FYI.

This story is over 5 years old.

Reisen

Urlaub in der Ukraine Teil 3

Stefanie und ihr Freund A. begegnen endlich einem echten Karpatentiroler.
17.10.12

Da Stefanie und ihr Freund A. schon immer ein Faible für die Ukraine hatten (er eher aus intelektuellen, allgemein historischen und familiengeschichtlichen Gründen, sie aus langweiligen Motiven), sind die beiden einige Tage dort herumgefahren und haben uns von ihrem schrägen Trip erzählt. Im ersten Teil ihres Road Trips ging es von Michalovce und Sobrance über die Grenze der Ukraine nach Uschhorod. Entgegen aller Horrorvorstellungen, treffen die beiden nur sehr liebe Menschen und überhaupt ist in der Ukraine alles lieb, quasi das Paradies für Autostopper. Die meiste Zeit sind sie aber eigentlich damit beschäftigt sich zu überlegen, wo schlafen, wo essen, wo scheißen.

Anzeige

Da Stefanie und A. unbedingt einen echten Karpatentiroler sehen möchten, die angeblich in Ust-Tschorna leben und einen seltsam verfärbten Tiroler Dialekt sprechen sollen, geht's im zweiten Teil weiter in Richtung Karpaten. Ihre Erwartungshaltung ist es also, mitten in der Karpatoukraine, von kernigen Greisen in Lederhosen mit "Grias eing! Wollts a guade Borschtsch mit Speckknedl?" begrüßt zu werden. Nach einer weiteren Etappe per Autostopp, auf der sie unter anderem von einem kumpelhaften Kerl mitgenommen werden, der ihnen auf der Fahrt echte huzulische Volksmusik vorspielt, kommen die beiden in Ust-Tschorna an. Dort können die beiden bei einer Frau übernachten, die sie auf der Straße getroffen haben und deren Tochter, wie sie mit ihren paar Brocken Deutsch erzählt, auch in Wien lebt.

Die ca. 50jährige Frau und ihr Mann, der mühselig ein Fahrrad vor sich herschiebt, führen uns auf einen Hügel zu zwei netten typischen Holzhäusern. Sie zeigen uns im Nebenhaus unser Zimmer, es ist anscheinend ein Wohnzimmer, Glaskästen voller Kitsch, perverse Muster kämpfen miteinander, ein psychedlischer Albtraum und alles riecht nach Oma. Die Frau macht uns einen Tee aus selbst gepflückten Waldbeeren, drückt uns zwei Käsebrote mit einer zentimeterdicken Butterschicht in die Hand und sie wärmt uns eine kräftige Borschtsch auf, genau das richtige für uns Wanderer aus der Ferne, die bei den Bauersleuten einkehren, ehrliche Suppe, ehrliche Brote, deftig-saftig wie im Heimatroman. Das Klo ist irgendwo im Hinterhof, ein Plumpsklo, wenn man ins Loch schaut sieht man einen ebenmäßigen Scheißebrei, aber es stinkt gar nicht, riecht eher erträglich nach Dünger, eigentlich wirkt es sehr gepflegt, der Balken frisch geschmirgelt und weich, organisch wie Menschenhaut, alles sehr behaglich. Die ca. 30 jährige Tochter kommt in unser Zimmer und redet mit uns mit perfektem Schulbuchdeutsch „Ich begrüße sie sehr herzlich in unserem zu Hause. Ich entschuldige mich für die Einfachheit, wir haben nicht sehr viele Bequemlichkeiten, aber ich hoffe sie fühlen sich entspannt bei uns.“ Wir fühlen uns mittlerweile wie versiffte, stinkende Sandlerhippies und sie spricht mit uns als wären wir die Habsburger, es ist so lieb.

