Ein kleiner afrikanischer Staat kämpft um die Hanf-Legalisierung
Marihuana

Ein kleiner afrikanischer Staat kämpft um die Hanf-Legalisierung

In Malawi wird Nutzhanf vielleicht bald legal – und wenn es nach einigen Bevölkerungsgruppen geht, möglicherweise auch Marihuana.
28 April 2017, 4:00am

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Am 18. Mai 2015 sprach sich der malawische Politiker Boniface Kadzamira im Parlament für die Legalisierung von Industriehanf aus. "Das ganze Haus hat gelacht. Ich wurde ausgebuht und für verrückt erklärt", erinnert sich Kadzamira, ein unabhängiger Abgeordneter, im Oktober vergangenen Jahres und blickt dabei über die leeren Sitze des Parlamentssaals. "Meine Freunde und Familie waren auch nicht gerade erfreut. Sie haben gefragt: ‚Warum sprichst du als gottesfürchtiger Mann über Chamba?'", lacht er. Chamba, so heißt Marihuana in Malawi. "Sogar meine Frau meinte: ‚Ich schäme mich so. Die Nachbarn reden–sie sagen, du hast es zum Thema in der Nationalversammlung gemacht!'"

Kadzamira ist ein ruhiger und geduldiger Mann. Heute, fast zwei Jahre später, sind das Gelächter und die Buhrufe verklungen. Im Juni wird die Testanbauphase abgeschlossen sein, und danach wird Malawi höchstwahrscheinlich Nutzhanf legalisieren, der dank seines geringen THC-Gehalts nicht psychoaktiv ist. Eine wichtige Triebfeder, neben dem unermüdlichen Kampf Kadzamiras und seiner Verbündeten, ist die Hoffnung, dass Hanf die malawische Wirtschaft ankurbeln wird. Um die ist es nach einer schweren Dürre im südlichen Afrika schlecht bestellt, und die weltweite Nachfrage nach Tabak, Malawis wichtigstem Exportprodukt, ist gesunken.

Hanf stellt eine attraktive Alternative dar, weil daraus Tausende Produkte hergestellt werden können. Seine Legalisierung in Malawi würde dem Land erlauben, die Nutzpflanze nicht nur anzubauen, sondern auf ihrer Grundlage gleich eine Reihe neuer Industrien zu etablieren. Auch hat Malawi bereits den Ruf, eine der besten Cannabissorten der Welt hervorzubringen: "Malawi Gold". Obwohl es illegal ist, zählt Gras offenbar zu den führenden Exportwaren des Landes: Nahezu zehn Tonnen werden jährlich beschlagnahmt.

Auch der Konsum von Cannabis ist in Malawi weitverbreitet, daher stehen Legalisierungsbefürworter vor der Herausforderung, so klar wie möglich zwischen Chamba und Nutzhanf zu unterscheiden. "Chamba wird hier mit Verrückten assoziiert", erklärt Kadzamira, als er vom Widerstand örtlicher NGOs und religiöser Gruppen gegen seine Kampagne berichtet.

In Lilongwe, der Hauptstadt Malawis, treffe ich mich mit Kulimbamtima Chiotcha von der Anti-Drogen-NGO Drug Fight Malawi. Sie ist überzeugt, dass mehr Jugendliche Gras konsumieren, seit das Thema im Parlament Einzug gehalten hat, "weil die Landbevölkerung die Pflanzen nicht unterscheiden kann. Für sie hat die Regierung Chamba legalisiert."

Die britische Unternehmerin Tanya Clarke leitet Invegrow, die erste Firma, die sich für die Einführung von Hanf in Malawi eingesetzt hat. Im Oktober erhielt Invegrow die erste Lizenz für den testweisen Hanfanbau. "Jede neue Nutzpflanze, die nach Malawi kommt, muss getestet werden, nicht nur der Hanf", erklärt Clarke. Dazu gehören auch das Testen der verschiedenen Sorten bezüglich ihres THC-Gehalts sowie Beobachtungen des Wasserverbrauchs und der Reaktionen auf die Jahreszeiten. "Invegrow finanziert alles selbst", sagt Clarke. "Aber die Regierung hat uns das Land und einen Forscher zur Verfügung gestellt, und wir haben ihren Segen, was sehr viel wert ist."



