Die Analyse einer Schießerei bei einer Hausparty
Illustration: Luke Thomas
Waffengewalt

Die Analyse einer Schießerei bei einer Hausparty

Wie konnte sich eine Geburtstagsfeier in einen blutigen Tatort inklusive totem Nachbarn verwandeln? Wir haben uns im kalifornischen Bakersfield umgeschaut und Ursachenforschung betrieben.
05 Januar 2017, 4:30am

Die Schützen wirkten wie vorbeihuschende Schatten, als sie im gelben Licht der Straßenlaternen zum Haus der Familie Wallace rannten und dabei mit ihren 9mm-Handfeuerwaffen herumfuchtelten. Es waren mindestens zwei Personen, gekleidet in schwarze Hoodies. Als sie die Hälfte vom Stephens Drive, einer von Palmen gesäumten Arbeiterschicht-Straße im kalifornischen Bakersfield, hinter sich gebracht hatten, eröffneten sie das scheinbar willkürliche Feuer auf die mindestens 160 Partygäste im Schulalter. In der Straße brach blutiges Chaos aus.

Nach dem Ausbruch der Gewalt erwiderte mindestens eine Person aus der Menge das Feuer.

Jocelyn Wallace, die Jubilarin, hatte vorher noch nie eine Geburtstagsparty gefeiert, aber ihre Eltern wollten ihren 15. Geburtstag zu etwas Besonderem machen. Jesse Wallace, dem von einer Invalidenrente lebenden Vater, zufolge hatten er und seine Frau Alicea lediglich vor, für ihre Tochter eine kleine Feier im Kreise der engsten Freundinnen zu veranstalten. Die Polizei bezweifelt diese Aussage jedoch und gibt an, dass die Wallaces die Gäste nach Waffen abtasteten. Für die Beamten ist das ein Beleg, dass die Familie mit ausbrechender Gang-Gewalt rechnete.

Am 15. Juli, dem Tag der Party, war es mit Temperaturen um die 40 Grad Celsius selbst für Bakersfielder Verhältnisse brütend heiß. Die wenigen Gäste, die an diesem Freitag schon früh da waren, erzählen von einer "entspannten und coolen" Atmosphäre, bis um 23 Uhr die erste große Welle an Jugendlichen auftauchte. Laut der Polizei befanden sich unter den Partywütigen dann letztendlich auch Mitglieder zweier örtlicher Gangs—den Westside Crips und den Country Boy Crips.

Die Anwesenden erinnern sich noch daran, dass auf der Party vor Mitternacht der übliche Alkohol und das übliche Gras konsumiert wurden und sich zwei Mädchen—wohl wegen eines Jungen—stritten. Schaulustige mischten sich in diesen Streit ein und das Ganze eskalierte so sehr, dass Alicea Wallace alle Gäste aufforderte, nach Hause zu gehen. Die Menge bewegte sich nach Mitternacht aber natürlich nicht weiter als bis in den Vorgarten. Auf dieser offenen Fläche boten die Anwesenden besonders viel Angriffsfläche.

Jesse Wallace sah, wie die Schützen vom Ende seiner Auffahrt aus losfeuerten, und sein erster Instinkt sagte ihm, seine neben ihm stehende Tochter zu beschützen.

Der Polizei zufolge näherten sich kurz vor 1 Uhr Mitglieder der rivalisierenden Eastside Crips dem Haus der Wallaces und feuerten über 40 Kugeln in die Menge. Die Gäste sprechen von—zumindest gefühlt—Hunderten Schüssen, die wie ein horizontaler Regen auf sie einprasselten. Eine Anwesende erzählt auch, wie sie sich im Auto einer Freundin zusammenkauerte, als ihr die Kugeln um die Ohren flogen und sich mit peitschenden Geräuschen in die umliegenden Palmen bohrten und Menschen trafen. Sie duckte sich so tief wie möglich auf den Boden des Rücksitzes und hörte die Schüsse über ihrem Kopf gegen diverse Oberflächen prallen.

"Ich hatte unglaubliche Angst", sagt sie, "und konnte nicht wieder aufstehen."

Jesse Wallace sah, wie die Schützen vom Ende seiner Auffahrt aus losfeuerten, und sein erster Instinkt sagte ihm, seine neben ihm stehende Tochter zu beschützen. Er stürzte sich vor sie und eine Kugel durchdrang zuerst den Knorpel in seinem linken Ohr und anschließend die Haut seines Hinterkopfs—ähnlich wie eine Sicherheitsnadel durch ein Kleidungsstück. So fiel er vor Jocelyn auf den Boden und blutete den Asphalt voll. Und er gehört damit zu den 14 Menschen, die in dieser Nacht verletzt wurden.

