Trashtalken mit den Blue Suit Men—den sympathischen Nervensägen der Eisbären Berlin
Alle Fotos: Florian Jentsch

Trashtalken mit den Blue Suit Men—den sympathischen Nervensägen der Eisbären Berlin

Sie tragen auffällige Anzüge und bringen die Gegner auf der Strafbank durch raffiniertes Pöbeln aus dem Konzept. Ich habe mir von den berüchtigten Blue Suit Men zeigen lassen, wie guter Trash-Talk geht.
5.10.16

23.09.2016, Mercedes-Benz Arena Berlin: In einem hart umkämpften Eishockey-Match zwischen den Eisbären Berlin und dem EHC Red Bull München steht es 2:1. Der Schiedsrichter zeigt eine Zeitstrafe gegen den Münchner Spieler Jonathan Matsumoto an. Ben, John und Mitch machen sich bereit. Als die sogenannten Blue Suit Men haben sie es sich auf die Fahne geschrieben, dem Gegner durch gezielten Trash Talk auf der Strafbank so richtig Feuer zu geben. Als Matsumoto die Kühlbox betritt, platzt es auch schon aus den Jungs heraus: „Wir haben schon die ganze Zeit auf dich gewartet! Mann, drei verschiedene Teams in drei Saisons? Wir kommen da schon gar nicht mehr hinterher." Es folgen noch weitere Wortsalven über die Tinder-Sprüche der Münchner Spieler und als Matsumoto schließlich wieder aufs Eis darf, meint er nur noch schnell: „Nach dieser Tortur habe ich eigentlich einen Alleingang aufs Tor verdient. Wenn ich dann score, bekommt ihr den Assist!" Ein weiterer Treffer soll dem Kanadier jedoch verwehrt bleiben.

Trash Talk—im Eishockey-Jargon auch Chirping genannt—ist schon seit jeher ein wichtiger Teil im Eishockey. Die Spieler wollen mit ihren Frotzeleien und Spitzen die Gegner aus dem Konzept bringen, damit deren Konzentration nachlässt und ihnen mehr Fehler unterlaufen. Solche Wortduelle und Ablenkungen beschränken sich aber nicht nur auf die Spieler. Oftmals schalten sich auch die Fans mit ein und werden selbst aktiv. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt—Hauptsache, man schafft es irgendwie, sich im Kopf der gegnerischen Spieler festzusetzen. Genau das ist auch die Motivation, die die Blue Suit Men stets antreibt. Und ihre immense Beliebtheit, ihr erfolgreicher Social-Media-Auftritt sowie ihre Stellung bei den Spielern zeigen den Jungs immer wieder, dass sie scheinbar verdammt viel richtig machen.

Schon beim Aufwärmen stehen die Gegner unter Dauerbeschuss | Alle Fotos: Florian Jentsch

Aber wer sind die Blue Suit Men überhaupt? Im Grunde lässt sich das leicht beantworten: eine Gruppe von mehreren sportverrückten, jungen Männern aus verschiedenen Teilen der Welt, die von ihrer Leidenschaft fürs Chirpen vereint werden und die als Trio regelmäßig zu den Spielen der Eisbären Berlin gehen. Im Jahr 2011 kam der Australier Ben—quasi der Gründer der Gruppe—in einer Bar mit anderen Gästen ins Gespräch und sie wetteten auf ein Golfspiel, das nebenher im Fernsehen lief. Zufällig handelte es sich bei den Gästen um Spieler der Eisbären Berlin, die Ben und seine Freunde dann auch öfter zu ihren Eishockeyspielen einluden. Da Ben schon beim ersten Kennenlernen kein Geheimnis aus seiner Freude am Trash Talk machte, verrieten ihm die Spieler irgendwann, dass es im gegnerischen Team einen Typen gäbe, der sich schnell aus der Fassung bringen lässt—David Wolf, der damals noch für die Hamburg Freezers aufs Eis ging.


