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Australien vernachlässigt die eigenen DJ-Talente

Korruption, Gesetze und Mainstream-Festivals—Newcomerin Claire Morgan über den Kampf der elektronischen Szene in Australien.
11.11.14
Foto: Linus Dessecker

Nach lediglich vier Gesprächen wollen wir es noch nicht wagen, ein großes Zwischenfazit über die Erkenntnisse unsere Serie „Interviews of The World" zu ziehen. Dennoch lässt sich bereits jetzt schon sagen, dass man sich nicht nur in Japan, sondern auch in Spanien und Argentinien große Sorgen über die Wahrnehmung und Perspektiven der neuen Generation junger DJs macht. Ist die Nichtbeachtung nachrückender Talente etwa eine auf allen Kontinenten vorzufindende Fehlentwicklung? Auch bei unserer nächsten Station Australien sieht die aktuelle Situation nicht ideal aus. Obwohl die Einblicke von Claire Morgan auf einige Limitierungen und Ungleichgewichte in der Szene hinweisen, kämpft der Underground nicht nur mit Bravour, sondern sucht sich immer wieder Möglichkeiten, um ins Bewusstsein der Gesellschaft vorzudringen. Morgan selbst ist vor einigen Jahren nach Berlin gezogen, um hier ihrer Bestimmung zu folgen. Und der eingeschlagene Weg gibt ihr Recht, spielte sie doch innerhalb der letzten zwei Jahre in nahezu allen wichtigen Berliner Clubs—vom Chalet zum Suicide Circus über About Blank und Tresor bis hin zur Panorama Bar.

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Ein frühes Schlüsselerlebnis markierte 2001 sicherlich der Kauf ihrer ersten Single: Four (4x3) von den Capoeira Twins. Damals sang Morgan dem Verkäufer ohne Scheu die markante Vocal-Hook vor, nur um in Besitz der 12-Inch zu kommen. Logisch, dass der selbsternannte Vinyl-Junkie in Sydney später selbst in einem Plattenladen arbeitete. Bereits in ihrer Kindheit träumte die Dame aus Down Under davon, eines Tages Film-Komponistin zu werden und setzte dieses Ziel mit ihrem Master in Musik für Film & TV auch in die Tat um. Anschließend arrangierte sie nicht nur Orchester, sondern schrieb auch die Musik für Kinderserien. Und wie es der Zufall so wollte, war sie vor dem Interview mit THUMP genau drei Wochen für eine kleine Tour in ihrer Heimat unterwegs und konnte unmittelbar und aus erster Hand mit uns über den Status Quo der Szene sprechen. Und natürlich haben wir uns die Chance nicht nehmen lassen, auch etwas über Berlin zu erfahren – aus der Perspektive der australischen Newcomerin.

THUMP: Claire, wie lange warst du Teil der australischen Musikszene? Wo hat für dich alles begonnen und warum bist du nach Berlin gezogen? 
Claire Morgan: 2001 habe ich angefangen in Brisbane aufzulegen, doch 2003 bin ich nach Sydney gezogen und verbrachte 2010 auch ein Jahr in Melbourne. Residencies hatte ich in allen drei Städten und es war großartig an der gesamten Ostküste zu spielen. Berlin hat mich umgetrieben, seitdem ich 2006 hier einen Monat verbracht habe, aber ich wollte damals erst mal meinen Master abschließen und meine Priorität war es, Filmmusik zu komponieren. Vor ein paar Jahren habe ich dann realisiert, dass das Auflegen Überhand gewonnen und mich einfach mehr begeistert hat. Berlin bietet zweifelsfrei den höchsten Standard der elektronischen Musik in der Welt.

