FYI.

This story is over 5 years old.

Portrait

Willkommen in Holly Herndons freundlicher, reservierter Welt

Die experimentelle Electro-Künstlerin—die gerade ihr zweites Album ‚Platform‘ veröffentlicht hat—hat uns zu sich nach Hause zum Essen eingeladen.
5.6.15
Dessie Jackson

Ja, Herndon ist quirlig und freundlich, mit großen blauen Augen und einem ansteckenden Lachen. Ja, ihr Lachen ist gewaltig und warm, zaghaft beruhigend, so wie das Lächeln auf den Werbeplakaten von Zahnärzten manchmal. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie einen vollkommen Fremden zu sich nach Hause einlädt, ohne dass es vorher mehr als ein oder zwei Mails gab. Ganz davon abgesehen, dass sie und ihr Partner Mat Dryhurst gerade dabei sind, eine Art exotische Gemüsepfanne für ihren Gast zuzubereiten.

Anzeige

Aber in diesem Moment der Begrüßung, der ersten vorsichtigen Begutachtung und Decodierung, nur ein paar Sekunden lang, fühle ich eine gewisse Vorsicht, etwas Reserviertheit—die auch in vielen ihrer Kompositionen zu finden ist. Auf Movement, ihrem kaleidoskopischem Debüt von 2012, sogar bei ganzen Tracks. Auf ihrem Nachfolger, Platform, der gerade auf 4AD erschienen ist, lebt sie in einer etwas fokussierteren Weise weiter. Das alles ist merkwürdig sichtbar, nur für einen Moment, bevor Herndon mich reinbittet und das Gespräch sich um ein geheiligtes Ritual des amerikanischen Südens namens „Clogging" dreht.

„Es gibt in Virginia diesen Laden", erzählt sie mir, während sie sich an den Küchentisch setzt. „Es wird dort Country und Bluegrass gespielt und dann stehen die Leute auf und cloggen und improvisieren. Sie sind wie die Rhythmus-Sektion. Es ist verrückt."

Ein bisschen wie Stepptanz, erklärt sie, aber zu alter Country-Musik—die Art mit der sie in ihrer Heimat in Johnson, Tennessee aufgewachsen ist. Es ist auch als Hoe-Downing, Jigging oder Sure-Footing bekannt. Clogging ist irgendwann in den 1920ern in North Carolina entstanden und in manchen Teilen des Südens heute noch beliebt. Dabei zuzusehen bedeutet, etwas Ausgelassenes, Übertriebenes, Theatralisches zu erleben—genau das, was du nie während einer von Herndons Kompositionen sehen würdest.

„Es ist kein lockerer Tanz, den du bei einem normalen Konzert sehen würdest", sagt sie, während ihr Lächeln breiter wird. „Diese Leute machen verrückte Bewegungen und du kannst erkennen, dass einige von ihnen wie Stars sind."

Anzeige

„Erinnerst du dich an diesen 18-jährigen Typen?", fragt sie Dryhurst, der in der Küche steht, an einer elektronischen Zigarette zieht und Sriracha-Sauce in die Gemüsepfanne spritzt. „Er war eindeutig der krasseste Typ der Stadt." Er hat die ganze Zeit gecloggt. Er ist rausgegangen und hat eine geraucht und ist dann wieder reingekommen und hat alle in den Schatten gecloggt."

„Es gibt da diese ganzen Touristen und Liebhaber, die in D.C. waren und sich entschieden haben, runterzufahren", erklärt mir Dryhurst.

Herndon entgegnet: „Ich denke, wir waren die Touristen." In diesem Moment treffen ihre Augen meine und wandern hinunter auf das Diktiergerät, das vor ihr auf dem Tisch liegt. „Denkst du, dass das sehr biografisch wird?", fragt sie einmal mehr verhalten. „Ich mag es, wenn die Dinge nicht so das, das, das, das sind." Sie teilt mit ihrer Handfläche imaginäre Segmente ein. „Das ist in diesem Jahr passiert, das in jenem."

Ordentliche Chronologien, erklärt sie, machen sie nervös.

