Drogen

Seit anderthalb Jahren quält Susanne sich durch einen Benzo-Entzug

Obwohl man es nur für zwei Wochen nehmen soll, verschreibt Susannes Arzt ihr jahrelang Tavor. In Deutschland sind so wohl Millionen Menschen in die Medikamentenabhängigkeit gerutscht.
12 Mai 2020, 3:00am
Illustration zum Thema Benzo-Entzug, Medikamentenabhängigkeit, Tavor
Eine Frau auf Entzug von Tavor || Symbolbild: imago images | Ikon Images | bearbeitet

Wenn ein Anfall kam, fühlte Susanne sich, als spaziere sie einen Feldweg entlang und plötzlich tritt ein Mann mit einem großen Küchenmesser hinter sie. Eine unbestimmte Angst schoss dann durch ihren Körper, die Gewissheit, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde. So erzählt sie es am Telefon. Ihre Beine knickten ein vor Schwindel, ihr Magen krampfte vor Übelkeit. Woher die Panikattacken kamen, weiß Susanne bis heute nicht. 2007 wurden sie immer schlimmer. Sie lebte damals in den USA, musste aber plötzlich nach Deutschland zurückkommen, weil ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte. "Es war alles zu viel", sagt sie heute.

Susanne ging mit ihrem Leiden zu ihrem Hausarzt. Der verschrieb ihr Tavor, ein Medikament mit dem Wirkstoff Lorazepam. 1,5 Milligramm sollte sie davon nehmen, jeden Tag. "Es war toll", sagt Susanne. "Die Angst war weg, ich konnte arbeiten gehen, mich mit Freunden treffen und mich um meine Eltern kümmern. Ich war froh, mein Leben hat mir Spaß gemacht." Was sie damals nicht wusste: dass sie auf dem Weg in die Abhängigkeit war. Und dass sie den Entzug dieses Medikaments härter finden würde als ihre Panikattacken.

Was Susanne passiert ist, ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Ihre Geschichte steht stellvertretend für ein Problem im deutschen Gesundheitssystem. Medikamente mit hohem Missbrauchspotential werden zu leicht, zu lang und oft falsch verschrieben. Und vielen Ärzten und Ärztinnen fehlt zudem das Wissen, um die Folgen richtig zu behandeln. Um Menschen Linderung mit ihren Symptomen zu verschaffen, wird in Kauf genommen, sie auf Jahre hinaus abhängig werden zu lassen.

Zehn Jahre nimmt Susanne bereits das Medikament, als ein Bandscheibenvorfall alles durcheinander wirft

Lorazepam gehört zur Stoffgruppe der Benzodiazepine, ist also wie Diazepam oder Bromazepam ein starkes Beruhigungsmittel. Auch die bekannten Tabletten Xanax und Valium enthalten Benzos. Ärztinnen und Ärzte verschreiben sie, wenn Menschen psychisch außer sich sind, bei akuten Psychosen und wochenlangen Schlafproblemen oder vor Operationen. Damit Patientinnen nicht abhängig werden, sollen sie die starken Mittel so kurz wie möglich einnehmen, rund zwei Wochen. Einmal gegoogelt, findet man diesen Hinweis. Oder beim Blick in den Beipackzettel. Viele Ärzte verschreiben Benzos dennoch deutlich länger, oft über Jahre.

So auch Susannes Hausarzt. Sie holt sich mittlerweile seit 13 Jahren das Rezept von ihm ab. Geht man davon aus, dass der Wirkstoff nur zwei Wochen genommen werden sollte, hat sie die Tabletten über 300-mal so lange geschluckt. Weil sie nicht erkannt werden möchte, nennen wir hier nicht ihren echten Namen.

Wahrscheinlich würde Susanne auch immer noch die volle Dosis nehmen, hätte sie nicht 2017 einen Bandscheibenvorfall erlitten. Auf einmal wirkten die Tabletten nicht mehr richtig. Auf Anraten des Arztes nahm sie eine Tablette mehr. Geholfen haben auch die 2,5 Milligramm nicht. Erst Ende 2018 fing sie an zu entziehen. Bis heute. Susanne nennt es "die Hölle", sie komme nicht zur Ruhe. Kreis um Kreis um Kreis drehten sich ihre Gedanken. Ihr Körper bebe, als würde Strom durch die Zellen fließen. Knochen, Muskeln und Nerven schmerzten. Dauernd entzünde sich ihre Blase. Sie komme oft nicht aus dem Bett, könne aber nicht schlafen. An manchen Tagen seien Hüft- und Rückenschmerzen so stark, dass sie nicht mehr laufen könne. Am Telefon klingt sie schwach, das Sprechen fällt ihr schwer. Sie ist erst anderthalb Milligramm runter, ein ganzes nimmt sie noch. Dafür hat sie über ein Jahr gebraucht.