Die Schießerei vom Stephens Drive forderte allerdings auch ein Todesopfer: den 21 Jahre alten Miguel Bravo, der in der Nähe der Wallace-Familie wohnte. Laut einem Kollegen war Bravo an diesem Tag ganz normal seinem Job nachgegangen und hatte in einem Fastfood-Restaurant den Boden gewischt und die Küche sauber gemacht, bevor er abends nach Hause fuhr und dort seine Matratze vor die dünnholzige Eingangstür zog—wahrscheinlich die kühlste Stelle in seiner Wohnung.

Die Polizeibeamten vermuten, dass sich die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen den rivalisierenden Gang-Mitgliedern vom Grundstück der Wallaces aus die Straße hoch bewegte. Dort flog eine der Kugeln dann über 150 Meter weit über eine Straßenkreuzung hinweg in die lange Einfahrt zum Apartmentkomplex und durchschlug die Eingangstür zu Bravos Wohnung. Dort drang sie in dessen Schädel ein und tötete ihn. Erst gut drei Tage später rief einer von Bravos Bekannten die Polizei, weil er nichts mehr von seinem Freund gehört hatte. Daraufhin fand man den Toten.

Als die Familie des jungen Opfers eintraf, um die Leiche zu identifizieren, stand die Matratze, auf der Bravo geschlafen hatte, einem Nachbarn zufolge bereits neben einem Müllcontainer und glich aufgrund des ganzen Bluts eher einem roten Schwamm.


An der gerade erwähnten Kreuzung hat früher mal ein schwarz-weißes Schild auf die Präsenz einer freiwilligen Bürgerwehr aufmerksam gemacht. Seit Kurzem ist dieses Schild jedoch mit den Buchstaben "WS" übermalt—scheinbar ein Zeichen für die West Side Crips. Die Anwohner wissen nicht genau, ob das Schild bereits vor oder erst nach der Schießerei verschandelt wurde, aber jeder ist sich im Klaren darüber, was das Ganze zu bedeuten hat: Gangs haben dort das Sagen und jeder soll Bescheid wissen.

Die Macht, die die Gangs in Bakersfield haben, festigen sie vor allem durch Einschüchterung. Auch aus diesem Grund bleiben die Schützen der Polizei zufolge in diesem und in vielen anderen Fällen auf freiem Fuß. Detective Richard Anderson vom Kern County Sheriff's Office, der Hauptermittler im Fall der Wallace-Schießerei, geht davon aus, dass viele Partygäste und auch die Gastgeber selbst genau wissen, um wen es sich bei den Schützen handelte, aber sie haben zu große Angst, um eine Aussage zu machen. Dieses Problem haben die Polizisten von Bakersfield sehr oft: Niemand will als Verräter gelten.

Schuld an jeglicher bereits existierender Abneigung gegenüber einem Gespräch mit der Polizei ist auch der Ruf der Beamten, am Abzug einen sehr lockeren Finger zu besitzen. Im Dezember 2015 veröffentlichte der Guardian mit "The County: the story of America's deadliest police" eine fünfteilige Artikelreihe über Kern County—den Bezirk, in dem auch Bakersfield liegt. Darin behauptet die Zeitung, dass die dortigen Polizisten im Jahr 2015 mehr Menschen töteten als die Beamten in allen anderen vergleichbaren US-amerikanischen Zuständigkeitsbereichen. In einem Folgeartikel des örtlichen NBC-Partnersenders KGET News wurde diesen Behauptungen widersprochen und gesagt, dass die Zahlen nicht höher seien als bei anderen kalifornischen Polizeibehörden. Anwohner berufen sich jedoch trotzdem häufig auf die _Guardian_-Reportage, wenn sie erklären, warum sie der Polizei nicht trauen. Und die Beamten nennen natürlich den Folgeartikel und bestehen darauf, dass der erste Beitrag ihr Ansehen un­be­rech­tig­ter­wei­se beschmutzt hat.