Hier kommt trotzdem eine. Herndon hat ungefähr in dem Alter angefangen, sich mit Musik auseinanderzusetzen, in dem sie mit dem Laufen angefangen hat. Als Kind hat sie sich in der Kirche mit Gitarre beschäftigt, aber hauptsächlich darauf konzentriert, im Chor zu singen. Mit 16 hat sie Tennessee verlassen, um für ein Semester in Berlin zu studieren, ist dann mit 18 zurückgekehrt und dann wieder nachdem sie mit dem College in Washington D.C. fertig war. Sie hat gekellnert, hinter der Bar gearbeitet und die Clubs belagert, wenn sie dort gerade nicht gearbeitet hat. Letztendlich hat sie einen Job in einem Startup-Unternehmen gefunden, das eine Musikdatenbank erstellt hat und bei dem sie verschiedene Songs auf der Grundlage einer Reihe stilistischer Kriterien kategorisiert hat. Das alles war, wie sie sagt, genauso langweilig, wie es klingt.

Anzeige

In ihrer Freizeit hat sie angefangen, mit Sequencern herumzuspielen und mit anderen Musikern zu kollaborieren, die Sachen mit Elektronik gemacht haben, die sie noch nie gesehen hatte. Sie ist gelegentlich aufgetreten, hat sich aber selbst nicht als richtige Komponistin gesehen.

„Ich denke, es war so", sagt sie, „dass ich nach Berlin gegangen bin, dort viel Zeit verbracht und mich bis zu einem gewissen Grad entwickelt habe. Und dann stieß ich irgendwie an die Grenze von dem, was dachte, mir selbst beibringen zu können und die Ressourcen waren aufgebraucht, also beschloss ich, das Mills College im Norden Kaliforniens zu besuchen."

Wenn Berlin, mit all seinen Partys und dem ausschweifenden Hedonismus, das eine Ende des anregenden Spektrums war, dann war Mills das andere. Herndon und ihre Kommilitonen im Masterstudium haben anfangs in starren Zwängen gearbeitet. Das erste Stück, das sie komponiert hat, hatte nur einen Input und einen Output—„ein Mikrofon und einen Lautsprecher oder etwas ähnlich Simples. Jede Woche durftest du dann etwas hinzufügen, um es etwas komplizierter und anspruchsvoller zu machen. Das war eine wirklich gute Hürde, die es zu überqueren galt—da alles perfekt sein musste." Herndon hat im Mills College viel gelernt. Aber sie hat sich auch ruhelos gefühlt, mit der Kluft zwischen der Musik, die sie dort gehört hat—minimalistisch, schwer verständlich, gedacht für einen Raum voller Komponisten, die sich am Kinn kratzen—und dem dröhnenden House, der ihre kreativen Impulse überhaupt erst bewirkt hat. Es musste doch einen Mittelweg geben.

Anzeige

Movement

war genau das. Die Platte erschien im November 2012, kurz nachdem Herndon ein PhD-Programm am Stanford's Center for Computer Research in Music and Acoustics (CCRMA) begonnen hatte, und hat offen akademische Aspekte mit der zappeligen Dynamik eines Berliner Clubs verbunden. Die acht Songs sind ambitioniert und hypnotisierend, aber es gibt auch eine Schroffheit in ihrem Aufbau, die Herndons Unruhe verrät. „Fade" zum Beispiel ist so geradlinig, wie für sie nur möglich—eine sich windende Klanglandschaft aus hektischen Synths und fragmentiertem Gesang, unterlegt mit eine Four-On-The-Floor-Beat. Trotzdem findet man ihn zwischen zwei der anspruchsvollsten Songs des Albums, „Terminal" und „Breathe", beide zerhackt und ohne Rhythmus. Der Titeltrack, ein weiteres verschlungenes Dance-Workout, fällt ebenfalls zwischen zwei gebrochene Noise-Interludes; als wäre er absichtlich versteckt.

Wenn sie heute auf Movement zurückschaut, dann sagt Herndon, dass die Platte eine notwendige Übung dafür war, die Hochschule mit dem Dancefloor zu verbinden—oder sie zumindest in die Nähe des jeweils anderen zu bringen. Es war das Album, was sie machen musste, um zu Platform zu gelangen.

