von wegen bullshit

Von „Bullshit" zur tödlichen Waffe: Eine kurze Geschichte des Dreipunktewurfs

Trainer und Experten verhöhnten 1979 die neueste NBA-Innovation. Mittlerweile halten die Kritiker die Klappe, denn Dreier sind der Schlüssel für Meisterschaftsringe.

von Luis Arroyo
29 April 2016, 1:00pm

Foto: Reuters

Denkt man an guten Basketball, denkt man an Athletik, Schnelligkeit, kluges Passspiel, Gegenstöße und krachende Dunks... Aber auch an Dreier? Vor einigen Jahren wäre die Antwort wohl noch negativ ausgefallen (und tut sie bei Basketball-Ästheten noch immer). Doch die Wirklichkeit sieht so aus, dass Dreierwürfe—egal was man nun über sie denken mag—längst zu einer tödlichen Waffe in der NBA geworden sind.

Und dieser Aufstieg ist unweigerlich mit dem Aufstieg von Stephen Curry verbunden. Denn Curry ist der unangefochtene König dieser Disziplin. In der Regular Season verwandelte er sagenhafte 402 Versuche von Downtown. Seine brutale Effektivität von der Dreierlinie hat die Tendenz für Distanzwürfe als entscheidenden taktischen Kniff in der NBA hervorgehoben. Obwohl man sagen muss, dass er und sein Team bei Weitem nicht die einzigen sind, die davon standardmäßig Gebrauch machen.

Im zweiten Spiel der Erstrundenpaarung Cleveland Cavaliers gegen Detroit Pistons (107-90) waren unfassbare 60 der 107 Cavs-Zähler Würfe von hinter der Dreipunktelinie.

LeBron James nimmt einen Wurf von Downtown beim Dreierfestival der Cavs gegen die Pistons. Foto: Tim Fuller/USA Today Sports

Nach Adam Riese sind das 20 verwandelte Dreier, was für das Franchise einen Postseason-Rekord bedeutet. Gleichzeitig egalisierte man auch den Vereinsrekord der Golden State Warriors (aus dem Jahr 2015) und der Dallas Mavericks (2011). Die Tendenz ist eindeutig. Grund genug, um uns anzuschauen, wie die NBA zum Dreier gekommen ist.

Eine kurze Geschichte des Dreiers

Es lief die Saison 1979/80, als die gerade erst eingeführte Dreierlinie einen Sturm der Entrüstung auslöste: „Absoluter Bullshit", urteilte die New York Times in einem Artikel, und Suns-Trainer John MacLeod versicherte, dass die Regeländerung vor allem für Langeweile sorgen würde.

Laut Red Auerbach—damals General Manager von den Boston Celtics—war der Grund für die Einführung dieser „absurden" Regel „Panik auf Seiten der Fernsehsender aufgrund schlechter Einschaltquoten".

Die Anfänge der Dreierwürfe waren gelinde gesagt bescheiden. Es gab jetzt zwar die Option, aber kein Verein hatte sein Spiel darauf ausgerichtet, was einen einfachen Grund hatte: Es gab (fast) keine ausgemachten Dreierschützen.

So wurden in der Debütsaison nicht mal drei Dreier pro Spiel abgefeuert. Kein Wunder, schließlich sah „guter" Basketball in der NBA immer so aus, dass der Ball möglichst nahe an den Korb gebracht wurde, um so sichere Würfe zu nehmen. Anfangs galt der Dreipunktewurf am ehesten als eine Art Notlösung, was auch an einer recht schwachen Trefferquote von rund 25% lag.

Brian Taylor (rechts) war einer der Pioniere des Dreierwurfs. Foto: Dick Raphael/Getty Images

Brian Taylor—Ex-Spieler der New York Nets—war der erste, der die Möglichkeiten des Dreierwurfs gewinnbringend auszunutzen wusste. Auch weil er vorher jahrelang in der ABA gespielt hatte, die schon 1967 die Dreierlinie einführte (und später mit der NBA fusionierte). Er war also ein echter Scharfschützenveteran. In der Dreier-Debütsaison der NBA nahm Taylor 239 Würfe von Downtown, mit einer starken Quote von 37,6%.

Langsam sahen auch die Puristen ein, dass der Dreierwurf eine extrem effektive Waffe sein konnte. Darum kam es auch in Sachen Trainingsfokus allmählich zu einem Umdenken bei den meisten Teams. Auch wenn das eine Weile dauerte. Denn auch noch sechs Jahre nach seiner Einführung wurden pro Spiel durchschnittlich nur drei Dreier von jeder Mannschaft genommen.

Taylor war übrigens in der Debütsaison der einzige Spieler, der mehr als 200 Würfe von Downtown nahm. Zum Vergleich: In der Regular Season 2015-16 zählten die NBA-Statistiker mehr als 50 Spieler, die häufiger als 320 Mal von hinter der Dreipunktelinie abdrückten.

Übrigens sorgte der Aufstieg des Dreiers auch zu einer Verlagerung des Spiels weg vom Korb und damit zu einer ganz neuen Spielphilosophie. Das Spiel wurde breiter und plötzlich konnten auch kleinere Spieler durch ihren neugewonnenen Einfluss zu echten Superstars heranreifen. Schließlich waren es in den frühen Jahren der NBA vor allem die Big Men, die der Liga ihren Stempel aufdrückten. Egal ob Wilt Chamberlain, Moses Malone oder Kareem Abdul-Jabbar, sie alle waren zwischen 2,08 und 2,18m groß.

Nur Verletzungen können Stephen Curry stoppen, dem in der Regular Season 402 Dreier geglückt sind. Foto: Reuters

Darum ist die Frage, warum die Warriors die Liga mit solch einer Leichtigkeit dominieren, auch schnell beantwortet. Die Antwort steckt nämlich in den Dreiern: In der Regular Season kamen die Splash Brothers Curry und Thompson zusammen auf 2.034 Punkte von hinter der Dreierlinie. Das entspricht 49% ihrer insgesamt erzielten Punkte—eine unfassbare Statistik.

Alles in allem kam die Mannschaft in der Regular Season auf 1.077 Dreier, das entspricht 34,3% der 9.421-Saisonpunkte der Warriors. Ein Anstieg um satte 22 Prozent im Vergleich zur Rekord-Vorsaison.

Mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Einführung hat sich der Dreipunktewurf zu einer tödlichen Waffe entwickelt, und das gilt nicht nur für das Team aus Oakland. Von „Bullshit", wie es die New York Times einst schrieb, kann also keine Rede sein.