Arzneimittelabhängigkeit ist die zweithäufigste Sucht in Deutschland

"Die Entzüge von Benzos sind dramatisch und belastend", sagt Gerd Glaeske. Der Professor der Universität Bremen forscht zum Einsatz von Arzneimitteln, verfasst seit Jahren Arzneimittelreports verschiedener Krankenkassen und ist bundesweit einer der führenden Experten für Medikamentenabhängigkeit. Er schätzt, dass 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen abhängig von Benzodiazepinen oder den ihnen ähnlichen Z-Medikamenten sind.

Von Arzneimitteln sind mehr Menschen abhängig als von Alkohol, nur nach Nikotin sind noch mehr Menschen süchtig. Die meisten der Medikamentenabhängigen nehmen Benzodiazepine. Zum Vergleich: Von starken Schmerzmitteln sind laut aktuellem Jahrbuch Sucht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen nur 30.000 bis 40.000 Menschen abhängig. Hinzu kommt: Die wenigsten Abhängigen stellen sich ihrer Situation. "Nur 1.200 bis 1.400 Menschen machen jährlich einen stationären Entzug. Man hält also die Menschen über Jahrzehnte abhängig", sagt Glaeske.

Ein Grund dafür ist dieser: Die Patienten verstehen sich gar nicht als Süchtige. Denn sie kaufen ja kein Crack im U-Bahn-Hof, sondern Tabletten in der Apotheke. Auf Rezept und auf ärztlichen Rat. Ihr Blick auf sich selbst passt nicht mit dem zusammen, was sie sich unter "Drogensucht" vorstellen.

In gewisser Weise haben sie damit auch Recht. Abhängigkeit ist eine Krankheit, für deren Diagnose die Weltgesundheitsorganisation genau sechs Kriterien definiert hat. Erfüllt ein Mensch mindestens die Hälfte davon, ist er oder sie abhängig. Das tun die meisten Benzo-Patientinnen nicht – sie haben zwar die starken körperlichen Entzugserscheinungen und müssen über die Jahre ihre Dosis steigern, aber sie spüren, anders als andere Abhängige, dank Rezept keinen Beschaffungsdruck und behalten auch meist die Kontrolle über sich. Die Wissenschaft hat deswegen den Begriff der "Niedrigdosisabhängigkeit" eingeführt.

Rüdiger Holzbach sieht noch einen zweiten Grund für die niedrige Zahl der Medikamentenabhängigen in den Kliniken. Er ist Chefarzt und Psychiater und hat vor einigen Jahren das Entzugsprogramm für Benzos in einer Klinik in Lippstadt, Nordrhein-Westfalen, aufgebaut. "Viele Ärzte und Patienten machen es sich zu einfach", sagt er. Sie würden die ursprüngliche Krankheit nicht behandeln, indem sie auf andere Medikamente oder eine Psychotherapie umschwenken. "Sie setzen die Tabletten als Dopingmittel für den Alltag ein und machen einfach weiter, obwohl die Psyche der Patienten ein Warnsignal sendet."

"Die Hälfte bis zwei Drittel der Benzodiazepine werden nicht richtig eingesetzt", glaubt Pharmazeut Glaeske

Ärztinnen und Ärzte, die vielfach ein Medikament mit hohem Missbrauchspotential verschreiben – das hat ein Geschmäckle. Seit Jahren ermitteln die Behörden in den USA gegen Akteure der Pharmaindustrie. Sie sollen eine Mitschuld tragen, dass in den Staaten die Opioidkrise ausgebrochen ist. Über 400.000 Menschenleben hat die bislang gekostet. Pharmakonzerne haben die Mittel viel beworben oder sogar Ärzte geschmiert, damit die sie verschreiben.

Dass das in Deutschland nicht passiert ist, liegt unter anderem an der Bundesopiumstelle. Sie überwacht die Herausgabe von Betäubungsmitteln. Um Opioide zu verschreiben, brauchen Ärztinnen ein Betäubungsmittelrezept, das mehrfach kontrolliert ist. Benzodiazepine können Ärzte aber über ein simples Kassen- oder Privatrezept verordnen. Wie kann das sein?

