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Popkultur

Comedy ist das neue Drama

Die Netflix-Serie "Orange Is the New Black" räumt mit Gefängnis-Coolness auf und befreit das Comedy-Format von einigen uralten Begrenzungen.
18.7.13

Orange Is the New Black ist vordergründig eine Serie über den Gefängnisalltag im Frauenvollzug und hintergründig eine kleine Comedy-Revolution. Wer jemals selbst in Konflikt mit dem Gesetz war (abgesehen von solchen Lapalien wie Anzeigen wegen Schnellfahren oder Grasrauchen) und dabei auch nur irgendwie die Aussicht auf eine gewisse Zeit hinter Gittern ins Gehirn geätzt bekommen hat, der weiß, was bisher so ziemlich allen Serien oder Filmen rund um dieses Thema gefehlt hat.

Es ist nämlich nicht der beinharte Realismus, wie viel Dreck in den Ecken deiner Zelle klebt und wie dunkel deine Gedanken werden, wenn du kein Tageslicht und keine Vitamine abkriegst. Es ist auch nicht die Erfolgsstory davon, wie du die Rassengrenzen in deiner Anstalt durch Diplomatie zu überwinden hilfst oder was alles Furchtbares in der Gefängnisdusche passiert (beziehungsweise, wie lange es dauert, bis daraus Anal-Alltag wird).

Was bisher in der popkulturellen Landschaft im Hinblick auf den Strafvollzug völlig gefehlt hat, ist die bürokratische Normalität und der zermürbende Alltag, wenn es tatsächlich ausgerechnet dich—als eigentlich recht normalen Bürger—erwischt und du realisierst, dass du dich in zwei Wochen in der Haftanstalt melden und dort für eineinhalb Jahre bleiben musst.

Genau hier beginnt Orange Is the New Black. Es zeigt den letzten Sex vor der Haft, der einfach sein muss, auch wenn grade keiner Lust hat (duh), die Fahrt zum Gefängnis und die Bedeutung, die man den Blicken der Wachen zumisst (sehe ich wenigstens untypisch aus?), das Warten auf eine Beamtin, die einen zu seiner Zelle führt (vielleicht ist das alles ja doch wie Hotel) und das Abgeben des Smartphones vor einem finalen Facebook-Posting (damn).

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Das alles ist natürlich viel schlimmer als jede Duschapokalypse oder Gefängnishofschlägerei, weil es uns im Alltag erwischt und zuerst schön langsam, dann aber doch viel zu schnell den Boden unter den Füßen wegzieht. Umso verwunderlicher, dass es sich bei Orange Is the New Black nicht um eine düstere Drama-Serie wie Sundance Channels Rectify handelt, sondern um recht pure (wenn auch nicht unernste) Comedy. Und das, obwohl es auf den 2010 erschienen Memoiren von Piper Kerman und damit durchaus auf einer wahren Geschichte beruht.

Bei genauerer Betrachtung macht die Ausrichtung der Serie aber durchaus Sinn. In "ernsten" Dramen verdrängt meist die Schwere der Story den banalen Alltag, ohne den wir aber doch nur Schlüssellochgucker in die aufregende Welt der großen Geschichten sind. Außerdem erlaubt das Comedy-Prädikat etwas, das im Post-9/11-Drama bisher eher keinen Platz hatte: einen ideologiefreien Blick auf Justiz und Strafvollzug, die sonst in "Film und Fernsehen" niemals einfach nur Institutionen und Orte wie alle anderen sind, sondern immer selbst eine tragende Funktion in der Handlung haben (als Vollstrecker von Gerechtigkeit, Bestrafung, Moral und so weiter).

Bei Orange Is the New Black sehen wir zum ersten Mal, dass alles noch viel schlimmer ist, gerade weil nichts Aufregendes oder Großes passiert, aber im Kleinen doch der Horror liegt. Gleich die erste Szene im Gefängnis führt uns in die sagenumwitterte Dusche—und zeigt dort aber keine Lesbo-Orgien oder Massenvergewaltigungen, sondern das ganz pragmatische Problem unserer Protagonistin, wie man sich ohne Geld aus Taschentüchern Sandalen gegen Fußpilz basteln kann.

