Symbolfoto oben: Pete, Flickr, CC BY 2.0

Wie es ist, als junge trockene Alkoholikerin feiern zu gehen

Bernadette ist 27 und seit einem Jahr bei den Anonymen Alkoholikern. Sie hat uns erzählt, wie sich ihr (Party-)Leben seitdem verändert hat.

von THUMP Staff; aufgeschrieben von Philipp Kutter
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11 Mai 2017, 11:15am

Symbolfoto oben: Pete, Flickr, CC BY 2.0

Wenn du an Alkoholiker denkst, hast du vermutlich ein bestimmtes Bild im Kopf: Ein älterer Mann in Jeansjacke, der alles verloren hat und nun ein tristes Leben mit Mineralwasser und Kippen führt. Die Realität ist natürlich vielschichtiger und Alkoholismus beschränkt sich nicht auf ein bestimmtes Alter: Auch junge Menschen haben mit diesem Problem zu kämpfen. Einer davon ist Bernadette, 27, Studentin und Anonyme Alkoholikerin. Uns hat sie erzählt, wie sie früher feiern gegangen ist und wie sie sich ihr (Party-)Leben verändert hat, als sie mit dem Trinken aufhörte.

Foto: Grey Hutton

Bis vor einem Jahr habe ich mich nie als krasse Alkoholikerin gesehen. Eher als jemanden mit einem soliden Alkoholproblem. Ich dachte, ich bin einfach eine "Partymaus", das ist eben mein Lifestyle. Außerdem konnte ich ja keine Alkoholikerin sein, weil ich nicht jeden Abend getrunken habe, sondern nur jeden zweiten. Und morgens auch nur dann, wenn ich immer noch wach war.

Ich war in dieser Phase meines Lebens anscheinend in viel mehr Clubs, als ich mitbekommen habe. Oft haben mir Freunde erzählt, dass wir in dem und dem Laden gewesen seien, ich konnte mich daran aber gar nicht oder nur dunkel erinnern. Eigentlich war ich auch nur in den Standardclubs wie Berghain, Sisyphos, Kater, Tresor, Golden Gate … Aber da bin ich auch völlig random hingegangen, das war nicht ans Wochenende geknüpft, sondern an den Alkohol.

Du willst jetzt vermutlich wissen, wann ich gemerkt habe, dass ich Hilfe brauche. Ich kann dir leider nicht sagen: "An dem Tag bin ich aufgewacht und hab dann angefangen zu recherchieren, wo es Hilfe gibt." Die Erkenntnis kam langsam.

Wenn ich besoffen beim Feiern wild und provokativ war, sah ich das schlicht als Teil meines Charakters an. Ich hab das einfach mit meiner Identität verwoben. Aber irgendwann hielt sich das alles nicht mehr die Waage.

Klar, ich hab immer schon gerne getrunken und habe früher noch ein paar andere Drogen genommen. Dann kam ich nach Berlin und war auch in einer gewissen Szene unterwegs. Und wie es oft so ist: Ich war nie die Schlimmste. Es gab immer eine Person, die noch krasser abgestürzt ist, die sich besoffen beim Kater in die Spree geschmissen hat oder so. Deshalb konnte ich das lange wegschieben und sagen: "Naja, geht schon."

Irgendwann meinte eine Freundin, nachdem wir die Nacht und den Morgen durchzecht hatten und aufgewacht sind: "Ey das geht nicht mehr klar, ich war schon auf der Homepage der Anonymen Alkoholiker." Ich dachte: "Boah, bist du krass, willst du mich verarschen? Jetzt übertreib mal nicht. So schlimm ist es nun auch nicht."

Ein Jahr später hab ich mir dann Hilfe gesucht.

