Psychologie

Wie wir es schaffen, uns nicht von unseren Ängsten kontrollieren zu lassen

Egal ob mutmaßlicher Terroranschlag oder Horrorfilm: vor den Untiefen unserer Panik verschwimmt die Grenze zwischen realer und vermeintlicher Bedrohungssituation.

von Stevie Martin
20 Dezember 2016, 10:30am

Drew Barrymore in 'Scream.' Screencap via 'Scream'

Wir leben in einer Zeit, in der Angst allgegenwärtig ist. Angst davor, was Donald Trumps Präsidentschaft für die Welt und all die Minderheiten, die in ihr leben, bedeutet. Angst davor, wie sich der allgemeine weltpolitische Rechtsruck in der nächsten Bundestagswahl niederschlagen wird. Und ganz aktuell Angst davor, was der 19. Dezember, an dem ein Mann einen LKW in einen Berliner Weihnachtsmarkt lenkte und dabei nach aktuellem Stand 12 Menschen das Leben nahm, für die Zukunft bedeuten könnte.

Das Interessante an Angst ist, dass sie so schlecht greifbar ist—und vor den Untiefen unserer mal mehr, mal weniger berechtigten Panik die Grenzen zwischen tatsächlicher und vermeintlicher Bedrohungssituation verschwimmen. Der Grund für diese so verschiedenen Arten von Ängsten liegt in unserer Psyche—und genau dort können wir sie auch bekämpfen.

Ich persönlich zum Beispiel habe Angst vor der Dunkelheit, Angst davor, nachts allein in der Wohnung zu sein und Angst davor, so lange im Büro zu sitzen, bis keiner mehr da ist. Ich fürchte mich auch davor, eine dunkle Straße entlang zu gehen—nicht weil ich befürchte, überfallen zu werden, sondern aus Angst, von Vampiren gefressen zu werden. Bis ich 19 Jahre alt war musste ich mit einem kleinen Atemloch unter der Daunendecke schlafen für den Fall, dass Dracula durch mein Fenster geflogen kommt.

Mehr lesen: Wie man mit Horrorfilmen seine Angststörung bekämpft

Als Frau, die sich vor den Unsinnigsten Dingen fürchtet, fühlte mich wie ein wandelndes Klischee. „Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern—es geht nur darum, wie wir unsere Angst zum Ausdruck bringen", beruhigt mich aber Dr. Abigael San, eine vereidigte, psychologische Sachverständige. „Es ist für Frauen gesellschaftlich akzeptierter, ihre Angst zum Ausdruck zu bringen, als für Männer. Frauen fühlen sich wohler damit, darüber zu sprechen, wohingegen Männer ihre Angst beispielsweise eher in Wut umwandeln."

Diese These wird durch Studien gestützt, die zeigen, dass psychologische Reaktionen auf Angst bei Männern und Frauen identisch sind, doch Frauen eher dazu neigen zu schreien, wenn sie eine Spinne sehen, oder sich hinter einem Kissen zu verstecken, wenn sie The Grudge schauen. Wir bringen unsere Gefühle stärker zum Ausdruck, weshalb manche Studien auch geschlussfolgert haben, dass wir während Horrorfilmen mehr Angst haben als Männer. Allerdings gibt es keinen erwiesenen psychologischen Unterschied zwischen Männern und Frauen und wie wir mit Angst umgehen—wir wirken nur erschreckter.

Wenn jemand von Natur aus sehr sensibel ist und sich dann auch noch sehr viele Horrorfilme ansieht, dann wird er sich auch über stressige Situationen den Kopf zerbrechen und noch schlimmere Bilder heraufbeschwören.

Sensationslustige Menschen neigen beispielsweise dazu, gerne erschreckt zu werden, statt sich in die Hosen zu machen. Laut der Sensation Seeking Scale, einem psychologischen Instrument, um sensationslustiges Verhalten zu messen, gibt es vier Aspekte, die einen Adrenalin-Junkie ausmachen: körperlich riskante Aktivitäten, Abwechslung durch einen unkonventionellen Lebensstil, Abwechslung durch soziale Stimulation und Abneigung gegenüber Langeweile. Professor Glenn Sparks, stellvertretender Leiter der Brian Lamb School of Communication an der Purdue University, hat festgestellt, dass diejenigen, die einen sehr hohen Wert auf dieser Skala erreichen, sich auch eher gerne Horrorfilme ansehen, ohne sich dabei selbst vor Angst einzumachen. Das funktioniert auch umgekehrt: Wenn du gern auf Nummer sicher gehst, dann schaust du dir vermutlich auch nicht so gerne Saw an.

Wenn du leicht zu erschrecken bist, dann neigst du vermutlich auch dazu, eine ausgeprägte Fantasie zu haben, die deine Nervosität zusätzlich verstärkt. „Angst ist die Reaktion auf Schreck. Wenn jemand von Natur aus sehr sensibel ist und sich dann auch noch sehr viele Horrorfilme ansieht, dann wird er sich auch über stressige Situationen den Kopf zerbrechen und noch schlimmere Bilder heraufbeschwören", sagt Dr. San. „Deine Gedanken können dir Streiche spielen und dein Gehirn ist nicht immer dein Freund. Es ist wichtig, seine Gedanken wie mentale Ereignisse zu behandeln und ihnen nicht zu viel Gewicht zu geben."

Nun muss man seine Fantasie nicht auch noch bewusst mit Dingen füttern, die einen nachts nicht schlafen lassen. Wer seinen Ängsten bewusst aus dem Weg geht, verleiht ihnen dadurch allerdings noch mehr Macht. „Wenn man Dinge [die einem Angst machen] von sich fernzuhalten versucht und ausblendet, dann wird das, was uns Angst macht, in unseren Gedanken nur noch größer. Geh Dingen, die dir Angst machen, also nicht aus dem Weg, sondern nimm es in kleinen Dosen auf", rät Dr. San. Je nach Schwere der Angst bietet es sich natürlich immer an, sich seinen Albträumen zusammen mit einem Psychologen zu stellen.

