Über Kanye West, Ruhm und warum wir still sein und zuhören sollten

In diesem Jahr hat sich der öffentliche Diskurs über psychische Gesundheit erheblich verbessert. Es ist ein Rückschritt, wenn wir nicht aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

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24 November 2016, 4:35pm

Ich bin selten still, wenn Kanye West etwas macht. Doch als er bei einer Show in Kalifornien erklärte: „Wenn ich gewählt hätte, dann hätte ich Trump gewählt", war ich sprachlos. Abgesehen von der Tatsache, dass ich mich als Brite nicht in der Position sah, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Politik der Vereinigten Staaten zu kommentieren, fühlte sich irgendetwas an dem Abend merkwürdig an. Ich bin ein Fan von Kanye und seiner Offenheit, doch das, was sich an diesem Abend abspielte, sowie die unmittelbaren Reaktionen darauf, hinterließ bei mir einen bitteren Geschmack.

Diese scheinbar spontanen Ausbrüche des Bewusstseinsstroms waren in den letzten fünf Jahren immer wieder in Kanye Wests Karriere zu finden. Sie haben unser Verständnis davon, wer er ist, sowohl herausgefordert als auch weiterentwickelt. Er ist dafür bekannt, Rassismus und die Mechanismen der Modeindustrie zu kommentieren. Oder für die Tatsache, dass er absolut nichts mit der Zusammenarbeit von Jay Z und Justin Timberlake bei „Suit and Tie" anfangen kann. Vielleicht ist er dafür sogar genauso bekannt wie dafür, 21 Grammy-Awards gewonnen zu haben. Irgendwann wurden diese Kommentare bei Kanye Wests Liveauftritten zu so einem wichtigen Element, dass du keine Kanye-West-Show gesehen hattest, wenn er nicht 15 Minuten lang etwas über die spärlichen und bedrohlichen Akkorde von „Clique" oder „Runaway" erzählt hatte.

Es ist keine Überraschung, dass Wests Bemerkungen über Trump so viele Fans schockiert und verärgert haben. Sie gehen den radikalen politischen Ansichten, für die er bekannt ist, entgegen und vermitteln das Gefühl, dass die Fremdenfeindlichkeit, die Homophobie, der Rassismus, der Hass und die Lügen, die Trumps Aufstieg zum mächtigsten Mann der Welt ermöglicht haben, dadurch heruntergespielt werden. Dann folgten jedoch seine Aussagen über Jay Z („Jay Z, ruf mich an, Bruder. Du rufst mich immer noch nicht an. Jay Z, ruf mich an"), Beyoncé („Beyoncé, ich war verletzt. Ich habe mich sieben Jahre wegen dir zurückgehalten"), Mark Zuckerberg („Du hast gesagt, du würdest helfen, und hast es nicht. Dann hast du nach Aliens gesucht") und das Radio („Radio, fick dich! Radio, fick dich!"). All diese Bemerkungen waren zusammenhangslos, voller Paranoia und Schmerz und mündeten darin, dass er nach nur vier Songs die Bühne verließ. Etwas an diesen Auftritten fühlte sich selbst für ihn eigenartig und merkwürdig an. Diese Tiraden ließen darauf schließen, dass etwas Tiefergehendes vonstatten ging. Es ist zwar eine Vermutung, dieser wurde allerdings Nachdruck verliehen, als West alle ausstehenden Termine seiner Tour cancelte und für eine psychiatrische Beurteilung in das UCLA Medical Center eingewiesen wurde. 

An diesem Punkt ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme. Haben wir als Fan, Leser oder Autor irgendwelche Erfahrungen der Vergangenheit, die wir hier einbringen können? Haben wir irgendetwas gelernt oder gesehen, das die Art, mit der wir der Situation begegnen, beeinflussen sollte? Das erste, was mir einfällt, ist Amy Winehouse. West und Winehouse sind unterschiedliche Künstler mit unterschiedlichen Karrieren und Leben. Trotzdem verbindet ihre Geschichten etwas: Wie sie sowohl von der Presse als auch von der Öffentlichkeit behandelt wurden. Während des Films Amy sehen wir unzählige Beispiele, wie über Winehouse geschrieben wurde und wie sie das über ihre Karriere hinweg verfolgt hat: „Jemand sollte sie anrufen und sie um 18 Uhr aufwecken, um es ihr zu erzählen", sagte ein Sprecher, nachdem sie einen Grammy gewonnen hatte. Er nannte sie schließlich „eine Säuferin". „Sie hatte die Chance auf ein großes Comeback und sie hat es total vermasselt!", sagte ein Kommentator, nachdem Winehouse bei einer Show in Serbien Probleme hatte, auf der Bühne zu singen.

