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Weihnachten

Reizwäsche, Rückenschrubber, Rippchen: Das bekommen Kinder ausländischer Eltern zu Weihnachten

Die Traditionen koreanischer, ukrainischer oder norwegischer Familien sind nicht weniger seltsam als die deutschen.

von Christine Kewitz
23 Dezember 2016, 4:15pm

Deutsche Geschenke müssen Ausländern seltsam vorkommen: die vollständige Loriot-Sammlung, Kalender mit Sprüchen deutscher Dichter oder überlebensnotwendige Tchibo-Produkte wie diese Tupperdose für Kiwis oder dieser Flaschenöffner, der mitzählt, wie viele Biere du schon konsumiert hast. Doch merkwürdige Geschenke gibt es nicht nur bei uns. Wer eine ausländische Familie hat, packt oft nicht weniger seltsame Sachen aus.

Sarah, Feuerzeuge aus Korea

Ich bin in Köln geboren und aufgewachsen, aber meine Eltern kommen beide aus Südkorea. Spätestens seit ich mein eigenes Geld verdiene, bekomme ich ausschließlich funktionale Geschenke. Auch mein jetziger Ex-Freund hat das zu spüren bekommen. Er bekam, genau wie ich übrigens auch, von meiner Mutter einmal eine ganze Packung von diesen langen Feuerzeugen, mit denen man Kerzenleuchter oder Kamine anzünden kann. Allerdings war das aufgrund des Kürbismusters offensichtlich ein saisonales Produkt und wohl an Halloween im Angebot gewesen.

Ansonsten habe ich auch schon eine Schürze bekommen, 4er-Karten für die Öffis oder mal ein besonders praktisches Salatbesteck. Das sieht aus wie eine Zange und hat auf der einen Seite eine Gabel und auf der anderen einen Löffel—mein Freund bekam das gleiche. Meine Mutter selbst freut sich übrigens auch ausschließlich über funktionale Dinge. Sie versteht überhaupt nicht, was man mit einem Wellnessgutschein anfangen soll.

Wie in Deutschland verschenken die Koreaner auch gerne Unterwäsche und Socken, allerdings nicht mit neutralen Mustern. Ich bekomme Wäsche mit Schneemännern, Autos oder Hello Kitty drauf.

Oft schenkt mir meine Mutter auch einfach Essen, Kimchi oder so. In Korea ist es üblich, als Gastgeschenk Essen mitzubringen. Allerdings keine Pralinen, sondern Fleisch, richtige Rippchen. Da wird dann eine Schleife drum gebunden und dann ist das ein beliebtes Geschenk.

Tatjana, Reizwäsche aus Russland

Meine russische Mutter ist davon überzeugt, dass ich ohne ihre Nachhilfe mein Liebesleben nicht gebacken kriege. Das ganze Jahr über kommt diese Nachhilfe in Form von ungebetenen Ratschlägen. Zu Weihnachten kommt sie in Form von Spitzenkorsetts, mikroskopischen Tangas und durchsichtigen BHs. Sie ist überzeugt: Wenn ich weiterhin diese "Funktionsunterhosen" trage, die ich bei H&M im Dreierpack kaufe, komme ich nie an einen Kerl. Und sie nicht an ihre Enkelkinder. "Schau dir die Unterwäsche an, die die deutschen Frauen tragen. Und dann die Geburtenrate. Merkst was? Kein Wunder, dass die Deutschen aussterben!" Ich hoffe, die Unterwäscheindustrie schnappt nie diese These als Werbeslogan auf und versucht damit, Rüschentangas an besorgte Bürger zu verticken.

Meine Unterwäscheschublade sieht inzwischen so aus, als würde ich Sex beruflich betreiben. Den größten Teil der Zeit stauben Mamas Reizwäsche allerdings vor sich hin und warten auf die Zeit, bis ich in das Alter komme, Männer mit Geduld für Dessous zu daten. Heute werden sie meistens gemeinsam mit der Strumpfhose runtergerissen, ohne eines Blickes gewürdigt worden zu sein. Aber es gibt einen Tag, an dem ich mich über meine Weihnachtsgeschenke freue: am Waschtag, wenn selbst meine hässlichsten Unterhosen auf der Wäscheleine trocknen. Früher habe ich in solchen Fällen immer mein Bikiniunterteil tragen müssen. Dank meiner Mutter sehe ich am Waschtag aus wie ein gefallener Victoria' Secret Angel.

Benedikt, Bier aus Belgien

Schokolade und Starkbier—es gibt wohl kaum ein anderes Duo, das so viele Menschen um die Weihnachtstage verzaubern kann. Eines von beiden mag fast jeder Mensch. Unsere Verwandten in Deutschland sind verrückt nach belgischer Schokolade und dem etwas zu starken Bier, später zogen die Freunde aus dem Studium geschmacklich nach. Da meine Eltern mit diesen Geschenken schon zahlreiche deutsche Freunde und Familien verzückten, habe ich diesen Brauch einfach von ihnen übernommen.

Irgendwann war mir—als extrem unkreativer und gemütlicher Typ—nämlich klar, dass diese beiden Geschenke vielmehr sind als ein Klassiker. Sie sind wohl das sicherste Geschenk der Welt: Sie sind beliebt, in Belgien einfach im Supermarkt zu beschaffen und haben zudem einen regionalen und persönlichen Charakter. Seit ich in Deutschland lebe, kaufte ich mir also am Anfang des Jahres einfach mehrere Dutzend Bierflaschen und 20 Tafeln Schokolade in Belgien, wenn ich zu meinen Eltern fahre. Zurück in Deutschland habe ich immer, wenn jemand Geburtstag, Weihnachten oder sonstige Feste feiert, ein Mitbringsel. Das ist vielleicht wenig einfallsreich, wirkt aber immer.


