Wie Deutsche versuchen, durch Mini-LSD-Dosen kreativer zu werden

Laut Anhängern des "Microdosings" machen dich kleine Mengen LSD zu einem erfolgreicheren Menschen.

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07 Dezember 2016, 12:16pm
Titelfoto: Ein Wassertropfen—ohne LSD | Foto: Dennis Skley | Flickr | CC BY-ND 2.0

Jede Droge lockt durch ein Versprechen. Menschen betrinken sich, um zu vergessen oder schneller zu knutschen. Sie schmeißen, um härter zu feiern. Sie koksen, um wacher und besser drauf zu sein. Sie nehmen LSD, um kreativer und konzentrierter zu arbeiten.

Moment, denkst du bestimmt. LSD und Arbeit? Die drei Buchstaben stehen doch für Hippie-Bewegung, 60er Jahre, sich verwandelnde Tapetenmuster, innere Erleuchtung und 14-stündige Horrortrips im Festivalzelt. Aber doch nicht für Job, oder?

Doch. In Zeiten der Selbstoptimierung verspricht LSD nicht mehr nur berauschende, stundenlange Trips, sondern auch ihr Gegenteil. Die Anhänger des sogenannten "Microdosings" sagen: In extrem niedrigen Dosierungen können dich LSD und andere Psychedelika in einen kreativeren und konzentrierteren Menschen verwandeln, ohne dass du das Gefühl bekommst, fliegen zu können.

Gesunde Ernährung, Workouts und LSD

"Microdosing ist, wenn du durch deinen normalen Alltag spazierst und am Ende denkst: Wow, das war ein verdammt spannender Tag", erzählt mir ein Microdoser aus Berlin. Er ist 40 Jahre alt, schreibt Sachbücher und hat sich fünf Wochen lang kleine Mengen flüssiges LSD in den Mund gesprüht. Obwohl er an die positive Wirkung von LSD glaubt, möchte er nicht, dass hier sein richtiger Name steht. Nennen wir ihn also David.

David sieht sich selbst als Teil einer "Self-Performance"-Clique, die versucht, ihre Körper so zu optimieren, dass sie zu "kreativen Maschinen" werden. Neben gesunder Ernährung, Workouts und kontrolliertem Schlaf gehöre da auch aus seiner Sicht das ein oder andere Helferlein dazu.

Während Banker koksen und Studenten Ritalin zum Lernen nehmen, sprühen sich Menschen wie David zwei bis dreimal die Woche 5 bis 25 Mikrogramm mit Wasser verdünntes LSD in den Mund, um besser abliefern zu können. Das ist ungefähr ein Zehntel eines LSD-Trips—zu wenig, um spirituelle Erfahrungen zu erleben, aber genug, um einen Effekt auf das Gehirn zu haben.

Microdosing ist eine soziale Mode in Großstädten

Eine "soziale Mode" nennt das der Berliner Sozialwissenschaftler Henrik Jungaberle, dessen Schwerpunkt Präventions- und Drogenforschung ist. Der Autor des Aufklärungsbuches High Sein erklärt gegenüber VICE, dass Microdosing ein "festes Phänomen" in europäischen Großstädten sei—gerade erst habe er von einem Treffen in Amsterdam gehört, bei dem Mitglieder der psychedelischen Szene sich mit unerfahrenen Interessenten trafen, um Microdosing zusammen auszuprobieren. Die Mode gehe "über die Szene der Psychonauten hinaus".

Jungaberle sieht zwei verschiedene Gruppen von Microdosern: diejenigen, die tatsächlich versuchen durch Mikrodosierungen ihre Kreativität und Leistungsfähigkeit zu steigern, und diejenigen, die sowieso ein Faible für Psychedelika haben und den Trend mitmachen, weil es für sie "hip" ist. Er selbst kennt einige Microdoser in Berlin, die meisten davon aus der IT-Branche—Grafikdesigner und Programmierer, die vielleicht eine Flaute haben und durch LSD wieder an ihr Potential herankommen wollen. "Die Berichte sind positiv", meint Jungaberle, "die Webdesigner sagen, es macht sie kreativer, leichter und alles fließe besser."

"Du nimmst es und dann merkst du erstmal nichts", erzählt David, "aber das ist ja auch gewollt." Der Effekt sei eher subtil—plötzlich mache man bessere Witze, verbinde sich tiefschürfender mit den Menschen um sich herum, habe gute Ideen. Am zweiten Tag merke man den Effekt dann nochmal stärker, am dritten sei Pause. "Mit Microdosing kannst du noch diese kleine Schippe draufschlagen", meint er.

David hat zum ersten Mal von Microdosing gehört, als er 2013 in L.A. war. Tatsächlich steht das kalifornische Silicon Valley für LSD Microdosing wie kein anderer Ort, was auch Jungaberle bestätigt. Der junge, talentierte Tech-Nachwuchs arbeitet dort unter dem ständigen Druck, Ideen zu haben, die die Welt verändern. Mit LSD erhöhen sie vermeintlich ihre Chancen, erfolgreich zu sein. Immerhin: Steve Jobs sagte mal, die Erfahrung eines LSD-Trips gehöre zu den wichtigsten Erlebnissen seines Lebens.