Ein kurzer Blick ins Internet reicht aus, um zu zeigen, dass die Reaktionen auf West es nicht schaffen, sich eingehender mit dem zu beschäftigen, was vielleicht los ist. Oder sich ihm mit Empathie, als menschliches Wesen und nicht als Wappentier etwas Überlebensgroßen zu nähern. Die Artikel überschlugen sich und Twitter wurde mit Worten wie „verrückt" und „durchgedreht" überschwemmt. Fans wollten sich von Kanye abwenden und es wurde gefeiert, dass seine Tour abgesagt wurde. Essays deuteten ebenfalls an, es sei Zeit, sich von ihm abzuwenden, und es wurden Bilder gepostet, wie Leute ihre Yeezys verschenken. Snoop Dogg bezeichnete West als „verrückt". Was jedoch noch gefährlicher ist, ist die allgemeinere Botschaft; die scheinbar unschuldigen, verwirrten Reaktionen auf Wests Verhalten. Als wäre es unmöglich zu verstehen, dass es Leute, sogar berühmte Leute gibt, die Probleme mit ihrem Leben haben.

Weil Kanye West nunmal Kanye West ist, wird erwartet, dass alles, was er macht, aufs äußerste kritisiert wird. In manchen Fällen ist das legitim. Letztendlich ist er ein Künstler—wohl der wichtigste unserer Zeit. Aber es muss auch den Moment geben, in dem wir alle wieder unseren Fokus finden und nachdenken: „Machen wir einen Schritt zurück und wiederholen dieselben Fehler bei einer anderen Geschichte?", „Verstehe ich alles, was hier passiert, bevor ich diese Überschrift/diesen Tweet verfasse?" „Könnte etwas anderes hinter den Kulissen brodeln?", „Was bringe ich in die Diskussion ein, indem ich jemanden als verrückt bezeichne?"

2016 war ein erfolgreiches Jahr, wenn es um die Veränderung der Einstellung gegenüber psychischen Problemen geht. Der Diskurs wurde wirklich stark geöffnet. Wir haben über die Rolle nachgedacht, die die Medien dadurch spielen können, wie sie sich psychischer Gesundheit nähern, sowohl im Leben von Stars als auch von „normalen" Leuten. Es gab große Kampagnen, inklusive des größten Berichts seiner Art von Help Musician's UK, der ein Bewusstsein für psychische Probleme in der Musikindustrie schaffen soll. Es ist etwas, über das die meisten von uns täglich twittern, reden oder nachdenken. Integraler Bestandteil unserer Verwendung sozialer Medien ist, dass wir alle auf irgendeine Weise Teil der Medien sind und verantwortungsvoll mit unseren Plattformen umgehen müssen. Als Gesellschaft haben wir es seit den Tagen, als wir Britney Spears dämonisiert oder Amy Winehouse gedemütigt haben, weit gebracht. Diese Lektionen nicht in unsere Taten einzubeziehen, fühlt sich wie ein großer Rückschritt an.

Nachdem West ins Krankenhaus eingeliefert wurde, machte ein rührendes Video von einem Interview mit Dave Chapelle die Runde. Darin geht es hauptsächlich darum, wie Prominente von der Presse und der Öffentlichkeit behandelt werden. Es geht darum, dass beide Gruppen sich häufig weigern, ihre Augen zu öffnen, um sich demgegenüber emphatisch oder verständnisvoll zu zeigen, was es bedeutet, als Mensch schwierige Phasen durchzumachen. Chapelle spricht über seine Freundschaft mit Schauspieler Martin Lawrence, der vor vielen Jahren ins Krankenhaus eingeliefert wurde, nachdem er eine Pistole schwingend auf der Straße aufgegriffen wurde, wo er rief: „Sie versuchen mich alle umzubringen." Chapelle argumentiert: „Das schlimmste, was man zu jemandem sagen kann, ist, dass er verrückt ist, das ist verachtend … Diese Leute sind nicht verrückt. Es sind starke Leute. Aber vielleicht ist ihr Umfeld ein wenig krank."

Im Fall von Kanye West kann dieses Umfeld damit beschrieben werden, dass er die Person im Rap ist, auf den die Paparazzi es am meisten abgesehen haben (wenn du in den letzten 24 Stunden ein Auge auf TMZ geworfen hast, dann hast du dort Zitate von Notrufaufnahmen gefunden, sowie die Ansicht, dass das Ganze wahrscheinlich finanziell motiviert ist). Seine Frau wurde vor Kurzem mit vorgehaltener Waffe überfallen, er ist seit August auf Tour und seine neuesten Arbeiten beziehen sich auf Ängste und Panikstörungen sowie das Antidepressivum Lexapro. Wenn es das nächste Mal den Drang gibt, einen Bericht oder eine Schlagzeile oder auch nur einen Tweet zu verfassen, um Kanye West, Kid Cudi, Justin Bieber oder wer auch immer etwas durchmacht, was tiefer geht, als das, was wir als Außenstehende sehen, zu kommentieren, dann sollte dieses Video wieder in Erinnerung gerufen werden. Nicht für eine Selbstdiagnose oder um zu spekulieren oder zu fatalisieren, sondern um zu verstehen, dass es immer ein großes Ganzes gibt. Wie wir haben auch Stars keinen Freifahrtsschein, sich so zu benehmen wie sie wollen, ohne dass sie ein wenig beurteilt werden. Doch wie wir verdienen sie es auch, dass man sich ihnen mit einem menschlichen Level an Feingefühl und Verständnis nähert. Wenn also wirklich jemand die Klappe halten sollte, dann sind wir das und nicht Kanye West.

(Foto: Kim Erlandsen / Flickr | CC By 2.0)

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