Wenn sich ein Großteil von Bakersfields schwarzen und hispanischen Bürgern und die Polizei jedoch auf eine Sache einigen können, dann auf die offenkundig fehlende Kommunikation zwischen den Gesetzeshütern und diesen Bevölkerungsgruppen. Und die Schießerei vom Stephens Drive war nur eine von 50 Massenschießerei, die allein im Juli in den USA stattfanden—bzw. laut dem VICE-Massenschießereien-Zähler eine von fünf allein am 16. Juli. In anderen Worten: Bakersfield ist nur einer der vielen Brennpunkten in einem landesweiten Strudel an Waffengewalt, die zum Teil auch von Gang-Aktivitäten befeuert wird.

Joe Mullins, der Leiter einer Special Enforcement Unit der Bakersfielder Polizei mit Fokus auf Gang-Aktivitäten, teilt sich Informationen mit dem Kern County Sheriff's Department und veröffentlichte Daten, in denen von 934 mit Gangs zusammenhängenden Schießereien die Rede ist—und das in einem Zeitraum von Januar 2000 bis August 2016. Laut ihm leben die Menschen in East Bakersfield "in ständiger Angst" und die Eastside Crips, die Westside Crips sowie die Country Boy Crips teilen große Bereiche des östlichen Teils der Stadt unter sich auf.

Die Gangs beherrschen zum Beispiel den boomenden Handel mit medizinischem Marihuana in East Bakersfield und verlangen von den 94 in Kern County existierenden Apotheken eine Extraabgabe. Die meisten dieser Apotheken befinden sich in ärmeren Gegenden, wo sie teilweise die Rolle der Schnapsläden einnehmen. Aufgrund der Tatsache, dass man dort ausschließlich bar bezahlen kann, sind bewaffnete Raubüberfälle quasi an der Tagesordnung und die Industrie sieht sich einer Wildwest-Stimmung ausgesetzt—was zum Beispiel durch den Mann und die Frau verdeutlicht wird, die im September 2015 in einer Bakersfielder Marihuana-Verkaufsstelle gefesselt, geschlagen, gefoltert und sexuell angegriffen wurden.

Wie in Chicago und anderen von Gewalt gebeutelten US-Städten sind auch hier die Ursprünge der örtlichen Gang-Kultur sehr komplex, aber die Anwohner nennen Armut als einen der Hauptfaktoren. Ungefähr 20 Prozent der Bürger von Bakersfield leben unterhalb der Armutsgrenze—eine Zahl, die nur knapp über dem US-Durchschnitt von 16 Prozent liegt. Eine Analyse der Situation zeigt jedoch, dass die Armutsrate der kalifornischen Stadt vor allem vom östlichen Teil nach oben getrieben wird, denn dort liegt sie in einigen Gegenden bei 50 Prozent oder darüber.

Obwohl auch der Stephens Drive im Osten der Stadt liegt, grassiert die Armut dort nicht so sehr wie anderswo in Bakersfield, denn dort leben vor allem Arbeiterfamilien verschiedener Ethnien. Und dennoch sind die Straßenschilder, Zäune und Palmen von Kugellöchern geprägt.

Fred Lancaster, ein weißer Baustellen-Vorarbeiter mittleren Alters, der vor allem an Tankstellen im San Joaquin Valley schafft, erinnert sich noch an damals, als ihm die aufkeimende Gang-Gewalt in seiner Straße noch keine Sorgen bereitete. In der Nacht der Schießerei saß er zusammen mit seinem Cousin Bruce in seiner renovierten Garage fünf Häuser vom Zuhause der Wallaces entfernt und zappte sich durch das Fernsehprogramm. Die beiden Männer hörten dann plötzlich Lärm und dachten erst, dass vom 4. Juli übrig gebliebene Böller losgegangen wären—ein falscher Gedanke, der vielen Nachbarn aufgrund des nicht weit zurückliegenden Feiertags in den Sinn kam.

"Mein Vater hat dieses Haus gebaut. Ich lebe hier jetzt schon, seit ich denken kann, und wir mussten während meiner Jugend nie die Tür abschließen."

Nach den Knallgeräuschen folgten jedoch Schreie und Lancaster kam schnell zu dem Schluss, dass sich da gerade eine Schießerei abspielte. Er konnte zuerst sechs Schüsse ausmachen—gefolgt von "einer ganzen Reihe an Schüssen" (vielleicht 30 oder 40) und schließlich noch ungefähr acht weitere näher bei seiner Garage, irgendwo beim Stoppschild der Straßenkreuzung. Jeder dieser potenziell tödlichen Salven folgte eine nicht mal eine Minute andauernde Stille. Lancasters erster Impuls war es, aus der Garage zu rennen und nachzuschauen, was da vor sich ging, aber sein Cousin hielt ihn zurück.