Am 22. April hat VICE sich mit dieser und weiteren Fragen an das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gewandt. Das BfArM überwacht in Deutschland den Einsatz von Medikamenten und untersteht dem Gesundheitsministerium. Dieses erklärte zunächst, man werde die Anfrage übernehmen, dann verwies man uns doch wieder auf das Institut. Beantwortet wurden unsere Fragen bis heute nicht.

Stattdessen erklärt Experte Glaeske, Ärztinnen könnten nicht auf die Mittel verzichten. Anders als viele andere Psychopharmaka wirken sie sofort und oft ohne gravierende Nebenwirkungen – wenn Menschen sie denn nur ein paar Tage nehmen. "Benzodiazepine haben einen ganz wichtigen Beitrag zur Humanisierung der Psychiatrie geleistet", sagt auch Suchtmediziner Holzbach. "Man kann damit wunderbar Menschen, die akute Panik haben, die verzweifelt oder suizidal sind, die Wahnvorstellungen haben, eine Erleichterung verschaffen." Menschen wie Susanne.

In Psychiatrien und Krankenhäusern mag das Medikament wichtig sein. Einen Großteil der Medikamente verschreiben aber Hausärzte, und zwar vor allem an ältere Frauen, die schlecht schlafen können oder viel grübeln. "Mein Eindruck ist, dass die Hälfte bis zwei Drittel der Benzodiazepine nicht richtig eingesetzt werden", sagt Pharmazeut Glaeske.

Gerade viele Hausärzte wüssten nicht Bescheid über die Langzeitfolgen der Benzodiazepine – und schon gar nicht, wie man sie am besten absetzt. Der Entzug sei, so sagt es Suchtmediziner Holzbach, relativ unkompliziert. Er müsse aber richtig gemacht werden. "Wenn es zu starken Entzugserscheinungen kommt, liegt das daran, dass Kollegen oder die Patienten, die es selber machen, einige Regeln nicht beachten."

Richtig gemacht heißt: Die Ärztin muss dafür sorgen, dass der Benzodiazepin-Spiegel im Blut langsam sinkt und keine abrupten Sprünge nach unten macht. Dafür eignet sich laut Holzbach ein Präparat in Tropfen-, statt Tablettenform, mit dem Patienten die Dosis über den Tag verteilen und langsam ausschleichen können. So, sagt Holzbach, kann auch ein Aufenthalt in einer Entzugsklinik überflüssig werden.

Weder das Wissen darüber, wie schnell Benzos abhängig machen, noch darüber, wie man sie am besten entzieht, sind neu. Schon Mitte der 80er Jahre forschte die Neurowissenschaftlerin Heather Ashton in England dazu. Vor 20 Jahren gab sie eine Handreichung für den Entzug heraus. Das "Ashton Manual" wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Susannes Arzt kannte das Ashton Manual nicht. Sie selbst las davon, als sie verschiedenen Facebook-Gruppen beitrat, in denen sich Menschen auf Benzo-Entzug austauschen. Von diesen Gruppen gibt es einige, manche haben mehrere tausend Mitglieder und rund 30 Beiträge am Tag. Erst durch diese Gruppen verstand Susanne, dass sie ihr Medikament nicht so absetzen konnte, wie ihr Arzt es ihr sagte. "Diese Gruppen geben mir Halt", erzählt sie. "Ohne sie wäre ich nicht mehr hier."

Trotz allem hat sie das Vertrauen in ihren Hausarzt nicht verloren. Er hat sich, nachdem Susanne ihm von dem Manual erzählt hat, belesen. Sie machen den Entzug jetzt schrittweise, nicht abrupt.

Und sie ist froh, dass sie ihre Geschichte erzählen konnte. Susanne wünscht sich, dass mehr Menschen von den Langzeitfolgen von Benzodiazepinen erfahren – und weniger Leute in den Entzug müssen, den sie gerade durchmacht.

Du hast ein Suchtproblem oder machst dir Sorgen um betroffene Freunde und Verwandte? Hilfe bei Drogenabhängigkeiten findest du in Deutschland über das Suchthilfeverzeichnis oder unter 01805 31 30 31. In der Schweiz bietet Safezone anonyme Online-Suchtberatung, lokale Suchtberatungsstellen findet man bei Infoset. In Österreich findest du Beratung über den Suchthilfekompass.

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