Eine hoffnungsvolle Abrechnung mit dem Schweizer Mundartrap

Die neuen Gesichter des Mundartraps sind hoffentlich bald junge Menschen, die Geschichten aus unbeleuchteten Milieus und Realitäten der Schweiz ans Tageslicht bringen.

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05 Januar 2017, 2:55pm

Foto: Dominik Meier

In meiner nun fast 20-jährigen Wahrnehmung von Rapmusik im Generellen und Mundartrap im Speziellen hat sich nicht nur das Genre an sich immer wieder gewandelt, überworfen, neu erfunden oder verschiedene Epochen durchlebt. Auch meine ganz persönliche Verbindung zu dieser Kunstform und der Rapkultur in der Schweiz hat verschiedene Phasen, Betrachtungsweisen und Herangehensweisen durchgemacht. Natürlich ist diese persönliche Verbindung in erster Linie eine subjektive. Trotzdem masse ich es mir an, eine Einordnung zum vergangenen Jahr und damit zur aktuellen Lage des Mundartraps zu machen und meine Gedanken und Wahrnehmungen zu teilen. Ich möchte hier einerseits die relevantesten und wichtigsten Releases von 2016 noch einmal festhalten, aber andererseits auch zu Diskussionen und zu Selbstreflexion anregen.

Aus meiner persönlichen Erfahrung schöpfe ich die Erkenntnis, dass es für eine gesunde Selbstreflexion nicht nur wichtig ist, die richtigen Feststellungen zu machen, sondern vor allem auch die richtigen Fragen zu stellen. Die Luzerner Crew GeilerAsDu hat dies Ende 2016 mit dem Album Turbomate & Kalaschnikow gemacht. Im Refrain des Songs "Mittelpunkt" stellen sie sich selbst die intelligente Frage "Wer hat uns eigentlich gesagt, wir sollen uns so wichtig nehmen?" und definieren damit eine angebrachte Frage, die sich viele Rapper in der Schweiz und die ganze Szene an sich stellen sollten.

2016 war für Rap auf Schweizerdeutsch ein äusserst ertrag- und erfolgreiches Jahr. In Szenekreisen ist gar die Rede vom stärksten in der nun fast schon 25-jährigen Geschichte des Mundartraps. Man ist sich unisono einig: Es läuft. Und zwar so gut wie nie zuvor. Sprösslinge der Szene schaffen inzwischen regelmässig den Sprung an die Spitze der Charts, landen in den Playlists der grossen Radios, spielen an den grossen Festivals des Landes oder grüssen von den Titelseiten national-renommierter Zeitungen. 2016 war der Höhepunkt einer erneuten Blütephase, in der sich die Szene seit einigen Jahren befindet. Manillio und Mimiks waren 2016 die Aushängeschilder eben dieser Blütezeit. Beide haben für Schweizer Verhältnisse kommerziell erfolgreich Alben veröffentlicht, viele Konzerte gespielt und verdienen aufgrund ihres überdurchschnittlichen Talents nicht nur diesen Erfolg, sondern auch den Respekt, der ihnen von ihren Mitstreitern zugesprochen wird. Manillio hat mit dem Song "Monbijou" den Schritt aus dem überschaubaren Insiderkreis in die Stuben von Herr und Frau Schweizer geschafft und auf dem Album Kryptonit klar gemacht, dass er es sich dort in den nächsten Jahren bequem machen kann. Auch für Mimiks macht dieser Schritt absolut Sinn. Gespannt können die weiteren Releases der beiden erwartet werden, die sich in den letzten Jahren zu den erfolgreichsten Rappern des Landes entwickelt haben.