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Jutta, Rückenschrubber aus der Ukraine

In meiner ukrainisch verwurzelten Familie gibt es eine furchtbare Geschenkekultur. Von meiner kleinen Schwester bekamen wir jahrelang alle das gleiche Meerbadesalz, und dann mit einem Mal, ganz unerwartet, einen Rückenschrubber. Und sie ist nicht die einzige mit den seltsamen Präsenten. Mein Vater schenke mir zu meiner Techno-Phase eine Britney-CD und zum Beginn der Pubertät bekam ich Unterhosen, die wohl der modernen Interpretation eines Keuschheitsgürtels aus Stoff entsprachen. Funfact: Irgendwann habe ich sie als Periodenhöschen sehr zu schätzen gelernt.

Umfair zu sein: Mein Vater hat sich auch öfter über meine Geschenke beschwert. Aus diesem Grund haben wir seit einigen Jahren einen Socken-Deal. Ich bekomme demnach wunderbares Geld, und er nicht sehr billige Sportsocken. Ich schätze, wir Ukrainer sind wohl einfach sehr pragmatisch. Zumindest liegt Sentimentalität nicht in meiner Famile. Aber so lange der Socken-Deal den Frieden bewahrt, ist alles gut.

Alexandra, Käsekrainer aus Österreich

Österreich steht kulinarisch gesehen für Mozartkugeln, Sachertorte und Wiener Schnitzel. Doch das wahre Geheimnis des Landes sind die Käsekrainer. Das sind mit Käse gefüllte Würstchen, bei denen der Käse beim Braten aus der Wurst herausplatzt. Vor allem nach durchfeierten Nächten das perfekte Katerfrühstück. Mittlerweile bin ich schon länger von Wien nach Berlin gezogen, aber dank meines Vaters ist meine Käsekrainerversorgung permanent gesichert. Zum Geburtstag, zu Weihnachten oder auch mal zwischendurch bekomme ich mit Käsekrainern gefüllte Päckchen geschickt. Er will mir damit wahrscheinlich ein Stückchen Heimat schenken. Als ich letztens krank im Bett lag, klingelte es an der Tür und ein Mitarbeiter meines Vaters stand mit einem Sack voller Käsekrainer vor der Tür. Auftrag vom Chef persönlich.

Toni, Duschgel aus Kroatien

Vielleicht liegt es daran, dass es bei uns noch um die "Sache" geht. Dass Jesus geboren wurde, ist bei uns christlichen Ausländern eher ein Grund, sich abzuschießen, als sich mit teuren Geschenken seine Liebe nachzuweisen. Aber als assimiliertes Integrationsparadebeispiel bekam ich trotzdem was geschenkt, wenn auch nicht viel. Meistens war es Duschgel, in der Regel von Adidas oder Duschdas, das Freunde unserer Familie mitbrachten, wenn sie uns zum Weihnachtsessen besuchten.

Körperpflege-Produkte sind kein Geschenk für männliche Teenager, sondern eher ein notwendiges Übel. Ich wollte auch gut riechen, aber ich hätte mich eher über ein Parfüm gefreut. Duschgel ist nämlich ein Nicht-Geschenk, es ist eh vorhanden. Ich glaube, dass unsere kroatischen Freunde nicht wirklich das Prinzip des Schenkens verstanden haben. Sie wollten wohl einfach keinen Fehler machen und sich nicht vor Freunden blamieren. Nach dem Motto: Unser Kind bekommt Duschgel, jeder braucht Duschgel, also schenken wir Duschgel, damit kann man nichts falsch machen. Oh, doch.

Ruby, Trachtenzubehör aus Norwegen

Ich bin Norwegerin und in Deutschland aufgewachsen. Zu meiner Kindheit gehörte neben Skilanglauf, Handarbeit und bereitwilligem Nur-Samstags-Naschen auch die Tracht meiner Heimatregion Hardanger. Damit oute ich meine Familie allerdings nicht als sonderlich urig, denn "Bunad" zu tragen, ist im hohen Norden auch heute extrem verbreitet. Jede Region hat ihre Farben und Muster. Im Winter besuchten wir die Heimat selten, also gab es Weihnachtsgeschenke per Post. Weil es viel kostet, Päckchen zwischen Norwegen und Deutschland zu versenden, bevorzugten meine Verwandten leichte Geschenke wie selbstgestrickte Wollsocken, aber auch Teile meines Bunads boten sich an.

Denn es gehört viel dazu: Bluse, Rock, der Bringeduk (perlenbestickte Brustpartie), Schürze, Perlenstickgürtel, spezieller Schmuck ... Auf dem Foto feiere ich als Vierjährige in Deutschland den 17. Mai, den norwegischen Nationalfeiertag. Zu diesem Fest konnte eine große Gruppe ausgewanderter Landsleute schon mal im traditionellen "tog" (Umzug) an erstaunten deutschen Nachbarn vorbeiparadieren. Zum Glück haben damals Rechtsextreme noch nicht ständig diese komische Kopie der norwegischen Fahne geschwenkt ...