Foto: Gerrit Starczewski

Dortmund trägt immer noch Kutte

Auch wenn die Ultras die Kuttenträger aus dem Stadion immer mehr verdrängen—in Dortmund gibt es sie noch. Ein Berufsschullehrer erzählt, warum Kuttentragen scheiße aussieht und es trotzdem kein besseres Gefühl gibt.

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24 Mai 2016, 11:00am

Foto: Gerrit Starczewski

Christian Weiss ist verheiratet. Und zwar nicht nur mit seiner Frau, sondern auch mit dem BVB, wie er mir grinsend erzählt. Sein Herz schlägt Schwatz-Gelb und beginnt man, ihn über vergangene Derbys und seine ersten Stadionbesuche auszufragen, fangen seine Augen an zu glänzen. Der 47-Jährige verpasst kaum ein Spiel und steht stets auf der Südtribüne, zusammen mit seinem treusten Begleiter: seiner völlig durchgerockten und zerfledderten Kutte. Der Berufsschullehrer trägt und liebt sie seit fast 30 Jahren und verbrachte etliche Nächte nähend an dem Stück. Sobald er sie überstreift, ist er kein Lehrer, kein Vater oder Ehemann mehr, sondern Dortmunder Kuttenträger. Wir haben mit ihm über Fanfreundschaften, Kuttenclubs, das Sexismusproblem unter Fans und über die Fußballromantik, die er heute im Stadion manchmal vermisst, geredet.

Auch auf Schalke trägt man immer noch Kutte

VICE Sports: Erinnerst du dich an deinen ersten Stadionbesuch mit Kutte?
Christian Weiss: Mein Bruder nahm mich damals mit. Ich war 15 Jahre alt, habe meinem roten Anorak die Ärmel abgeschnitten und ein paar Aufnäher drauf genäht. Eine richtige Kutte war das natürlich nicht, aber das Gefühl war da. Als wir im Stadion ankamen, war ich unglaublich demütig und ehrfürchtig vor den richtigen Kuttenträgern. Die sehen schließlich verdammt gefährlich aus. Erst vier Jahre später habe ich meinem Bruder eine alte Bundeswehr-Feldjacke abgekauft und mir daraus eine große Kutte gemacht. Die trage ich bis heute.

Christian mit der Kinderkutte; Privatfoto

Gehst du alleine ins Stadion oder gibt es eine Art Kuttenteam?
In meinen Kuttenanfängen gab es eine Bande, die „Schwarz-Gelben-Straßenjungs". Die hatten unglaubliche Kutten und waren wirklich gefährlich. Wir haben möglichst viel Abstand zu denen gehalten. Anfangs war ich also relativ einsam als Kuttenträger. Deswegen gründeten wir später unseren eigenen Kutten-Club.

Was war das für ein Club?
Das ist der „BVB-Fanclub-Schwerte-Ergste" und der besteht bis heute. Wir tragen alle den gleichen Teller mit der Aufschrift „Schwerte-Ergste" hinten auf unseren Kutten. Schwerte-Ergste liegt in der Nähe von Dortmund, dort kommen wir her.

Wie kann man sich ein Fanclub-Treffen vorstellen?
Wir treffen uns vor dem Spiel in einer Kneipe bei Dortmund, trinken ein paar Bier und gehen zusammen ins Stadion. Die meisten stehen natürlich auf der Südtribüne, andere nehmen ihre Kinder mit und haben Sitzplätze.

Was muss man tun, um in den Club aufgenommen zu werden?
Wir machen keinen großen Zirkus. Wer mitmachen möchte, soll sich eine Kutte überziehen und mitkommen. Wenn die Person lange genug dabei ist und wir sie mögen, bekommt sie den „Schwerte-Ergste"-Teller auf die Kutte und ist Mitglied.

Ein Mitglied des „BVB-Fanclub-Schwerte-Ergste"; Foto: Gerrit Starczewski

Wie viel Mitglieder habt ihr?
Beim Start des Fanclubs waren wir ungefähr zehn Leute. Zwischendurch hatten wir sogar 40 Mitglieder. Richtig aktiv sind im Moment 20 Kutten.

Was sind das für Typen, mit denen du zum Spiel gehst?
Das ist eigentlich das Großartigste am Kuttentragen. Ich gehe mit Lehrern und studierten Kerlen zum Spiel. Du würdest dich wundern, was für normale, nette Jungs das sind. Ich bin schließlich auch Lehrer. Doch wir haben uns den Spaß im Stadion und den Anachronismus bewahrt. Wir ziehen jede Woche unsere stinkenden, alten Kutten an, stehen grölend in der Bahn und freuen uns auf guten Fußball. Kuttentragen sieht scheiße aus, aber es geht um das einzigartige Gefühl.

