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Sex

Über die ethische Art und Weise, Pornos zu schauen

Wir haben mit David K. Ley, dem Autoren des Buches 'Ethical Porn for Dicks', darüber gesprochen, wie man einschlägige Filmchen verantwortungsvoll genießt.

von John Campbell McMillian
26 Dezember 2016, 4:00am

Foto: Jamie Fullerton

Wir leben in einer Ära, in der die Porno-Industrie wohl ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Im Internet hat man zu jeder Zeit Zugriff auf wohl jegliche Art von Schmuddelfilmchen und das machen sie die Leute zu Nutze—egal ob nun während der Arbeit, in Fastfood-Restaurants oder bei politischen Versammlungen. In den USA haben die Republikaner diese Porno-Sucht sogar schon als "staatliche Gesundheitskrise" bezeichnet.

Was dieser Porno-Konsum mit uns Menschen (und vor allem mit uns Männern) anstellt, ist noch nicht ganz klar. Das liegt zum Großteil daran, dass viele Forscher trotz der Allgegenwärtigkeit des Themas nicht wirklich wissen, wie sie das Ganze angehen sollen.

Genau das will David K. Ley, ein Psychologe mit Fokus auf sexuellen Problemen, nun ändern. So ist sein aktuelles Buch Ethical Porn for Dicks: A Man's Guide To Responsible Viewing Pleasure auch ein humorvoller und provokativer Guide für Männer, die etwas eingehender über ihren Porno-Konsum nachdenken wollen und sich dabei die Frage stellen, ob es eine richtige Art und Weise gibt, solche Filme zu schauen.

Ley erzählte mir, dass er sich beim Schreiben von Ethical Porn for Dicks vorgestellt hat, "zusammen mit seinen Freunden bei ein paar Bierchen über Pornos zu reden". Mit diesem Gedanken im Hinterkopf habe ich bei dem Psychologen angerufen, um mehr über das Buch zu erfahren und um herauszufinden, wie wir unsere Porno-Gewohnheiten ethischer gestalten können.

VICE: Zuerst die wichtigste Frage: Was sind "ethische Pornos" überhaupt?
David Ley: In meinem Buch betrachte ich ethische Pornos aus zwei Blickwinkeln: einmal aus der Sicht der Konsumenten und einmal aus der Sicht der Produzenten. Ethischer Porno-Konsum ist bedacht, aufmerksam, verantwortungsvoll und von sexueller Integrität geprägt. Ethisch produzierte Pornos sind im beidseitigen Einverständnis entstanden und die Darsteller wurden alle fair bezahlt. Außerdem nutzt man dabei niemanden aus—weder die Darsteller noch die Konsumenten. Des Weiteren wird die Sexualität auf eine gesunde Art und Weise behandelt. Man ist sich der breit gefächerten sexuellen Interessen, Körperformen und Verlangen bewusst. Bei ethischen Pornos geht es darum, ethische sexuelle Werte verantwortungsvoll und bewusst zu unterstützen.

Du willst ja den Porno-Konsum entstigmatisieren. Dann wirst du auch sicher nichts dagegen haben, wenn ich dich frage, wie deine eigenen Konsumgewohnheiten ausschauen.
Wie die meisten Männer meiner Generation habe auch ich im Jugendalter meinen ersten Porno gesehen, der mir von älteren Typen zugesteckt worden war. Teilweise habe ich in meinem Leben schon zu viel Pornografie geschaut, teilweise aber auch zu wenig.

Ich bin in relativ jungen Jahren zum ersten Mal mit pornografischem Material in Berührung gekommen: Ein Nachbar zeigte mir den Stapel an Hustler-Magazinen, den sein Vater im Keller versteckt hatte. Später fielen uns dann ein paar explizite Videokassetten in die Hand. Ich glaube nicht, dass mir das großartig geschadet hat, aber heutzutage ist natürlich auch vieles anders. Glaubst du, dass es negative Folgen hat, dass Jugendliche durch das Internet quasi unbegrenzten Zugang zu Pornos haben?
Es wird immer viel übertrieben, wenn es darum geht, wie stark Jugendliche und Kinder pornografischen Inhalten ausgesetzt sind. "Denkt doch nur mal an die Kinder!" zu schreien, ist eine beliebte Taktik der ganzen Moralapostel. Tatsächliche Zahlen und Fakten gibt es dazu jedoch kaum.

Bei der besten Forschungsarbeit, die ich zu diesem Thema gesehen habe, hat man herausgefunden, dass das Durchschnittsalter beim ersten Porno-Konsum bei 14 Jahren liegt. Vor dem Aufkommen des Internets war das doch genauso. Aber ja, das World Wide Web bietet natürlich leichteren Zugang zu vielfältigeren Inhalten. 

Aber was bedeutet das nun für uns?
Das kann man nicht wirklich sagen. Die Menschen, die Pornos sehen wollen, neigen auch zu einer höheren Libido. Solche Videos verändern aber nicht den Menschen an sich.

In Großbritannien hat man mal eine Studie namens "Basically Porn Is Everywhere" durchgeführt. Dafür sind die Wissenschaftler 40.000 Forschungsarbeiten zum Thema Pornografie durchgegangen, um herauszufinden, welchen Einfluss Pornos auf Kinder haben. Von all diesen Arbeiten wurden allerdings nur 237 als wissenschaftlich wertvoll für die Beantwortung dieser Frage eingestuft. 99 Prozent der Veröffentlichungen zum Thema Pornos sind aufgrund Voreingenommenheit und unzureichender Recherche nur mit Vorsicht zu genießen. Und dieser Umstand wirkt sich natürlich auch auf die heutige Debatte aus. Das muss man sich immer im Hinterkopf behalten. 

