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Die Dallas Mavericks sind die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der NBA

Die einzigartige Starting Five der Mavs beweist, dass ein Team auch ohne das Joch eines Systems Erfolg haben kann.

von Mike Piellucci
11 April 2015, 8:20pm

Foto: USA TODAY

Während ich diese Zeilen verfasse, spielen sich in der NBA gerade glücklicherweise keine größeren Skandale ab und die Führungsriege fällt klarere Entscheidungen, weswegen die Fans befreit von jeglicher Ablenkung den Sport genießen können. Dank der Einführung des League Passes und dem Beginn vom unabhängigen Fan-Dasein können sie das in einem noch nie da gewesenem Umfang machen. Zwar gibt es noch immer die Hardcore-Fans, für die es nur ein Team gibt, aber inzwischen ist es nichts Ungewöhnliches mehr, zwischen Atlantas klaren und präzisen Taktiken, Memphis aggressiver Defensive, Phoenixes pfeilschnellen Fast Breaks und San Antonios metronom-artiger Beständigkeit hin und her zu wechseln—manchmal sogar an einem einzigen Abend. Falls du die NBA wegen der Ansammlung von unterschiedlichsten Spielarten und Philosophien schätzt, durch die 10 Spieler den Sieg erlangen wollen, dann ist das genau das Richtige für dich. Wie könnte man sich denn auch sonst so viel verschiedene Action in so kurzer Zeit reinziehen?

Wenn du das jetzt für eine rhetorische Frage hältst, dann kennst du bloß noch nicht die Antwort: Schau dir einfach ein Spiel der Dallas Mavericks an, denn diese Mannschaft vereint alle verschiedenen Ansätze und Spielarten des Basketballs in ihrer Startaufstellung.

Rajon Rondo ist der zweibeinige Inbegriff von Basketball-Nostalgie: ein Spielmacher der alten Schule, dessen Fähigkeiten vor allem darauf beruhen, die vielen kleinen Lücken in Passwege zu verwandeln (anderen Spielern würden diese gar nicht erst auffallen). Heutzutage ist das Spiel definitiv nicht mehr so körperbetont und eher von einer Herzlichkeit geprägt, die dich auch schon mal vergessen lässt, dass dein Gegenüber ein anderes Trikot trägt. Und trotzdem scheint Rondo von vornherein schlecht gelaunt zu sein und legt seinen finsteren Blick nur selten ab. Er ist genau der Point Guard, von dem mürrische Großväter behaupten, ihm schon damals 1968 beim Spielen zugeschaut zu haben.

Foto: Jerome Miron—USA TODAY Sports

Wenn du auf individuelle Brillanz und Kreativität Wert legst, dann ist Monta Ellis—der wahre Nachfolger von Allen Iverson—genau richtig für dich. Der Spielweise der besseren NBA-Teams liegt inzwischen eine gewisse Harmonie zugrunde: Das Ganze mutet wie ein einstimmiger, wenn nicht sogar egalitärer Rausch der Ballbewegung an. Allgemein gesprochen liefert das natürlich bessere Resultate, aber was dabei verloren ging, war ein Großteil der begeisternden Einzelspielerleistungen, die die Begegnungen zwischen erstklassigen Punktemachern wie Schwertkämpfe erscheinen ließen, bei denen dem Verlierer der Tod droht. Vorbei sind die Zeiten der exzentrischen Selbstverwirklichung, bei der vor allem Wert auf Effizienz und auf viele Wurfversuche aus bestimmten Bereichen des Spielfelds gelegt wurde. Und genau hier kommt Monta ganz draufgängerisch und beharrlich ins Spiel und bricht mit allen Konventionen, denn er bewegt sich auf dem Spielfeld hin und her, wie er es eben für richtig hält. Die positiven Folgen seiner Spielweise sind oft herrlich anzuschauen, aber wenn Ellis etwas falsch macht, dann haben die negativen Folgen fast genauso viel Glanz—es handelt sich dabei nämlich nicht wirklich um Defizite, sondern eher um nicht genutzte Möglichkeiten. Ellis kreuzt nicht die falschen Antworten an, weil er keine Ahnung hat. Er trifft quasi absichtliche die falschen Entscheidungen, weil ihm das Muster gefällt, das die Kreuze auf seinem Testbogen ergeben. Erst wenn er dann beim darauffolgenden Essay auftrumpft, wird seine wahre Genialität für Andere sichtbar: Genau die Eigenschaften, die Ellis daran hindern, sich komplett an die moderne Spielweise anzupassen, sind auch die Eigenschaften, mit denen er diese Spielweise übertrifft.