Anscheinend quartieren sie sonst gar keine Gäste ein, es war eine spontane Aktion. Sie weist uns noch darauf hin, dass in dem Durchgangszimmer zwischen unserem und der Küche später der Onkel schlafen wird und wir hoffen, dass wir ihn nicht aufwecken. Wir unterhalten uns ein bisschen, sie ist Deutsch- und Englischlehrerin in der Nähe von Kiev und fährt jedes Jahr für ein paar Wochen mit ihren kleinen Kindern in die Karparten, wo diese sich zu Tode langweilen. Dann bekommen wir noch einen frischgebackenen Gugelhupf serviert und wollen anschließend in die Downtown auf ein paar Drinks, die Szene auschecken, Ukrainer/innen abschleppen. Die Mutter kommt mit uns raus und erklärt uns zehnmal den Weg, der nur 200 Meter weit ist, der Ort ist winzig, aber sie hat große Angst, dass wir uns verirren. Sie zeigt auf ein Kreuz mit Jesus drauf in der Nähe des Hauses und sagt „Stefanie, du Christ, gucken, Jesus Christus!“ Da A. erzählt hat, dass er Jude sei, gibt sie diesen Orientierungspunkt lieber an mich weiter.

Wir spazieren herum, aber es hat ohnehin alles zu und es ist kalt, also machen wir uns bald wieder auf den Rückweg, auf dem wir tatsächlich von einem Typen mit Tirolerhut und Lederhosen auf Deutsch angesprochen werden. Endlich! Wir reden mit ihm, fragen ihn begeistert von der Erfüllung unserer Vorstellungen, ob seine Vorfahren etwa Österreicher WIE WIR waren, aber irgendwie antwortet er unklar, er habe halt 20 Jahre in Halle an der Saale gelebt und will uns eine Bergtour für den nächsten Tag mit seinem Geländewagen andrehen. Irgendwie sieht er auch mehr wie ein Türke aus, aber es ist uns egal, A. sagt danach fröhlich zu mir „Das war also ein echter Karpatentiroler“, wir freuen uns sehr und sind ganz glücklich und aufgekratzt, unbeeinträchtigt von der Realität, ein echter Tiroler also, ein Blutsbruder, einer von uns.

Als wir ankommen, ist auch schon der Onkel da und macht Geräusche in unserem Häuschen. Wir üben uns in rücksichtsvoller Zurückhaltung und begrüßen ihn höflich, aber er stürmt euphorisch auf uns zu. Mein Verdacht bestätigt sich, auch in meiner Familie am Land gab es einen alleinstehenden Onkel, der im Nebenhaus wohnte und er scheint meinem Onkel Peppi sehr ähnlich. Der Kerl ist die Vorzeigeversion des lustigen Alkoholikers, er ist bummzu und super gelaunt. Wir müssen einen Tee mit ihm trinken (leider keinen Schnaps), dazu macht er Wasser heiß, füllt Marmelade in zwei Häferl und leert das Wasser darüber. Ich bin nicht sicher ob das die landestypische Art  der Teezubereitung ist oder ob er einfach zu besoffen ist. Dann unterhalten wir uns mehr oder weniger mit ihm mithilfe A.s Russischfetzen. Einmal starrt er plötzlich ins Leere und sagt überraschend auf Deutsch „Gott ist tot“ und als ich ein Foto von ihm mache, lacht er laut und ruft „NO YELLOWPRESS“, klopft mir auf den Kopf und lacht:„Rotkappel!“ Er hat mittlerweile seine völlig verstimmte Gitarre mit ins Spiel gebracht und als er anfängt, mehrere melancholische ukrainische Balladen zu singen, mache ich vor Rührung Lulu in meine Hose. Er schenkt uns noch einen sowjetischen Reiseführer über Transkarpatien und erzählt uns, dass sein Vater im sibirischen Straflager gestorben sei, dann gehen wir schlafen.

Am nächsten Morgen gehe ich ins Bad und finde, gegen meine Erwartungen, eine Badewanne mit funktionierender Warmwasserdusche vor, ich dachte sie würden sich mithilfe der Emailletröge waschen, die überall herumstehen. Auch ein schöner Nebeneffekt dieser Art zu reisen, eine Warmwasserdusche hat  plötzlich die Fähigkeit einen glücklicher zu machen, als alle Pharmazeutika dieser Welt zusammen. Während ich nackert in der Wanne sitze, kommt erst mal der Onkel rein und entschuldigt sich erschrocken, wenige Minuten später platzt die Deutschlehrerin hinein und als ich mir grad den Pelz von den Beinen schabe, stattet mir auch die Mutter einen Besuch ab. Das bringt einander näher.

