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Seltene Nazi-Kodiermaschine auf eBay aufgetaucht

Die Entschlüsselung des Krypto-Biests durch britische Agenten soll den 2. Weltkrieg um 1-2 Jahre verkürzt haben.
30.5.16

Bild: Timitrius | Flickr | CC BY-SA 2.0

Eine zentrale Komponente der berüchtigten Lorenz-Kodiermaschine der Nazis fand sich vergangene Woche in England auf ebay wieder. Nachdem ein freiwilliger Mitarbeiter des Nationalen Computer-Museums das seltene Angebot entdeckt hatte, das fälschlicherweise als „Telegrafen-Maschine" beworben wurde, schlug das Museum schnell zu: Der Angestellte kaufte den Fernschreiber für 9 Dollar 50 Cent, anscheinend ohne die Privatperson über den historischen Wert des Gegenstandes aufzuklären. Die Nazi-Maschine wurde von dem ahnungslosen Verkäufer auf dem Boden eines Schuppens gelagert, „inmitten lauter Müll", so der Mitarbeiter gegenüber der BBC.

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Die Lorenz SZ 42 war seinerzeit das Nonplusultra der deutschen Nachrichtenverschlüsselung und wurde als Ergänzung zur berühmten Enigma-Kodiermaschine von der Wehrmacht in Auftrag gegeben. Während die Enigma dank polnischer Codeknacker schon in den 30ern ausgelesen werden konnte, bereitete die viel komplexere Lorenz den Hackern der Alliierten lange Zeit Kopfzerbrechen.

Der Titanic-Moment der Nazi-Kryptologen

Dabei war die maschinelle Verschlüsselung der Lorenz, die einen 5-Bit-Code nutzte und via Funkverbindung lief, nicht das größte Problem. Denn bereits in der Testphase des angeblich unknackbaren Gerätes konnten britische Kryptoanalytiker dank eines Flüchtigkeitsfehlers eines deutschen Fernschreibers die erste Nachricht der Lorenz-Maschine abfangen und entziffern. Der hatte im Sommer 1941 eine Nachricht über die Funkstrecke Athen-Berlin doppelt abgeschickt, da die erste nicht ankam, ohne jedoch die Maschineneinstellung zu verändern. Der britische Geheimdienst fing die Meldung ab und hatte Wochen später den Klartext der Nachricht ermittelt—die Super-Kodiermaschine der Nazis wurde noch auf ihrer Jungfernfahrt entschlüsselt.

Doch die SZ 42, die jenseits des Ärmelkanals den Spitznamen „Tunny" (dt. „Thunfisch") trug, war auch noch nach ihrer Dechiffrierung ein Krypto-Biest. Obwohl britische Agenten die innere Struktur des Verschlüsselung rekonstruieren konnten, dauerte es noch immer vier bis sechs Wochen, bis der komplette Inhalt einer Nachricht ausgelesen war. Da die Lorenz-Maschine für die strategische Kommunikation zwischen Adolf Hitler und seinen Generälen genutzt wurde, war es von entscheidender Bedeutung, das Knacken zu beschleunigen.

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Erst mit dem Bau der riesigen Entschlüsselungsmaschine Colossus konnte das Dechiffrieren, das zuvor in wochenlanger Handarbeit durchgeführt werden musste, durch ein maschinelles Verfahren ersetzt werden, das ein Vielfaches an Datenmengen verarbeiten konnte.

Insgesamt neun Colossi ließ der britische Nachrichtendienst bauen, sie füllten eine ganze Fabrikhalle. Die Existenz dieser antifaschistischen Hackmaschine gab die britische Regierung erst lange nach dem Ende des 2. Weltkrieges in den 70er Jahren bekannt. Auch die Nazi-Kryptologen irrglaubten bis zu ihrem Untergang an ihre digitale Sicherheit.

Das Knacken der Lorenz-Maschine gilt vielen als entscheidender Schritt, die Führungsriege der Wehrmacht auszutricksen und den Krieg zu verkürzen. Durch den "Tunny"-Hack wussten die Alliierten, dass Hitler auf ihren Bluff für den D-Day hereinfiel. Die Kommunikation der Nazis entlarvte, dass Hitler tatsächlich glaubte, dass die Alliierten in Calais statt in der Normandie landen würden—ein entscheidender Vorteil bei der Rückeroberung Nordfrankreichs.

Zusammen mit dem Lorenz-Schlüsselsatz, einer Leihgabe aus dem Norwegischen Armeemuseum, kann das Computer-Museum nun beinahe die komplette Verschlüsselungs-Apparatur der Nazis nachbauen. Das letzte fehlende Puzzle-Teil ist der elektrische Motor.

Am kommenden Freitag will das Museum die Kodiermaschine vorstellen. Freiwillige sollen das historische Verschlüsselungsverfahren vor den Augen der Öffentlichkeit rekonstruieren, Nachrichten auf Deutsch verschicken und mit Original-Equipment aus dem Krieg kodieren.