Popkultur

Hot Take für die nächste Familienfeier: Es wird Zeit, Loriot zu canceln

Er reproduzierte Klischees und trat sie in der deutschen Gesellschaft fest wie Hundescheiße in den Perserteppich.
24.8.21
Loriot sitzt auf einem edel-bürgerlichen Sofa. Es wird Zeit, dass wir Loriot canceln, weil er alte Stereotype reproduziert und damit die Macht des Alten Weißen Mannes stärkt.
IMAGO / M&K | Bearbeitung: VICE

Lametta ist out und wer es benutzt, gilt wahlweise als stilloser Kretin oder witzloser Ironiker. Der Spruch "Früher war mehr Lametta" wird trotzdem jedes Jahr im Winter in wilde Drukos gepackt und bei den meisten Weihnachtsfesten nach dem dritten Wein auf den Gabentisch gesabbert. Das zeigt, wie wenig Loriot in unserer Zeit verloren hat. 

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Dabei war der Satiriker Vicco von Bülow, wie er bürgerlich hieß, einmal ein Superstar. Die Deutschen lieben ihn bis heute für seine Sketche, Bücher und Filme, in denen er den deutschen Geist als das offenlegen wollte, was er ist: obrigkeitshöriger, spießig-verklemmter Schmutz. Nun jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal. Und es ist Zeit, den Aufdecker des Schmutzes mit dem Schmutz zu bewerfen, den er fabrizierte.


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Wer Loriot nicht leiden kann hört oft, er habe keinen Humor, oder wisse einfach nicht, wen Loriot da persifliere. Das ist Unsinn. Erstens bin ich wahnsinnig witzig und zum anderen war das Leben meiner Großeltern, zu denen meine alleinerziehende Mutter meinen Bruder und mich oft brachte, wenn sie mal atmen können wollte, genau das, was Loriot porträtiert. 

Im Wohnzimmer hingen Kronleuchter, es gab eine Couchgarnitur für fünf bis sechs Menschen darin und ein paar Meter weiter eine kleine Sitzecke aus Mahagoniholz-Möbeln. Im Esszimmer servierte Oma pünktlich um zwölf den Braten, den sie den Vormittag über zubereitet hatte. Dann brüllte sie meinen Großvater zehn Minuten lang zunehmend wütender aus dessen Arbeitszimmer heraus, in dem er schon lange nicht mehr arbeitete, aber dennoch den ganzen Tag verbrachte, fein säuberlich separiert von der Familie. Zum Abschluss des Tages gab es meistens Streit. Meine Großeltern waren das, was Loriot meinte.

Und das war immer schon elitistisch-bürgerlicher Mist. Die Hoppenstedts und Winkelmanns und Lohses, die loriotschen Alteregos also, sind nämlich das: Reiche Schnösel, die in schicken Altbauwohnungen oder protzigen Stadtvillen residieren, ihre Angestellten schlecht behandeln und dabei witzig an der Kommunikation miteinander scheitern. Seht, auch die Oberschicht hat Probleme, sie sind wie du und ich.

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Der zweite abendfüllende Spielfilm Loriots, Pappa Ante Portas, erschien 1991. Der Habitus, den seine Protagonisten zelebrieren, kommt aber aus den  60er Jahren. Als die Hausfrau einen Job annehmen will, weil ihr pensionierter Gatte ihr auf die Nerven geht, geht das Ganze gut aus, weil sie sich doch entscheidet, ihr Glück im trauten Heim zu suchen. Loriot ist reaktionäre Propaganda für eine gebildete Ober- und obere Mittelschicht, die dazu dient, einen Status Quo zu zementieren, in dem der Weiße Mann über die Welt herrscht.

Trotzdem gilt Loriot bis heute als satirischer Meister. Er habe so genau beobachten können. Er habe ja auch sich selbst persifliert. Ja, das kann alles sein. Vielleicht ist sein komödiantisches Timing gut, vielleicht sind seine Dialoge auf den Punkt geschrieben. Und doch sind es Klischees, die er reproduziert und damit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft festtritt wie Hundescheiße in den alten Perserteppich. 