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Wir wenden uns gleich der Clubszene in Australien zu, aber könntest du vorher mal vergleichen, was sich für dich etwa beim Entdecken von neuer Musik durch deinen Umzug verändert hat? 
Als ich nach Berlin zog, waren die meisten Plattenläden zu Hause bereits geschlossen und man konnte nirgendwo mehr an aktuelle Musik kommen. In Berlin gibt es so viele großartige Stores, die ich nicht mal alle ausgecheckt habe. Ich lebe in der Nähe von Hard Wax, Bass Cadet, Record Loft und Spacehall und die halten mich schon genug auf Trab. Hier ist es wirklich erschwinglich, mit Vinyl zu spielen, jede Woche warten die neuesten Platten und ich finde es ungeheuer bereichernd mit Hilfe dieser Fertigkeit aufzulegen, die ich über die Jahre verfeinert habe, statt auf einem Pioneer CDJ zu tippen, was jeder in fünf Minuten lernen kann.

Es heißt, die Mainstream-Festivals in Australien seien ziemlich dominant. Ist das noch immer der Fall und wie würdest du diese Festivals beschreiben? 
Die größten Festivals in Australien sind EDM-ausgerichtet, wobei die „Underground"-Musik auf kleinen Seiten-Bühnen zumeist in Form von Tech-House vertreten ist, den man von der ultra-vermarkteten Szene Ibizas kennt. Den internationalen EDM-Acts werden kolossale Gagen gegeben, die meisten lokalen DJs hingegen sind unterbezahlt und spielen für gewöhnlich auch nur in den ersten Stunden des Festivals. Die Promoter meinen, die lokalen DJs würden keine Ticket-Verkäufe generieren—das stimmt schon irgendwie, aber die lange Geschichte hat gezeigt: Australien vernachlässigt seit jeher seine eigenen Talente. Es ist entmutigend, dass bei diesen Festivals das große Geld sitzt und dennoch gibt es kein Verlangen seitens der Organisatoren mit ihrer finanziellen Macht Musik jenseits des Mainstream zu fördern. Das Gute an diesen budget-starken Festivals ist, dass sie aber ein, zwei Underground-Größen buchen, die für gewöhnlich nach dem Festival noch in einem Club auflegen.

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Gib uns doch bitte einen Einblick in die Clubszene Australiens! Seit wann gibt es eigentlich Dance-Clubs in Down Under? 
Die Clubszene existiert seit den späten 80ern, frühen 90er-Jahren, aber ich kann keine persönlichen Erfahrungen wiedergeben, weil ich zu dieser Zeit selbst noch ein Kind war. Melbourne war für seine frühe Techno-Szene bekannt, gerade durch Clubs und Crews wie Commerce Club, Hardware, Teriyaki Anarki Saki, Honkytonks und Revolver. Die neuen Gesichter wie Out of Focus, Sleep D, Animals Dancing und The House de Frost sind starke Nachkömmlinge, die coole Sachen machen.

Dominiert Techno auch die anderen Städte des Landes? 
Adelaide hatte eine große Jungle/D'n'B-Szene und ist die Heimatstadt von Australiens international anerkanntestem Produzenten DJ HMC. Perth und Brisbane hingegen waren früher stark beim HipHop, Breakbeats und Jungle. Aber ich male hier ein Bild mit einem großflächigen Pinsel, den viele Arten von elektronischer Musik existierten in diesen Städten über die Zeit hinweg. Brisbane hatte auch eine krasse Underground-Szene Ende der 90er und Anfang der Nullerjahre, die aber durch kommerzielle Dance-Musik verdrängt wurde. Aber es sieht durchaus vielversprechend aus, die Underground-Party-Veranstalter Subtrakt haben jüngst ihren siebenten Geburtstag gefeiert, was beileibe kein Zuckerschlecken war.

