Politik

Die Taliban sind wieder an der Macht – das hat Folgen für afghanische Frauen

Die islamistische Terrorgruppe behauptet, Frauen dürften weiter arbeiten und zur Schule gehen. Viele trauen ihnen nicht – und haben Angst.
17.8.21
In Kabul übermalt der Mitarbeiter eines Schönheitssalons die Außenfassade des Geschäfts, weil sie eine Frau zeit; viele Afghanen und vor allem Afghaninnen machen sich große Sorgen, was die Herrschaft der islamistischen Terrorgruppe für sie bedeutet
Nach der Machtübernahme durch die Taliban übermalt ein Mitarbeiter eines Schönheitssalons in Kabul das Bild einer Frau auf der Außenfassade | Foto: Kyodo via AP Images

Am vergangenen Wochenende haben die Taliban Kabul eingenommen. Nach dem Vormarsch auf  Kunduz, Herat, Kandahar und Masar-i-Scharif ist jetzt auch die afghanische Hauptstadt in den Händen der Islamisten.  Der afghanische Präsident Ashraf Ghani hat das Land verlassen. Trotz Panik in der Bevölkerung ist es in vielen Teilen der Hauptstadt Afghanistans fast schon unheimlich still, die Straßen sind wie leergefegt. Nervös fragen sich die Menschen, was die Rückkehr der islamistischen Terrorgruppe für sie bedeutet.

Viele Menschen in Kabul – vor allem Frauen – bleiben derzeit erstmal zu Hause. Auch Büros, Läden und Universitäten haben geschlossen. Zwar sagen die Taliban, dass Frauen weiter arbeiten und zur Schule gehen dürften, aber viele Leute bezweifeln das. In einem BBC-Interview sagte der Taliban-Sprecher Suhail Shaheen, dass Frauen nichts zu befürchten hätten und ihr Leben weiter normal leben könnten. "Sie müssen keine Angst haben. Ihr Recht auf Bildung und Arbeit besteht weiter", so Shaheen. Die Taliban würden außerdem keine Rache an irgendjemandem nehmen.

"Ich hatte ein angenehmes und gutes Leben, ich konnte ganz normal arbeiten und Sport machen. Ich konnte ohne Angst außer Haus gehen und Dinge erledigen", sagt eine 22-jährige Studentin gegenüber VICE. Jetzt wisse die Afghanin aus Kabul nicht, ob sie ihr Master-Studium im Fach Politik beenden und weiter ins Fitnessstudio gehen kann. Sie habe aber noch viel größere Sorgen.

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"Was mir viel mehr Angst macht, sind Vergewaltigungen und dass Frauen unter Bedingungen wie in Gefangenschaft leben könnten. Hoffentlich waren alle unsere Mühen der vergangenen 20 Jahre nicht umsonst", sagt die Studentin. "Damals unter der Herrschaft der Taliban zu leben, war keine schöne Erfahrung. Bei denen muss man mit allem rechnen." 

Auf einer Straße der afghanischen Hauptstadt Kabul ist nach der Machtübernahme der Taliban nichts los

Einen Tag nach der Machtübernahme der Taliban sind die Straßen von Kabul wie leergefegt | Foto: bereitgestellt für VICE

Eine afghanische Journalistin teilt die Sorgen der Studentin.

Die 27-Jährige sagt, sie habe Angst, dass sich ihr bisheriges Leben drastisch ändert, und dass man in die "sehr dunkle Zeit" des vorherigen Taliban-Regimes zurückkehrt. "Ich befürchte, dass sie die Redefreiheit und die erlaubten Aktivitäten für Frauen wieder einschränken", sagt die Journalistin gegenüber VICE. Sie sorge sich um die Frauen, die hart gearbeitet und so nicht nur sich selbst, sondern auch Afghanistan vorangebracht hätten.

"Ich kann nicht mehr raus und weiß, dass ich hier nicht mehr sicher bin. Die Taliban werden mich töten."

Wenn bewaffnete Taliban durch die Straßen patrouillieren, haben viele Afghaninnen Todesangst – vor allem die, die den fundamentalistischen Vorstellungen der islamistischen Terrorgruppe nicht entsprechen. 

Eine erfolgreiche afghanische Sportlerin und Frauenrechtlerin sagt gegenüber VICE, dass sie Angst davor habe, was die Taliban mit ihr anstellen. "Jetzt sind sie quasi vor meiner Haustür", sagt sie. "Ich kann nicht mehr raus und weiß, dass ich hier nicht mehr sicher bin. Die Taliban werden mich töten. Sie mögen keine Frauen wie mich." 

1996 kamen die Taliban in Afghanistan schon einmal an die Macht. Ab 2001 kämpfte dann ein internationales Militärbündnis gegen die Terrorgruppe und ebnete einer neuen Regierung den Weg. In den fünf Jahren des ersten Regimes durften Mädchen nicht mehr zur Schule gehen. Frauen durften weder arbeiten, noch Sport treiben. Musik, Filme und Fernsehen waren ebenfalls verboten. Den Taliban wurden Verstöße gegen die Menschenrechte vorgeworfen, denn bei Rechtsprechungen berief sich die Terrorgruppe auf ihre extrem strenge Auslegung der Scharia und setzte auch Steinigen oder Amputationen als Bestrafung ein.

Nach der Machtübernahme durch die Taliban haben in Kabuk viele Geschäfte wie dieses geschlossen

Geschäfte, Schulen und Büros in Kabul blieben am Tag nach dem Kollaps der afghanischen Regierung geschlossen | Foto: bereitgestellt für VICE

Während Kabul darauf wartet, was die nächsten Tage bringen, merken die Bewohner und Bewohnerinnen der afghanischen Hauptstadt schon Veränderungen.

Da sie kaum eine Möglichkeit haben, das Land zu verlassen, verstecken sich viele Frauen zu Hause. Die Passbehörde war geschlossen, als der Flughafen von Kabul ins Chaos stürzte. In vielen Geschäften und Schönheitssalons nahmen die Angestellten Bilder von Frauen von den Wänden. Im Fernsehen wurden statt des üblichen Programms religiöse Sendungen ausgestrahlt – obwohl Taliban-Sprecher Shaheen versprach, dass man die Ausdrucks- und Redefreiheit respektieren würde. Als dieser Artikel geschrieben wurde, strahlten einige lokale Nachrichtensender weiter ihr normales Programm aus.

In den vergangenen Wochen haben die USA, Deutschland und andere Staaten nach 20 Jahren des Kriegs den finalen Abzug ihrer Truppen organisiert. Gleichzeitig haben die Taliban weite Teile Afghanistans in einer rasanten Geschwindigkeit aggressiv zurückerobert und wichtige Städte eingenommen.

"Jetzt sind die US-Truppen weg – und die ganzen schlimmen Verhältnisse von vorher wieder da."

Viele Afghaninnen und Afghanen geben den USA eine Mitschuld. "Als die US-amerikanischen Truppen noch hier waren, lebten die Leute – und dabei vor allem die Bewohner Kabuls und Frauen – ein normales Leben", sagt die afghanische Journalistin. "Jetzt sind sie weg – und die ganzen schlimmen Verhältnisse von vorher wieder da."

Und die Studentin sagt, dass die Welt erfahren müsse, wie schlimm die Situation für Frauen in Afghanistan sei.

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