Feminisme

Wenn dein Vater in der Pornoindustrie arbeitet

Im goldenen Zeitalter der Pornoindustrie verdiente mein Vater sein Geld als Pornokritiker und interviewte regelmäßig Pornodarsteller für seine Fernsehtalkshow. Aber hey, Job ist Job.
09 August 2016, 11:44am
The author with her dad and sister. All photos courtesy of Amber Bryce

Es war früh am Nachmittag und wir hatten ein paar Freunde zu uns nach Hause eingeladen. Meine Schwester und ich hatten aus Tischen, Decken und Kissen ein geheimes Versteck im Wohnzimmer gebaut. Einer unserer Freunde war ein Junge. Einmal habe ich einen Fünferpack Marmeladendonuts gegessen, nur um ihn zu beeindrucken. Er sah sich die PlayStation-Spiele meines Vaters an, als er plötzlich ein Magazin rauszog, das irgendjemand in das Regal neben dem Fernseher gesteckt hatte. Auf dem Cover war eine blonde Frau mit riesigen, aufgeblasenen Brüsten und Sternen auf den Nippeln zu sehen.

„Iiigh, dein Vater schaut sich Pornos an!" Er warf das Magazin zu mir und ich umklammerte es mit hochrotem Kopf. „Nein, tut er nicht!" erwiderte ich panisch. „Er ... er schreibt nur darüber!" Mein Freund hat mich noch den ganzen Nachmittag über damit aufgezogen und das Ganze war mir unglaublich peinlich. Schließlich waren wir auch erst 11. Am schlimmsten aber war für mich, dass er dachte, dass es sich dabei um eine Art schmutziges Geheimnis der Familie handelte—das war es aber nicht.

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Abgesehen von dem Burt-Reynolds-Schnauzer, den mein Vater in den 70ern trug, gab es nichts, was darauf hingedeutet hätte, dass er einer von den Menschen war, die damals in der Pornoindustrie tätig waren. Er war schon immer etwas seltsam und nerdig und er kann sich an jedes noch so kleine Detail in jedem noch so unbekannten Film erinnern, der irgendwann mal vor Jahrzehnten auf VHS erschienen ist. Und er ist etwas tollpatschig und vergesslich, was auch der Grund war, warum ein Exemplar des Penthouse neben unserer Playstation lag.

Mein Vater ist Ende der 70er-Jahre als Filmkritiker in die britische Pornoindustrie gestolpert. In dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, erzählt er mir bei einer Tasse überzuckertem Kaffee, dass die Pornoindustrie damals aus „ziemlich manierlichen Männermagazinen bestand, die in den Geschäften auf dem obersten Regalfach lagen und Erwachsenenfilmen à la Emmanuelle." Nacktheit war nicht so explizit und jedes Video, das nicht dem britischen Obscene Publications Act [ein Gesetz zur Regelung von anzüglichen Inhalten] entsprach, wurde so zugeschnitten, dass nichts wirklich unanständiges mehr übrig blieb.

Seine Karriere als Kritiker begann eigentlich ziemlich unschuldig. „Ich habe angefangen, Kritiken zu richtigen Filmen an Verbrauchermagazine zu verkaufen und einer der Herausgeber hat mich gebeten eine Kritik für einen Titel von Electric Blue [einer Softpornoreihe von dem britischen Pornomogul Paul Raymond] zu schreiben, weil der Rest seines Teams sich nicht wohl bei dem Gedanken gefühlt hätte", erklärt er.

Zum Spaß hat er eine Kritik im Stil von Carry on eingereicht—einer schwülstigen, aber auch etwas gewagten britischen Fernsehsendung. „Es hat ihnen so gut gefallen, dass sie mich fragten, ob ich eine regelmäßige Kolumne in dem Magazin Video World schreiben wollen würde. Ich habe dafür das Pseudonym D. Ross benutzt, weil ich fand, dass die meisten Erwachsenenfilme Schrott waren." (Pornofilme, von denen mein Vater denkt, dass sie kein Schrott sind: Deep Throat, Cafe Flesh, The Opening of Misty Beethoven, Latex und moderne Filme wie der High-Budget-Film Pirates—die Pornoversion von Pirates of the Caribbean.)