Wir stecken immer noch in den Kinderschuhen der Positionen-Revolution—die von Free Darko angedachte Utopie, in der ein Spieler nicht mehr nur allein wegen seiner Fähigkeiten eine bestimmte Rolle oder Position zugewiesen bekommt. In Dallas spielt Chandler Parson meistens als traditioneller Small Forward, aber er interpretiert diesen Posten wie ein Gesandter aus der Zukunft: Er kann die Defense mit seinem Wurf auseinander ziehen, hat aber auch selbst Zug zum Korb; er kann sowohl die Bälle selbst verteilen als auch Passwege freihalten. Die Hälfte seiner Zeit in Houston spielte er auf der Position des Power Forwards, hätte zur Not aber auch als Shooting Guard eingesetzt werden können. Das Wie ist dabei natürlich wichtiger als das Wo. Parsons ist der richtungsweisende Inbegriff eines facettenreichen Forwards.

Die Fans, die an die bloße Macht eines traditionellen Superstars glauben, werden mit Dirk Nowitzki bedient, der auch mit 36 Jahren diesen Titel noch redlich verdient. Wichtiger ist jedoch, dass er ein Paradebeispiel dafür ist, wie es aussieht, wenn eine komplette Stadt einem einzigem Sportler zu Füßen liegt und der Rhythmus eines ganzen Vereins sich mit dem seines Franchise-Players gleichstellt. In manchen Spielen ist Dirk sein Alter zwar anzumerken, aber er ist auch der Erste, der zugibt, dass ihm seine 17 Jahre in der NBA ganz schön in den Knochen stecken. Aber dann gibt es auch wieder Spiele, in denen Dirkster auf seine langsam dahinschwindenden Kraftreserven zurückgreift und für ein paar Minuten seine magischen Fähigkeiten auspackt—und zwar genau dann, wenn sein Team diese am dringendsten braucht. Seine außergewöhnlich gute Wurfquote ist dabei typisch für die Effizienz, die ihn zum Liebling der Leute macht, die Wert auf die Statistiken legen und für die Entwicklung vielleicht sogar wichtiger ist als das Ergebnis. Nowitzki gehört zu der seltenen Sorte Spieler, von denen man einstimmig annimmt, dass sie entscheidend für die Meisterschaft sind.

Foto: Jerome Miron—USA TODAY Sports

Und schließlich haben wir da noch Tyson Chandler—weniger letzter Schutzwall vor dem Korb, mehr bärtiger Hüne, dem sich Defensiv-Puristen zuwenden, wenn sie etwas zum Genießen brauchen. Der Mythos von Chandlers Zeit in Dallas ist genauso grundlegend wie wahr: Ja, ein gefürchteter Verteidiger macht ein Team vom Außenseiter mit wenig Titelchancen zum Champion, und zwar auf eine Art, die selbst Dirk Nowitzki in seinen besten Tagen nicht drauf hatte. Es ist kein Zufall, dass die Mavericks zum ersten Mal seit dem Titelgewinn 2011 wieder mit um die NBA-Meisterschaft spielen, nachdem Chandler nach Dallas zurückgekehrt ist. In der ersten Saisonhälfte war er auch direkt der beste Spieler des Teams. Basketball entwickelt sich zwar immer weiter, aber Tyson Chandler wird uns immer daran erinnern, dass einige fundamentale Grundsätze des Spiels das nicht tun.