Der grosse Traum nur von der Musik allein leben zu können, wird aufgrund der Kleinräumigkeit unseres Landes und der damit verbundenen Bevölkerungsgrösse bis auf weiteres trotzdem nicht möglich sein. So sind Rapper in der Schweiz praktisch in jedem Fall nebenbei noch berufstätig, oder aber sie entscheiden sich ihre Fähigkeiten ausserhalb ihrer Kunst und ihrer Alben zu verkaufen. Sprich sie spielen private Gigs für Unternehmen, moderieren Anlässe oder lassen sich sponsoren. Einer der sich für diesen Weg entschieden hat, ist Knackeboul. Auch er hat 2016 ein Album veröffentlicht. Das Album Knacktracks war ein dichtes, inhaltlich komplexes Album, das wohl sein bestes bis anhin war. Es ist meiner Meinung nach eines der reflektiertesten und inhaltlich stärksten Mundartrapalben, die 2016 erschienen sind. Dass der Rapper aufgrund seines vielfältigen Outputs als Musiker, Entertainer, Unternehmer, aber auch wegen seiner politischen Statements viel Angriffsfläche bietet, wird ja immer mal wieder vorgeführt. Ob von rechts oder links, von inner- oder ausserhalb der Szene, Knackeboul muss immer mal wieder mit Anfeindungen klarkommen oder Kritik einstecken. Wenn aber Rapfans den 34-Jährigen einmal live gesehen haben, sind sie ganz schnell überzeugt von seinen Fähigkeiten, mit denen er einem Grossteil der Szene meilenweit voraus ist und auch beweist dass das Ganze für ihn eben nicht einfach nur ein Hobby ist.

Doch Manillio, Mimiks oder Knackeboul sind in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme. Für die meisten Protagonisten ist Mundartrap immer noch ein Hobby. Eines das in einigen Fällen viel zu viel Aufmerksamkeit erhält. Der jährlich stattfindende Bounce Cypher, der ohne Zweifel eine lobenswerte Sache ist und von seinen Machern mit sehr viel Liebe, Zuneigung und Herzblut professionell organisiert wird, stellt den Höhepunkt dieses Aufmerksamkeit-Overloads dar. Der Cypher ist aber auch ein gnadenlos-ehrlicher Querschnitt der aktuellen Szene und beweist, dass der Durchschnitt der Rapper in der Schweiz weder was zu sagen hat, noch in Sachen Style, Technik oder Ästhetik der Szene irgendwas Konstruktives beifügen kann. Zum Glück gibt es am Cypher aber auch aus verschiedenen Ecken und Camps der Schweiz MCs zu hören, die in irgendeiner Form überdurchschnittliches Talent  vorzuweisen haben und deren Output Lust auf mehr macht.

Was mich aber am Gros von Mundartrap 2016 am meisten gestört hat, ist die Belanglosigkeit der erzählten Geschichten. Die wenigsten Rapper der Schweiz müssen nicht ans Mikrofon, sondern sie wollen, weil rappen halt einfach irgendwie cool ist. Dieses Nichtmüssen beziehe ich nicht nur auf eine wirtschaftliche Ebene, natürlich freue auch ich mich über das uns vom Zufall zugeteilte Glück, dass wir in einem Land leben, das im Vergleich zu anderen Realitäten der Welt doch noch Perspektiven für junge Menschen zu bieten hat und in dem sich niemand aus Perspektivlosigkeit für das Entertainment-Business entscheiden muss. Sondern ich meine damit in erster Linie die inhaltliche Dringlichkeit, die den meisten Rappern der Schweiz fehlt. Rapper, die nichts zu sagen haben, denen es nicht in irgendeiner Form unter den Nägeln brennt, die nicht irgendwas loswerden, nicht irgendjemanden anschreien, nicht jemandem was Wichtiges, Liebevolles, Aufmerksames zuflüstern oder nicht auf irgendwas Dringendes hinweisen möchten, fehlt es an etwas Elementarem. Etwas, das weder antrainiert, noch konstruiert werden kann und das den meisten Rappern der Schweiz abhanden kommt: Dringlichkeit. Wenn man dann wirklich einfach nichts zu erzählen und Mühe damit hat, einen 4/4-Takt einigermassen korrekt mitzuklatschen, sollte man sich vielleicht doch ein anderes Hobby suchen. Crews und Rapper, deren Storys nur um die Thematik kreisen, ob sie nun die Anerkennung kriegen, die sie ihrer Meinung nach verdienen oder eben nicht, entlarven sich damit gleich selbst als frustriert, komplexbeladen und irrelevant.