So weit zu kommen, war nicht einfach. "Das Wort ‚Hanf' bezieht sich in Malawi traditionell auf ‚indischen Hanf' oder Marihuana, nicht auf Industriehanf wie in der nördlichen Hemisphäre", so Clarke. "Daher war die Terminologie von Anfang an ein Thema, und wir versuchen, das Wort ‚Hanf' für die Aufklärung über die industrielle Variante zurückzugewinnen."

Vor dieser Herausforderung steht die Hanfindustrie nicht nur in Malawi. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war Hanf aufgrund seines geringen Wasserverbrauchs, seiner klimatischen Anpassungsfähigkeit, geringen Bodenbeeinträchtigung und vielfachen Nutzungsmöglichkeiten weltweit die meistangebaute Nutzpflanze. Obwohl in den USA die Legalisierung von Cannabis als Arznei und auch als Genussmittel rasant fortschreitet, unterliegt es nach US-Bundesrecht weiterhin strengen Kontrollen–ein Überbleibsel der "Reefer Madness"-Kampagne gegen Cannabis der späten 1930er. Deshalb halten sich auch einige afrikanische Regierungen bei der Legalisierung zurück, schließlich sind sie "extrem angewiesen auf Weltbanksubventionen und -kredite sowie auf Fördermittel von USAID", so Tony Budden, Hanfaktivist und Mitbegründer des südafrikanischen Hanf-Labels Hemporium. "Wenn sie das Gefühl haben, diese Mittel zu gefährden, gehen sie das Risiko nicht ein." Budden fügt hinzu, Südafrika habe der Legalisierung von medizinischem Hanf vor Kurzem grünes Licht gegeben, der Kampf um den Anbau von Nutzhanf gehe aber seltsamerweise weiter.

"In Malawi werden beide Themen zusammen verhandelt", sagt Kadzamira. "Wir setzen uns für Industriehanf ein, aber viele behaupten, das sei dasselbe wie Marihuana und deshalb müsse man ihn verbieten. Andere sagen, man solle nicht nur Industriehanf erlauben, sondern auch Marihuana, weil das die Wirtschaft unseres Landes stärken könnte." Wie die meisten Hanfbefürworter ist Kadzamira für die Legalisierung beider Varianten offen. Auch diese Idee ist in Malawi nicht neu. Laut Kadzamira überlegte die Regierung des Unabhängigkeitsführers Hastings Kamuzu Banda Anfang der 1970er, ob sie Tabak oder Cannabis als wichtigsten Cash Crop des Landes etablieren sollte, und seither stand Hanf noch mehrmals im Fokus der Politik. Doch aufgrund lokaler Befindlichkeiten bleibt Kadzamira zurückhaltend, was die Erweiterung der Debatte auf Marihuana betrifft. "In Zukunft werden wir darüber nachdenken müssen", sagt er. "Aber im Moment ist das ein sehr geladenes Thema, und wir versuchen, es möglichst nicht mit Industriehanf zu vermischen."

Der Abgeordnete Boniface Kadzamir, hier mit Bewohnern seines Wahlbezirks, führt die Kampagne zur Hanflegalisierung in Malawi an. Für ihn ist der Rohstoff ein Mittel, die Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

In seinem Wahlkreis, einem ländlichen Gebiet namens Ntchisi North, ist Kadzamira eine Berühmtheit. Bei unserem Spaziergang durch das Dorf folgt uns eine kleine Menschenmenge, und er stellt mich dem Gemeindevorsitzenden Kelodon Chazama vor. Dieser erklärt mir, seine Gemeinde konsumiere weiterhin Cannabis als Medizin und Genussmittel. "Die Leute hier halten es nicht wirklich für illegal, weil wir unsere Babys damit behandeln, wenn sie Masern haben", so Chazama. Später bestätigt dies auch Dr. Gama Bandawe, Biologe an der Malawi University of Science and Technology: "Cannabis wird traditionell als Heilmittel gegen Epilepsie genutzt." Früher hätten ältere Menschen es auch geraucht. "Es linderte Schmerzen, regte den Appetit an und half den Alten, ihr Wissen durch Geschichten und Sprichwörter an die Jugend weiterzugeben."