Man muss jedoch auch erwähnen, dass jede dieser Verpflichtungen mit einer gewissen Skepsis aufgenommen wurde. Chandler war damals 2010 noch kein wirklich gewachsener Spieler und ihm eilte der Ruf als offensives Loch voraus. Parsons unterzeichnete einen Vertrag, der so groß war, dass sich der Houston Rockets-Manager und Vaginal-Enthusiast Daryl Morey von dessen bloßer Existenz quasi beleidigt fühlte. Dann gab es damals 1998 auch noch diese ganze Dirk-für-Tractor-Traylor-Sache—das Beste und auch das Schlechteste, was Teamleitungen passieren konnte, für die ausländische Finesse wichtiger war als amerikanische Muskelkraft. Auf einem ideologischen Level werden die Dinge aber beim Backcourt erst richtig interessant. Für die einen war die Verpflichtung von Monta Ellis im besten Fall ein opportunistisches Wagnis mit einem kaputten Posten, für die anderen im schlimmsten Fall ein typischer Patzer für eine Teamleitung, die sich zu viel vornimmt. Gut ein Jahr später hat sich Ellis nicht nur einwandfrei eingefügt, sondern er ist richtig aufgeblüht. Jetzt hat die gleiche Teamleitung durch die Verpflichtung von Rondo angeblich die eigene gut laufende Offense kaputt gemacht, denn er ist ein Spieler der auf jeden Fall deren Zwischenräume zerstört. Außerdem wurde dazu noch heftig darüber diskutiert, ob Rondo wirklich die Weggabe eines Backup-Centers und eines späten Erstrunden-Picks wert sei. Zwar ist noch nicht wirklich viel Zeit vergangen, aber die ersten Ergebnisse sprechen für einen Erfolg.

Falls das Ganze einen Sinn hat, dann liegt dieser in dem wunderschönen Unbekannten, das sich immer noch durch die NBA zieht. Wenn man sich lange genug durch Basketball-Twitter-Accounts liest, dann ist für einen schon bald jedes Team ein Anwärter auf die Meisterschaft, das aus einem spielbestimmenden Power Forward, einem defensivstarken Center, einem oder zwei „„3-and-D"-Flügelspielern und vielleicht noch einem dynamischen Point Guard besteht. Füge dem Ganzen noch eine gute Prise Pick-and-Rolls hinzu und fertig ist das Titelrezept—natürlich braucht es ein paar Jahre, bis alle Zutaten erfolgreich vermischt sind.

An diesem Gedankengang ist an sich auch nichts auszusetzen, denn so gewinnen heutzutage die meisten Teams. Trotzdem liegt der Reiz von Dallas in dem Potenzial, einen großen Teil dieser Vorstellung für etwas viel Faszinierenderes einzutauschen. Jeder Schritt in Richtung NBA-Meisterschaft wäre ein Beweis dafür, dass der beste werfende Big Man aller Zeiten wirklich neben einem Shooting Guard, der ab und an den Ball für absolut unangebrachte Abschlussversuche beansprucht, und einem Point Guard, der wochenlang unter dem Radar fliegt und nicht wirklich als Gefahr daherkommt, spielen kann. Von dem anderen Big Man und dem anderen Flügelspieler, die in Übereinstimmung mit den anderen Dreien den Ball hin und her bewegen, will ich hier gar nicht erst anfangen. In anderen Worten: Erfolgreiche Dallas Mavericks wären ein Sieg für das System, in dem grundverschiedene Bausteine zusammengeführt werden—im Gegensatz zu dem vorherrschenden System, das nur funktioniert, wenn alle Teile genau zusammenpassen. Was allerdings noch wichtiger ist: Sie wären dann eine Erinnerung an die Macht des Mysteriums und daran, dass es im Sport Dinge gibt, die wir nicht verstehen und vorhersagen können und das wohl auch nie tun werden. Das ist jedoch völlig in Ordnung, denn wenn man über etwas bis ins kleinste Detail Bescheid weiß, dann kann das genauso einschränkend wie befähigend sein.

Wie die NBA sind auch die Dallas Mavericks auf ihre eigene Art und Weise unterhaltsam: Sie lassen sich nicht in eine Schublade stecken, sondern sind das Spielsystem selbst—inklusive all den Spielideologien, die darin herumschwirren und sich vermischen. Sogar das Team selbst gibt zu, dass immer noch herausgefunden werden muss, was am besten passt—das ergibt bei den ganzen vorhandenen Einflüssen auch Sinn. Aber selbst wenn sie ihr perfektes System finden sollten, dann wird das bei diesen fünf Spielern und einem so guten Trainer wie Rick Carlisle wohl nicht ewig Bestand haben. Das ist allerdings bei kaum einer richtig guten Entwicklung der Fall.