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Drohnen über Deutschland

Angesichts der viel diskutierten militärischen Nutzung werfen wir einen Blick auf die zivilen Potentiale unbemannter Flugsysteme und sprechen mit Forschern, jungen Unternehmern und Sprayern, die in der Technologie ihre Chance sehen.
15.12.13

Spass mit Drohnen! Bildnutzung mit freundlicher Genehmigung von Heavylistening. Die Soundkünstler aus Berlin, erproben in ihren Vinyl-Performances noch eine ganz andere Form von Droning.

Der us-amerikanische Drohnenkrieg wird also auch von deutschem Boden aus geführt—inklusive zentralen Kommandostellen und Drohnen-Trainingsflügen über bewohntem Gebiet. Anders als bei den militärischen Einsätzen, über die, wie auch in diesem Fall, nur stückchenweise etwas bekannt wird, ist die Informationslage zur zivilen Nutzung von Drohnen in Deutschland offenherziger.

Die Zahl der eingetragenen unbemannten Systeme beträgt inzwischen über 1400 und allein die Länder Sachsen und Nordrhein-Westfalen haben in den letzten eineinhalb Jahren knapp 400 Aufstiegserlaubnisse erteilt, von denen die meisten für mehr als nur einen Flug gelten. Und diese Genehmigungen erfassen ohnehin nur kommerzielle Anwendungen oder größere Systeme, die mehr als 5 Kilogramm wiegen.

Blühende deutsche Landschaften—und Drohnen für Landwirtschaft und Wartung von Industrieanlagen. (Bild: Microdrones)

Privatleuten ist es ohnehin erlaubt Drohnen—bei denen es sich dann meist um Quadrokopter handelt—nach Lust und Laune steigen lassen, solange sie dies in Sichtweite tun. Anders als in Frankreich, wo Drohnenpilot streng zertifiziert sein müssen und sonst eine Strafe von bis zu 35.000€ und einem Jahr Gefängnis riskieren, kann in Deutschland theoretisch jedes Kind eine kleinere unbemannte Drohnen steigen lassen. Fernab von größeren Projekten wie dem EuroHawk, bei dem Bundesinnenfriedrich sowie Vorgänger krachend gescheitert sind, scheinen Drohnen so langsam aber sicher den deutschen Himmel zu erobern.

Kein Grund zur Sorge—trotz geplantem Drohneneinsatz über Zugdepots durch die DB.

Start-Ups, Forscher, Sicherheitskräfte und interessierte Institute werben erproben die Möglichkeiten des Einsatzes von Drohnen im zivilen Bereich. Deutschland liegt global gesehen an sechster Stelle auf dem Gebiet der Drohnenforschung und Produktion—knapp hinter Israel, Frankreich, Großbritannien und Russland, und mit weitem Abstand hinter den USA.

Und auch wenn die Drohnenrealität am deutschen Himmel momentan noch bescheiden aussehen mag, so finden sich unabhängig von dem gesellschaftlichen Unbehagen viele Fans der Flugobjekte, die in den verschiedensten zivilen Szenarien zeigen wollen, wie Drohnen Deutschland dienen könnten.

Drohnen gegen Borkenkäfer

Borkenkäfer und andere kleine Baumzerstörer sind trotz intensiver Bemühungen immer noch ein großes Problem in deutschen Wäldern. Um die Gefahr zuverlässig kartografieren zu können setzt Dr. Patrick Reidelstürz unbemannte Flugobjekte ein. Mit einem GPS gestützen System überfliegt er den Bayrischen Wald und kann inzwischen mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit einen Befall in der Frühphase entdecken.

Nur so ist eine Bekämpfung der Schädlinge möglich, die wegen der Früherkennung wesentlich erfolgsversprechender ist, und gleichzeitig weniger großflächige Einsätze von Instektiziden nötig macht.

Ein weiterer angenehmer Nebeneffekt, ist dass Forscher mehr Zeit für ein Technologie-Picknick im freien Feld haben, da sie nicht mehr Baumwipfel erklimmen müssen, um an ihre Daten zu gelangen.