"Mein Vater hat dieses Haus gebaut. Ich lebe hier jetzt schon, seit ich denken kann, und wir mussten während meiner Jugend nie die Tür abschließen", erzählt Lancaster. "Jetzt gibt es hier in Bakersfield jedoch zu viel Gewalt." Heutzutage hat Lancaster immer eine geladene Waffe in seinem Nachttisch liegen, falls er "irgendwelche Arschlöcher" vertreiben muss, die in sein Haus eindringen.

Julie Burton, eine 64-jährige Einwanderin aus den Philippinen, lebt zusammen mit ihrer zwölfköpfigen Familie nur zwei Häuser von den Wallaces entfernt und hat in den letzten Jahren ebenfalls immer mehr Angst vor der Waffengewalt bekommen. Diese Angst wurde in der Nacht der Schießerei nur noch weiter vertieft: Burton war an diesem Abend bis 23 Uhr draußen und hörte der Geräuschkulisse der Party zu. Anschließend ging sie nach drinnen und befand sich im Schlafzimmer, als sie nur noch "Peng Peng Peng" hörte.

Sie wartete, bis der Kugelhagel vorüber war, und öffnete anschließend verängstigt die Eingangstür, um nachzuschauen, was passiert war. Ihr bot sich folgendes Szenario: junge, vor Angst schreiende Mädchen, Glassplitter, frisches Blut und ein komplett in schwarz gekleideter Jugendlicher, der wie ein Zombie den Gehweg entlanglief und sich dabei den verletzten Kopf hielt. Burton erinnert sich zudem noch an mehrere Jungs, die über den Zaun des leerstehenden Hauses gegenüber flohen. Und das Auto von der Freundin ihres Enkels war mit Einschusslöchern übersät.


Manuel Carrizalez, ein leise sprechendes Ex-Gang-Mitglied, setzt sich inzwischen gegen Gewalt ein und präsentiert in einer Gegend voller barrikadierten Läden und Kautionsbüros die Einstichnarben auf seinen Armen. In seinem Van verteilt liegen Broschüren und Flyer seiner gemeinnützigen Organisation Stay Focused Ministries, die von Gang-Gewalt erschütterte Gemeinden unterstützt.  Auf einem Flugblatt ist dabei eine Reihe an blauen und roten Kansas-City-Royals-Mützen zu sehen, bei denen sich die "KC"-Buchstaben überlappen.

"Die Gangs hier tragen das KC für Kern County", erklärt er und tippt dabei auf das Papier. "Blau für die Crips, Rot für die Bloods."

Carrizalez war als Jugendlicher selbst Teil einer Gang, musste dann wegen eines Einbruchs ins Gefängnis und fand schließlich zu Gott. Jetzt hat er es sich zur Hauptaufgabe gemacht, Kinder vor der Gefahr der Gang-Gewalt zu beschützen. Wie ein Touristen-Guide deutet er auf die Einschusslöcher in verschiedenen Häusern und erzählt, wie sich die Dinge hier seit Jahren nur noch weiter verschlimmern. Laut ihm gehen die anhaltende Armut von East Bakersfield und die Gewalt Hand in Hand. Und diese Armut ist auch so nach oben geschossen, weil die Ölindustrie und andere typische Arbeiterjobs abwanderten.

Durch seine Tätigkeit als Geistlicher in East Bakersfield hat Carrizalez im vergangenen Jahr mindestens 50 Beerdigungen abhalten müssen.

Während der Tour durch die Gegend rund um eine der Hauptdurchgangsstraßen kann Carrizalez fast jeder Ecke eine Schießerei zuordnen. Er hebt dabei besonders den Feliz Drive hervor, wo sich im vergangenen April eine Schießerei mit Polizeibeteiligung ereignete, nachdem ein 37-Jähriger beschuldigt worden war, sich nicht an die Verkehrsregeln zu halten. Als Nächstes zeigt er, wie freiwillige Mitarbeiter seiner Organisation Schulkinder nach draußen begleiten und beim Spielen im Freien auf sie aufpassen. Die Eltern sind für diesen Service sehr dankbar. So erzählt eine Mutter zum Beispiel davon, wie sie ihre Kinder schnell ins Haus holt, wenn sie Schüsse hört—so als ob der Lärm der Vorbote eines Gewitters wäre. Die sieben Kinder, auf die Carrizalez' Mitarbeiter (zwei junge Frauen aus der Gemeinde) an diesem Tag achtgeben, sind zwischen 5 und 13 Jahre alt und schwarz. Außerdem behaupten sie alle, schon mal eine Pistole gesehen zu haben.