Die Lehrerin macht uns ein Frühstück, Brot mit Ei überbacken, Gugelhupf und Nescafe und setzt sich zu uns. Wir unterhalten uns wieder über alles Mögliche, sie ist wahnsinnig liebenswert, hat warme, braune Augen und obwohl sie nur ein paar Jahre älter ist als wir, hätte ich sie gern als meine Mama. Dass wir Autostoppen und zelten findet sie irgendwie verrückt, sie macht sich Sorgen um die Nerven unserer Eltern. Ihre Schwester lebt in Wien, sie vermisst sie sehr, die Familie stünde sich sehr nahe, aber sie hätte sie leider seit Jahren nicht mehr gesehen, denn um eine Einladung von ihrer Schwester für einen Visumsantrag zu bekommen, würde diese ein zu geringes Einkommen haben. Umgekehrt hätte die Schwester eine Aufenthaltsgenehmigung, die eine Ausreise in die Ukraine zu einem Problem macht, genau kapieren wir es nicht, aber es tut uns leid. Sie hat erst später geheiratet als die meisten ihrer Freundinnen. In der Ukraine heiratet man schnell und früh, aber auch die Scheidungsrate ist eine der höchsten Europas. Ein paar ihrer Freundinnen hätten auch einen Deutschen geheiratet, da ihnen das Leben hier zu schwierig war. Sie wollte jedenfalls noch die Welt sehen und war als Au pair in Deutschland, dort hätte sie die Kinder aber so lieb gewonnen, dass sie nach ihrer Rückkehr selbst welche wollte und mit Ende 20 auch geheiratet hat und jetzt ist sie glücklich mit ihrer kleinen Familie. Sie hat bei allem was sie erzählt etwas zutiefst aufrichtiges und warmherziges, ich möchte sofort auch eine kleine Familie in der Ukraine, am liebsten mit ihr. Sie erzählt, dass Ust Tschorna immer wieder überschwemmt werden würde, weil die Holzindustrie die Buchenurwälder auf verantwortungslose Weise rodet und der Boden dadurch zu wenig Wasser aufnimmt. Ende der 90er hätte es die schlimmste Überschwemmung gegeben, bei der Leute gestorben sind, die Bahnverbindung bis jetzt zerstört ist und man sogar darüber nachdachte, das Dorf auszusiedeln, es sei eine sehr schwierige Zeit gewesen. Als wir ihr unseren Reiseführer zeigen, ist sie begeistert, dass es in der Bücherei in Wien Reiseführer gibt, in denen ein ganzes Kapitel ihrem kleinen Heimatdorf gewidmet ist.

Später setzt sich auch noch ihr Vater zu uns, er begrüßt A. energisch mit den Worten, dass Transkarpatien unabhängig von der Ukraine sein soll. Er ist stolzer Russine, eine ukrainische Minderheit und es beginnt der herrische Monolog eines alten Mannes mit Bluthochdrock. Er schaut dabei aus, als würde es jeden Moment seinen roten Kopf und sein Herz zerfetzen und wir nicken einfach zu allem was er sagt unterwürfig. Die Tochter übersetzt uns den Vortrag, betont aber immer wieder, dass das jetzt nicht unbedingt ihre Meinung sei und ihr Vater ein wahnsinniger Nationalist sei. A., der den ganzen Tag Bücher liest und so, kann sogar ganz gut mitreden, ich höre mehr interessiert zu, weil ich mein Weltwissen eher aus einer Mischung aus der Heute-Zeitung und meiner Fantasie beziehe. Später lernen wir noch ihre Kinder kennen, dann brechen wir auf. Wir wollen wieder runter, weil es regnet und kalt ist und weiter Richtung Czernowitz, weil A. in Czernowitz verliebt ist und die schlechte Infrastruktur so viel Zeit in Anspruch nimmt.

Wir verabschieden uns und sie sagt wieder in ihrem schrullig-lieben deutsch „Es hat mich gefreut, ihre Bekanntschaft zu machen, vielleicht sehen wir uns in der Zukunft wieder, so finde ich, dass sie sehr nette Leute sind.“ <3.