Drogen

Diese drei Drogen-Apps machen deinen Konsum sicherer

Solange es noch kein flächendeckendes Drug-Checking gibt, muss eben das Smartphone herhalten.

von Maike Brülls
14 Januar 2020, 2:49pm

Bild: imago images / Ikon Images

Blaue Emoji-Kackehaufen, quietschgrüne Handgranaten, rote LKWs: Wer auch immer sich die Designs für Ecstasypillen ausdenkt, scheint Freude beim Kreieren neuer Pressungen zu haben. Ähnlich kreativ sind die Produzierenden leider auch mit dem, was sie in die Teile reinmischen. Mal mixen sie 120 Milligramm des Wirkstoffs MDMA unter, mal gefährlich hohe 308 Milligramm, mal mischen sie noch Koffein rein, mal die neue psychoaktive Substanz 4-Fluoramphetamin.

Für Konsumierende ziemlich ungünstig, denn sie wissen nie, was eigentlich drin ist in ihrem Stoff. Drug-Checking könnte helfen. Doch da ist in Deutschland bisher nur ein einziges Modellprojekt geplant – in Berlin, das Startdatum ist unklar. Zwar sagte die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig nun, sie halte das Testen von Drogen für sinnvoll, aber bis Menschen deutschlandweit überprüfen können, was sie zu sich nehmen, vergehen wahrscheinlich noch viele Partys.


Außerdem bei VICE: Die Wahrheit über Ecstasy


Wie gesundheitsgefährdend diese Situation ist, hat nun auch die Europäische Kommission erkannt. Das EU-Bildungsprogramm "Erasmus+" hat nun die Entwicklung einer App gefördert, die den Gebrauch von Drogen sicherer machen will, indem sie über Substanzen und ihre Wirkungen informiert. "TripApp" heißt sie.

Neben der "TripApp" gibt es noch zwei weitere deutschsprachige Safer Use-Apps. VICE hat sie verglichen.

TripApp

TripApp zeigt Ecstasy-Pillen und ihren MDMA-Anhalt an
Allgemeine Safer Use-Hinweise und konkrete Infos zu Pillen: die "TripApp"

Was kann die App?
"TripApp" gibt eine Übersicht über in europäischen Laboren getestete Pillen, die mindestens 175 Milligramm MDMA enthalten, also hochdosiert sind. Wer seine Substanzen mit Reagenz-Tests, die man im Internet kaufen kann, selbst auf ihren Inhalt überprüft, kann diese Testergebnisse anonym einschicken. Sie erscheinen in der App dann unter "Selbsttests".

Darüber hinaus liefert die App gute Infos dazu, wie man den Konsum von Drogen allgemein sicherer gestalten kann. Gibt man eine Stadt ein, bekommt man lokale Substitutionsangebote, Spritzentauschstellen, Drug-Checking, Safer-Party-Projekte und Drogenkonsumräumen angezeigt. Es gibt auch zu allen europäischen Ländern Infos zur Drogengesetzgebung – allerdings bisher nur auf Englisch.

Irgendwelche Specials?
"TripApp" bietet die Funktion "Klug dosieren". Wer da das eigene Körpergewicht eingibt, kriegt Ecstasy angezeigt, das zwei Milligramm MDMA pro Kilo Körpergewicht enthält, also einen intensiven Rausch bewirkt. Für eine sanftere Wirkung sollte man die Tabletten halbieren.

Auch praktisch: Wer oft in einer bestimmten Stadt unterwegs ist, kriegt auf Wunsch einen Schnell-Alarm über besonders gefährliche Pillen, sobald sie in der Region getestet wurden.

Wie sieht die App aus?
Ein bisschen wirkt sie wie ein Telefonbuch. Das liegt wohl an der gelben Farbe und daran, dass die Übersicht der Teile eine lange Liste ist. Die Fotos der einzelnen Pillen sind ziemlich klein und zeigen auch nur einen Ausschnitt. Dadurch lassen sie sich nicht sofort erkennen.