Unterwegs mit den Blue Suit Men


Also bereiteten Ben und seine Freunde ein Schild vor, das sie während des Aufwärmens vor dem Spiel hochhielten und das Wolf tatsächlich nicht wirklich schmeckte. Er zeigte ihnen den Mittelfinger und ging wütend zurück in die Umkleidekabine. In diesem Moment dachten sich die Chirper: „Wenn wir die Spieler wirklich so aus der Bahn werfen können, dann sollten wir das Ganze auf jeden Fall weiterführen." Wie es der Zufall wollte, gründete ein Bekannter von Ben zur gleichen Zeit eine Anzugsschneiderei. Die Idee für die auffälligen Outfits der Blue Suit Men war geboren und so gingen sie in der Saison 2012/2013 zum ersten Mal regelmäßig als Dreierteam an den Start.

Wie routiniert das Ganze inzwischen abläuft, merke ich direkt, als ich vor dem Spiel gegen EHC Red Bull München auf Ben, John und Mitch treffe. Nachdem wir uns kurz unterhalten haben und alle Poster bereitliegen, folgt nämlich direkt die Aufforderung: „Jungs, wir haben nicht mehr viel Zeit, die Spieler kommen gleich fürs Warm-up aufs Eis!" Timing ist hier wirklich der Schlüssel, denn das gegnerische Team soll den Chirp ja direkt sehen, wenn es aus dem Tunnel kommt. Also eilen wir die Ränge der Mercedes Benz Arena hinab, die Poster werden ausgerollt und die Blue Suit Men gehen in Position. Heute hat es Jerome Flaake erwischt. Da der Spieler aus München durch seine Instagram-Selfies und sein immer perfekt sitzendes Haar doch ein gewisses „Pretty Boy"-Image pflegt, nehmen ihn die leidenschaftlichen Trash Talker auch genau wegen dieser augenscheinlichen Selbstverliebtheit aufs Korn.

Bei der Anfertigung der Poster haben John, Ben und Mitch (v.l.n.r.) sogar Hilfe von den Eisbären Berlin bekommen

Hier lässt sich auch leicht erkennen, wie viel Arbeit die Blue Suit Men in ihre Chirps stecken. So erzählt mir Ben, dass sich die Jungs immer Mitte der Woche treffen, um zu entscheiden, wie man welchen Spieler durch den Kakao ziehen könnte. Die Inspiration kommt dabei aus verschiedenen Quellen. So werden zum Beispiel Instagram-Profile durchforstet, um irgendwelche außergewöhnlichen Eigenschaften oder Vorlieben auszumachen. Manchmal bekommen sie aber auch Insider-Informationen zugeschickt—teilweise sogar von Spielern des gegnerischen Teams. „Normalerweise fragen wir bei den Eisbären nach, ob sie uns irgendwelche Tipps geben können. Und da einige Spieler in den letzten Jahren zu anderen Mannschaften gewechselt sind, haben wir hier und da auch noch einige andere Connections", erzählt mir Ben. Am Tag des Spiels wird sich dann auf einen Chirp geeinigt. Anschließend fertigen die Blue Suit Men die Poster an, schlüpfen in ihre Anzüge, fahren zum Stadion, trinken noch schnell ein Bierchen und dann beginnt die Show.

Aber der ganze Aufwand scheint sich zu lohnen: „Letzte Saison hatten wir eine Erfolgsquote von gut 80 Prozent. Das heißt, dass viele der Spieler, die wir vor dem Spiel gechirpt haben, dann auch wirklich auf die Strafbank mussten", erklärt mir Ben nicht ohne Stolz. Die Blue Suit Men nehmen mit ihrem Trash Talk also tatsächlich einen Einfluss auf das Spiel.

Aber was macht einen guten Chirp überhaupt aus? Ben sieht das Ganze sogar als eine Art Kunstform an. „Der perfekte Chirp ist für jeden verständlich, bringt einen zum Lachen und enthält natürlich auch ein Fünkchen Wahrheit", erklärt er mir. Für ihn ist der beste Trash Talk manchmal aber auch eher subtil. Genau hier kommen wieder die eben erwähnten Insider-Informationen ins Spiel. So hat Ben auch direkt eine schöne Anekdote parat: „Vor ein paar Jahren hat uns mal jemand zugesteckt, dass der Münchner Coach das Team die ganze Zeit auf diese Fitnessbikes schickt. Also haben wir einen Chirp darüber gemacht, wie die Spieler mit dem Fahrrad von München nach Berlin fahren mussten. Als die Münchner das gesehen haben, konnten sie sich vor Lachen kaum halten und haben uns Pucks über die Scheibe zugeworfen. Wenn wir Pucks geschenkt bekommen, dann wissen wir: Das war ein guter Chirp."