Welches Gefühl?
Meine Kutte ist 28 Jahre alt. Wenn wir mit der Gruppe unterwegs sind, haben wir den Dinosaurierstatus im Stadion. Wir werden nicht angemacht, wir ernten höchstens anerkennende Blicke und sind ein unverzichtbarer Teil der Fankurve. Wir sind sozusagen der Bürgerschreck im Stadion. Das Gefühl brauche ich manchmal einfach. (lacht)

Ihr habt eine sehr enge Fanfreundschaft zum HSV.
Die Legende erzählt, dass BVB-Fans in den 80er-Jahren von St. Pauli-Fans verfolgt wurden. Einige HSV-Fans beschützten die Dortmunder. Seitdem tragen wir auch HSV-Logos auf den Kutten. Am Wochenende spielt Dortmund gegen den HSV, davor treffen sich alle Hamburger und Dortmunder Kuttenträger in einer Kneipe. Zu Hunderten gehen wir dann gemeinsam ins Stadion. Das wird unglaublich.

Privatfoto

Ist das für dich echte Fußballromantik?
Allerdings, das ist verdammt romantisch. Egal wie das Spiel ausgeht, man ist sich nicht böse und trinkt ein Bier zusammen. Wir werden in Hamburg empfangen wie die Könige und sie werden bei uns empfangen wie die Könige. Alle sind absolut leidenschaftlich und leben die Kuttenkultur. So soll Fußball doch sein.

Das klingt sehr harmonisch. Warum werden allerdings so häufig frauenfeindliche Aufnäher auf der Kutte getragen?
Man macht sich nicht immer unbedingt Gedanken darüber, was man auf seine Kutte näht. Hauptsache, die Aufnäher sind witzig und cool. Das ist nicht frauenfeindlich gedacht, das ist Jux und Tollerei.

Sehen das die Frauen auch so?
Wir haben mindestens 20 Prozent Frauen bei uns im Fanclub. Natürlich werden diese manchmal auf den Arm genommen oder bekommen einen Spruch gedrückt. Aber stören tut sie das nicht, das ist beim Fußball einfach so. Sie fühlen sich bei uns wohl und haben genauso ranzige, alte Kutten wie wir.

Siehst du ein generelles Sexismusproblem im Fußball?
Nein. Allerdings muss man dazu sagen, dass manche Kuttenträger einfach dumm in der Birne sind und solche Aufnäher massenweise tragen. Das sollte man wirklich nicht zu ernst nehmen und pauschalisieren. Ich sehe kein frauenfeindliches Problem im Fußball und erst recht nicht unter uns Kutten.

Du hast selber zwei Töchter. Würdest du die beiden mit Kutte in die Kurve schicken?
Na klar, das hab ich doch schon längst versucht. Aber sie waren nicht so begeistert. Außerdem ist eine der beiden Bochum-Fan, schwierig, sie zur BVB-Kutte zu überreden. (lacht) Im Ernst, ich würde mir keine Sorgen machen, wenn meine Töchter mit einer Kutte im Stadion sitzen würden. Leidenschaftliche Frauen, die Ahnung vom Fußball haben, werden im Stadion gerne gesehen.

Christians Kute; Foto: Gerrit Starczewski

Was hat sich in den letzten 30 Jahren in der Kuttenkultur verändert?
Es gibt nicht mehr so geile Aufnäher wie früher. In den 80er-Jahren gab es noch Einzelstücke, die mit Liebe und Fantasie gemacht wurden. Da waren Totenköpfe, Schlangen oder Drachen drauf gestickt. Wenn du solche Oldschool-Aufnäher siehst, klopft dir als Kuttenliebhaber das Herz. Heute findet man nur noch merkwürdige Comikfiguren und dämliche Sprüche. Das ist liebloser Scheißdreck.

Wieso gibt es immer weniger Kuttenträger in der Kurve?
Das hat sich einfach verändert. Heute kommen die Ultras zu Hunderten, tragen nur einen grauen Kapuzenpulli und Jeans. Das ist eine komplett andere Spezies als wir. Aber sie machen auch Stimmung. Schade ist, dass man manchmal im Fernsehen sieht, dass die Kurve kaum noch Schwarz-Gelb ist. Sondern grau.

Was stört dich am meisten an der Veränderung?
Früher war Fußball wilder, rauer und bunter. Es gab keine Lautsprecher und keine Vorsinger. Heute ist alles sehr gelenkt und kommerziell im Stadion. Das ist schade und nimmt dem Fußball ein wenig Glanz. Aber uns Kuttenträger bekommt man trotzdem nicht aus dem Stadion.

Folgt Katharina auf Twitter: @kathinkabang

Hier noch einige Kutten:

Privatfoto

Privatfoto

Foto: Gerrit Starczewski

Foto: Gerrit Starczewski