Reddit und YouTube erklären, wie es geht

Die Idee, LSD und andere psychedelische Drogen könnten einen dauerhaften positiven Effekt auf die menschliche Psyche haben, war schon in den 60er Jahren unter Wissenschaftlern verbreitet. Besonders, weil das Halluzinogen weder körperlich noch psychisch abhängig macht und der Körper eine starke Toleranz aufbaut. Doch nach dem Verbot des Stoffes, 1966 in den USA und 1971 in Deutschland, kam die Forschung weitestgehend zum Erliegen. Auch deswegen weiß die Wissenschaft heute noch kaum etwas über die Langzeitfolgen von ausgiebigem LSD-Konsum.

Erst in den letzten Jahren öffnete sich die Wissenschaft wieder dem Thema LSD, zum Beispiel in der Schweiz, wo Versuche mit LSD erlaubt sind, aber auch in den USA. Eine aktuelle Studie zweier US-Universitäten besagt, dass ein einziger Magic-Mushroom-Trip dabei helfen könne, Ängste und Depressionen zu überwinden.

Das Netz wartet indessen nicht auf die Wissenschaft, sondern zieht Selbstversuche vor. Ein Microdosing-Reddit beantwortet die Fragen von Interessenten, Websites und YouTuber erklären, wie man zum Microdoser wird.

Auf High Existence fasst ein Autor die Ergebnisse von Erfahrungsberichten und seinem eigenen Selbstexperiment zusammen. Sein Fazit: Insgesamt mehr Energie ("like a psychedelic coffee"), gesteigerte Konzentration, bessere Laune, mehr Geduld, ein stetiger kreativer Flow, größeres Verständnis für Ideen, erhöhtes Bewusstsein für Zusammenhänge und Dankbarkeit für die kleinen Dinge im Leben. Die negativen Effekte beschränken sich auf ein vereinzelt auftretendes unangenehmes Bauchgefühl und das Bedürfnis, mehr zu schlafen.

User verdünnen das LSD beim Microdosing mit sterilem Wasser. Das beherrscht aber nicht jeder. David bekommt das LSD von einem Freund, fertig verdünnt. Er sagt, er würde am liebsten ständig LSD nehmen, aber er traut sich selbst das Mischen nicht zu und kommt auch nicht ohne weiteres an den Stoff. LSD unterliegt dem deutschen Betäubungsmittelgesetz und gilt als "harte Droge": Herstellung, Handel, Erwerb und Besitz sind illegal. Ab dem Besitz von 6 Milligramm LSD (300 volle Trips) kann es zu einjährigen Freiheitsstrafen kommen. Und natürlich darf man sich auf keinen Fall ans Steuer setzen.

"Wenn du erwartest, dass du unter Microdosing besser arbeitest, dann tust du das wahrscheinlich auch"

Heute steht ein anderer Guru der Bewegung vor: Der US-Psychologe Jamie Fadiman, der sich seit 2011 öffentlich mit dem Thema auseinandersetzt. "Leute, die Microdosing betreiben, essen und schlafen besser und fangen häufig an, sportlich wieder aktiver zu werden", berichtete Fadiman gegenüber Motherboard. Er veröffentlichte vor einigen Jahren eine Anleitung für Microdosing und forderte die Menschen auf, ihm ihren Erfahrungsbericht zu schicken. Diejenigen, die das Microdosing konsequent nach Anleitung befolgten, berichteten, dass sie sich insgesamt besser fühlten, weniger Angst empfanden, und dass sie damit sogar depressive Zustände überwinden konnten.

Das klingt alles zu gut, um wahr zu sein? Ist es vielleicht auch. Bis jetzt stützen sich fast alle Beobachtungen auf Selbsterfahrungsberichte. Auf wissenschaftliche Studien warten auch noch erfahrene Microdoser, um den Effekt bestätigt zu bekommen. "Es gibt bis jetzt noch keine neurowissenschaftliche Studie zum Microdosing, deswegen ist es auch noch fragwürdig, wie viel allein durch die Erwartung des Konsumenten passiert", sagt auch Jungaberle. "Wenn du erwartest, dass du unter Microdosing besser arbeitest, dann tust du das wahrscheinlich auch." David ist sich manchmal ebenfalls nicht sicher, wie viel wirklich das LSD und wie viel der Placebo-Effekt ausmacht: "Du denkst natürlich daran, dass du LSD genommen hast und verhältst dich dementsprechend."

Außerdem sei die Kreativitätssteigerung auch zu hinterfragen, meint Jungaberle, "denn schon Studien in den 50er Jahren haben ergeben, dass Doofe nicht kreativ werden, aber Kreative kreativer." Ein unkreativer Mensch würde durch Microdosing nicht einfach in einen "Brunnen fabelhafter Ideen" fallen—nur wenn man schon vorher kreativ ist, könnte LSD vielleicht helfen, das Potential auszuschöpfen. "Es ist ein Trend und die Ergebnisse scheinen mir sehr unterschiedlich zu sein", schließt Jungaberle.

Der Konsum von LSD birgt immer die Gefahr, seine Selbstwahrnehmung oder Persönlichkeit dauerhaft zu verändern. Vor allem, wenn ein Mensch für psychische Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie anfällig ist. Auch eine Mini-Dosis LSD könne Psychosen auslösen, warnt auch Jungaberle. Er selbst habe aber noch nie von negativen Auswirkungen bei kleinen Mengen LSD gehört.

Immerhin, der Schweizer Albert Hofmann, der 1943 die halluzinogene Wirkung von LSD entdeckte und überzeugter Microdoser war, wurde 102 Jahre alt.

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