Trotz der bekannten traditionellen Verwendungsarten von Cannabis lehnen viele andere Oberhäupter und Religionsführer jegliche Hanf-Legalisierung ab. Bandawe beschreibt diese Einstellung als "koloniales Relikt" nach Jahrzehnten der Prohibition durch europäische Kolonialherren, christliche Missionare und den weltweiten "War on Drugs" der USA.

Eine Gruppe, die sich von der Anti-Drogen-Stimmung nicht beeinflussen lässt, sind die malawischen Rastafaris. Bei einem Reggae-Konzert in Lilongwe erzählt mir der Rastafari-Priester Ras Bongo Maseko, er wünsche sich, dass sein Land Industriehanf und schließlich auch Chamba legalisiert. "Wir wollen den Menschen vermitteln, dass es bei Ganja nicht nur ums Rauchen geht. Es hat auch medizinischen Wert, und aus den Samen pressen wir Öl. Wir können sogar Ganja-Milch herstellen. Sie ist reich an Vitaminen und Calcium. Für uns Rastas ist Ganja ein Lebensmittel." Maseko meint, für die Rastafaris mache die Legalisierung kaum einen Unterschied–seine Leute würden ohnehin weiter Cannabis nutzen. Doch gleichzeitig sieht er seine Religionsgemeinschaft als eine Schlüsselgruppe, um den Malawiern die Pflanze näherzubringen. "Wir als Rastas müssen unsere Rolle in der Entwicklung dieser Nation wahrnehmen", sagt er.

Gemeinsam mit Maseko reise ich in die abgelegenen, sonnenverbrannten Berge einer Region, die in Malawi für den Cannabis-Anbau bekannt ist. Maseko spricht mit Bauern auf einer der illegalen Plantagen. "Ich wurde in eine Chamba-Familie geboren, wie meine Eltern vor mir", erklärt einer von ihnen. "Ich handle auch mit anderen Nutzpflanzen wie Maniok und Mais, aber mein Geschäft lebt vom Chamba. Es ist unsere Lebensgrundlage."

Zwar gilt Cannabis als eines der wichtigsten Exportgüter Malawis, doch die Hanfbauern sind nicht wohlhabend. Wer kassiert also den Löwenanteil der Gewinne? Die Bauern wissen es nicht–oder wollen es nicht verraten. Doch viele in Malawi vermuten, dass trotz regelmäßiger Medienberichte über Polizeirazzien auf Plantagen letztlich nur hochrangige Regierungsmitglieder dafür sorgen können, dass so viel Gras aus dem kleinen Land exportiert wird.

Maseko hebt eine der Cannabispflanzen auf, die entwurzelt in der Sonne liegen. "Das sind einige der vergeudeten Bäume, von denen ich gesprochen habe. Der Baum ist stark und produziert Fasern", sagt er und zerrupft dabei die Pflanze, die Bauern ausgerissen haben, weil sie beim Anbau nur am rauchbaren Gras interessiert sind. "Wenn wir diese Bauern fördern und ihnen beibringen, wie man daraus Fasern erzeugt, können sie die der Regierung zur Verarbeitung in der neuer Industrie verkaufen."

Ob die Regierung nur den nicht psychoaktiven Industriehanf oder auch Marihuana legalisiert, Befürworter fordern, dass dieser Rohstoff in jedem Fall den Malawiern nützen muss. "Graskenner aus der ganzen Welt haben unsere malawischen Sorten in ihre Heimatländer geholt. Heute findet man Malawi Gold in Coffeeshops in Amsterdam und Kanada. Selbst in Jamaika ist es eine beliebte Sativa-Sorte", so Bandawe. "Trotzdem haben Malawier von dieser hochprofitablen Ressource nichts. Wir haben Bedingungen geschaffen, die totale Ausbeutung ermöglichen."

