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Tech

FOX treibt einen 23-Jährigen für das Streamen der Simpsons in den Ruin

Nick hofft, dass seine persönliche Bankrotterklärung die FOX-Anwälte davon abhalten wird von ihm die gesamte Millionenzahlung einzufordern.

von Patrick McGuire
16 Januar 2014, 3:41pm

Am 5. Januar durften wir eine neue Folge unserer gelben Vorzeigefamilie sehe, die sich dem schönen Thema des Copyright-Extremismus widmete. Homer war enttäuscht, da er scheinbar der Letzte war, der den neuen Radioactive Man Film zu sehen bekam. Lenny und Carl machen sich über ihn lustig und spoilern ohne Gnade. Und als Homer den Film schließlich im Kino sieht, ist er verstört von den übertriebenen 3D-Gimmicks, der Hobbit ähnlichen Bildfrequenz und dem Produkt-Placement. Bart erklärt Homer daraufhin, wie er Torrents kann, damit alles besser wird.

In Springfield heißt The Pirate Bay „The Bootleg Bay" und gerade als Bart zu einer Schritt für Schritt Einweisung ansetzt, die Homer erklärt, wie er sich den neuen Radioactive Man ergaunern kann, flimmert ein überdimensionales FOX-Logo über den Bildschirm:

„Das FOX-Netzwerk verbietet die Ausstrahlungen von Tipps zum illegalen Herunterladen rechtlich geschützten Materials. Erfreuen sie sich stattdessen an diesen Aufnahmen des NASCAR Martinsville Cup von 2011."

Darauf folgen tatsächlich Bilder der Rennserie und der Zuschauer wird erst in die animierte Simpsons-Welt zurückgebracht als Bart seine Lektion beendet hat.

Auch wenn ich nicht zu sagen vermag, wie du in Deutschland die Simpsons Folge legal anschauen kannst, solltest du doch versuchen „Steal this Episode" mit eigenen Augen zu schauen. Und sei es nur um mit eignene Augen zu sehen, wie übereifrige FBI-Agenten sich mehr um Piraterie als um Serienkiller kümmern. Es ist durchaus sehenswert, wie Homer letztlich eine Gerichtsverhandlung gegen Hollywood gewinnt, nachdem er von Marge dafür verpetzt wird, dass er sein eigenes Piraterie-Kino im Hinterhof errichtet hat.

Wer sind denn nun die guten: Die Medienunternehmen oder die Internet-Freiheits-Typen?

Am Ende der Episode gibt es eine vielsagenden Szene in der Bart und Lisa zusammenhocken und versuchen den Sinn hinter dem modernen Problem der Urheberrechtsverletzungen zu entziffern. Bart fragt Lisa: „Wer sind denn nun die guten: Die Medienunternehmen oder die Internet-Freiheits-Typen?" Und Lisa antwortet: „Beide Gruppen beanspruchen edle Absichten für sich, aber am Ende des Tages versuchen sie soviel Geld wie möglich zu klauen."

Bart schlussfolgert also, dass jeder ein Pirat sei und Lisa stimmt zu. Bevor sie aber noch hinzufügen kann, wer denn die schlimmsten von allen sind, wird ihre Antwort abgeschnitten und wir bekommen wieder alte NASCAR Rennen zu sehen, bis schließlich der Abspann einsetzt.

Angeblich ist diese Folge eine kaum verhohlene Parodie auf den Würgegriff in den FOX und andere Unternehmen die Gesetzgebung zu Urheberrechten genommen haben und auf die ultra-agressive Attitude des FBI gegen Leute die lizenzrechtliche Bestimmungen verletzen wie Kim Dotcom. Im echten Leben ist Kim natürlich bei weitem nicht die einzige Person, die für ihre Online-Aktivitäten, durch die Piraterie florieren könnte, attackiert wird.

Im vergangenen Oktober kam erstaunlich unbemerkt die Nachricht über Torrentfreak ans Licht, dass FOX einen Kanadier für das Betreiben von Seiten wie „Watch the Simpsons Online" und „Watch the Family Guy Online" verklagt, über die Streams der erfolgreichen FOX-Formate angeschaut werden konnten. Vor einigen Wochen wurde nun bestätigt, dass dafür eine Strafzahlung von knapp 8 Millionen Euro an den Mediengiganten fällig ist.

Ich habe mich mit dem Administrator der Seiten in Verbindung gesetzt und mit dem 23-Jährigen, den ich im Folgenden nur als Nick identifizieren kann, über die verheerenden persönlichen Konsequenzen der Strafzahlung unterhalten, die ihn in den vollständigen finanziellen Ruin getrieben hat. Nick berichtete mir, dass er von der Reaktion von Fox überrascht war:

„Ich hatte damit gerechnet, dass ich die Abschaltung einer der kanadischen Filmseiten mitbekomme, und dann einfach freiwillig meine Website entsprechend anpassen würde, um Problemen aus dem Weg zu gehen. Aber offensichtlich habe ich nie erwartet selber das Versuchskaninchen zu werden."