Warum die Einsicht? Weil immer mehr Scheiße passiert ist. Sachen, die ich nicht mehr verdrängen konnte, indem ich sage: "Das passiert doch jedem mal." Teilweise bin ich betrunken aggressiv geworden. Aber das wurde mir vielerorts verziehen, weil ich eine kleine Frau bin und alle das dann süß fanden. "Oh guck mal jetzt wird die Kleine ein bisschen aggressiv, höhö, hahaha, kennen wir ja." Es war nie so, dass jemand von außen dann gesagt hat: "Das geht nicht klar."

Wenn ich besoffen beim Feiern wild und provokativ war, sah ich das schlicht als Teil meines Charakters an. Ich hab das einfach mit meiner Identität verwoben. Aber irgendwann hielt sich das alles nicht mehr die Waage. Mir ging es am nächsten Tag immer unglaublich beschissen und ich schämte mich. Manchmal waren auch andere Drogen im Spiel. Ich hab dieses Runterkommen gehasst und es trotzdem immer wieder gemacht – und das ist schon ein bisschen die Definition von Wahnsinn nach Albert Einstein.


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Irgendwann kam ich an den Punkt, dass es auf einer Party vielleicht eine Stunde lang richtig geil war und ich dann die restliche Zeit vor allem damit beschäftigt war, mehr Schnaps und mehr Drogen zu besorgen. Oder irgendwelche Typen oder Mädchen zu suchen. Ich war einfach getrieben von diesen Dingen. Heute weiß ich, dass ich definitiv ein Suchtproblem habe. Du bist nicht erst Alkoholikerin, wenn du mit einer Schnapsnase unter der Brücke liegst.

Eine Zeit lang habe ich ohne Hilfe mit dem Trinken aufgehört, für fünf Monate ungefähr, als ich im Ausland war. Allerdings war ich da auch sehr unglücklich, mir fehlte der Anschluss. Klar, ich hab mich mehr in meine Arbeit und mein Studium vertieft. Aber ich war gar nicht zufrieden in dieser Phase.

Als ich dann wieder nach Berlin kam, hab ich mir vorgenommen, kontrolliert zu trinken. Das hat dann so toll funktioniert, dass mir dann selbst klar wurde dass ich Hilfe brauche. Ich hab mir dann verschiedene Gruppen rausgesucht. Die Anonymen Alkoholiker fand ich erst zu krass. Aber trotzdem hab ich es mir mal angeguckt. Ich war dann irritiert und geflasht zugleich. Die Leute waren krass ehrlich mit sich selbst, sowas hatte ich vorher noch nie erlebt. Die wirkten alle sehr offen und zufrieden und das hat mich angezogen. Das waren keine religiösen Fanatiker.

Was ich nüchtern auf Partys erlebe

Am Anfang, als ich aufgehört hatte zu trinken und bei den Anonymen Alkoholikern war, bin ich noch viel mehr weggegangen als jetzt. Denn das war mein Leben. Ich wusste auch nichts anderes mit mir anzufangen. Ich wollte allen beweisen, dass das voll klar geht, nüchtern zu feiern. Ging es auch. Meine Freunde haben Bier getrunken und ich hab mir dann halt eine Cola bestellt. Ich bin auch nicht der schüchternste Typ Mensch. Klar, besoffen war ich noch offener, aber trotzdem, das ging schon.

Ich bin in dieser Zeit allerdings immer mit dem Gefühl nach Hause gegangen, dass das Feiern anstrengend war. Ich war nicht in meiner Komfortzone, dazu hätte ich eben mein Bier gebraucht. Ich merkte, dass es doch ein kleiner Kampf war. Dann gab es eine Phase, in der ich weniger ausgegangen bin. Ich hab mich zwar weiterhin mit den Freunden getroffen, die viel trinken. Aber nicht mehr mit losen Sauf- oder Drogen-Bekanntschaften. Mit meinen Freunden traf ich mich dann auch eher auf einen Kaffee oder zum Essen und halt nicht mehr in den Settings, wo es nur darum geht, zu saufen und Drogen zu nehmen.

Heute, nach einem Jahr bei den Anonymen Alkoholikern, gehe ich wieder mehr weg.