Ras Bongo Maseko, rechts, ist Rastafari-Priester in Malawi. Chamba, wie man Gras dort nennt, und Hanf sind wichtige Bestandteile der Rasta-Kultur.

Besonders jetzt, da sich die Hanfindustrie entwickle, müsse man deshalb "die Genetik der einheimischen Sorten verstehen, damit wir intellektuelles Eigentum schaffen können", sagt Bandawe. Dies ist langfristig auch das Ziel von Invegrow. Aufgrund der aktuellen Gesetze in Malawi stammen die von der Firma getesteten Samen noch aus dem Ausland. "Wir testen alle Kultursorten, die wir in die Finger kriegen, aber die meisten sind für das subtropische Klima in Malawi nicht optimal", sagt Clarke, die Chefin von Invegrow. "Wir brauchen Flexibilität, um Nutzhanfsorten zu züchten, die sich für diese Breiten eignen."

Es geht aber eben nicht nur darum, dass Malawi dieses "Gold" wieder für sich beansprucht, sondern auch darum, wer im Land davon profitiert. Rastafaris sind in Malawi eine häufig stigma-

tisierte Minderheit, doch Maseko ist überzeugt, dass sie Einfluss auf die Hanfindustrie nehmen müssen. "Das ist wichtig, denn wir kennen uns mit den Mengen aus. Wir wissen, wie mächtig Hanf sein kann–daher braucht es auch Regeln. Es ist wie mit allem, selbst mit Wasser: Wenn man zu viel von etwas nimmt, kann es einem schaden. Deshalb versuchen wir klarzustellen, dass wir das Mittel nicht missbrauchen wollen. Wir wollen, dass es richtig eingesetzt wird."

Doch Rastafaris werden in der malawischen Gesellschaft diskriminiert. Kinder aus Rasta-Familien ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen, wenn sie Dreadlocks haben, und die Polizei hat es regelmäßig auf erwachsene Rastafaris abgesehen. Kadzamira sagt, als er mit einigen führenden Rastafaris im Parlament fotografiert wurde, hätten die Reaktionen aus Politik und Medien beinahe die gesamte Nutzhanfkampagne gekippt. Es besteht also das Risiko, dass Rastafaris in Malawi trotz ihres Fachwissens von potentiellen Hanfindustrien ausgeschlossen werden, wie bereits bei Minderheiten in den USA der Fall.

"Ich wäre sehr froh, wenn es hier anders liefe als mit dem Tabak", sagt Kadzamira. Er kennt das Risiko nur allzu gut, denn er war in der Tabakindustrie tätig, bevor er in die Politik ging. Die Wirtschaftsliberalisierung der 1990er öffnete den malawischen Tabakmarkt für internationale Unternehmen, die das Land und seine Bauern aufgrund der niedrigen Rohtabakpreise seither ausbeuten. Diesmal, so hofft Kadzamira, wird Malawi mehr Kontrolle über die Industrie haben, da "im Land selbst investiert wird, wir den Rohhanf also nicht exportieren, sondern in Malawi verarbeiten". Sobald die Gesetzesänderung verabschiedet ist, will die Regierung Anbaurichtlinien sowie Lizenzen für Investoren herausgeben. Clarke von Invegrow möchte gern Hanfprodukte herstellen, die den Malawiern zugutekommen, z. B. "Hanfbeton" für nachhaltige Bauprojekte und Hanflebensmittel, die reich an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren sind. Sie hofft, dass große Institutionen wie das UN World Food Programme oder UNICEF hier Pate stehen werden.

Fest steht, dass einheimisches Saatgut und Wissen den Kern dieser Industrien bilden müssen, wenn Malawi sein "grünes Gold" jemals für sich beanspruchen soll. "Gott hat Malawi mit vielen Rohstoffen gesegnet. Wir haben guten Boden, gutes Wetter und gute Leute. Wir haben sie bisher nur nicht gut genutzt", sagt Kadzamira. "Ich bin optimistisch, dass es eine Zukunft für Malawi gibt–und zwar in Malawi."

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