Was sind die Quellen?
Ein Großteil der Infos zu den Substanzen stammen aus dem Trans-European-Drug-Information-Project (TEDI). Das sammelt die Daten 14 verschiedener europäischer Drug-Checking-Organisationen von Slowenien bis Spanien. Außerdem veröffentlicht die App Testergebnisse von Nutzenden, die ihre Drogen mittels Reagenztests selbst geprüft haben.

Was fehlt der App?
In der "TripApp" fehlen bisher Informationen zu anderen Substanzen als Ecstasy. Wer schauen will, wie stark gestreckt das Kokain gerade in Barcelona ist, wird dort nicht fündig. Die App liefert auch keine Angaben zur Wirkung, Wirkdauer und Dosierung einzelner Substanzen. Außerdem gibt es die App bislang nur für Android-Geräte – iPhone-Nutzerinnen gehen also noch leer aus.

Auch die Funktion "Klug dosieren" könnte noch hilfreicher sein. Etwa, wenn die App eine Dosierempfehlung für bestimmte Teile anhand des Körpergewichtes formulieren würde. Noch besser wäre: Wenn sie noch andere Parameter wie den Konsum der letzten Wochen, die Verfassung, das biologische Geschlecht, wie viel man gegessen hat und den Menstruationszyklus abfragen würde. Dafür müsste es aber extrem sichere Datenschutz-Vorkehrungen geben.

Wer steckt dahinter?
Die drei Nichtregierungsorganisationen Youth Organisations for Drug Action, NEW Net und Help Not Harm.

Fazit
Die App ist praktisch für Festivalbesuche im europäischen Ausland, wenn man sich über die lokal verkauften Ecstasy-Chargen oder die rechtliche Lage informieren möchte.

Ein paar wichtige Infos zu anderen Substanzen fehlen ihr noch. Dafür liefert sie gute Fragen, die man sich vor jedem Konsum ruhig mal stellen kann. Zum Beispiel: "Was ist deine Motivation für die Drogenerfahrung? Welchen Effekt suchst du?" oder "In welchem Setting planst du deinen Konsum? Kennst du diesen Ort? Sind Safer-Use-Materialien verfügbar?

KnowDrugs

KnowDrugs, eine App für Safer Use und Harm Reduction
Übersichtlich und schick designt: "KnowDrugs"

Was kann die App?
Ob hochdosiertes Ecstasy, Alprazolam, das kein Alprazolam ist, oder Cannabis, auf das synthetische Cannabinoide gesprüht wurden: "KnowDrugs" liefert Warnungen zu verschiedenen Drogen in Europa und weltweit. Man erfährt, wie viel des jeweiligen Wirkstoffs in der getesteten Probe ist, wie groß und schwer sie war und wann sie wo getestet wurde. Darunter finden sich Safer-Use-Hinweise.

"KnowDrugs" bietet auch Informationen für den Notfall. Etwa, was zu tun ist, wenn man eine Person bewusstlos, mit Krämpfen oder einem schlechten Trip vorfindet. Man kann über die App auch direkt den Notarzt rufen. Darüber hinaus listet sie Drogenberatungsstellen für viele europäische Städte auf.

Irgendwelche Specials?
Die App informiert umfassend über sehr viele Substanzen von A bis Z, sei es Lachgas, Alkohol, Kokain oder 4-HO-DiPT. Wie schädlich ist eine Substanz für den Körper? Macht sie abhängig und wenn, ja, wie stark? Wie lange wirkt sie und was wäre leichte, mittlere oder starke Dosierung? Auch Wechselwirkungen werden gelistet und wie lange die Toleranz zu der Substanz anhält. Selbst nach Wirkungsmuster, etwa "empathogen", "psychedelisch" oder "Benzodiazepin" lassen sich Substanzen filtern.

Wie sieht sie aus?
Die App ist übersichtlich und intuitiv. Es gibt große Bilder von den jeweiligen Teilen und die Aufteilung ist klar.