Dass Deutschland auch 1988, als Ödipussi erschien, schon lange ein Einwanderungsland war, würdigt Loriot nicht eine Sekunde. Gut, eine Reise nach Italien zeigt die Bevölkerung dort als primitive Bauern. Der Besuch im fancy Hotel hat seinen spannenden Höhepunkt, als der Protagonist in ein Zimmer stolpert, in dem die Mafia hausiert und ihm buchstäblich an den Kragen will. Schon 1988 hätte Loriot Italien vielfältiger darstellen können und rassistische Stereotype vermeiden können – zumal er doch so wahnsinnig schlau war.

Nun ist er also zehn Jahre tot. Und über Tote redet man bekanntlich nicht schlecht, weswegen ich mich auf seine Arbeit beschränken will. Kraweel Kraweel. Witze über Körperfunktionen, das ist also euer gewitzter Satiriker? Dass es auch so viele junge Menschen sind, die Loriots Humor feiern, erinnert oft an den Tatort-Hype um 2015. Was unsere Eltern schon geguckt haben, können wir doch auch feiern, das ist vintage und wenn wir es nicht mögen, können wir uns immer noch ironisch darüber erheben. 

Trotzdem schafft es Loriot natürlich, einige deutsche Eigenarten sehr gekonnt zu benennen. Subtile Herablassung konnte er genau auf den Punkt bringen und damit auch tatsächlich manche Klassenverhältnisse bloßstellen. Nur blieb die Sympathie dabei immer beim Protagonisten. Dem Weißen Mann, der sich die Welt Untertan macht und dabei eben in der Kommunikation ab und zu daneben greift.

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Früher war mehr Lametta? Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann? Kraweel Kraweel? Das ist nicht witzig und selbst wenn ihr es immer und immer wieder wiederholt und so tut, als wäre euch gerade ein schlauer Spruch eingefallen. Ihr klingt dabei wie StudiVZ-Gruppen, denen ihr beigetreten seid, um zu zeigen, wie witzig ihr seid. In Wirklichkeit plappert ihr nur Witze anderer nach, ohne deren Kontext zu verstehen.

Loriot ist deutsch im schlechtesten Sinne. Er gibt den Deutschen die Möglichkeit, über sich selbst zu lachen, ohne sich je wirklich angegriffen fühlen zu müssen. Er zementiert Machtstrukturen und Ressentiments. Loriots Film Pappa Ante Portas, der ja im Grunde die Befreiung der Frau zum Thema hat, erschien 1991. Da ging es darum, ob die Frau einen Job zur Selbstverwirklichung annehmen möchte oder nicht und Loriot löste auf: Nein. Dass Frauen damals noch straffrei von ihren Ehemännern vergewaltigt wurden, zeigt der Film nicht. Der Konflikt zwischen den Geschlechtern bleibt auf kommunikativer Ebene. Noch 1997 stimmten 138 Abgeordnete des Bundestags gegen die Kriminalisierung von Vergewaltigung in der Ehe. 

So hat Loriot also mit seiner Satire weder das Milieu, in dem er lebte, das er zeigte und das er vermeintlich so klug und analytisch sezierte, überhaupt richtig dargestellt, noch etwas darin verändert. Trotzdem wollten die Deutschen nicht sehen, wie unzulänglich diese Art der Satire ist, die ja niemandem weh tat. Wie überflüssig sie war. 

Wie Loriot und die Deutschen, so blieben auch meine Großeltern zusammen bis zu ihrem Tod. Sie verstanden sich nicht, aber sie standen zusammen, in Krankheit und Stresssituationen. Ich denke, beide litten unter ihrer Beziehung, konnten sich ein Leben ohne einander aber auch nicht vorstellen, ein Leben ohne die Kontinuität dieser Ehe. Mit Loriot und den Deutschen ist es vielleicht so ähnlich, es geht nicht ohne, auch wenn ihre Beziehung eine toxische ist. 

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