Foto: imago/ Rüdiger Wölk

Bei der Bundeswehr habe ich verstanden, warum Wehrpflicht eine gute Idee ist

Die Truppe ist einfach zu weird, um allein gelassen zu werden.

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12 Mai 2017, 11:19am

Foto: imago/ Rüdiger Wölk

Seit die rechtsextreme Zelle in der Bundeswehr um Franco A. aufgeflogen ist, herrscht Panikmodus: In der Presse erscheinen hunderte Artikel darüber, wie rechts die Bundeswehr ist, und die Politiker sind hektisch bemüht, sich immer neue Entnazifizierungs-Methoden für die Truppe einfallen zu lassen. Der neueste Vorschlag kommt vom CDU-Abgeordneten Patrick Sensburg. Um Rechtsextremismus vorzubeugen, sagt er, solle man einfach die allgemeine Wehrpflicht wieder einführen.

Die Idee finden aber eigentlich fast alle scheiße: Angela Merkel ist dagegen, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen auch, genauso wie eine knappe Mehrheit der Deutschen. Andere meinen, die Wehrpflicht würde am Extremismus-Problem der Bundeswehr ohnehin nichts ändern.

Aber ganz ehrlich: Als jemand, der selbst als Wehrdienstleistender bei der Bundeswehr war, finde ich die Idee gar nicht so schlecht. Vielleicht macht die Wehrpflicht die Bundeswehr nicht zu einer effektiveren Armee. Aber sie verhindert, dass die Bundeswehr sich immer weiter von der Gesellschaft abkapselt.

(Disclaimer: Wenn du die Vorstellung grauenhaft findest, dass Deutschland eine eigene Armee unterhält, deren Angehörige dazu ausgebildet werden, Waffen gegen andere Menschen einzusetzen, dann musst du nicht unbedingt weiterlesen. Aber dieser Text geht davon aus, dass Pazifismus nicht in jedem Fall die richtige Lösung ist und eine Armee unter parlamentarischer Kontrolle deshalb notwendig.)


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Als ich 2005 zur Bundeswehr eingezogen wurde, war ich nicht restlos begeistert. Aber schon in der ersten Woche, als wir um 5 Uhr morgens im eiskalten Kasernenflur antreten und bei der Anwesenheitsprüfung laut "Hier!" rufen mussten, konnte ich mir ein seliges Grinsen nicht verkneifen. Und zwar, weil wir aus irgendeinem, mir bis heute völlig unersichtlichem Grund, nichts außer einer hautengen Badehose und Badeschlappen anhaben durften. Das war alles so wahnsinnig Full Metal Jacket! (Für mein Grinsen bekam ich auch sofort einen Anschiss, über den ich mich wiederum freute, aber innerlich.)

Und ich wurde auch weiter nicht enttäuscht: Die Bundeswehr ist ein so durch und durch eigenartiges Parallel-Universum, mit ihrer eigenen Sprache, ihrer eigenen (oft restlos frustrierenden) Logik und ihren eigenen Marotten. Das alles führte dazu, dass ich während der gesamten neun Monate permanent fasziniert war. Wo sonst kann man einen erwachsenen Mann dabei beobachten, der einen (nur teilweise gespielten) Wutanfall bekommt, weil ein 18-Jähriger sein T-Shirt nicht genau auf DIN A-4 zusammengefaltet hat? Wo sonst werden 20 Mann mit Transporthelikoptern für tausende Euro auf einen Berggipfel geflogen, um eine verlorene Lawinenschaufel im Wert von 15 Euro zu suchen? (Ich möchte damit nicht den Eindruck erwecken, dass ich mich nicht gelangweilt hätte. Ich habe mich dort so ausgiebig gelangweilt wie sonst nie in meinem Leben. Aber auch das gehört irgendwie dazu.)

Dabei vermittelten uns die Berufssoldaten schon damals sehr deutlich, dass sie uns Hobby-Soldaten ausgesprochen überflüssig fanden. Sie hatten natürlich recht. Die Grundausbildung dauerte drei Monate und danach hatten die Einheiten, in die wir eingeteilt wurden, noch knapp fünf Monate, um uns Rekruten spezieller auszubilden. (Den sechsten und letzten Monat verbringen Grundwehrdienstleistende traditionell nur noch damit, sich zu betrinken und die Grenzen der militärischen Disziplin endgültig auszureizen.)