Nach der Verabschiedung der Eisbären-Legenden Hartmut Nickel und Bernd Karrenbauer in den wohlverdienten Ruhestand (inklusive beeindruckender Choreo der Fankurve) beginnt dann endlich das Spiel. Aufgrund der frühen 2:0-Führung der Eisbären ist die Stimmung im Stadion und auch bei den Blue Suit Men ausgesprochen gut. Fröhlich wird am Bier genippt und über das Spiel diskutiert. Auf die erste Strafe der Münchner müssen sich die Jungs aber noch gedulden. Erst in der 16. Minute wird Jason Jaffray in die Kühlbox geschickt. Ein glücklicher Zufall, denn vor dem Spiel hat mir Ben noch erzählt, dass genau Jaffray Trash Talk hasst. Und so muss sich der Spieler auch einiges anhören, nachdem er auf der Strafbank Platz genommen hat. „Hey Jaffray, wir haben gehört, du hast 'ne ziemlich dünne Haut! Zieh dich jetzt lieber warm an!", schallt es ihm entgegen. Die folgenden zwei Minuten sind für den Spieler wahrlich kein Spaß, was sich auch durch seinen starren Geradeaus-Blick zeigt. Man merkt richtig, wie er innerlich brodelt und ihm die Blue Suit Men auf die Nerven gehen. Mission accomplished!

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Dass es aber auch anders geht, beweist etwas später der Münchner Kapitän Michael Wolf. Als er kurz vorm Ende des ersten Drittels auf die Strafbank kommt, stellen ihm die Blue Suit Men die Frage, ob er irgendetwas vom Essensstand haben will. Wolf schüttelt lachend den Kopf und ist sichtlich amüsiert. Und als er nach der Drittelpause den Rest seiner Strafe absitzt, hält ihm Ben tatsächlich ein Bier und eine Brezel hin: „Jo Wolfie, du hast zwar vorhin gemeint, dass du nicht hungrig bist, aber wir wissen doch ganz genau, dass du gerade viel lieber auf dem Oktoberfest wärst als hier in Berlin!" Wolf ist zwar etwas verdutzt, aber er kann seine Freude über das Angebot auch kaum verbergen. Und als er sich für seine Rückkehr ins Spiel fertig macht, bekommt er von den Jungs noch ein „Viel Glück für den Rest der Saison!" mit auf den Weg.

Michael Wolf muss das Angebot leider ablehnen

Es gibt Gegner, die die Chirps der Blue Suit Men mit Humor nehmen und sich auch gerne auf ein kleines Wortduell einlassen. Andere Spieler reagieren jedoch auch eher mit Stillschweigen oder gar mit richtiger Wut. Ben sind die Letztgenannten am liebsten: „Solche Gegner finden wir super, weil wir ihnen leicht auf die Nerven gehen können. Es gibt ein paar Spieler, die unseren Trash Talk absolut nicht ausstehen können. Vor ein paar Jahren ist beim Spiel gegen die Kölner Haie zum Beispiel mal Charlie Stephens auf die Strafbank gekommen, hat dann seinen Schläger zwischen dem Plexiglas hindurchgesteckt und das herumstehende Bier umgestoßen. Das haben wir ihm in den darauffolgenden Spielen natürlich immer wieder vorgehalten."

Und so haben sich im Laufe der Jahre schon Freundschaften bzw. eine gewisse Hassliebe zwischen den Blue Suit Men und verschiedenen Eishockeyspielern entwickelt. Bei den Eisbären haben sie sowieso ein Stein im Brett, aber auch mit anderen Profis stehen sie in regelmäßigem Kontakt. Ben hebt hier zum Beispiel Chris Minard von der Düsseldorfer EG hervor, der den Blue Suit Men noch das Geld für einen Hot Dog schuldet. Und mit Moritz Müller von den Kölner Haien plant man im Zuge des kommenden „Movembers" sogar gemeinsame Aktionen.