Bei der Studie konnte man also nicht wirklich herausfinden, wie sich Pornos nun auf Kinder auswirken?
Richtig. Es wurde allerdings klar, dass sich die meisten Kinder und Jugendlichen auf irgendeine Art und Weise mit Pornos beschäftigen und dabei ein falsches Bild vom Geschlechtsverkehr bekommen. Das ist nicht gut, denn Pornos sollten kein "Lehrmaterial" darstellen. Es wäre allerdings ziemlich sinnlos, Pornos komplett zu verbieten—zumal das niemals möglich wäre. Nein, stattdessen sollten wir den jungen Menschen lieber beibringen, was gesunder Sex ist, damit sie verstehen, dass Pornos nur eine Fantasie darstellen.

"Ich gebe der Männerwelt immer den Tipp, einen Ausflug in die Porno-Welt wie eine Kneipentour mit der Freundin zu behandeln: Einer muss nüchtern bleiben, um wieder nach Hause fahren zu können."

In deinem Buch gibst du auch einige relativ naheliegende Tipps wie etwa "Schicke keine Schwanzfotos an Frauen, die du kaum kennst" oder "Schaue während der Arbeit keine Pornos". Das finde ich einerseits witzig, andererseits aber auch fast schon erschreckend. Was sagt es über uns aus, dass viele Leute solche Ratschläge tatsächlich nötig haben?
Durch Tausende Jahre der sexuellen Selektion sind wir Menschen darauf getrimmt, im sexuell erregten Zustand impulsiv zu agieren und schlechte Entscheidungen zu treffen. Ich weiß aber auch, dass Sex wie eine Droge wirken kann. Wenn wir geil sind, verlieren wir unser Zeitgefühl und machen Dinge, die wir am darauffolgenden Morgen möglicherweise bereuen. Wir schlafen mit der "falschen" Person, machen es ohne Verhütung oder tun Dinge, die mit unseren Moralvorstellungen kollidieren. Deshalb empfehle ich immer, im unerregten Zustand über die eigenen sexuellen Werte, Wünsche und Verhaltensweisen nachzudenken. Wie kann man diese Dinge mit dem verbinden, was man als Mensch sein will? Leider führen Scham und Stigma zu oft dazu, dass wir unsere Sexualität verstecken und nur dann rauslassen, wenn wir erregt sind.

Mal angenommen, ein Mann schaut exzessiv Pornos, ohne seiner Freundin davon zu erzählen. Is das dann Fremdgehen?
Das klingt jetzt vielleicht überraschend, aber ich bin tatsächlich der Meinung, dass Porno-Konsum als Fremdgehen gezählt werden kann, wenn man als Paar niemals darüber geredet hat, welche Rollen Masturbation und Gedanken an andere Menschen innerhalb der Beziehung spielen. Im Gegenzug geht die Frau unter Umständen aber auch fremd, wenn sie im sexuellen Kontext über einen anderen Mann nachdenkt oder heimlich Sexspielzeug benutzt. So etwas lässt sich aber leicht lösen: Man sollte diese Dinge einfach nicht als "Fremdgehen" oder "schmutzige Geheimnisse" betrachten, sondern stattdessen über die sexuelle Privatsphäre reden, die der jeweilige Beziehungspartner für sich festgelegt hat. Dabei ist es wichtig, dass dieses Gespräch auf sexueller Selbsterkenntnis und Akzeptanz sowie Respekt füreinander beruht. Leider klingt das einfacher, als es in Wirklichkeit ist. Mein Buch soll die Leser jedoch auf diesen Moment vorbereiten.

Wie bringt man als Mann seine Partnerin dazu, zusammen Pornos zu schauen?
Die beste Herangehensweise sieht wohl folgendermaßen aus: Männer müssen mit ihren Partnerinnen darüber sprechen, was Pornos für sie darstellen und was nicht. Außerdem dürfen sie die Sorgen und Ängste der Frauen nicht einfach so als Schwachsinn abtun. Ich gebe der Männerwelt immer den Tipp, einen Ausflug in die Porno-Welt wie eine Kneipentour mit der Freundin zu behandeln: Einer muss nüchtern bleiben, um wieder nach Hause fahren zu können. Und ich liefere die Anleitung dazu, wie man ein verantwortungsvoller und einfühlsamer "Fremdenführer" ist und im besten Fall für eine Wiederholung des Ausflugs sorgt. Pärchen, die zusammen Pornos schauen, haben tatsächlich bessere und gesündere Sexleben und Beziehungen—dafür muss man sich jedoch gute zwischenmenschliche Fähigkeiten aneignen.

Es kommt immer noch nur selten vor, dass Männer solch offene Diskussionen zum Thema Pornografie führen. Wie können wir das ändern?
Ich betone immer wieder, dass Pornos nur sexuelle Fantasien sind, die visuell umgesetzt und veröffentlicht wurden. Unsere Ängste und Sorgen bezüglich Pornografie sind in Wahrheit Ängste und Sorgen bezüglich sexueller Fantasien. Und es gibt nun mal Fantasien und Wünsche, die unserer Meinung nach ungesund oder unerwünscht sind. Die hat jeder Mensch. Dabei gibt es derzeit keine Anzeichen oder Belege dafür, dass sich sexuelle Fantasien—nichtmal gruselige oder illegale—in irgendeiner Art und Weise auf das Verhalten der Menschen auswirken. Wenn wir als Gesellschaft wirklich ungesundes Sexualverhalten eindämmen, gegen sexuelle Gewalt vorgehen und unsere Kinder schützen wollen, dann müssen wir uns auf Bildung sowie Aufklärung konzentrieren. So lässt sich nämlich wirklich etwas erreichen. 

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