Drogen

Wir haben mit dem Telefondienst eines Drogenrings gesprochen

Paul* koordiniert den ganzen Tag Drogengeschäfte und hat alle Hände voll zu tun.
RC
illustriert von Russell Cuffe
21.1.21
Illustration von einer Figur mit violettem T-Shirt an einem Tisch, die in Händen und Füßen Handys hält, ähnlich gestresst sieht Paul aus, wenn er für einen Drogenring Telefondienst macht
Illustration: Russell Cuffe

Paul* ist Anfang 30 und sitzt für einen Londoner Drogenring am Telefon. Er nimmt Bestellungen entgegen und schickt Fahrer los. Wir haben mit ihm gesprochen.

VICE: Hey, hast du gerade Zeit?
Paul:
Ja, Sekunde, ich muss mich gerade um die Fahrer kümmern. [30 Sekunden später] OK, schieß los. 

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Super. Was verkaufst du und wo?
Ich kann dir unser Menü schicken, wenn du willst. Nur das Übliche: Koks, Gras, MDMA, Pillen, Ketamin. Wir sind recht exklusiv, wir verkaufen nur Premium-Ware. Die Kunden rufen unsere Nummer an, ich nehme die Bestellungen auf und reiche sie an unsere Fahrer weiter, die mir dann die voraussichtliche Lieferzeit durchgeben. Wir haben rund um die Uhr Fahrer, die alle Ecken der Stadt abdecken.

Wie bist du zu diesem Job gekommen?
Seit ich 17 bin, verdiene ich Geld mit Verbrechen: Drogen und Raubüberfälle. Obwohl ich ganz normal studiert habe, weiß ich, wie man illegal Geld verdient. Ich sehe das hier allerdings nicht wirklich als Verbrechen. Ich gefährde niemanden und wende keine Gewalt an. Das war bei mir früher schon mal anders. In meinem Freundeskreis habe ich einige Leute, die gegen Gesetze verstoßen, und die bieten mir Positionen an, bei denen sie meine geistigen Fähigkeiten und Kommunikationsskills brauchen. Die liegen bei mir über dem Durchschnitt der Fahrer. So bin ich hier am Telefon gelandet.


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Was meinst du mit "geistige Fähigkeiten"?
Du musst auch unter Druck ruhig bleiben: Hier kommen manchmal vier oder fünf Bestellungen gleichzeitig rein, die Fahrer erreichen ihr Ziel, die Kunden wollen ihren Stoff. Du musst deine Ressourcen gut einteilen und eigenständig denken. Du kannst nicht wegen jedem Problem deinen Boss anrufen. Wofür haben die dich sonst eingestellt? Du musst jeden Verkauf sorgfältig notieren: wann wurde die Bestellung aufgegeben, welcher Kunde, neu oder alt. Neukunden musst du über unser Sicherheitsprotokoll abchecken.

Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber letztens hat mich ständig dieses Mädchen angerufen: "Ich habe die Nummer von So-und-So, ehrlich, ich bin nicht bei den Bullen, ich bin Krankenschwester. Ich bin gerade mit meiner Schicht fertig und will high sein." Aber wenn du Tausende Leute in deinem Telefon gespeichert hast, die dir alle 08/15-Namen wie "John" geben, dann kannst du das unmöglich kontrollieren. 

Wie ist generell dein Umgang mit Kundinnen und Kunden?
Unser Ziel ist es, eine Art Premium-Service zu bieten. Meinen Umgang mit Kunden würde ich als höflich bezeichnen. Wenn jemand zum Beispiel zwei Stunden auf die Lieferung warten muss, schreibe ich: "Unser Fahrer wird sich sobald wie möglich auf den Weg machen. Leider kommt es aufgrund von Bauarbeiten zu Verzögerungen. Wir bitten, diese Unannehmlichkeit zu entschuldigen." 

Höflichkeit ist alles. Natürlich wird es immer ein paar eingebildete Arschlöcher geben, die genervt sind, aber die meisten Kunden sind zufrieden, wie wir sie behandeln. 

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Wie sieht ein Arbeitstag bei dir aus?
Ich arbeite von 12 Uhr mittags bis Mitternacht, manchmal auch bis 1:30 Uhr, wenn viel los ist. Silvester habe ich quasi bis 4 Uhr morgens durchgeackert. Ich hatte noch nicht mal Zeit, etwas zu essen. Um 10 Uhr morgens hatte ich gefrühstückt und um 00:30 Uhr hat meine Freundin dann Pasta gemacht. Ich musste dann mein Handy auf Lautsprecher stellen und den Fahrern ihre Ziele zuteilen, während meine Freundin mir Nudeln in den Mund geschoben hat. Gefeiert habe ich null. Einmal hat mich meine Mutter angerufen, um mir ein frohes neues Jahr zu wünschen. Im Hintergrund haben die Handys weitergeklingelt. Ich habe ihr gesagt, dass ich mir mit meiner Freundin das Feuerwerk anschaue, in Wahrheit saß ich mit knurrendem Magen und Rückenschmerzen an meinen Handys. Um 4 Uhr habe ich schlussgemacht, die Handys ausgeschaltet und bin einfach weggepennt. In dieser Nacht haben wir Zeug für rund 35.000 bis 40.000 Pfund verkauft.