Was sind die Quellen?
"KnowDrugs" nutzt die Ergebnisse verschiedener Drug-Checking-Organisationen wie Saferparty in Zürich, CheckIt! in Wien oder The Loop in Großbritannien und Neuseeland. Die Informationen zu den Wirkweisen der unterschiedlichen Substanzen stammen vor allem aus der PsychonautWiki, einer Online-Enzyklopädie zu psychoaktiven Stoffen.

Was fehlt der App?
Man muss den richtigen Suchbegriff wissen. Hat man zum Beispiel Ecstasy in der Form von Breaking Bad-Protagonist Heisenbergs Kopf, dann muss man "Heisenberg" eingeben, um die Pille zu finden. Unter "Breaking Bad" findet man sie nicht. Eine andere Vertaggung wäre hilfreich – oder eine Funktion, in der man nach Farben suchen könnte.

Wer steckt dahinter?
Philipp Kreicarek, ein studierter Sozialarbeiter und Produktdesigner aus Berlin.

Fazit
"KnowDrugs" ist sehr hilfreich, wenn man schnell einen Überblick zu einer bestimmten Substanz bekommen möchte oder wissen will, wie hoch dosiert das Ecstasy sein könnte, das man gekauft hat. Sie ist übersichtlich aufgebaut und liefert Wissen zu sehr vielen psychoaktiven Stoffen.

MINDZONE – sauberdrauf!

MINDZONE - sauberdrauf! enthält viele Informationen zu Drogen
Viele viele bunte Teile gibt's in der App "MINDZONE - sauferdrauf!"

Was kann die App?
"Mindzone" spuckt Testergebnisse zu allen Ecstasy-Pillen aus, die seit 2016 in der Schweiz oder in Österreich untersucht wurden. Sie lassen sich nach Logo und nach Farbe filtern. Man erfährt, wie viel des Wirkstoffs das jeweilige Teil enthält, wie groß und schwer es ist, wie es aussieht und wann es wo zum Testen gegeben wurde. Die App informiert auch über häufig genutzte Streckstoffe. Sie verrät, welche Drogen man möglichst nicht mischen sollte und wie die Gesetzeslage für Besitz und Konsum in Deutschland ist. Nutzerinnen können auch lernen, was in einem Notfall zu tun ist und im Zweifel direkt einen Notarzt aus der App rufen.

Irgendwelche Specials?
"Mindzone" versorgt die Nutzer nicht nur mit Adressen zur nächsten Beratungsstelle, sondern hat auch ein Kontaktformular, über das man sich bei Problemen mit Drogen direkt an das Team wenden kann.

Wie sieht sie aus?
Das ist der Knackpunkt: Sie ist leider ziemlich unübersichtlich. Es gibt viele Kapitel, deren Informationen sich überschneiden und lange Texte, die mit Links hinterlegt sind. Nicht alle dieser Links funktionieren noch. Im Pillenfinder sind die Teile ziemlich klein abgebildet, was es schwer macht, sie zu identifizieren. "Mindzone" mutet an wie eine Homepage, die man in eine App gedrückt hat.

Was sind die Quellen?
Die Testergebnisse stammen von den Drug-Checking-Organisationen SaferParty in Zürich, MDA Basecamp in Innsbruck und CheckIt! In Wien.

Was fehlt der App?
Ein intuitives Layout.

Wer steckt dahinter?
Die Initiative Mindzone aus München, die seit 1996 im Nachtleben über Drogen aufklärt. Unterstützt wird sie von der Caritas und dem Bayerischen Gesundheitsministerium.

Fazit
Die App sieht chaotisch aus, bietet dafür aber recht umfangreiche Informationen zu den Substanzen und Streckmitteln. Wenn man im Club möglichst etwas zu einem bestimmten Teil wissen will, ist sie nicht optimal. Wer sich detaillierter über Drogen informieren möchte, kann sich aber gut mit ihr aufs Sofa setzen und eine Menge lernen.

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