Auf die Frage warum er seine Website überhaupt eingerichtet hat, entgegnete Nick: „Ich liebe die Simpsons wie so viele meiner Freunde. Aber du kannst dir überall nur die DVD's bis zur zehnten Staffel kaufen, und im Internet gab es damals auch keine Hilfe für uns—also habe ich die Lücke geschlossen. Ich hatte gehofft, dass FOX irgendwann sein eigenes Angebot schaffen würde, zu dem ich dann auf irgendeine Weise verlinken hätte."

Nick spricht von dem FOX-Angriff gegen ihn als „unnötige Vendetta" und beschreibt mir gegenüber ausführlich, wie das Verfahren sein Leben beeinflusst hat: „Sie kriegen jeden Cent den der Verkauf meines Hauses abwirft, und das ist auch wirklich schon alles, was ich für sie habe. Ich hatte bereits nicht unerheblich Schulden bei Kreditkartenfirmen und konnte gerade so meine laufenden Rechnungen begleichen, aber sie haben es versucht so darzustellen, als würde ich eine halbe Millionen Dollar pro Jahr mit der Sache verdienen."

Auch wenn Nick angibt mit der Seite einen gewissen Profit gemacht zu haben, antwortet er mir auf meine Frage, ob er denn seinen Lebensunterhalt davon bestreiten konnte: „Wenn du es als gesicherte Existenz bezeichnen würdest mit einem großen Berg Kreditkartenschulden zu leben, und nur in der Lage zu sein, die Zinsen von deinem Haus abzubezahlen; dann kannst du das so sehen, ja."

Es ist nicht das erste Mal, dass Nick wegen dem Betreiben eines Streaming-Angebots in legalen Schwierigkeiten steckt. 2010 fand er sich auf der falschen Seite in einer Schlacht wieder, den die Motion Picture Association of America (MPAA) um eine Seite mit dem Namen www.watchxonline.com gekämpft hat, welche sich seitdem in ein „legales Stream-Portal" verwandelt hat und auf Seiten wie Netflix und Hulu verlinkt. Die MPAA hat Nick damals nur „belästigt", wie er sagt. Es kam zu keinen Millionen-Dollar-Drohungen. FOX jedoch lechzte scheinbar nach Blut und machte ernst.

Auch nach seiner Auseinandersetzung mit der MPAA hält Nick seine Aktionen grundsätzlich nicht für verboten: „Es war nur so illegal, wie die Benutzung von Google. Ich habe diese Folgen gefunden und sie einfach nur aufgelistet. Wenn sich die Leute über die Qualität beschwert haben, dann habe ich stets darauf hingewiesen, dass sie die DVD kaufen und die Show unterstützen sollten. Mein Ziel war es nie FOX ihr Geld oder Publikum zu klauen. Die US-Zuschauerzahlen auf meiner Seite waren ohnehin äußerst gering, da es dort andere Quellen [wie Hulu] gibt. Aber den weltweiten Serien-Fans zeigt FOX einfach den Mittelfinger, [denn Hulu kannst du eben nicht in anderen Ländern wie Kanada oder Deutschland abrufen]."

Nick glaubt, dass sich die Film und TV-Industrie an einem ähnlich entscheidenden Punkt befindet wie die Musikindustrie bevor Spotify einen gesunden Mittelweg eröffnet hat, der auch noch auf der richtige Seite des Urheberrechtsgesetz steht. „Wenn sich die Unterhaltungsindustrie einmal zusammen tun würde und ein globales Hulu schafft bei dem die gesamte Bibliothek weltweit verfügbar wäre, dann könnten sie die Piraterie ein für alle mal ausschalten, sogar wenn sie eine minimale Gebühr verlangen würden."

Momentan hofft Nick einfach, dass seine persönliche Bankrotterklärung die FOX Anwälte abschütteln wird, und er nicht die gesamte geforderte Summe zahlen muss. Um ehrlich zu sein, sollte ich erwähnen, dass Nick mit seinen Seiten und ihrer Katalogisierung kostenloser Streaming-Links für jede Folge der Simpsons und von Family Guy eine ziemlich dicke Lippe riskiert hat. Es ist nicht besonders verwunderlich, dass die Anwälte von FOX verärgert waren. Aber wie Die Simpsons in „Steal this Episode" schon gezeigt haben, schießen die aggressiven Klagen gegen Urheberrechtsverletzungen in Amerika über das Ziel hinaus.

Ist es wirklich die beste Strategie für ein großes Medienunternehmen einen jungen Mann in den Ruin zu treiben, der einfach nur einen digitalen Raum besetzt hat, aus dem noch nicht gründlich genug Profit geschlagen wurde? Und hat FOX überhaupt irgendwelche Erfolgschancen in dieser Angelegenheit? Schließlich führt dich jede kurze Google Suche zu vergleichbaren Seiten, die auch heute noch funktionieren und erreichbar sind—ist das ganze also den Aufwand Wert, um dafür mehr oder weniger eine Existenz zu ruinieren? Es müsste ein Kompromiss her, denn nicht zuletzt liest sich diese Geschichte wie eine verdammt schlechte Presse für FOX.