruierenden, eingetrockneten Eiteranalfissur, die jetzt Anfang August rauskommt, bekommt definitiv mein Hammer-Gütesiegel.

Gleich als Erstes möchte ich fragen, geht es dir besser? Ich habe gehört, du bist krank.
Es geht ein bisschen besser, aber immer noch nicht so gut, dass ich das Badezimmer verlassen möchte. Weiter ins Detail möchte ich nicht gehen … obwohl es zum Thema passt, eigentlich.

Also, das ist jetzt ein Interview direkt vom Klo?
Ja, es tut mir leid, dass ich nicht nach Wien kommen konnte, aber der Virus geht hier rum wie bescheuert. Die ganze Verwandtschaft liegt wie im Krankenlazarett.

Oh, das tut mir natürlich sehr, sehr leid.
Es ist aber nicht tödlich, ich werde es überleben, ganz, ganz sicher.

Kommen da jetzt neue Buchideen im Zuge der Magen-Darm-Grippe?
Also für das nächste Buch, das ich schreibe, lasse ich wahrscheinlich das Thema Darm ganz weg. Das ist schon genug im ersten Buch.

Dazu fällt mir ein, einer Freundin von mir wurde der gesamte Dickdarm rausgenommen, ich wusste gar nicht, dass das geht.
Echt? Ja, ich wusste das auch nicht. Da ist das sonst kilometerlang und dann raus, oder einfach alles aneinandergenäht?! Die Arme, aber jetzt ohne Nachteil? Also, sie hat nicht irgendwelche Nachteile davon, beim Essen oder so?

Nein, eigentlich nicht. Sie trinkt ein Bier, ist betrunken und glücklich. Aber jetzt zu dir. Ich erinnere mich natürlich an deine VIVA-2-Zeiten und die lockeren, gemütlichen Interviews. Das mit Lemmy Kilmister fällt mir da jetzt ein.
An das kann ich mich auch noch erinnern. Stimmt, da habe ich noch voll das Bild vor Augen. Damals habe ich noch geraucht, auch live beim Interview. Das waren noch Zeiten in den 60ern.

Es ist irgendwie spannend, einen guten Interviewer zu interviewen. Hast du Tipps und ist dein ganzer Stil nicht ein bisschen eine Columbo-Masche, also eine Rolle?
Es ist eine Masche, klar—man muss sich ja irgendeinen Überlebenstrick ausdenken, weil man kann ja nicht Interviews angehen so wie jeden Tag. Aber erst mal zu deiner Beruhigung bin ich natürlich der netteste Interviewpartner überhaupt, weil ich weiß, wie schwer es ist, wenn die nicht mitmachen. Für mich war es das Schlimmste, Stars zu interviewen, die keinen Bock darauf haben und nicht abliefern. Weil dann fragt man sich: „Warum machen wir das denn hier, du Arsch?!" Da kann der Interviewer nun mal wirklich gar nichts dafür.

Du antwortest also nie einfach nur mit Ja und Nein?
NIE in meinem ganzen Leben. Selbst wenn ich super schlecht gelaunt wäre, würdest du das nie merken. Ich lass das nicht an dir aus, weil ich früher auf der anderen Seite gestanden bin.

Und mein Trick war einfach, mein Interview-Opfer so ernst wie möglich zu nehmen und so viel drüber zu lesen und zu lernen. Wie ist der drauf? Ist der still, ist der irgendwie schwierig? Wenn man jetzt Radiohead interviewt, benimmt man sich auch anders, als wenn man Robbie Williams interviewt. Einmal bin ich angepasster, einmal tu ich intellektueller, mal bin ich rockiger. Wenn ich Eminem interviewe, sage ich mehr Fuck und Obszönitäten.

Und dann ging es für mich immer darum, eine für den Interview-Gast angenehme Stimmung herzustellen. Also wie Prostituierte das eigentlich auch machen. „Hallo" und schön so pampern und in Sicherheit wiegen, und wenn man gut vorbereitet ist und im Prinzip alles weiß, und es keine Überraschung gibt, dann kann ich so Dinger raushauen. Und das kam dann immer spontan aus dem Bauch raus. So auf eine nette Art und Weise schocken, dass da was Besonderes bei rauskommt. Das war mein Trick.

Also in den Fällen warst du die Prostituierte. Aber auf der anderen Seite, als Interview-Opfer, als Freier, verstellt man sich auch und spielt eine Rolle.
Ja, stimmt.