Gab es denn in den letzten Jahren irgendwelche Neuerungen, die du als besonders gravierend oder markant beschreiben würdest? 
Die bedeutendste Entwicklung war in Sydney zu beobachten—in der Stadt, die mal für ihre Schwulenszene und frühen Warehouse-Partys bekannt war. Hier gibt es ein neues „Anti-Violence"-Alkoholgesetz, das besagt: Du musst deine Drinks aus Plastikbechern trinken und nach Mitternacht beschränkt sich der erlaubte Alkoholkonsum auf eine kleine Getränke-Auswahl, die aber Wein und Champagner nicht einschließt. Außerdem kommst du nach 1:30 Uhr nicht in einen Club und der Ausschank endet um drei Uhr morgens. Die Folge ist, dass viele Venues um diese Uhrzeit bereits schließen und das lähmt natürlich den Underground, weil dann ja gerade erst der Peak der Party erreicht wird. Da ist viel Heuchelei und Korruption im Spiel, denn die beiden Casinos in Sydney sind von diesem Gesetz ausgeschlossen, genauso wie schon vorher beim Nichtraucher-Gesetz. Einige Locations bleiben trotz hoher Kosten zwar länger geöffnet, aber allgemein wird es schwieriger, internationale Künstler nach Sydney zu holen. Das sind viele schlechte Neuigkeiten und ich habe großen Respekt und Bewunderung gegenüber denen, die dafür kämpfen, die Szene am Leben zu halten, wie etwa Mad Racketdas sind seit 16 Jahren eine Institution und immer noch die beste Underground-Party im Land.

Da du ja beide Welten kennst, was ist in deinen Augen der Hauptunterschied zwischen der europäischen und australischen Szene? 
Der Hauptunterschied sind die Clubs selbst, und ich spreche nicht von den Soundsystemen oder der Qualität des Equipments. Mir fallen nur wenige, hingebungsvoll geführte Underground-Clubs in Australien ein, die ein Gefühl ausstrahlen, das man zum Beispiel mit dem im Berghain vergleichen kann. Dieses Gefühl eines Gebäudes, das Woche für Woche und Jahr für Jahr, beständig diese Energie aufrechterhalten kann. Die meisten Locations in Australien sind temporär oder nur sehr kurzlebig, die Gesetze verändern immer wieder die Szene, die sich dementsprechend anpassen muss und das Publikum ist gelangweilt. Die Clubs müssen sich dann wiedererfinden und die Energie muss erneut vom Grund auf erschaffen werden.

Das klingt so, als seien DJs eher Außenseiter in Australien, demnach ist die elektronische Musik wohl kaum Teil der etablierten Kultur, nicht wahr? 
House und Techno waren in Australien immer fest im Underground verankert und finanziellen Problemen ausgesetzt—der Respekt der Öffentlichkeit ist generell sehr niedrig. Die Musikpresse tendiert auch dazu, Dance Music eher als Jugendkultur abzustempeln. Nach meinem Umzug nach Berlin habe ich erstaunt bemerkt, dass das was ich mache, hier wichtig ist und ich habe realisiert, dass die meisten meiner Idole in ihren 40ern sind. Ein Underground-DJ Mitte Vierzig in Australien wird als armselig angesehen, nach dem Motto: Ist es nicht langsam Zeit für dich, einen richtigen Job zu ergreifen? Als ich 24 Jahre jung war, sagte in Sydney mal ein großer Tour-Agent zu mir, dass ich bereits zu alt sei und sich niemand für mich interessieren würde. Was für eine Pfeife.

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Die Frage nach den Veränderungen im Underground stellt sich quasi gar nicht so wirklich oder gab es trotzdem einen wichtigen Wandel?
Es hat sich definitiv eine Art von „Mainstream Underground" herausgeschält, der vollkommen losgelöst von EDM und an der Seite vom „Nischen-Underground" existiert. Ersteres trifft auch Sydney zu, wo dieser populäre und deepe Tech-House gespielt wird—der Schwerpunkt liegt auf den gewohnten, geläufigen Tracks, dem Spaß, Hype-DJs—und die Crowd ist auch jung. In Melbourne hingegen gibt es viele Nischen-Partys und Locations, denen es ganz gut geht. Der Underground in Australien liegt sicherlich ein wenig hinter den Entwicklungen in Berlin zurück, aber das Publikum und die Partys sind verdammt amüsant. Die Leute arbeiten sehr hart. Sie wollen am Wochenende gute Musik hören und die Zeit genießen—das kann ich immer wieder beobachten, wenn ich daheim auf Tour bin.

Zum Abschluss würde ich auch dich bitten, uns ein besonderes Stück aus deinem Plattenkoffer zu präsentieren. Welcher Track macht dich auch heute noch süchtig? 

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