Die Aussenstelle Freyung gehört zur TH Deggendrof, die zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt das Projekt zur Waldrettung mit Drohnen betreibt. Patrick Reidelstürz erzählt von vielen weiteren praxisorientierten Anwendungen, die er für die Drohne in naher Zukunft sieht:„Die Geodatenerfassung in der Landwirschaft ist ein wichtiges Feld mit vielen sinnvollen Szenarien: Precision Farming, Biomassediversität, Verteilung der Nährstoffversorgung auf dem Feld. Aber auch für die Forstwirtschaft bis hin zu 3D-Rekonstruktionen im Bauwesen, Deponievermessungen und Sukzessionsmonitoring reichen die vielfältigen Anwendungen."

Image Droning

Auch deutsche Autohersteller kaufen sich gerne die Potentiale des Droning ein. (Alle DroneIt Bilder verwendet mit freundlicher Genehmigung)

Drohnen werden nicht nur von Forschern in Deutschland geflogen, sondern auch von Hobbyisten begeistert aufgenommen. Als Anfänger kannst du auf Internetseiten mit schönen Namen wie Drohnen-Papst oder Height-Tech für ein paar Hundert Euro Einsteigermodelle kaufen, Drohnendienste anmieten, oder gleich verschiedenste Einzelteile oder Bedarf für dein Drohnen-Tuning erwerben, um dir deine Superdrohne zusammen zu schrauben.

Nun entwickelt sich aus den Hobby-Versuchen, aber auch schnell Geschäftsmodelle. Joachim Schlechtriem hat sich ebenfalls zuerst als Bastler mit Drohnen beschäftigt bis er merkte, dass er daraus auch ein Buiseness machen kann. Mit seinem Start-Up Drone It bietet er seiner interessierten Kundschaft heute fein säuberlich kategorisierte Dienstleistungen: Individuell-droning, immo-droning, image-droning, event-droning. Für circa 1000€ produziert er Tagesaufnahmen für seine Kunden, die von Autoherstellern, über Hausverwaltungen, Event-Agenturen, Hotels, Golfplätze und Nachrichten-Redaktionen bis hin zu Privatleuten reichen.

In seiner kleinen Drohnen-Werkstatt oder bei sich zu Hause baut er Gestelle zusammen und verwaltet seinen unbemannten Flugmodelle.

Joachim schwärmt von den Möglichkeiten und Potentialen seiner kleinen Systemen: „Mich fasziniert die individuelle Arbeit mit den Koptern. Am meisten begeistern mich die wunderschönen Luftaufnahmen von oben, die die ganze Pracht eines jeden Objekts auf einem Bild konzentrieren können."

Bild: DroneIt-Gründer Joachim Schlechtriem und sein Geschäftspartner Richard Nadler

Joachim freut sich über die Demokratisierung des Luftraums mit der Drohnen kleinere Geschäftsideen realistischer erscheinen lassen. So wie Joachim finden sich inzwischen eine Vielzahl an Anbietern, die deutschlandweit Bildproduktion oder Vermessung anbieten und dabei quasi als Kleinunternehmen, die Vorteile der Technik anpreisen und, wie Joachim, genau zu nutzen wissen: „Kopter sind wesentlich preiswerter als Hubschrauber, sie sind individueller einsetzbar und außerdem darf man nicht vergessen, dass sie keine Schadstoffe produzieren."

Schnüffel-Drohnen

Bild: Microdrones

Als die Feuerweh im Juli 2007 zum großflächigen Brand eines Recycling-Betriebs in Bochum ausrückte, wurden sofort versucht den Ausstoss von giftigen Stoffen zu messen. Eine große Rauchsäule verdunkelte den Himmel und schränkte die Sicht ein. Trotzdem blieb den Einsatzkräften nicht viel übrig als die Belastung in Boden- und Brandnähe zu messen und die Bevölkerung wie üblich allgemein anzuweisen Fenster und Türen geschlossen zu halten.