Die Blue Suit Men bekommen von einem Fan Biergutscheine geschenkt

Auch bei den Fans erfreuen sich die Jungs einer unglaublichen Beliebtheit. Das beweisen nicht nur die gut 3.000 Instagram-Follower des offiziellen Blue Suit Men-Accounts, sondern wird auch sofort ersichtlich, als wir uns in den Drittelpausen aufmachen, um für Biernachschub zu sorgen: Überall werden High-Fives verteilt und die Blue Suit Men erfüllen mit Freude die vielen Fotowünsche der Eisbären-Anhänger. Immer wieder bedanken sich die Fans dafür, was Ben und seine Freunde da jede Woche durchziehen. Vor allem bei den Fan-Veranstaltungen am Ende der vergangenen Saisons wurde deutlich, wie integriert die Blue Suit Men in die Eisbären-Gemeinde inzwischen sind, erzählt er. „Weil es die letzten Jahre nicht so rund lief und auch viele unserer Kumpels zu anderen Teams wechselten, dachten wir schon ein paar Mal ans Aufhören. Die Berliner Fans ließen das jedoch nicht zu und meinten: 'Nein, ihr seid ein Teil von uns und müsst nächstes Jahr wieder mit dabei sein!' Das hat uns echt umgehauen! Ich hätte mir niemals erträumt, dass ich irgendwann mal in Deutschland zu Eishockeyspielen gehe und dabei zu einer Art Fanliebling avanciere."

Im weiteren Verlauf des Spiels können die Blue Suit Men noch ein paar Mal ihre Chirp-Fähigkeiten unter Beweis stellen („Hey [Florian Kettemer], wir haben deine Rückennummer 69 damals mit zwölf Jahren auch echt lustig gefunden, aber du bist doch inzwischen erwachsen, das ist echt peinlich!"). Leider lässt die Leistung der Eisbären jedoch nach und die Münchner schaffen es, die Partie zu drehen. Am Ende steht ein 2:4 auf der Anzeigetafel. Im Zuschauerbereich ist die Stimmung gedrückt und wir können relativ unbehelligt unseren Weg zurück zur Stadionbar bahnen. „Bei einem Sieg der Eisbären sieht das natürlich anders aus", sagt Ben. „Leider hat es heute nicht geklappt. Aber immerhin haben wir einige gute Chirps abgeliefert!" Als wir schließlich vor unseren letzten Getränken sitzen, frage ich noch, ob sich die Blue Suit Men denn irgendwelche Ziele gesetzt haben. „Über so etwas machen wir uns eigentlich keine Gedanken. Wir wollen uns jede Woche übertreffen und auf jeden Fall auch zu mehr Auswärtsspielen fahren, weil wir uns mit den gegnerischen Fans immer gut verstehen und uns dieser gegenseitige Respekt wichtig ist", antwortet Ben. Dann fügt er noch hinzu: „Unser ultimatives Ziel ist es jedoch, mit der Mannschaft noch mal eine Meisterschaft zu feiern und aus dem Pokal zu trinken." Zwar haben die Eisbären dieses Spiel verloren, aber die Saison hat im Allgemeinen doch sehr vielsprechend begonnen. Die Blue Suit Men könnten ihr Ziel also vielleicht schon bald erreichen.

Hier noch ein paar Impressionen:

Die Blue Suit Men mit ihrem alten Freund Mads Christensen, der viele Jahre für die Eisbären gespielt hat

Pro Spiel werden ein oder zwei neue Instagram-Posts verfasst

Die Blue Suit Men bejubeln die 2:0-Führung der Eisbären Berlin

Smalltalk mit Michael Wolf

Das im ersten Absatz erwähnte Wortduell mit Jonathan Matsumoto

Auch nach dem Spiel werden noch Fotowünsche erfüllt