Manchmal, wenn ich in sein Büro kam, konnte ich noch den Schein des pfirsichfarbenen Flimmerns auf seinem Bildschirm sehen, bevor er schnell seinen Laptop zuklappte.

Nach dem Erfolg von D. Ross schrieb mein Vater im Laufe der 80er-Jahre noch weiter Pornokritiken. „Bevor es das Internet gab", erzählt er mir, „hat niemand über Pornos geschrieben und genau aus diesem Grund hat mich dieses Thema auch so interessiert."

1990—das Jahr, in dem ich geboren wurde—begann er als Redakteur bei dem Softpornomagazin Video X. Meine Mutter, eine Ballett- und Stepptänzerin, hat mal für das Cover posiert. Es war sehr geschmackvoll—und voll bekleidet—, aber es war trotzdem ziemlich peinlich, als sie es meinem Freund gezeigt hat, als sie ihn das erste Mal getroffen hat.

Mitte der 90er arbeitete mein Vater als Redakteur für Penthouse und war an der Entwicklung von Television X beteiligt—einem britischen Abonnementdienst, der einheimische Pornos und Amateurpornos ausstrahlt. Er war dafür verantwortlich, die Filme zu kaufen, die dann später über Television X gezeigt wurden. Darüber hinaus war er auch Moderator einer Talksendung, zu der regelmäßig Pornostars als Interviewpartner eingeladen wurden. Das heißt, er hat einige der großen Koryphäen der Industrie interviewt—wie Sean Michaels, der früher als Model gearbeitet hat und irgendwann Pornostar wurde, oder Bill Shipton, ein enger Freund meines Vaters und Chef von Splosh (einem Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, Videos von Mädchen zu machen, die mit Lebensmitteln eingerieben sind).

Ich versuche immer wieder, mich an den Moment zu erinnern, in dem mir all das bewusst wurde. Den gab es allerdings nicht. Dass mir irgendwann dämmerte, dass mein Vater in der Pornoindustrie tätig war, war wie einer dieser Momente, in denen man das Gesicht einer fremden Person wiedererkennt, die man vor ein paar Tagen schon mal irgendwo gesehen hat. Die einzelnen Teile ergeben irgendwann ein großes Ganzes und plötzlich merkt man: „Verdammt, ich habe schon mal gesehen, wie diese Frau in einer der DVDs, zu denen mein Vater eine Kritik geschrieben hat, doppelpenetriert wurde."

Abgesehen von einzelnen Zwischenfällen wie die Sache mit der Playstation schien sich mein Vater überhaupt keine Sorgen darüber zu machen, dass wir wussten, was er tat. Manchmal, wenn ich in sein Büro kam, konnte ich noch den Schein des pfirsichfarbenen Flimmerns auf seinem Bildschirm sehen, bevor er schnell seinen Laptop zuklappte. Er ist noch nie ein besonders offener Mensch gewesen. Er ist ein liebevoller Vater, aber wenn es um Sex geht, fühlt er sich extrem unwohl. Wie damals, als meine Schwester ihn fragte, was eine Periode ist und er darauf mit einem panischen „Öhm ... Also ..." reagierte. Aus diesem Grund haben wir mit ihm wahrscheinlich auch nie wirklich über Sex oder die Pornoindustrie gesprochen—auf jeden Fall nicht im privaten Kontext. Erst als ich 18 wurde, begann ich mich für die Geschichten rund um seine Arbeit zu interessieren. Davor habe ich es einfach immer zu seltsam gefunden, ihm irgendwelche Fragen dazu zu stellen.

Die Eltern der Autorin etwas angetrunken beim Sex Maniacs Ball 1987/88.

2013 ging ich mit meinem Vater, meiner Stiefmutter, meinem Freund und ein paar Freunden zur Verleihung der SHAFTA, den Soft and Hard Adult Film and TV Awards. Ich war 23 Jahre alt, als ich zum ersten Mal bei einer solchen Veranstaltung war und ging vor allem aus Neugierde mit. Ich lief durch Scharen von vollbusigen Frauen, sah einen Mann im Anzug, der tanzte wie ein Pinguin, dem man Stromschläge verpasste, stand mitten in einem riesigen Fahrgeschäft wie auf einem Rummelplatz (der gesamte Abend war gestaltet wie ein Pornovergnügungspark) und habe einen Award in der Form eines goldenen Penises in den Händen gehalten.

