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Wie der "Kabienstag" unseren Alkoholismus systematisierte

Weil Sandros Mannschaft dienstags nicht mehr im Vereinsheim trinken konnte, wurde der "Kabienstag" erfunden: Saufen in der Kabine, bis keiner mehr kann. Hier kann man noch Mann sein – und ein handfestes Alkoholproblem entwickeln.

Fußball und Bier, das gehört einfach zusammen. Das ist das Totschlagargument vor allem derjeniger, die beim Fußball gerne einen über den Durst trinken. Die Verwebung von Fußball und Bier ist in diesen Breitengraden so engmaschig, dass die Nebenwirkungen zu selten in den Fokus gerückt werden. Es ist allerdings auch das Elixier, das zu einem großen Teil den Zusammenhalt dieser Sportkultur sichert – besonders im Amateurbereich. Kicker bekommen Prämien in Biermarken ausgeschüttet und verbringen Nächte trinkend im Vereinsheim. Weil das Dienstags nicht mehr ging, hat Sandros* Kreisliga-Mannschaft das Besäufnis in die Kabine verlegt und nennt es „Kabienstag". Hier erklärt er, wie dieses Gelage abläuft und warum er schon ein schlechtes Gewissen hat.

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Mit 12 Jahren ließ ich mich von Mama ganz brav zum Fußballtraining fahren – und selbstverständlich auch abholen. Mit 16 gab es das erste Geburtstagsbier in der Kabine. Mittlerweile bin ich 27 und nach dem Training stehen mindestens vier Kästen in der Umkleide. Unser Kabinenbesäufnis nach jedem verdammten Dienstagstraining hat sogar einen eigenen Namen: „Kabienstag".

Alles begann am Anfang dieser Saison. Eigentlich ist unser Sauftag der Donnerstag. Da geht es nach dem Training ins Vereinsheim, wo wir uns schon mal auf das Wochenende vorbereiten. Früher sind wir dienstags immer nach Hause gegangen. Bis der Co-Trainer der 1. Mannschaft Geburtstag feierte und einige Kästen springen ließ. Das war natürlich zu viel für unsere „Stars" – also haben wir von der Zweiten ausgeholfen. Und uns fiel auf: „Auch dienstags kann man saufen". Bier gibt es bei uns schließlich genug – dank unseres Regelkatalogs: So muss man der Mannschaft einen Kasten mitbringen, wenn man das erste Mal als Kapitän aufläuft. Oder wenn man in der Zeitung zu sehen ist. Einer schaffte beides an nur einem Wochenende. In der Kabine stapelten sich die Bierkästen – und in unseren Köpfen die Promille.

Da unser Vereinsheim am Dienstagabend geschlossen ist, verlegten wir das Trinken in die Kabine. Klar, dass unter grölenden Fußballjungs auch schnell ein passender Name gefunden wurde: Aus „Kabine" und „Dienstag" wurde der „Kabienstag". Und aus dem Kabienstag wurde ein Ritual.

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Das Training ist gegen halb zehn zu Ende, das erste Bier gibt es, natürlich inklusive einer Zigarette, noch am Spielfeldrand. Unter der Dusche geht es weiter mit dem nächsten Bier. Einige Mitspieler gehen dann schon nach Hause, doch die Mehrzahl bleibt.

Wir haben schon immer gerne und viel getrunken, aber der „Kabienstag" hat es systematisiert. Es ist unser fester Kneipenabend, an dem wir vor zwölf nie zu Hause sind. Wir haben sogar immer einen „Notfallkasten" im Kofferraum. Oder es fährt um 23 Uhr noch jemand zu einem Kiosk und holt Nachschub. Denn wie immer gilt: Irgendeiner kann immer noch fahren. Allerdings nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Ich wollte schon unzählige Male mittwochmorgens zur Arbeit fahren. Dumm nur, dass mein Auto noch auf dem Vereinsgelände stand. Seitdem gehe ich nur noch zu Fuß zum Training. Sechs Bier sind ja schnell drin im Kopf.

Am nächsten Tag glüht dann klassisch unser Gruppenchat: „Ich war nicht auf der Arbeit", kommt da. Oder: „Ich war erst ab 11 auf der Arbeit." Oder auch: „Ich war nur bis 11 auf der Arbeit." Ich bin auch schon mal mittags von meinem Chef nach Hause geschickt worden, weil ich gekotzt habe. Ja, mittlerweile wissen auch meine Kollegen vom „Kabienstag". Sie wissen, dass man mit mir mittwochs und freitags kaum was anfangen kann. Und mein Boss? Der drückt schon länger ein Auge zu und mir an den Katertagen nur noch leichte Arbeit auf.

Inzwischen, glaube ich, kommen die meisten nur noch wegen des Saufens zum Training. Ein Kollege kommt sogar nach seiner Spätschicht dazu – auch wenn er vorher gar nicht mittrainieren konnte. Natürlich mit zwei neuen Kästen. Anfangs wird noch draußen geraucht (laut Strafenkatalog kostet jede Zigarette in der Kabine nämlich fünf Euro), aber das interessiert ab Mitternacht auch keinen mehr. Die Kabine ist dann vollgequalmt und zum Pissen wird in die Dusche gegangen. Raus geht man nur, wenn die Freundin anruft („Klar bin ich schon zu Hause"). Zwischen ein und zwei Uhr ist es dann meistens vorbei („So Jungs, ich muss morgen arbeiten"), aber der eigentliche Grund könnte auch der sein, dass keiner mehr fahren kann, um neues Bier zu holen.