Hast du für deinen Silvesterdienst einen Bonus bekommen?
Ich werde pro Stunde bezahlt. Es ist also egal, ob besonders viel los ist oder nicht. Damit bin ich aber zufrieden.

Wieviel verdienst du?
In der Regel zwischen 600 und 1.000 Pfund die Woche. Es hängt aber auch davon ab, wie viele Bestellungen ich reinkriege und ob ich Überstunden machen muss. Wir haben eine Zeit, nach der wir keine Bestellungen mehr annehmen, aber ich muss noch dranbleiben, bis auch die allerletzte Lieferung abgeschlossen ist.

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Nach Silvester ist es viel ruhiger geworden. Normalerweise haben wir vier Fahrer auf der Straße, jetzt sind es meistens nur zwei oder drei. Ansonsten würden die Bosse nicht genug Geld für die Bosse über ihnen machen.

Hat sich der Lockdown auf das Geschäft ausgewirkt?
Nicht wirklich, wir haben genau so viel zu tun wie sonst. Ich glaube, die Leute scheißen auf den Lockdown. Einige unsere Kunden bezahlen für Premiumkoks, bestellen vier Gramm auf einmal. Viele hängen in kleineren Gruppen ab, aber ein paar Verkäufe gehen definitiv auch an Hauspartys oder Raves: die hocken auf jeden Fall nicht mit einem Gläschen Wein zu Hause.

Was ist mit der Lieferkette? Freunde in anderen Städten haben sich beschwert, dass das Koks immer mehr gestreckt wird.
Moment, ich muss gerade ein Menü an eine Kundin schicken, so. Nein, nicht wirklich. Nur diese Encrochat-Geschichte hat uns etwas gefickt, weil dadurch ein paar Leute am oberen Ende der Lieferkette hochgenommen wurden. Das hat die Lieferungen ein paar Wochen lang beeinträchtigt. Aber um ehrlich zu sein, bekommst du hier im Callcenter nicht wirklich mit, was bei den großen Lieferungen läuft – genauso wenig wissen das die Fahrer. Selbst wenn jemand auspacken wollen würde, könnte er das gar nicht.

Habt ihr Sonderangebote oder so?
Bei uns gibt es manchmal Mengenrabatt, aber nichts Besonders – drei Gramm Keta für 100 Pfund zum Beispiel. Unser Kundenstamm umfasst mehrere Tausend Personen. Wenn jemand besonders viel bestellt, schmeißen wir noch ein bisschen was umsonst mit rein als Dankeschön. Manchmal bekommen wir auch lustige Nachrichten. Jemand bestellt für 40 Pfund Gras und sagt: "Jo, ich habe euch letztens meinem Kumpel Angelo empfohlen, kann ich eins gratis haben?" Die wissen nicht, dass ich 3.000 bis 4.000 Leute auf meinem Handy habe. Aber das sage ich natürlich nicht. Ich sage dann so etwas wie, dass wir aufgrund der vielen Bestellungen nichts kostenlos rausgeben.

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Was hältst du von der ganzen Corona-Geschichte?
Obwohl ich selbst illegale Sachen mache, fände ich es besser, wenn sich alle an die Regeln halten, Masken tragen und keine großen Treffen veranstalten würden, damit das alles endlich ein Ende hat. Dieser ganze Lockdown ist scheiße: kein sozialleben, keine Restaurants. Was bringt es, Drogendealer zu sein, wenn du mit dem ganzen Geld nichts Schönes machen kannst?

Halten sich deine Fahrer an die Abstandsregeln?
Ja, unsere Fahrer tragen Masken, aber einige sind auch Verschwörungstheoretiker. Die glauben, dass die ganze Pandemie geplant ist und wir bald Mikrochips eingepflanzt bekommen.

Werden die jetzt nicht öfter von der Polizei kontrolliert?
Wir verlieren immer mal wieder Fahrer, aber ich will jetzt nicht zu viel verraten. Wir haben alle verschiedene Vorgaben für einen solchen Fall, an die wir uns halten müssen. 

Klingt alles ziemlich anstrengend. Was machst du, um dich zu entspannen?
Gerade komme ich zu nichts. Früher bin ich jeden Morgen Boxen gegangen, bis die Sporthallen zumachen mussten. OK, sagen wir es so, ich habe versucht, jeden Morgen Boxen zu gehen, wenn ich nicht zu fertig war. Nach der Arbeit lese ich ein Buch oder eine Graphic Novel, weil meine Augen davon wehtun, ständig auf Bildschirme zu starren. Aber ich mache das auch nicht Vollzeit. Nächste Woche werde ich mir freinehmen.

*Name geändert.

Niko Vorobyov ist ein verurteilter Drogendealer und hat das Buch 'Dopeworld' über den internationalen Drogenhandel geschrieben. Folge ihm auf Twitter @Lemmiwinks_III und VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.