Folgt Broadly bei Facebook, Twitter und Instagram.

Wenn jemand aktiv von Horrorszenarien fasziniert ist, könnte das ebenfalls ein Symptom für tiefergehende Probleme sein. Laut dem Kommunikationsprofessor Ton Tamborini haben Psychotherapeuten bereits versucht, einen Zusammenhang zwischen dem unterbewussten Vergnügen an Horrorfilmen und „der Kraft des Films, eine psychische Linderung von inneren Konflikten zu schaffen, indem Ängsten auf die Geschichten projiziert werden können."

Wenn du dich also wirklich in deiner Angst suhlst, gibt es vielleicht Dinge in deinem Leben, von denen du dich abzulenken versuchst. Macht auch irgendwie Sinn, oder? Obwohl ich jemand bin, der schon in den absurdesten Situationen eine Mücke zum Elefant gemacht und aus unbegründeter Panik hysterisch geweint hat—und deswegen bewusst versuche, wie jemand zu wirken, der mental total ausgeglichen ist.

Es ist aber auch nicht so, dass derartige Reaktionen komplett in deiner Hand liegen, denn der Einfluss deiner Umwelt—beispielsweise deiner Eltern oder der Leute, die als Kind auf dich aufgepasst haben—kann ebenfalls beeinflussen, wie die reagierst, wenn du Angst hast. Wir wir mit unseren Ängsten umgehen, kann also durchaus anerzogen sein.

„Das hat sehr viel damit zu tun, wie man aufgewachsen ist und erzogen wurde. Menschen kopieren entweder das Verhalten, das sie bei anderen sehen, oder reagieren gegenteilig", sagt Dr. San. „Wenn ein Elternteil ziemlich ängstlich war, wirst du entweder genau so oder schlägst in die komplett andere Richtung aus. Die Leute, die sich um dich kümmern, wenn du ein Kind bist, sollten dir beibringen, wie du mit deinen Unsicherheiten umgehst, damit du lernst, dass es OK ist, Angst zu haben, und weißt, wie du dich selbst beruhigen kannst."

Manche von uns haben Angst vor Dachböden, obwohl wir wissen, dass da oben nichts Gefährliches ist.

Ein weiterer Faktor könnten die Begleitumstände sein. Laut Professor Sparks reagieren wir ängstlich auf Dinge, die wir mit früheren Erinnerungen verknüpfen. „Manche von uns haben Angst vor Dachböden, obwohl wir wissen, dass da oben nichts Gefährliches ist", stellt er in einer Studie zu Angst und Horrorfilmen fest. „Andere haben Angst vor Fledermäusen, wieder andere vor Spinnen oder Skeletten. Was sie eint: Es gibt keine rationale Basis für diese Angst. Es reicht schon, etwas über das jeweilige Objekt zu hören, um ein eine emotionale Reaktion hervorzurufen, die sich an tatsächliche Erfahrungen in der Vergangenheit knüpft—oder auch einfach nur durch die Medien hervorgerufen wurde."

Tatsächlich hilft es dir nichts, sich einzureden, dass die real erlebte Panik eigentlich unbegründet ist. „Das Wissen, dass es sich um etwas handelt, was einem eigentlich nichts tun kann, reicht nicht aus, um die Angst verschwinden zu lassen. Wenn man das erst einmal verstanden hat, kann man sowohl Erwachsenen als auch Kindern viel besser dabei helfen, mit ihren Ängsten umzugehen", sagt Professor Sparks.

Warum es Menschen gibt, die auf bestimmte Dinge mit Panik reagieren, während sie andere komplett kalt lassen, gibt es keine klare Antwort—auch, weil es noch nicht genug umfassende Studien dazu gibt. Glücklicherweise hat es aber nichts mit dem Geschlecht zu tun und ist außerdem etwas, was wir selbst beeinflussen können. Dr. San erklärt, dass es wichtig ist, sich auf die physischen Aspekte zu konzentrieren, anstatt seinem Verstand zu erlauben, komplett freizudrehen. „Es ist wichtig zu verstehen, dass das eine ganz normale emotionale Reaktion ist. Die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol schießen wie eine Welle durch deinen Körper und das kannst du nicht ignorieren. Es wird abebben, es wird vorbeigehen und du wirst dich wieder normal fühlen."

Mehr lesen: Angstschweiß und Spinnenbisse—ein Besuch im Insekten-Streichelzoo

Es hört sich im ersten Moment vielleicht verrückt an, sich immer wieder mit der einen Sache zu konfrontieren, vor der man am meisten Angst hat, tatsächlich ist das aber ein guter Weg, um seine Panik zu bekämpfen. „Warte darauf, dass deine Angst nachlässt, was wie irgendwann wird, und wenn du dich bereit fühlst, konfrontiere dich mit etwas, was dir noch mehr Angst macht", schlägt Dr. San vor. „Wiederhole das immer wieder."

Egal ob man nun Angst vor einem Horrorfilm hat oder sich aus Angst vor einem ganz realen Terroranschlag nicht mehr traut, in die U-Bahn zu steigen: Sich damit auseinanderzusetzen ist in beiden Fällen wichtig, damit wir uns nicht von unseren Ängsten kontrollieren lassen.


Titelfoto: unsplash | Pexels | CC0

Tagged:
Berlin
Film
Broadly
angst
psyché
Wissenschaft
Studie
Terrorismus
Horrorfilme
Broadly Culture