Wien: Zu Besuch in der Polizeisiedlung, die mehrheitlich rechts gewählt hat

Zwischen ordentlich gemähtem Rasen und unangenehmer Stille findet die FPÖ ihre stabilsten Anhänger.
14.10.20
Die Wiener Polizeisiedlung, die mehrheitlich die FPÖ gewählt hat
Foto: Alexandra Stanic

Das Wohnhaus sieht an diesem verregneten Oktobertag genauso trist aus wie jeder andere Gemeindebau in Wien. Der Unterschied ist nur: Hier schlummert die blaue Hochburg Wiens. Der Wahlsprengel 44 hat als einziger mehrheitlich die rechte FPÖ gewählt. Sieht man sich die Karte zu den Wahlergebnissen an, wirkt der Block wie eine blaue Insel in einem roten Meer.

Geflügel, Wurst, Imbiss: Der "Feinkost"-Laden an der Ecke hat geschlossen, drinnen sieht er so aus, als gehöre er in eine postapokalyptische Zombiezeit. Gegenüber ragt ein Wiener Gemeindebau in den grauen Himmel – hier wurde rot gewählt. Ein großer ACAB-Schriftzug ziert eine Wand im Innenhof, das erkennt man auch von der Polizeisiedlung aus gut.


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Ein Einwohner dieses Gemeindebaus erzählt, dass er immer wieder Polizisten sieht, die den Zugang zur Parkgarage nutzen. Die Beamten seien ruhig und unauffällig. Sonst ist da erstmal nicht viel, außer: dicht befahrene Straßen rund um den Block; hier ein kleiner Laden für Wollbedarf, da eine Gruppe von rauchenden Jugendlichen. Sie schützen sich in einem der Hauseingänge der Polizeisiedlung vor Wind und Regen. Ein großes Schild erinnert daran, dass nur Befugte Zutritt haben, aber die Sicherheitstüren mit den fetten Riegeln sind unverschlossen.

ACAB-Tag

Gegenüber der Polizeisiedlung in einem Wiener Gemeindebau

Im Innenhof des Polizeibaus hört man von dem Verkehr draußen nichts. Es herrscht Stille. Jedes Knipsen der Kamera hallt im Hof. Keine Kinder, die spielen; keine Hunde, die bellen; keine Einwohner, die mit einer Journalistin sprechen wollen.

Bis ein älterer Mann mit Gehstock den Innenhof betritt – ein pensionierter Polizist, der in dieser Siedlung lebt.

"Ich war schon immer FPÖ-Wähler und habe auch bei dieser Wahl die FPÖ gewählt", sagt der 80-Jährige, der seinen Namen nicht nennen möchte. Als Nächstes folgt ein Schwall an rassistischen Aussagen. Es gäbe zu viele "Ausländer", die vom Staat unterstützt werden, während "die eigenen Leute" benachteiligt werden.

Zwischendurch begrüßt er andere Einwohner der Siedlung: "Grüß Gott."

Wenige Momente später wird der pensionierte Polizist die Tür zu seiner Wohnung aufsperren, die die Stadt Wien explizit für Beamte errichtet hat. Die Anlage wurde in den 1930er Jahren für Polizisten geschaffen, damit die günstiger wohnen. Die Einwohner dieser Polizeisiedlung zahlen monatlich rund ein Viertel weniger als Menschen in Gemeindebauwohnungen.

Hier, zwischen ordentlich gemähtem Rasen und unangenehmer Stille, findet die rechte FPÖ ihre stabilsten Anhänger. Dabei ist die FPÖ bei den Wienwahlen vom 11. Oktober drastisch abgestürzt  – sie schaffte gerade einmal 7,1 Prozent. Vor fünf Jahren erreichte sie noch 30,8 Prozent.

Die vielen "Einzelfälle" der FPÖ, die historische Ibiza-Staatskrise und die Spesenaffäre rund um Strache erschütterten den Sprengel 44 nicht. Die Mehrheit wählte trotzdem blau.

Die wenigen Einwohner, die draußen unterwegs sind, wollen dazu nichts sagen. Nach vielen gescheiterten Klingelversuchen und vielen Fragen über die Sprechanlage, ob jemand über das Wahlergebnis sprechen möchte, öffnet einer der Einwohner die Haustür. Zaghaft. Erstmal ist es ein paar Sekunden still, nur die Sprechanlage surrt leise. Dann sagt der Mann im österreichischen Dialekt: "Na kummans."

Peter steht am Treppenende im Vorhaus, grüßt knapp und aus der Distanz und sagt direkt: "Ich habe die FPÖ nicht gewählt."

Peter, so soll der Ex-Polizist in dieser Geschichte heißen. Er möchte anonym bleiben und bittet darum, möglichst wenige Details, die zu seiner Person führen könnten, zu veröffentlichen. Peters Ein-Zimmer-Wohnung ist simpel eingerichtet, in der kleinen Küche steht ein alter Schreibtisch, vom Küchenfenster aus blickt er auf den Innenhof.

Im Wohnzimmer vereinsamt eine kleine, blaue Couch. Auch in Peters Wohnung ist es still, so als wäre man in einem 300-Einwohner-Dorf in Oberösterreich und nicht mitten in Wien.

Peter war 40 Jahre lang Polizist in Wien. Dass die Wohnsiedlung, in der er lebt, mehrheitlich die FPÖ wählte, wundert ihn nicht. "Polizisten wählen halt gerne blau", sagt er. Und: "Eine gewisse Rechtslastigkeit ist bei der Polizei und beim Militär vorhanden."

Er kenne viele Kollegen, die keinen Hehl daraus machen, dass sie die FPÖ unterstützen. "Da sind schon sehr viele Ewiggestrige dabei – aber nicht nur bei der Polizei."

Peter wirkt konzentriert, er wählt seine Worte vorsichtig aus. Manchmal wirft er einen Gedanken ein und ergänzt etwas, um das es im Gespräch gar nicht mehr geht. Er ist das Gegenteil von seinem 80-jährigen Kollegen aus dem Innenhof, der über "die Ausländer" schimpfte. Peter spricht wie ein wortkarger Schüler, der einen Erlebnisaufsatz über seine Sommerferien vor der Klasse aufsagen soll. Er sitzt fast schon ein bisschen zu gerade auf seinem Küchenstuhl.

Manche von Peters Sagern könnten auch bei einem Stammtisch unter Polizisten funktionieren. Als er plötzlich von "Jugos" oder von den vielen "Ausländern" in Favoriten spricht – in dem 10. Wiener Gemeindebezirk wurden 42,9 Prozent der Einwohner und Einwohnerinnen nicht in Österreich geboren. Aber dann sagt er auch: "Ich glaube nicht, dass Favoriten deswegen gefährlicher ist."

Er sei in einer roten Arbeiterfamilie aufgewachsen, hätte sich aber später von der SPÖ abgewendet. "Das Parteiprogramm der Schwarzen hat mich abgeholt." Er hätte bei dieser Wahl aber wieder die SPÖ gewählt. "Klassischer Wechselwähler", kommentiert er sein Wahlverhalten. Die FPÖ sei, anders als für seine Nachbarn, nie eine Option gewesen. "Da sind dann doch viele Nazis dabei."

So klare Worte gegen die FPÖ finden sich in der Siedlung an diesem Tag sonst nicht – was wohl auch an der Skepsis gegenüber Medien liegt. Eine Einwohnerin mit Hund und Baby im Arm stört sich am medialen Interesse zu ihrem Wohnblock. Sie wisse von der blauen Hochburg, weil es in jeder Zeitung steht.

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