Im weiteren Verlauf wird noch mit vielen anderen Klischees aufgeräumt, ohne dass die Serie deshalb auf die realistisch plumpen Figuren verzichten würde, die es vermutlich in jeder Anstalt nun mal gibt. Klar entsprechen manche Figuren unseren Vorurteilen, aber das ist dann wohl ein Problem unserer Vorurteile, nicht der Serie. Am deutlichsten wird das im Hinblick auf klassische Lesben-Vorstellungen, die man bezüglich Frauengefängnis mit sich herumträgt.

Auch die Vollzugsbeamten decken die ganze Palette von "Wusste ich's doch!" bis "Echt jetzt?" ab: Da gibt es humane bis humanistische Wärter, die Sätze sagen wie "I still haven't figured out how the system works" und die Logik der Justiz infrage stellen, aber eben auch solche Exemplare, die in der Minute, wo ihr Vorgesetzter wegsieht oder eine Insassin sein Büro verlässt, wahlweise zu grapschen oder zu masturbieren beginnen.

Gemacht und für Netflix erdacht wurde die Serie von Jenji Kohan, der Erfinderin von Weeds, die den Zuschlag für die Rechte am Buch übrigens bekommen hat, weil sie (aufgepasst, angehende Medienmenschen!) der Autorin keine Idee gepitcht, sondern die richtigen Fragen gestellt hat.

Neben Hauptdarstellerin Taylor Schilling, die ihr aus Argo kennt und die hier die fast schon naiv lebensfrohe Neulings-Overall-Trägerin Piper Chapman spielt, brilliert das Migrationsmundwinkelwunder Kate Mulgrew, vormals Captain Janeway bei Star Trek Voyager, als russische Küchenchefin. Laura Prepon aus That 70s Show gibt die tenorige Oberdrogenlesbe und Jason Biggs aus American Pie den jüdschen Verlobten mit viel Oy Vey-Schmäh und ein bisschen männlich monologisierendem Sex and the City-Touch (wie behilft man sich sexuell, wenn die Frau im Gefängnis ist und darf man trotzdem weiter Mad Men schauen oder muss man die Staffeln bis zur Entlassung der Geliebten aufheben?).

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Das ist alles gut und auch wirklich ziemlich schön. Aber die wirkliche Revolution von Orange Is the New Black liegt im Format. Zwar hat Netflix auch davor schon Serien gebracht, die sich nicht ganz streng als entweder "Dramatic Series" oder "Comedy" klassifizieren ließen und entsprechend auch von der Episodendauer her irgendwo zwischen den beiden Gattungen angesiedelt sind (gleich ihre erste eigene Serie Lilyhammer zum Beispiel läuft jeweils 45 Minuten und ist genauso lustig wie trist).

Mit Orange Is the New Black ist Comedy jetzt endgültig im Salon der schicken 55-Minuten-Episoden angekommen. Schon der Vorspann bietet eine Einstimmung auf das geänderte Format: Zuerst kommt einem die end- und ereignislose Aneinanderreihung von Gesichter-Nahaufnahmen irgendwie viel zu lang und viel zu langsam vor, dann—bei der zweiten Folge—beginnt man, genauer hinzusehen, Details zu erkennen und nach einer Logik in den Augen und nach Geschichten in den Gesichtern zu suchen.

Mit der neuen Form kommt auch die inhaltliche Entfesselung davon, was Comedy alles sein kann: Denn, wie auch Piper Kerman sagt, die Wirklichkeit im Gefängnis ist fast vollkommen humorlos, aber die Sichtweise der Insassen macht die ganze Situation dann trotzdem hin und wieder witzig. Das ist zwar auch das Prinzip von so gut wie jeder Sitcom mit eingespielten Lachern, bei denen oft nur das Publikum als Außenstehende etwas zu lachen hat. Aber der Unterschied ist, dass diesmal der Humor selbst die Hauptrolle spielt und man dafür keine zweite Ebene hinter der vierten Wand braucht.

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Kurz: Bei Orange geht es um die große Vorstellungskraft im Kampf gegen die kleine Welt und die Banalität von Gefängnissen jenseits von Gitmo, wo alles weniger schlimm, aber trotzdem nicht viel lässiger ist, als man es sich vorstellt. Und um mythische Hühner, die mit Heroin gefühllt sind. Erzählt man sich zumindest hinter Gittern.

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