Zum Film Feuchtgebiete, die Kinoadaption deines Erstlingswerks. Der wurde im letzten Jahr relativ geheim gedreht. Was war dein Part in dem Ganzen, warst du bei der Beratung, beim Drehbuch involviert ...?
Ich habe die Rechte verkauft und bin auf den Produzenten zugegangen, das ist der Peter Rommel. Den kannte ich von Filmen wie Sommer vorm Balkon oder auch Halbe Treppe. Und wenn man sich seine Filmografie anschaut, sieht man, dass der keinen einzigen schlechten Film produziert hat. Und dann dachte ich mir, wenn einer einen guten Film aus meinem Buch machen kann, dann Peter Rommel. Der hätte allerdings nie bei einem Bestseller mitgeboten, weil der sich das nicht leisten konnte, die Rechte zu kaufen. Dann habe ich den praktisch belästigt und gesagt: „Denk doch mal darüber nach, willst du nicht von mir die Rechte kaufen!?"

Dann haben wir das so gemacht, das nennt man „Total Buy-Out" bei Filmrechten und Buchautoren. Das heißt einfach, dass man sich total raushält. Weil ich habe da so gehört, die in der Filmbranche, die machen immer Witze über Autoren, die ihr Werk nicht loslassen können. Weißt du, was ich meine, ein Autor von einem Roman denkt dann gleich, natürlich könne er am besten Drehbuch schreiben, und da lachen sich Filmemacher darüber tot, denn das ist eine eigene Kunstform. Und das ist auch respektlos und größenwahnsinnig von einem Autor, wenn der alles für den Film machen will. Die Filmleute fühlen sich dann total auf den Schlips getreten. Bei mir war also die Überlegung, wohin ich meine Kraft bündeln soll. Ich bin ja ein 1-Frau-Unternehmen. Dann habe ich mich entschieden, lieber ein neues Buch zu schreiben und mich voll und ganz darauf zu konzentrieren und die Filmleute ihr Handwerk alleine machen zu lassen.

Du hattest also keinerlei Mitspracherecht und bist du eigentlich zufrieden mit dem Endprodukt?
Ich habe nicht die Hauptdarstellerin ausgesucht, ich hab nichts gemacht, ich habe nur dem Produzenten die Rechte verkauft, was eine der besten Entscheidungen meines Lebens war. Weil, jetzt kommen wir zum Filmkucken. Mit dem Film bin ich nicht nur zufrieden, das wäre nicht das richtige Wort ... ich dreh am Rad, so gut find ich den Film!

Ich bin auch begeistert. Kurze Zwischenfrage, welche Art Filme schaust du selbst gerne? Kindergeschichten mit der Tochter oder doch japanischen Torture-Porn?
Im weitesten Sinn werde ich berührt von so Arthouse-Produktionen, so wie auch Rommel sie macht. Ich mag es, wenn extreme Gefühle transportiert werden, richtig scheiße und traurig und dann auch richtig schön. Ich mag auch so schwarzen Humor, das Morbide und so ältere britische Filme, wo es richtig unangenehme Situationen gibt. Sonst schaue ich die Kino-Blockbuster eigentlich eher nicht, die sind mir zu plakativ und voll mit sexistischen Stereotypen.

Keine Mainstream-Sachen?
Was ich sehr gerne mag, sind die ganzen amerikanischen Serien auf HBO und so. Ich schaue Damages, das ist so Drama mit Glenn Close, The Following ... Und es ist auch irre, wie man sich nach einigen Staffeln von Dexter fast schon mit den Figuren der Show verwandt fühlt. Als ob man die schon ewig kennt. Das ist eben das Tolle an Serien, dass die viel mehr Zeit haben, die Geschichten zu erzählen, was im Film oft zu kurz kommt. Ich bin schon ein ziemlicher Serienjunkie. Wie heißt das denn, wenn man ganze Staffeln an einem Tag kuckt? Da gibt es doch so einen Ausdruck.

Ich glaube, du meinst „Binge-Watching".
Ja, so eine bin ich.

OK, zurück zum Feuchtgebiete-Film. Auch wenn du nichts damit zu tun hattest, aber wo habt ihr bitte die Hauptdarstellerin, diese Wahnsinnsfrau Carla Juri, ausgegraben?
Ja, ich weiß. Die wurde mir auch einfach nur präsentiert, aber beim Screening vom Film saß ich mit offenem Mund da. Nach fünf Minuten von Carlas Präsenz und Art wusste ich, dass das was ganz Großes werden könnte. Ich fand es so faszinierend und schön, wie ungezwungen nackt die sein kann. Und die ist ja ständig nackt im Film, oder auch wenn ihr Busen seitlich beim T-Shirt rauskuckt. Die Helen im Buch war ja eigentlich nicht so schön wie Carla. Die Filmleute wollten sie dann ja auch hässlicher machen, indem sie ihr die Haare kurz geschnitten haben. Nur das hat nicht gut funktioniert, weil die Carla dann mit den kurzen Locken immer noch so hübsch war.

