Anzeige
Tech

Hat 4Chan die russische Armee dazu gebracht, syrische Rebellen zu bombardieren?

Nutzer des Diskussionsforums könnten den ersten crowdgesourcten Bombenangriff verursacht haben. Widerlegt werden kann es zumindest nicht.

von Théodore B. Ferréol
14 April 2016, 5:00am

Am 4. April 2016 haben 4chan-Nutzer des chan /pol/ via Google Maps und Twitter einen Luftangriff auf syrische Rebellen im Süden von Aleppo befehligt.

In freudiger Erwartung der Bestätigung seitens des russischen Verteidigungsministeriums sind die lustigen Gesellen dann entzückt schlafen gegangen. Einer von ihnen hat sogar, ganz im Stil von 4chan, den anderen Nutzern mitgeteilt: „Ich liebe euch, Freunde. Euer autistisches Dasein hat dazu beigetragen, den muslimischen Abschaum [ ‚Mudslimes' ] zu töten". Dieser Ton sagt schon viel aus...

Hat also eine Bande aggressiver Nerds tatsächlich der russischen Armee einen Luftangriff aufgetragen?

Alles beginnt auf Twitter, als ein gewisser „Ivan Sidorenko" gegen Mittag einen Screenshot aus einem von syrischen Rebellen online gestellten Propagandavideo teilt. Die Lage sei ernst: Der Waffenstillstand würde schon bald gebrochen werden, die Rebellen stünden kurz davor, eine breit angelegte Offensive gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad zu starten und hätten bereits einen strategisch wichtigen Hügel im Süden Aleppos besetzt.

Die Message von Sidorenko ist eindeutig: „Kann mir jemand helfen, herauszufinden, wo das Video gedreht wurde?" Der geheimnisvolle Kriegsberichterstatter Sidorenko ist auf der Seite der Russen und somit auf der Seite von Baschar al-Assad. Sein Ziel? Die Koordinaten des Ortes zu bestimmen—und das sicherlich nicht, um dorthin Pizza für alle liefern zu lassen.

Auf der anderen Seite der Erdkugel ist es noch dunkel, aber 4chan ist nur im Halbschlaf. In dem chan /pol/ (für „politisch inkorrekt") wird die Gruppe /sg/ oder Syria General aktiv: Die noch wachen 4chan-Nutzer, die laut eigenen Aussagen 95-prozentig hinter Assad und 100-prozentig hinter Russland stehen, entscheiden sich also, diese in der Wüste gelegene Basis mittels eines einzigen Fotos ausfindig zu machen.

Warum aber vertrauen alle überhaupt diesem Ivan Sidorenko? Laut MalvinasFag, der seinen zu früh ins Bett gegangen Kollegen ganz früh am nächsten Morgen von allem berichtet, habe der Kerl sich jedenfalls bereits bewiesen und schon einige Heldentaten vorzuweisen. Einige Monate vorher habe er angeblich die Koordinaten eines IS-Trainingslagers an den Account des russischen Verteidigungsministeriums weitergeleitet, das genau diesen Ort dann auch tatsächlich bombardiert hatte:

Auf Reddit wird Sidorenko als die verlässlichste Pro-Assad-Quelle überhaupt gehandelt, die stets aktuelle Informationen über den Fortschritt der Truppen vor Ort hat. Über die Informationen zu seinem ersten „in Auftrag gegebenen" Luftangriff kann man aber leider nicht mehr viel herausfinden, da die entsprechenden 4chan-Archive bereits gelöscht wurden.

4Chan-Gründer Chris „Moot" Pool geht mit 26 in den Ruhestand

In der Zwischenzeit haben die 4chan-Nutzer bereits jegliche Satelliten-Karten der Region durchkämmt. Danach geht alles ziemlich schnell: Die Nutzer teilen untereinander Bilder und einer von ihnen verkündet schon bald, das gesuchte Dorf und eine Unterführung, die aufgrund ihrer Architektur leicht zu erkennen sein, identifiziert zu haben.

Zwei Türme, die Minaretten ähnlich sehen, verraten laut 4chan den Standort der vermeintlichen Rebellen-Basis:

Aldin Abazovic, ein russischer 4chan-Nutzer, tweetet die Beweise und die Koordinaten an Ivan Sidorenko, der behauptet, sie umgehend an das russische Verteidigungsministerium zu übermitteln:

Während die Nutzer immer noch auf eine Bestätigung warten, ob es tatsächlich zu einem Angriff gekommen ist, ist die Gruppe /sg/ Feuer und Flamme. Schnell landet die Geschichte als Meme auch auf imgur:

Was folgt ist typisch für 4chan und gelinde gesagt „politisch inkorrekt": „WIR SIND KÄMPFER", fasst einer der Nutzer zusammen, während die rassistischen Äußerungen sich von allen Seiten überschlagen.

Die Zeit des „Make Memes Not War" ist vorbei und es gibt jetzt einige, die von einem „Krieg der Meme" sprechen: „Die armen Schweine, sie hatten wohl gedacht, ein Krieg der Meme sei nichts weiter als Spam..."; „Ich bin stolz auf euch, Jungs, lasst diese Memes wahr werden". Ein Nutzer, der die irakische Flagge zeigt, freut sich in seinem Post über diesen zweiten gelungenen „Meme-Angriff" der Geschichte.

Ob der Angriff stattgefunden hat oder nicht, der Ablauf dieser Geschichte legt die äußerst beunruhigende Möglichkeit nahe, dass sogar und vor allem auch der letzte Nerd den Verlauf eines internationalen Konflikts beeinflussen kann, während er nebenbei auf seinem zweiten Screen ganz entspannt World of Warcraft spielt. Da sich mit dem Cyberkrieg und Drohneneinsätzen bewaffnete Konflikte längst auf andere Schauplätze erweitert haben, könnte der 4. April als Tag des ersten crowdgesourcten Bombardements in die Geschichte eingehen.

Auch auf Twitter ließen einige 4chan-Nutzer ihrer Freude über dieses Bild freien Lauf: „Assad ist total cool".

Während sich die russischen Bombenangriffe häufen, wartete der chan /sg/ zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in einem neuen Thread immer noch auf Neuigkeiten über „ihren" Angriff: „Ich denke, dass /sg/ gewonnen hat. Wir warten auf die Bestätigung, dass das Ziel zerstört wurde. Ich kann es immer noch nicht glauben: In was für einem fantastischen Zeitalter wir doch leben!"

Wie 4Chan das Paris-Foto eines belgischen Touristen „rettete"

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums hat sich ein Netzwerk partizipativen Open-Source Journalismus namens Bellingcat einer ähnlichen Aufgabe angenommen, jedoch mit voller Unterstützung der Öffentlichkeit: Sie verifizieren mit satellitengestützter Ortung die Positionen russischer Luftangriffe, die vom russischen Verteidigungsministerium gepostet werden.

Und nach ihrer Darstellung verfehlt Russland seine Ziele manchmal um mehr als 100 Kilometer...