„Ich habe mich darauf damit arrangiert, dass ich [meine Einflüsse] im gleichen Universum haben wollte", sagt sie. „Das war etwas, über das ich ziemlich viel nachgedacht habe. Und dann habe ich gedacht: ‚OK, sie existieren zusammen auf dieser Platte, aber auch nicht wirklich. Sie sind wie Nachbarn.'"

Anzeige

In den zweieinhalb Jahren seit der Veröffentlichung von Movement hat Herndon sich dem Mainstream angenähert. Sie hat beim Indielabel 4AD unterschrieben, zusammen mit St. Vincent gespielt und Arbeiten aufgeführt, die eigens für ein „Multichannel Ambisonic Speaker System" im New Yorker Guggenheim Museum geschrieben wurden. Aber dieser Erfolg wirft seine eigenen Fragen auf: Können ihre geistreichen und sperrigen Kompositionen sowohl ein Dance- als auch eine Experimental-Publikum ansprechen, ohne sich von beiden Richtungen zu entfremden? Kann sie ein neues Publikum gewinnen? Welchen Einfluss wird das Geld und die Poliertheit, die unausweichlich mit einem Majorlabel-Deal verbunden sind, auf ihren Sound haben? Und—vielleicht am wichtigsten—wie passt eine in Tennesse geborene, von Berlin besessene Stanford-Doktorandin in das Ökosystem Popmusik?

Die Antworten findest du alle im neuen Album Platform, auch wenndas nicht leicht ist. Die Hooks sind einfacher auszumachen und präsenter, sicher; aber Herndons experimentelle Neigungen sind auch viel kühner als auf Movement. „Morning Sun", das in der Mitte des Albums zu finden ist, ist sicherlich das konventionell eingängigste Stück, das sie jemals geschrieben hat; es erinnert an frühe Yeasayer und Sufjan Stevens' gelegentliche Synthie-Anflüge. Wieder andere, wie „Unequal"—ein abgehackter, freier Zickzack zwischen menschlicher Stimme und digitalen Tönen—scheinen dieselbe Frage aufzuwerfen, mit der sich Herndon auf Movement schon beschäftigt hat: Wo genau ist die Überschneidung zwischen uns und unseren Maschinen?

Anzeige

Diese Frage könnte tatsächlich als zentrale These für die Erschaffung von Platform dienen. Der Hauptunterschied ist dieses Mal, dass Herndon eine Menge Kollaborateure an Bord geholt hat, um dies zu ergründen. Zusätzlich zu dem Künstler Spencer Longo aus Los Angeles hat sie die Sänger Amanda DeBoer, Colin Self und Stef Caers sowie die Klangkünstlerin Claire Tolan ins Boot geholt. Tolan, die sich auf Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR) spezialisiert, eine Art Klangtherapie-Praxis mit öffentlicher Beteiligung, ist für die geflüsterten Bestärkungen, die in „Lonely at the Top" zu hören sind, verantwortlich, eine eindringliche Kritik an der Selbstbestätigung in der Kultur der Superreichen.

Herndons Hauptpartner waren jedoch Vinca Kruk und Daniel van der Velden, Gründer der radikalen niederländischen Designfirma Metahaven. In Zusammenarbeit mit Herndon und Dryhurst haben sie das Album-Artwork zusammengestellt und zwei der Musikvideos produziert; außerdem haben sie als kreative Berater fungiert. Anfang 2014, als Herndon angefangen hat, die klanglichen Fragmente zusammenzustellen, die später zu Platform werden sollten, hat sie Kruk und van der Velden dafür herangezogen, die Webseite call.hollyherndon.com zu schaffen. Indem der User dort über Bilder von Herndon gefahren ist, konnte er unfertige Teaser ihrer Ideen hören.