Die Dortmunder Polizei hat getestet, wie sich die Bedrohungssituation mit Hilfe von Quadrokoptern besser abschätzen lässt. Nicht nur können so für Menschen unzugängliche Gefahrengebiete erkundet und überwacht werden; Sensoren an den unbemannten Flugobjekten sollen auch giftige Wolken besser lokalisieren können, die sich häufig auch in größerer Entfernung oder in höheren Luftschichten festsetzen. Der Fall der unter der Hitze schließlich zusammengebrochenen Wertstoff-Lagerhalle verdeutlicht, wie wichtig es ist, präzise herauszufinden, wo genau sich potentiell gefährliche Gase gerade im dicht besiedelten Ruhrgebiet ausbreiten.

Die Dortmunder Einsatzkräfte arbeiteten für das Projekt Airshield unter anderem mit den Hochschulen Dortmund, Siegen, Paderborn und der TU Berlin, sowie der Firma Microdrones zusammen. Das Unternehmen aus Siegen nimmt weltweit eine führende Stellung in der Entwicklung leichter Aufklärungsdrohnen und Quadrocopter ein. Die Drohne im Airshield Projekt konnte beispielsweise für eine kürze Zeit Temperaturen von bis zu 450 Grad wiederstehen. Während sich das Unternehmen in Bezug auf eine mögliche Zusammenarbeit mit dem US-Militär schmallipig zeigt und auch die Kooperation mit Google bisher nur eine regelmäßig dementierte Spekulation ist, finden sich auf ihrem YouTube Kanal die vielfältigsten Beispiele für die zivile Nutzung.

Douglas DeMaio von Microdrones berichtet mir von vielen zivilen Potentialen der Technologie, aber gleichzeitig bleibt die konkrete Verwendung für die Drohne in Deutschland unklar: „Ob die Drohne schon mehrfach genutzt wurde, weiß ich nicht. Zunächst handelt es sich hier nur um ein Forschungsprojekt."

Douglas macht sich vor allem Sorgen, um die weitere Entwicklung der Regularien, und fordert für die Zukunft, dass die Politik für Klarheit sorgt. Diplomatisch merkt er an: „Wir sehen die Regulierung als gut, aber unvollständig an. Und das behindert die Entwicklung." Microdrones wünscht sich vor allem auch, dass die Lizenzen für die Drohnen nicht mehr nutzungsabhängig, sondern die Erlaubnis zum Fliegen über ein Vergabesystem an zertifizierte Piloten geregelt wird.

Die Kooperation der Hochschulen in dem Forschungsprojekt blieb nicht ohne Proteste seitens besorgter Studenten, deren Widerstand angesichts der zunehmend verschwimmenden Grenze zwischen ziviler und militärischer Hochschularbeit in Deutschland aber ziemlich machtlos scheint. Douglas von Microdrones ist sich der gesellschaftlichen Bedenken bezüglich der Privatsphäre bewusst. Für die Zukunft kann er sich ein System der Überwachung der Überwacher vorstellen, welches den Bürger erlauben würde zu erkennen, welche Drohnen aktuell in ihrem Luftraum unterwegs sind.

Drohnen gegen Sprayer

Vor einigen Monaten hat die Deutsche Bahn mit ihrer Idee Schlagzeilen gemacht, mit Wärmekameras ausgestattete Drohnen über ihren Zugdepots einzusetzen. Inzwischen sind die Tests erfolgreich verlaufen, allerdings scheitert das ganze nun an einem Nachtflugverbot.

Den Kampf gegen Graffiti konnte schon der New Yorker Bürgermeister Ed. Koch in den 1980ern mit seinen Plänen Wölfe gegen Sprayer einzusetzten nicht gewinnen. Und die jetztige Sackgasser der Bahn erinnert ein bisschen an den hilflos stotternden Bürgermeister, als er die berühmte New Yorker Kampagne „Make your mark in Society not on Society" auf einer Pressekonferenz vorstellte.