Auch ihre Stimme ist richtig einprägsam, mit diesem leichten Sprachfehler, sausexy.
Ja, Carla kommt aus der italienischen Schweiz, deshalb. Das ist der Akzent und die Betonung in den Worten, das hat so was Gezogenes, auch ein bisschen was Bekifftes. Auf jeden Fall hat sie es irgendwie geschafft, mit ihrer wunderbaren Art dem Film trotz Blut, Sperma und Co. den Ekel zu nehmen.

Ja, die trägt den ganzen Film. Ich glaube sogar, dass dadurch auch das Buch noch einmal profitieren wird, eine Reprise sozusagen.
Ja, so wie du sagst, ich denke auch, dass manche durch den Film neue Ansprüche entdecken werden und auch ein anderes Bild von dem Buch bekommen. Das ist ja von einer Unmenge von Leuten einfach immer nur im Kontext des Hypes und der Schockreaktionen gesehen worden. Aber jetzt wollen wir vielleicht im Buch nachlesen, wie oder was da anders oder auch gleich wie im Film verhandelt wird.

Carla bringt auch diese zwei Seiten perfekt zur Geltung: Die schräge Anarchistin mit Skateboard einerseits und die psychisch kaputte Hexe mit tiefsitzenden Problemen.
Ja. Interessant fand ich auch, was sie im Film geändert haben oder was umstrukturiert wurde. Zum Beispiel wurde der ganze Eiter weggelassen, beim Anfang des Buchs ist alles voller Eiter. Aber es gibt genug andere harte Stellen, die drinnen gelassen wurden. Manche Teile sind ziemlich schlau gedreht worden. Die haben einfach die Stellen über die Familie vom Ende des Buchs nach vorne geholt und aufgeteilt, genau wie den ganzen Ekel vom Buchanfang, die Analfissur und das alles.

Ich kann mich mit dem Analhorror identifizieren. Ich hatte mal einen Perianalabszess und wurde in Afternähe operiert. Da bekam ich so wie Helen im Film einen Zettel zum Unterschreiben, dass rektale Inkontinenz ein Risiko sei.
Jung und inkontinent, das ist eine furchtbare Vorstellung, wenn sich die verschneiden und man dann mit so einem Kackebeutel herumlaufen muss. Dann geht nichts mehr mit One-Night-Stands. Und Sex hat man dann nur mehr mit Leuten, die einen wirklich lieben.

Oder mit Leuten, die auch einen Kackbeutel haben.
(lacht)

Ich nehme an, dass dich Fragen nach dem Wahrheitsgehalt von Feuchtgebiete, was ist Fiktion und was ist dir wirklich passiert, schon ein bisschen ankotzen.
Damals gab es einen Journalisten, so ein alter Perversling, der ganz ekelhaft lüstern wissen wollte, wie viel Prozent bei Feuchtgebiete autobiografisch sind, und ich dachte, dem gebe ich jetzt was rein. Ich habe gesagt, dass 80 % stimmen, aber natürlich ist das nicht so. Das sind viele erfundene Extreme gewesen und an sich habe ich mich im Buch viel mehr über überreinliche Menschen lustig machen wollen. Konventionen und Leute, die fanatisch sauber sein müssen, Germophobes und so.

Verstehe, also hat dir noch nie ein schwarzer, großer, nackter Mann deine Genitalien rasiert, so wie das im Film vorkommt.
Den Schauspieler habe ich noch gar nicht kennenlernt, der die Carla da im Film rasiert. Bei der Premiere treff ich den wahrscheinlich und werde sicher ganz rot.

Aber wie stehst du persönlich zu Intimrasur?
Was meinst du?

Ist diese Stelle, die es ja auch im Buch gibt, eine Kritik am Rasieren von Mädchen? Das ist schließlich eine ziemlich erregende Szene geworden und hat auch so einen Fetisch-Unterton.
Ich fand gerade die Stelle auch beim Schreiben richtig aufregend, mit diesem ausgelieferten Moment und der Intimität. Aber auch die Absurdität, dass dieser Typ ein Mädchen in seiner dunklen Wohnung fein säuberlich rasiert, beide nackt, und so eine sexuelle Spannung entsteht. Und dann meint der für Sex ist sie ihm zu jung. Aber nicht zu jung zum Rasieren, oder wie?!