„Einen ästhetischen Ansatz zu Hollys sich entfaltender künstlerischer Präsenz und Rolle zu entwickeln, war wirklich interessant", sagt van der Velden. „Ihre Musik ist prägnant und dabei anstrengend … sie ist lyrisch, schmerzhaft und fragmentiert, trotzdem passt alles zusammen."

Anzeige

Platform ist wahrscheinlich eines der besseren Alben—nicht nur eines Elektro-Künstlers—das wir 2015 hören werden. Herndon hat ein wirklich zugängliches und sonderbar süchtig machendes Erlebnis erschaffen, indem sie die Eigenarten, die Movement herausfordernd gemacht haben, noch verdoppelt hat. Diese Qualitäten, die bei einem konventionelles Pop-Album gekappt worden wären, waren stattdessen hier entscheidend dafür, ein Album zu erschaffen, das in einem Moment aufwühlt und im nächsten Moment zwinkernd den nächsten Moment herbeiruft. Ein Album, das sehr so ist, wie Herndon selbst.

„Meine Rolle ist, mit dem Publikum zu kommunizieren", sagt sie Monate nach unserem ersten Treffen. „Ich bin aber nicht in der Lage, dies zu tun, wenn ich sofort eine Mauer vor den Leuten aufbaue und versuche, sie dazu zu bringen, über die Mauer zu klettern, um zu mir zu gelangen. Daran bin ich nicht wirklich interessiert. Ich bin mehr daran interessiert, Einstiege zu bieten."

San Francisco, so Herndon, ist eine fordernde Stadt für Künstler. Herndon mag die Clubs der Stadt nicht und für sie ist die Zeit hier eher gleichbedeutend mit Recherche und Schreiben als mit dem Auftreten. Obwohl sie von den akademischen Möglichkeiten beeindruckt ist—besonders in Stanford, wo sie letzten Winter einen Kurs mit dem Titel „Die Ästhetik der experimentellen elektronischen Musik von 1980 bis heute" gegeben hat—hält sie die Stadt nicht für die Art von musikalischem Brutkasten wie Berlin oder New York. Zu viel Geld, zu wenig Unterstützung.

Anzeige

Als sie im März auf dem Noise Pop Festival in der Stadt gespielt hat, schien ihr Set diese Ambivalenz zu verdeutlichen. Sie wurde in einer Ecke des Labors positioniert, einem Raum im Mission District, stand gebeugt vor ihrem Laptop während einige Überwachungskameras das Publikum abgefilmt haben. Das Konzert hat sich angefühlt wie eine Konfrontation—eine Subversion des Konzepts der Performance. Es hat den Blickwinkel zurück auf das Publikum gerichtet, die Zuschauer dazu animiert, sich gegenseitig anzustarren, nicht Herndon, während ihre Stücke über den Köpfen schallten.

Diese Art der praktizierten Ungewissheit wird Herndon vielleicht immer schwerer aufrechterhalten können, da sie immer mehr Beachtung seitens des Mainstreams bekommt. „Es gibt hier Leute, die mich schon seit den Noise-Zeiten kennen", sagt sie. „Ich denke, dass es manchmal, besonders in der Noise-Community, sehr herausfordernd für Leute sein kann, wenn sich jemand in eine andere Richtung entwickelt, die vielleicht nicht die Richtung ist, die sie sehen wollen."

„Mit diesen Dingen musst du dich einfach nicht beschäftigen, wenn du nicht zuhause bist."

Aber da sie vorerst zuhause ist, kann sie genauso gut die Früchte ihres wachsenden Ansehens genießen. Sie holt eine Zusammenstellung von einzeln verpackten japanischen Süßigkeiten hervor, jede davon mit einem kunstvollen Etikett versehen, das sie nicht lesen kann. Sie hat sie vor Kurzem während eines Tour-Aufenthalts in Tokio bekommen und hat keine Ahnung, was sie davon zu erwarten hat. Aber sie besteht darauf, dass wir ein paar probieren, bevor wir das Interview beenden. Sie schiebt mir die Süßigkeiten zu und verschränkt ihre Arme. Es folgt eine weitere Pause.

„Also", sagt sie, „welche Praline nimmst du?"

**

Folgt THUMP auf Facebook und Twitter.