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Doch wir genießen es. Wir genießen es, mal nicht vor dem PC oder dem Fernseher zu hocken. Die Handys sind aus und wir haben mal Zeit zu erzählen. Wir sind unter uns Männern eine gute Truppe. Andere spielen Skat oder treffen sich in der Kneipe, wir trinken in der Kabine und stärken damit unseren Teamgeist.

Die Planungen gehen natürlich schon vor dem Training los. „Wer bringt heute einen Kasten mit?" – Und nicht nur einer kommt dem dann nach. Einer meiner Mitspieler ist besonders süß: Er bringt zwei Kästen mit, stellt aber nur einen in die Kabine. Irgendwann sagt er dann: „Scheiße, haben wir keinen Ersatzkasten mehr?" Dann lacht er nur und schleppt das Reservebier aus seinem Kofferraum rein. Dass mich solche Überraschungen berühren, sagt viel über uns aus…

Der harte Kern der Truppe, meistens so fünf bis sechs Leute, vernichtet bis zu fünf Kästen. Ein sechster ist aber auch mal drin. Es macht Spaß und ich mag den „Kabienstag". Das Schlimme ist ja, dass wir in der Woche nach dem Training beide Male granatendicht sind – und dann kommt erst das Wochenende. Die Woche beginnt damit, dass wir Sonntag nach dem Spiel bis 21 Uhr im Vereinsheim sitzen und uns voll machen. Montag hat man dann Zeit zum Ausruhen. Am „Kabienstag" ist man wieder hacke zu. Mittwoch ist man total im Eimer. Donnerstag ist das zweite Training und man ist im Anschluss wieder richtig stramm. Und dann ist schon Wochenende: Freitag steil gehen, Samstag kontern und Sonntag ist wieder Spiel. Wir saufen fünf Tage die Woche – richtig am Anschlag. Man könnte sagen, wir haben ein Alkoholproblem. Jetzt wird mir erst bewusst, wie krank das ist. Wenn ich das hier so schildere, finde ich das richtig ekelhaft. Wie schaffe ich das?

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Außerhalb der Mannschaft versteht uns keiner. Stress mit der Freundin haben deswegen immer welche. Die finden es natürlich nicht gut, dass wir seit Saisonbeginn jeden Dienstag lattenstramm nach Hause kommen. Ich schreibe meiner Freundin dann häufig um 23 Uhr, dass ich jetzt zu Hause sei, obwohl ich noch einige Stunden durchballere. Ich weiß, dass sie oder auch meine Eltern es nicht nachvollziehen können.

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Wie gefährlich es ist, weiß ich nicht, gesund ist es aber wohl kaum. Gerne würde ich jetzt sagen: „Es ist ja nur Bier", aber da belüge ich mich selber. Doch es ist ja nicht nur der Kabienstag: Unser Strafenkatalog beinhaltet fast nur noch „Bierstrafen". Eine Rote Karte kostet 25 Euro plus einen Kasten. Das erste Saisontor kostet auch einen Kasten. Mittlerweile wird auf dem Platz schon beim Torjubel, für einen Assist des Torhüters oder bei sonstigem Müll lautstark „Kasten" gefordert.

Alkohol und Fußball sind so eng miteinander verbunden, dass auch bei uns im Verein niemand unser Tun hinterfragt. Weder der Präsident noch unser Trainer. Die sind nur froh, wenn wir donnerstags nicht in der Kabine, sondern wieder zu Gunsten des Klubs im Vereinsheim saufen. Es wird uns an allen Ecken ja auch vorgelebt. Einer unserer Hauptsponsoren ist eine Brauerei, unsere Siegprämien bekommen wir in Getränkemarken und nicht in Euro ausgezahlt.

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Unsere erste Herrenmannschaft hat noch sportliche Ziele, die trinken daher nur ein oder zwei Bierchen. Aber bei uns in der Zweiten ist der Zug schon lange abgefahren. Profis werden wir eh nicht mehr und absteigen können wir auch nicht. Natürlich lieben wir das Kicken, aber der Sport ist nur eine Komponente von vielen. Wir leben das Vereinsleben. Wir treffen uns dort und verbringen eine schöne Zeit mit Freunden. Aber am Ende freuen wir uns alle aufs Trinken. Vielleicht will ich mir aber auch nicht eingestehen, dass ich ein größeres Problem habe, obwohl ich es weiß. Ich glaube, im Amateurfußball geht es vielen wie uns…

Das Schlimme ist, dass ich jetzt gerade schon wieder ein Bierchen in der Hand halte. Und bald ist auch schon Donnerstag. Und dann kommt das Wochenende. Und der nächste „Kabienstag" auch.

Hast du ein ähnliches Alkoholverhalten wie Sandro? Hier kannst du deinen Umgang mit Alkohol testen und dich persönlich beraten lassen.

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*Sandro ist ein Pseudonym und auch sein Verein wurde nicht namentlich genannt. Der Text wurde protokolliert von Benedikt Niessen.