Es fällt mir mittlerweile viel leichter, keinen Alkohol zu trinken. Allerdings bin ich im Schnitt deutlich kürzer unterwegs als früher. Ich kann mir die Situation schließlich nicht mehr schön saufen, auch nicht die Männer, die Frauen oder die Gespräche. Ab einem bestimmten Punkt bin ich nicht mehr auf demselben Erregungs- oder Exzess-Level wie die anderen. Es stört mich aber nicht, wenn die Leute in meiner Umgebung langsam betüdelt werden. Das ist auch lustig. Wenn meine Freunde angetrunken anfangen, ein bisschen mehr Scheiße zu labern, fang ich halt auch damit an. Das ist ja nicht nur der Alkohol, der sowas macht, es hängt auch vom Setting ab.

Seit ich nicht mehr trinke, frage ich mich immer häufiger, woher meine Hemmungen kommen. Muss ich die haben? Warum habe ich solche Minderwertigkeitskomplexe? Das eigentliche Problem ist die Unzufriedenheit mit mir selbst. Das klingt nach Küchenpsychologie, aber manchmal trifft die eben auch zu.

Witzig ist es heute immer mit den Leuten, bei denen du merkst, dass du als nüchterne Person schon die Provokation schlechthin bist. Es gibt Leute, die mich jedes Mal ansprechen: "Trinkst du echt nicht? Hier, nimm mal ein Bier." Am Anfang hat mich das auch beschäftigt, ich dachte, ich sei ein richtiger Party Pooper. Dabei war ich selbst früher auch so, hatte keine Lust auf Leute, die nicht trinken."Verpisst euch doch einfach, wenn ihr nicht saufen wollt!", dachte ich immer. Aber wenn eine andere Person dich dermaßen penetrant damit nervt, merkst du ja, dass mit dem Gegenüber was nicht stimmt. Mein enger Freundeskreis akzeptiert aber voll und ganz, dass ich nicht trinke.

Viele denken, dass ich als trockene Alkoholikerin gar nicht mehr weggehen kann, weil die Gefahr in einem Club zu groß ist, wieder anzufangen. Es geht bei den Anonymen Alkoholikern aber darum, keine Angst vor solchen Situationen zu haben. Du wirst dem Alkohol sowieso immer wieder begegnen. Und sei es auf der Firmenfete. Irgendwann checkst du, dass das Problem nicht ist, dass dieses Bier da an der Bar so toll riecht. Das Problem ist beziehungsweise war, was man sich damit weg- oder eben angetrunken hat, zum Beispiel Mut.

Für mich war der Alkohol immer ein Mittel zum Zweck. Ich fühlte mich betrunken toller, attraktiver und weniger schüchtern. Das fand ich super. Aber warum? Seit ich nicht mehr trinke, frage ich mich immer häufiger, woher meine Hemmungen kommen. Muss ich die haben? Warum habe ich solche Minderwertigkeitskomplexe?

Das eigentliche Problem ist die Unzufriedenheit mit mir selbst. Das klingt nach Küchenpsychologie, aber manchmal trifft die eben auch zu. Jetzt weiß ich, dass es darum geht, ein zufriedenes Leben zu führen. Und nicht diesen ganzen Frust oder das, was ich an der Gesellschaft ätzend finde, wegzuschütten.

Wenn du nüchtern bist, kannst du besser darüber nachdenken, was dich eigentlich jeden Tag so abfuckt. Ist das Problem wirklich, dass jeder in Berlin ein egozentrisches Arschloch ist? Oder ist das Problem vielleicht auch, dass ich extrem negativ auf alle reagiere und niemandem eine Chance gebe? Mittlerweile kann ich mit einer anderen Perspektive auf diese Dinge gucken und habe auch weniger das Bedürfnis, mich abzuschießen.

Mein Alkoholkonsum war auch immer ein Abgrenzungsmuster zum leistungsorientierten, langweiligen Leben. Heute ist es mir egal, ob ich spießig und langweilig bin. Ich will ein paar andere Dinge schaffen in meinem Leben.

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