Auch Unterhaltung kann dringlich sein. Aber da wir in unseren Leben schon genügend unterhalten werden, braucht es nicht auch noch eine Rapszene, die ausschliesslich nur der Unterhaltung dient. Trotzdem sehe ich natürlich, dass es auch Menschen gibt, die einfach Spass am Sprechgesang an sich haben und die einfach nur diese Art von Musik konsumieren wollen. Mundartrap hat sich in den letzten 20 Jahren auch eine mittelständische Zuhörerschaft aufgebaut, die zum grössten Teil in den ländlichen Gebieten zuhause ist und die kontinuierlich wächst. Diese Zuhörerschaft ist nicht an der HipHop-Kultur an sich interessiert. Zumindest nicht am subversiven Part der Subkultur, sondern erfreut sich ganz einfach am Sprechgesang auf Schweizerdeutsch und mag offensichtlich diese Art von Musik. Dieses Publikum wird auch in den nächsten Jahren mit Lo & Leduc seine absoluten Superstars haben. Dieser Fakt ist für die Szene an sich ein Segen. Eine bessere und anspruchsvollere Visitenkarte hatte Mundartrap diesem Publikum in seiner Geschichte noch nie zu bieten. Einzige Ausnahme war hier wohl nur Sektion Kuchikäschtli und ihr Album Nur so am Rand. Jedenfalls sind solche Türöffner-Acts, die einerseits ein breites Publikum erreichen, aber eben auch neue Talente aus der Szene fördern, und sich mit ihr verbunden fühlen und dies auch zeigen, neue Bewegungen wahrnehmen und sich trotz kommerziellen Erfolgs für den Untergrund interessieren, Gold wert.

Für dieses obengenannte Klientel brachte 2016 einige interessante und talentierte Rapper hervor, von denen einer heraussticht, weil er unfassbar musikalisch, talentiert und vielfältig ist. Nemo wird in diesem Zusammenhang zu Recht als Wunderkind bezeichnet. 2016 war sozusagen das rapmässige Geburtsjahr dieses Wunderkindes und Nemo wird in den nächsten Jahren für Furore sorgen, vorausgesetzt, dass es ihm in der Schweiz nicht langweilig wird und er seine Bodenständigkeit bewahrt. Vielleicht entscheidet er sich aber auch einfach Astronaut oder Neurobiologe zu werden. Egal was er macht, es wird gelingen.

Interessante Bewegungen gab es aber auch ausserhalb des Fokusses der grossen Massen. 2016 sind nämlich Alben von Rappern erschienen, die zwar keinen grossen Hype ausserhalb der Szene auslösten, die aber sehr hörenswert sind. Allen voran denke ich hier an das starke Comeback von SulayaMorukmodus von Didi und an das Mixtape von Tommy Vercetti. Festzuhalten ist auch die Berner Formation Chaostruppe, deren Entwicklung sehr spannend werden könnte. Ich denke aber auch an das massiv unterschätzte Tourist von CBN, das eigentlich auch hätte kommerziell erfolgreich sein müssen, weil es den Spagat zwischen Pop und Rap, den es wagt, auch wirklich schafft. Oder aber an NRB von Maurice Polo aka Steezo, das ein straightes Rapalbum ist, das Spass macht und sich durch seine Ästhetik vom Durchschnitt abhebt.

Nicht in Vergessenheit geraten werden aber auch Beiträge, die von MCs stammen, die Haltungen einnehmen und für etwas stehen, die auch ausserhalb der eigenen Gedankenwelt von Bedeutung sind. Dezmond Dez hat Ende 2016 ein Album rausgebraucht, auf das diese Beschreibung zutrifft. Wer von Dezmond Dez als MC noch nicht vollends überzeugt war, wird nach Macondo keine Zweifel mehr haben. Einer der seltenen Momente in der Schweiz, in denen ein Rapalbum, genau diese Bezeichnung verdient: Ein Rapalbum. Konträr zu jeglichen Ideologien und Logiken des Mainstreams verkörpert das Album eine selbstbewusste Bottom-up-Haltung, ist intelligent und reflektiert, aber auch emotional—und in eine coole Rapästhetik verpackt. Diese Mischung macht das Album aussergewöhnlich.