Und ja, ich mache das mit dem Rasieren bei mir natürlich auch, aber mich kotzt es richtig an, es tun zu müssen, nur um gesellschaftlich akzeptabel zu sein. Sicher mag ich es nicht, komische Blicke zu kassieren, wenn ich mit haarigen Beinen dastehe. Dieser Zustand und die Konvention dahinter, das ganze Erwartungsbild, das nervt mich schon ziemlich. „So muss sich ein Mädchen der Gesellschaft präsentieren, glattrasiert." Das ist doch bescheuert.

Ein männlicher Kollege aus unserer Redaktion macht das auch, Ganzkörperrasur, bis auf den Kopf natürlich.
Ja, solche modernen Wertvorstellungen sind bei Männern mittlerweile immer verbreiteter, Rasieren und auch Bulimie. Aber diese intime Haarhygiene schluckt dermaßen viel Zeit, das nervt mich auch total. Für diesen komischen Standard, der bei Frauen ständig vorausgesetzt wird, ist mir meine Zeit zu schade. Die Zeit, die ich im Bad verbringe, könnte ich anders nutzen und an einer Karriere arbeiten.

Und jeden Tag zu duschen, finde ich übrigens auch so ein Ding. Das ist doch absurd und muss nicht sein, außerdem auch ganz schlecht für die Haut. Das ist auch nur, weil es nicht gesellschaftlich angepasst ist, wenn man einen leichten Geruch hat. Immer klinisch rein ist doch ungesund. Der ganze Aufwand, man kommt aus der Dusche und dann ist das so kalt, da werde ich manchmal richtig wütend.

Manche sehen dich als eine geniale Leitfigur des modernen Feminismus, so à la Sex and the City: Endlich dürfen Mädchen auch dreckig und derb sein. Auf der anderen Seite schimpfen manche Konservativere: Die will doch nur billig schockieren und Aufmerksamkeit kassieren. Wo stehst du selbst zwischen den beiden Fronten?
Also erst möchte ich dir gleich sagen, dass ich sehr schlecht mit Kritik umgehen kann. Ich finde solche Reaktionen furchtbar wie: „Die soll doch ruhig sein mit ihrem Dreck und uns in Ruhe lassen." Wenn einem der Mund verboten wird, weißt du. Das finde ich nicht so toll. Aber ich merke dann schon auch, wenn ältere Generationen und so aus der kirchlich-konservativen Ecke herumschimpfen, dass ich eigentlich auf dem richtigen Weg bin.

Und ja, auch wenn das jetzt leicht größenwahnsinnig klingt, ich möchte gerne ein Vorbild für junge Frauen sein und gefalle mir selbst in der Rolle. Es ist so, dass ich mir sehr viele Gedanken über Feminismus mache und versuche, genau darauf zu achten, was ich darüber sage und allgemein von mir gebe. Das ist mir schon wichtig.

Eure Show Roche und Böhmermann wurde ja nach dem Eklat mit Max Herre abgesetzt. War die Eskalation der Grund für das Ende und bereust du Dinge, die da vorgefallen sind?
So was ist wie eine Scheidung mit vielen Parteien, darunter der Sender, Jan und ich und so weiter. Und da jetzt wie eine geschiedene Frau nur allen Anderen die Schuld zu geben und Dreck zu schleudern, das möchte ich nicht machen. Darum kann ich auf die Gründe für das Ende der Show nicht richtig eingehen, aber natürlich bereue ich das zutiefst! Weil das war wirklich eine richtig geile Sendung. Das mit Max Herre, muss man sagen, das ist ja wirklich eskaliert vor laufenden Kameras und so wollte ich den Verlauf des Gesprächs dann am Ende auch nicht. Aber das Format der Show war eben kein typisches und es war keine klassische Talkshow mit Gästen, die groß Promo machen können. So gesehen stehe ich schon auch dazu. Der Streit wurde ja überall medial breitgetreten. Und hatte Max Herre um die Zeit herum dann nicht sogar seinen Nummer-Eins-Hit? Ich glaube, dass er den Platz in den Charts unserer Show zu verdanken hat. Das sage ich mir jedenfalls manchmal.


Fotos von Filmladen und Tumblr Loved Modern