Einige Leute haben mich gefragt, ob ich es nicht komisch fände, dass ich mit meinem Vater da war. Aber es war alles in allem eine ziemlich kitschige und surreale Veranstaltung, voller Exzentriker, die in der Brust- oder Hosengegend nun mal ziemlich gut ausgestattet waren. Ich kann nicht sagen, warum das alles so normal auf mich wirkte—eigentlich bin ich ziemlich unsicher und introvertiert, verstecke mich gerne in übergroßen Pullovern und fühle mich noch immer ziemlich durchtrieben, wenn ich in der Unterwäscheabteilung an irgendwelchen Männern vorbeilaufe—, aber es war OK.

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„Ich habe mich nie unwohl gefühlt, wenn ich Pornostars getroffen habe. Das sind alles Leute, die sich bewusst für diesen Job entschieden haben und einige von ihnen haben privat sehr darunter gelitten", sagt mein Vater.

In vielerlei Hinsicht sind selbst die größten Pornostars sehr viel gesetzter, als man erwarten würde. „Mein Interview mit Hugh Hefner war ziemlich angenehm. Wir hatten einen ziemlich guten Draht zueinander, weil wir beide auf die alten _Sherlock-Holmes_-Filme von Basil Rathbone stehen. Er erzählte mir, dass jeden Freitagabend Schwarzweißfilmnacht in der Playboy-Villa sei und lud mich ein, mal vorbeizukommen!"

Die Autorin mit ihrem Vater, als er 1995 als Redakteur beim Penthouse arbeitete.

Auch wenn es vielleicht seltsam klingt: Ich bin froh, dass ich einen Einblick in die Pornoindustrie bekommen habe, den so nicht jeder hat. Es geht eigentlich viel gediegener zu, als man meinen würde. Vor Kurzem habe ich die Kontakte meines Vaters genutzt, um einen Artikel über Rimming zu schreiben und die meisten Pornostars, mit denen ich gesprochen habe, haben es entweder noch nie getan oder hassen es, wenn sie es tun müssen.

Mit einem solchen Vater aufzuwachsen, war durchaus interessant, hat das familiäre Miteinander aber oft genug ziemlich schwer gemacht. Als ich 15 war, haben meine Eltern sich schließlich scheiden lassen—wobei der Job meines Vaters eine große Rolle spielte. Meine Mutter hat die glamouröse Partyszene während der 80er- und 90er-Jahre auf der einen Seite zwar genossen, aber als meine Schwester und ich erst einmal geboren worden waren, fand sie es falsch, dass ein Elternteil in die Pornoindustrie verwickelt war.

Trotzdem bin ich dankbar für den Einfluss, den mein Vater auf meine Erziehung hatte. Meine Schwester und ich haben schon früh verstanden, was wirklich hinter Pornos steckt. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Es hat mir geholfen, offen gegenüber gewissen Lebensbereichen zu sein, die andere vielleicht ekelhaft oder seltsam finden.

Mittlerweile konzentriert sich mein Vater auf seine Arbeit als Redakteur und Herausgeber seines eigenen Magazins über Kulthorrorfilme, The Dark Side. Nebenbei schreibt er freiberuflich für verschiedene andere Filmpublikationen. Seine wahre Liebe ist eben doch nicht der Porno, sondern das Schreiben.

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In einer meiner Lieblingsanekdoten traf sich mein Vater vor einigen Jahren mit George Harrison Marks, dem legendären Fotografen, der in den 60ern das Shorts- und Striptease-Magazin Kamera mit 8mm-Fotografien gegründet hat. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits als Alkoholiker bekannt und Herausgeber eines Spanking-Magazins namens Kane.

Laut meinem Vater hätte Marks' Leber damals bereits „die weiße Flagge gehisst". Wenn man nicht vor 11 Uhr morgens bei ihm war, konnte man nichts Sinnvolles mehr mit ihm anfangen. Aber der Strom an Frauen in Rektorinnen- oder Schulmädchen-Outfits, die durch sein Redaktionsbüro kamen, riss nicht ab.

„Ich selbst kann daran nichts finden", gesteht er bei seinem vierten Brandy. „Das sind verdammte Perverslinge, wenn du mich fragst. Aber es bringt einem die Miete."