"Er war entweder ein Mexikaner oder ein Weißer, trug ein blaues Bandana über seinem Mund und lief mit einer Pistole in der Hand die Straße entlang", erzählt ein 11-jähriges Mädchen über ihre erste Begegnung mit einer Schusswaffe.

Wie ein Touristen-Guide deutet er auf die Einschusslöcher in verschiedenen Häusern und erzählt, wie sich die Dinge hier seit Jahren nur noch weiter verschlimmern.

Eine noch nicht lange zurückliegende Schießerei wird von den Bewohnern Bakersfields immer wieder erwähnt, wenn sie von den Gefahren der Gang-Gewalt für ihre Kinder erzählen: Im April 2016 flogen die Kugeln nämlich vor einer Filiale der Familienrestaurantkette Chuck E. Cheese. Gang-Mitglieder bekriegten sich auf dem Parkplatz, während die Kinder von innen alles beobachten konnten und vor lauter Angst laut aufschrien. Curtis Harmon, der Manager der Filiale, sprintete nach draußen in Richtung der Schießerei, als ein komplett in Schwarz gekleideter Schütze gerade auf einen Typen in Los-Angeles-Lakers-Merchandise schoss. Laut Harmon lachten die Männer über die Panik, die sie verursachten.

"Ich wollte einfach nur die Kinder beschützen", erzählt der Manager. Er ist sich aber auch bewusst, wie gefährlich die Situation eigentlich war: "Ich habe in diesem Moment nicht wirklich nachgedacht."

Die drei involvierten Schützen wurden schließlich festgenommen, aber die Spuren der Auseinandersetzung sind auch heute noch zu sehen, denn man hat die Einschusslöcher in der Außenmauer des Restaurants nur notdürftig verputzt.


Kurz nachdem Jesse Wallace bereits einen Tag nach der Party-Schießerei wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden war, gab seine Familie keine Presseinterviews mehr. So ist er auch nur kurz angebunden, als er durch seine Fliegengittertür spricht—ein richtiges Gespräch mit der gesamten Familie hat er kurz vorher abrupt abgesagt. Als Grund dafür gibt er die Schmerzen der Erinnerung an die Tragödie an.

"Meine Tochter will diese Nacht nicht noch einmal erleben", erklärt er. "Sie will ihren Papa nicht erneut blutend auf dem Boden liegen sehen."

Illustration: Luke Thomas

Die Wallace-Familie ist auch ins Kreuzfeuer der Kritik seitens einiger Bürger von Bakersfield geraten, weil sie ein Umfeld geschaffen haben soll, in dem Gang-Gewalt—oder zumindest trinkende und Drogen konsumierende Teenager—kein Problem darstellen. Jesse Wallace bestreitet allerdings, bei der Party seiner Tochter wissentlich Gang-Mitglieder reingelassen zu haben. Außerdem weigert er sich, zu den Vorwürfen des erlaubten Drogen- und Alkoholkonsums Stellung zu beziehen.

Mehrere Jugendliche erzählen davon, dass die Einladung auf Facebook die Runde machte. Dieser Umstand führte schließlich zu dem Gästeansturm sowie zu der Anwesenheit der Gang-Mitglieder. Detective Anderson widerspricht dieser Behauptung und sagt selbst, dass Details zur Party absichtlich bis zur letzten Minute zurückgehalten wurden—weil die Wallaces wussten, dass Mitglieder der Westside und Country Boy Crips kommen würden. Als der Abend der Feier dann aber immer näher rückte, ging online ein Flyer herum, auf dem harter Alkohol angekündigt wurde.

Die Wendale Davis Foundation, die sich für ein Ende der Gewalt in Bakersfield einsetzt, veranstaltete vergangenen September eine "Walk for Peace"-Demonstration für die Gemeindemitglieder, die von der Gang-Gewalt betroffen sind. Damit wollte man Solidarität zeigen und den vielen Tätern gleichzeitig klarmachen, dass keine Angst herrscht. Die Stiftung ist nach Wendale Davis benannt, einem unschuldigen Teenager, der im Jahr 2006 von Gang-Mitgliedern ermordet wurde.

