Illustration: Ella Strickland de Souza

Wie es ist, Weihnachten alleine zu feiern

Vier Menschen erzählen, wie und warum sie die Festtage ohne Gesellschaft verbracht haben.

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23 Dezember 2016, 5:00am

Illustration: Ella Strickland de Souza

Wenn uns Weihnachtswerbung eine Botschaft vermitteln will, dann wohl folgende: Zu dieser Zeit des Jahres sollte niemand alleine sein. Denkt an die ganzen armen und bedürftigen Menschen, heißt es, an die Obdachlosen draußen in der Kälte, an die alten Leute ohne Freunde und Familie oder an die Flüchtlinge auf der ganzen Welt.

Niemand, der jung, erfolgreich und gesund ist, soll Weihnachten alleine verbringen. Einkaufszentren und Supermärkte sind zugepflastert mit Bildern von zusammensitzenden Familien und Freunden. Der Dezember ist ein Monat des militanten Konventionalismus: Zwar werden in der festlichen Reklame religiöse Vielfalt, gleichgeschlechtliche Beziehungen und Veganismus zum Thema gemacht, aber es gibt trotzdem nur einen richtigen Weg, Weihnachten zu feiern—und dieser Weg sieht aus wie direkt aus einem Disney-Film.

Aber was, wenn man bewusst die Entscheidung trifft, Weihnachten einfach nur wie jeden anderen Tag zu behandeln? Im Folgenden erzählen uns vier Menschen, wie es für sie war, die Festtage aus verschiedenen Gründen alleine (oder mit so wenigen Menschen wie nur möglich) zu verbringen.

Single und Spaß dabei

Ich bin früher gerne in meine Heimat zurückgekehrt, um alle meine Freunde und meine Familie wiederzusehen. Dann kam allerdings meine Scheidung sowie ein weiteres unschönes Beziehungsende—und das zu einer Zeit, in der alle Menschen aus meinem sozialen Umfeld sesshaft wurden. Deswegen war auch niemand mehr da, als ich das letzte Mal nach Hause fuhr.

Eigentlich vermittelt einem nichts anderes stärker das Gefühl, im Leben zu versagen, als als geschiedene und kinderlose Frau an Weihnachten nach Hause zu fahren, wenn sonst keiner da ist.

Deswegen entschied ich mich im darauffolgenden Jahr dazu, alleine in London zu bleiben. Zwar bekam ich auch viele Einladungen, so als ob es mir bei dieser Entscheidung richtig dreckig gehen würde, aber ich freute mich tatsächlich richtig auf die Zeit für mich selbst. Ich deckte mich vorher mit meinem Lieblingsessen ein und am Weihnachtsmorgen ging ich dann spazieren. Ich rief meine Familie an und kochte mir anschließend mein Mittagessen. Dabei hörte ich Frank Sinatra. Alles war total friedlich und genau so, wie ich es mir gewünscht hatte.

Meiner Meinung nach ist es wichtig zu wissen, dass man wichtige Ereignisse wie etwa Weihnachten oder Geburtstage auch anders gestalten kann. Weihnachten ist für mich zu einer Erinnerung daran geworden, wie ehrlich ich mein Leben jetzt lebe, anstatt mich nach dem Willen anderer Leute oder nach alten Traditionen zu richten.
– Laura

Der junge Arzt

Ich muss an Heiligabend und am ersten Weihnachtsfeiertag im Krankenhaus arbeiten. Und da mein Mitbewohner nicht da ist, komme ich danach auch noch in eine leere Wohnung zurück.

Früher gab es noch ein kostenloses Weihnachtsessen für alle Stationen, bei der die diensthabenden Chirurgen sogar den Truthahn mit ihren Skalpellen anschnitten. Aufgrund der derzeitigen finanziellen Lage wurde diese ganze Tradition jedoch gestrichen.

Mir hat es eigentlich nie viel ausgemacht, an Weihnachten zu arbeiten, weil man zusammen mit seinen Kollegen trotzdem immer gut in Stimmung kommt und einen sowas zusammenschweißt. Durch die neuen Arbeitsverträge fangen viele Mitarbeiter jedoch an, sich über diese Arbeitszeiten zu ärgern. Das Gemeinschaftsgefühl hat dann auch irgendwann seine Grenzen erreicht. Deshalb habe ich dieses Jahr gar keine große Lust, an Weihnachten zu arbeiten.
– Chris

Von der Familie verstoßen

Bei uns zu Hause wurden weder Geburtstage noch Weihnachten gefeiert, weil meine Mutter eine Zeugin Jehovas ist und mein Vater in den USA lebt. Ich bin mit 13 von zu Hause weg und habe viele Weihnachtsfeste alleine verbracht. Ich werden von meiner Familie verachtet, weil ich queer bin. Da meine Oma aufgrund ihres hohen Alters ebenfalls vernachlässigt wird, habe ich die vergangenen Jahre Weihnachten jedoch immer mit ihr verbracht.

Was mir während meiner Einsamkeit immer geholfen hat, war das Ziel, trotz der Umstände das Beste aus der Situation zu machen. Deshalb habe ich Weihnachten immer in ein Abenteuer verwandelt und bin weggefahren. In Glasgow habe ich zum Beispiel einmal fast ein Hotel in Brand gesteckt, weil ich meine brennenden Kerzen neben dem Lametta vergaß. Dann habe ich mich in den Highlands auf die Suche nach Kühen gemacht, weil ich mir sicher war, dass mir das mein Weihnachten versüßen würde.

Ich weiß, dass das keine Absicht ist, aber viele Leute sehen ihre großen Familien und die Geschenke als selbstverständlich an. Sie gehen einfach automatisch davon aus, dass da Mutter und Vater sind und es keine finanziellen Probleme gibt. Für viele Menschen sieht die Realität jedoch ganz anders aus.
– Charlie

Der einsame Kater

Einmal sind sowohl meine Mutter als auch mein Vater über Weihnachten mit ihren jeweiligen neuen Beziehungspartnern in den Urlaub gefahren. Und mein Bruder ging zu einem Kumpel. Immer wenn mich dann jemand fragte, was ich über die Feiertage mache, sagte ich, dass ich bei meiner Mutter sei. Ich hatte nämlich keine Lust auf Mitleid oder unangenehme, erzwungene Einladungen.

Heiligabend zog ich dann mit Freunden durch die Kneipen meiner Heimatstadt und hatte dabei richtig viel Spaß. Gegen vier Uhr war ich dann wieder zu Hause und entschied mich dazu, meine Geschenke aufzumachen und danach schlafen zu gehen. Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte ich ohne meine Familie dann irgendwie nichts zu tun. Deshalb saß ich stundenlang einfach nur da, rauchte eine Zigarette nach der anderen und trank Whiskey.

Am darauffolgenden Tag fühlte ich mich hundeelend—also jetzt nicht direkt verkatert, sondern eher total deprimiert. Ich blieb im Bett liegen und dachte darüber nach, was bei mir falsch lief und wieso ich mit 30 Jahren Weihachten alleine verbrachte. 

Seitdem bin ich jedes Jahr bei meinem Vater gewesen. Wir betrinken uns und ich diskutiere dann mit meinen älteren Verwandten über Politik. Das ist schön, aber irgendwie auch unnötig. Erzwungene Heiterkeit halt. Ich freue mich allerdings immer darauf, meine Freunde wiederzusehen, die über die Feiertage in die Heimat kommen.
– Scott

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