Forscher des MIT entwickeln eine Alternative zur Spritze: Eine komplett verdaubare Pille mit mehreren Mini-Nadeln, die die Medizin direkt in den Verdauungstrakt stechen.
Das Modell der Nadelpille. Bild: Screenshot Youtube | MIT
Spritzenphobiker, ihr seid nicht allein! Jedem Fünften wird ganz anders, sobald er in die Nähe einer Kanüle kommt. Die meisten von uns dürften wohl allgemein bevorzugt eine Pille schlucken, als sich eine Nadel in ihre Haut stechen zu lassen.Dummerweise lassen sich nicht alle Medikamente oral verabreichen. Insulin zum Beispiel besteht aus großen Proteinen, die im Magen aufgebrochen werden, bevor sie absorbiert werden können.
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Eine medizinische Innovation aus der unerschöpflichen Kategorie „Was kann schon schiefgehen?" bringt jetzt richtig gute Nachrichten für Menschen, die Spritzen hassen, aber auf sie angewiesen sind: Eine mit Mini-Nadeln gespickte Wirkstoffkapsel zum Schlucken, die mit einer glatten Umhüllung versehen ist.
Die leicht sadistisch, aber clever anmutende Idee stammt aus den Laboren des MIT: Die Hülle der Nadelpille löst sich erst im Körper durch die Magensäure auf und die freigelegten Nadeln können den Wirkstoff durch die Muskelkontraktion im Verdauungstrakt direkt in die Eingeweide stechen. Die Forscher der Uniklinik des MIT versuchen jedes Unwohlsein bei der Vorstellung der Funktionsweise ihrer neuen Methode im Keim zu ersticken: Im Magen-Darm-Trakt gebe es keine Schmerzrezeptoren und daher auch überhaupt kein Problem beim Verdauen der Nadeln.Leider wurden zwei der zentralen Eigenschaften der neuen Nadelpille bisher nur unabhängig voneinander auf ihre Funktionalität getestet: Zunächst wurde untersucht, wie schnell der Blutzuckerspiegel von Schweinen sinkt, wenn man ihnen Insulin direkt in die Magenschleimhaut sticht—das klappt schon mal hervorragend und funktioniert verlässlicher als bei der Spritze ins Bauchfett.In einem zweiten Versuch mussten Schweine eine Nadelkapsel ohne Wirkstoff schlucken. Wie die Kapsel durch den Verdauungstrakt des Tiers wanderte, wurde mit Röntgenbildern verfolgt. Schon nach einer Woche waren die Nadeln verdaut und wurden wieder ausgeschieden, jubelt das MIT und liefert gleich ein appetitliches Video mit:
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Jetzt versuchen die Wissenschaftler, beide Methoden zu kombinieren, denn wenn sich die säureempfindliche Umhüllung auflöst und die Nadeln ins Gewebe stechen, muss immer noch ein Weg gefunden werden, wie das Medikament aus dem Reservoir in den Körper gelangt. Die Idee ist, sich dafür die Peristaltik zunutze zu machen, also die Muskelkontraktionen im Darm. Dafür muss die Kapsel noch überarbeitet werden, damit sie flexibler wird und der Wirkstoff von dort durch die Nadeln gedrückt wird.Der am MIT entwickelte Prototyp ist rundum mit fünf Millimeter langen hohlen Nadeln aus Edelstahl bestückt, die an einem Medikamentenreservoir hängen. Außerdem wird dort noch eine weitere, ähnlich beruhigende Technik zum Wirkstofftransfer entwickelt: Eine Beschichtung aus festen Nadeln, die aus Zucker und Polymeren gefertigt sind. Sie sollen auf ihrem Weg durch den Körper von der Kapsel abbrechen und dann in der Schleimhaut steckenbleiben, wo sie sich—hoffentlich—auflösen. Der Wirkstoff wäre in diesem Fall schon in die Nadeln eingearbeitet.
Nadeln verdauen oder im Darm stecken lassen? Du hast die Wahl.
Die Forscher schreiben zur Sicherheit der Nadelkapsel: „Frühere Untersuchungen von Menschen, die versehentlich spitze Objekte geschluckt haben, legen nahe, dass es sicher sein dürfte, eine mit Nadeln gespickte Pille zu schlucken." Das hört sich doch schon mal vielversprechend an.Geht es vielleicht noch ein wenig verbindlicher? Völlig unerwähnt bleibt, ob das Versuchsschwein beim Ausscheiden der Nadelkapsel Schmerzen hatte. Wir Menschen haben vielleicht kein Schmerzempfinden in der Magenschleimhaut, aber definitiv empfindliche Nervenbahnen rund ums Rektum. Es bleibt also noch die ein oder andere ungeklärte Frage, auch im Bezug auf die Materialbeschaffenheit der Nadelpille und ungeplanten Zwischenfällen im Körper—was, wenn die Nadeln irgendwo innen steckenbleiben oder Löcher reißen, Stichwort Blutvergiftung?Am Ende ist dieses gutgemeinte System vielleicht für Angstpatienten doch nicht ganz so praktisch. Denn die meisten Trypanophobiker (Spritzenparanoiker) sind auch Belonophobiker: Menschen, die generell vor Nadeln oder spitzen Gegenständen Angst haben. Ob da der Gedanke, ein paar Dutzend Mini-Nadeln zu schlucken, die dir die Medikamente in die Eingeweide stechen und mit ein bisschen Glück als stachelige Kapsel herauskommen, wirklich so viel angenehmer ist als eine fünfsekündige Spritze?Bis sich Diabetiker das Insulin in Form eines sinnlich duftenden Massageöls in den Bauch massieren können, wird es also leider noch ein Weile dauern. Solange bleibt für Nadelphobiker als Alternative zumindest noch die handliche Impfpistole, bei der der Wirkstoff ganz ohne Nadel mit Hochdruck durch die Haut ins Gewebe geschossen wird.
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