Am Tag der Demonstration marschierten die Familien, die Angehörige verloren haben, unter Polizeischutz durch Bakersfield. Eine junge Tanzgruppe, die Bakersfield Drillettes, rief immer wieder "When our hands are up, don't shoot" und bezog sich damit auf die ebenfalls präsente Gefahr der Polizeigewalt. Die Demonstranten trugen außerdem T-Shirts, auf denen Bilder der verstorbenen Familienmitglieder zu sehen waren. Und durch die ganzen Erinnerungen, die der Marsch wieder hervorrief, kam es häufig vor, dass manche Teilnehmer ab und an eine Pause einlegen mussten, um zu trauern oder zu weinen.

Vor dem Büro der Stiftung trafen sich die Familien dann mit Polizeibeamten wie etwa Joe Mullins. Und Ex-Gang-Mitglieder wie Carrizalez waren ebenfalls anwesend, um ihre Unterstützung zu zeigen. Friedensbejahende Musik wie beispielsweise "Stop the Violence" von den Chestnut Brothers erklang aus den Lautsprechern und die Kinder konnten sich an einem Stand kostenlos die Haare schneiden lassen. Eine Collage aus Bildern von den Menschen, die in Bakersfield durch Waffengewalt seitens der Polizei und der Gangs ums Leben gekommen waren, wurde aufgehängt. Betroffene der Schießerei vom Stephens Drive liefen ebenfalls mit—genauso wie Wesley Davis, der jüngere Bruder von Wendale Davis.

"Auf der Straße weiß man, wer es getan hat", sagte er in Bezug auf den Mord an seinem Bruder. "Ich kenne die Namen der Täter und wünsche keinem Menschen etwas Schlechtes. Ich bin einfach nur wütend, weil sie mir meinen Bruder weggenommen haben."

Es war 22:30 Uhr, als die beiden zusammen vor ihrem Haus standen. Dann kam der Mörder aus dem Dunkeln und erschoss Ali.

Eine 15-jährige Teenagerin, die die Schießerei bei den Wallaces überlebte und bei der Demonstration dabei war, zeigt die Narbe auf ihrem linken Bein, wo sie in der verhängnisvollen Nacht von einer Kugel getroffen wurde. Das Geschoss schlug von hinten ein und das Bein fühlte sich laut dem Mädchen plötzlich heiß und dann taub an. Sie hinkte stark blutend zur Eingangstür des Hauses. Innen drin brach sie dann auf dem Teppich des Wohnzimmers zusammen und hörte noch weitere Schüsse, während das ausgetretene Blut bereits eine Pfütze bildete. Anschließend verlor sie das Bewusstsein.

Saddam Ali, der laut der Polizei zu den Westside Crips gehörte, überlebte die Schießerei auf dem Stephens Drive, wurde aber nur einen Abend später bei einer anderen Schießerei ermordet.

Die 24-jährige Surena Dixon, Alis damalige Freundin, nahm zusammen mit ihrer Mutter und ihrer zehn Monate alten Tochter an der Demonstration teil. Sie trug dabei ein T-Shirt mit Alis Konterfei. Ihr zufolge war er ein guter Vater mit einer vorbildlichen Arbeitsmoral. Es war 22:30 Uhr, als die beiden zusammen vor ihrem Haus standen. Dann kam der Mörder aus dem Dunkeln und erschoss Ali.

Die Wallaces wollten eigentlich auch bei der Demonstration mitlaufen, sagten aus unbekannten Gründen dann aber doch ab. Vielleicht hatte die paranoide Stimmung, die immer noch in ihrer Nachbarschaft herrscht, etwas damit zu tun.

Dort bewirbt ein gelbes Schild am Eingang des am Anfang erwähnten Apartmentkomplexes freie Einzimmerwohnungen für eine monatliche Miete zwischen 475 und 550 Dollar. Wohnung Nummer 5 steht immer noch leer. Dort verbrachte Miguel Bravo die letzten drei Wochen seines Lebens. Innen sind keine Möbel mehr zu finden und auch sonst gibt es kaum Anzeichen dafür, dass hier mal jemand gewohnt hat: Im leeren Schrank hängt lediglich ein einziger Kleiderbügel und auf dem Boden liegen große Staubflusen sowie tote Kakerlaken.

Und die untere Hälfte der braunen Eingangstür ist von einem kleinen schwarzen Loch gezeichnet—wo eine verirrte Pistolenkugel einschlug und Bravo das Leben kostete.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.