Denn während die Bundeswehr für die "Zeit-Soldaten", ein echter Beruf war, war für uns klar, dass wir nach neun Monaten wieder verschwinden würden. Keiner von uns würde je in den Einsatz geschickt werden, und keiner musste sich auch nur entfernt mit der Möglichkeit auseinandersetzen, wirklich mal auf jemanden schießen zu müssen. Ich verstehe, dass es den Profis auf die Nerven ging, wenn alle drei Monate eine neue Ladung pickliger Praktikanten in den Betrieb gespült wurde, die allesamt einen Haupt- nicht von einem Oberfeldwebel unterscheiden konnten und ständig die Klappspaten verbogen. Aber sie mussten sich mit uns beschäftigen, uns ausbilden und mit uns die Stuben teilen. Und ich glaube: Im Endeffekt hat die Wehrpflicht beiden Seiten genutzt.

Denn unsere Anwesenheit zwang die Bundeswehr auch dazu, ihre eigene, tiefsitzende Weirdness immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Ein Beispiel: In der Kaserne in Bad Reichenhall pflaumte ein Feldwebel mal einen Rekruten an, der sich angelehnt hatte, und zwar mit den Worten: "Die Wand steht von alleine! Die wurde noch in besseren Zeiten gebaut!" Die Pointe: Die Kaserne war 1936 gebaut worden. Den Spruch haben wir Rekruten danach ausgiebig diskutiert, und ein paar von uns beschlossen, den Ausbilder zu melden, wenn er noch einmal so einen bringt. Für Wehrdienstleistende war das ungefährlich: Die meisten wollten eh keine Karriere in dem Laden machen.

Außerdem merkte man auch den Berufssoldaten an, dass sie es nicht nur schrecklich fanden, dass immer mal wieder frisches Blut dazu kam. Dadurch mussten sie sich mit neuen Ideen und anderen Lebensentwürfen auseinandersetzen, die so permanent in die Truppe gespült wurden. Das ist jetzt vorbei: Sogar Mitarbeiter des Bundeswehr-Geheimdiensts MAD berichten, dass es seit dem Ende der Wehrpflicht "praktisch keine Linken" mehr in der Truppe gebe.

Dazu kommt der soziale Faktor: Die Abiturienten in unserer "Lage" wurden zwar permanent dafür gehänselt, verweichlichte Schnösel zu sein, aber immerhin gab es noch genug von uns, sodass man immer mal wieder gegenseitige Vorurteile abbauen konnte. Die heutige Bundeswehr ist anders zusammengesetzt: Im Moment dienen überproportional viele Ostdeutsche und Leute mit niedrigem Bildungsgrad. Das heißt zwar nicht, dass heute nur noch rechte Waffenfreaks und Leute, die sonst keinen Job finden, zur Bundeswehr gehen. Aber "einen breiten Querschnitt durch die Gesellschaft" bildet die Bundeswehr seit der Abschaffung der Wehrpflicht nicht mehr ab. "Die regionale Zusammensetzung der Bundeswehr ist kein 'Spiegel der Gesellschaft', sondern des wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Ost-West-Gefälles", schreibt die Welt. Auf der anderen Seite bedeutet das, dass die meisten Studenten – praktisch die gesamte zukünftige Mittelschicht und die späteren Entscheidungsträger – überhaupt keinen Bezug mehr zur Bundeswehr und zu den Soldaten haben. Die Gesellschaft entfremdet sich selbst von ihrer Armee, die meisten verstehen nicht, was diese Leute in unserem Auftrag da überhaupt machen. Die Soldaten merken das, und sie beschweren sich bitter darüber.

Als der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Wehrpflicht in einer Hau-Ruck-Aktion aussetzte, war mein erster Gedanke: Ein Glück, dass ich das noch erlebt habe.

Ich will damit auf keinen Fall behaupten, dass es keine Rechtsextremen in der Bundeswehr gegeben hätte, solange die Wehrdienstleistenden da waren. Von einem der NSU-Mörder, Uwe Mundlos, war schon während seiner Bundeswehrzeit bekannt, dass er rechtsextreme Ziele verfolgte – offenbar wollte das Militär ihn sogar als V-Mann rekrutieren.

Aber so wie ich die Bundeswehr kennengelernt habe, kam es mir schon 2011 nicht besonders schlau vor, diese Truppe von da an sich selbst zu überlassen. Denn die Armee hatte immer schon eine starke Tendenz, sich zu einer Parallelgesellschaft zu entwickeln – und die wurde durch die Wehrdienstleistenden massiv korrigiert.

Sicher gab es auch Leute, die ihren Wehrdienst grauenhaft fanden. Aber ich würde behaupten, dass die meisten meiner Generation, die Wehrdienst, Zivildienst oder ein freiwilliges soziales Jahr hinter sich gebracht haben, diese Zeit am Ende nicht bereut haben. Und für die Bundeswehr ist dieser Kontakt zur echten Welt noch viel wichtiger.

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