Aus meiner Sicht heissen die absoluten Gewinner des Jahres aber Dawill und Nativ. Sie sind zweifelsohne die neuen Shootingstars innerhalb der Szene. Mit einer bis anhin selten gesehenen Selbstverständlichkeit repräsentieren die beiden den Anbruch einer neuen Ära. Eine Ära, in der auch Rap in der Schweiz endlich wieder das tut, was HipHop eigentlich schon immer tat: Geschichten aus der Sicht der Minderheitsgesellschaft erzählen und eine Stimme für die Stimmlosen sein. Das muss keineswegs immer nur explizit politisch sein, in dem Sinn, dass in jedem Text ein soziales Problem behandelt, ein Politiker gedisst oder zu konkreten Fragen Stellung bezogen wird. Es geht vor allem um Selbstbilder und auch darum, dass bewusst Geschichten erzählt werden, die aus einer neuen Lebensrealität berichten: Dawill und Nativ sind Stadtberner mit Vorfahren in der Dominikanischen Republik und in der Elfenbeinküste. Sie stellen diese "ausländischen Wurzeln", wie die Mehrheitsgesellschaft diesen Background bezeichnen würden, weder ins Zentrum ihrer Lyrics, noch wollten oder könnten sie ihn verstecken. Sie sind einfach und schaffen mit diesem Selbstverständnis eine neue Identifikationsebene für einen grossen Teil der Schweizer Bevölkerung, die entweder gar nicht in der Schweiz geboren worden ist, oder deren Eltern aus einem anderen Land in die Schweiz migriert sind. Ein Konzert der beiden Jungs an sich ist schon eine Manifestation neuer Selbstbilder und Identitäten der Schweiz. Dass diese Identitäten von Rappern transportiert werden, ist genau das, was HipHop schon immer ausgemacht hat.

Die Schweiz wird langsam aber sicher ready für eine neue Auslegung des Genres, für neue Stimmen, Gesichter und Wirklichkeiten und öffnet sich damit auch neuen Zielgruppen. Diese Zielgruppen haben sich bis anhin nicht wirklich mit Mundartrap identifiziert und es darum viel eher bevorzugt, Rap aus Amerika, England, Deutschland oder Frankreich zu hören. Insbesondere Dawills grandioses Album Infinite Awareness hat eins vorgemacht: Es können sich auch in der Schweiz Rapper als Rolemodels hervorheben, die nicht mehr nur den Kids aus den eher mittelständischen Schichten des Landes als Vorbild dienen. Und wenn diese Entwicklung Fahrt aufnimmt, ist es möglich, dass Mundartrap bald Facetten entwickelt, die wir in dieser Form in unserem Land noch nicht gekannt hatten. Die neuen Selbstbilder und Perspektiven werden nicht nur von den beiden Bernern Dawill und Nativ hochgehalten, sondern zeigen sich auch in verschiedenen Acts aus dem Untergrund, deren Entwicklung sehr spannend werden könnte.

So stellt 2016 vielleicht auch einen Wendepunkt in der Geschichte des Mundartraps dar: Die neuen Protagonisten könnten bald nicht nur ausschliesslich Mittelstandkids mit zu viel Zeit für ein eigenes Hobby sein, sondern junge Menschen—hoffentlich auch endlich wieder weiblichen Geschlechts—, die Geschichten aus unbeleuchteten Milieus und Realitäten der Schweiz ans Tageslicht bringen. Dieser Facettenreichtum kann der Kunstform Rap und seiner Mundartszene in jedem Fall nur dienen und würde die Realitäten der Schweiz viel ehrlicher widerspiegeln, als es die Szene bis anhin gemacht hat.

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