Trotz beserer Pressearbeit wird die Deutsche Bahn ihre fast lautlose, automatisch oder ferngesteuert, fliegenden Drohnen, zur Aufspürung und Überführung von leichter identifizierbaren Sprayern, also bis auf weiteres nicht fliegen lassen können.

So könnten die Wärmebildaufnahmen der DB aussehen. via Microdrones und ihrem Copter mit Infrarotkameras.

Aber würden sich Sprayer überhaupt von Drohnen aufhalten lassen? Der Maler True berichtet, dass es für ihn und seine Gruppen RS und END ohnehin immer neue Hindernisse beim Züge malen gibt, aber sie sich nicht aufhalten lassen werden, in ihrem „Tatendrang anonyme ,Kunstwerke' in freier Wildbahn zu verwirklichen."

Und selbst wenn Gerd Neubeck, der Sicherheitschef der Deutschen Bahn, alle Formalien mit den lokalen Flugsicherheitsbehörden geklärt hat, so würden die Sprayer ihre ohnehin schon technisch durchgeplanten Operationen mit weiteren Gegenmaßnahmen aufrüsten: „Wir Sprüher sind uns natuerlich der Gefahr bewusst! Keine Frage. Fuer mich und mein Team heisst das in Zukunft: Nie wieder ins Zugdepot ohne geladenes Luftgewehr!"

Nun gut, das Ziel der DB für eine bessere Sicherheitslage zu sorgen wäre damit schonmal hinfällig.

Transportdrohnen

Erst vergangene Woche machte auch die Deutsche Post mit ihren Testflügen von Drohnen über den Rhein von sich reden. Eine sinnvolle Anwendung für Transportdrohnen diente hier als Beispiel: Arzneimittel sollten im dichten städtischen Raum schnell und präzise von einer Apotheke ausgeliefert werden.

Aber so wie auch die spektakulären Pläne von Amazon mit ihren Lieferdrohnen Prime Air, sind auch hier noch einige Hindernisse zu überwinden, bis Drone-Delivery Alltag wird. Denn Transportdrohnen, wie sie auch für kleinere Pakete nötig wären, würden wohl bisher noch mehr als 5 Kilogramm wiegen um kräftig genug zu sein und damit die genehmigungsfreie Obergrenze überschreiten.

Drohnen, ja bitte!

Auch die deutsche Polizei hat zum besseren Überblick bei Menschenmengen schon Drohne eingesetzt. Zum vermutlich ersten Mal bei einer Anti-Castor im Jahr 2010. Die niedersächsische Polizei hat vier Flüge einer 91cm langen Drohnen zugegeben, die mit Tageslicht- und Dämmerungskamera ausgestattet war, und in Echtzeit Bilder an eine Bodenstation übertrug. Anschaffungskosten: 47.000€. Die genaue Kosten-Nutzen-Rechnung im Vergleich zu dem finanziellen und physischen Preis der für die Einsatzkräfte bei Demos fällig ist, oder gar im Vergleich zu einer politisch weitblickenden Lösung der Atomendlagerfrage ist bisher aber wohl noch nicht berechnet worden.

Die niedersächsische Polizei hat allerdings angegeben, dass es sich nur um einen Test handelt und keine Bilder von Demonstranten gemacht worden seien. Trotzdem ist die Rechtslage hier verfassungsrechtlich ebenso problematisch, wie im Falle der sächsischen Polizei, die bei den antifaschistischen Protesten gegen das Dresdener Nazi-Gedanken ebenfalls Drohnen einsetzte. Spätestens seit der verdachtsunabhängigen Telefondaten-Erfassung während Protesten steht das sächsische Innenminesterium nicht gerade im Ruf legale Bedenken über technische Machbarkeit zu stellen. So kam auch auch der Fußballverein Roter Stern Leipzig bei einem Fest auf seinem Vereinsgelände in den Genuss des Besuches eines unbemannten beobachtenden Flugobjekts.

Auch in Dresden ließ die Polizei die fliegenden Augen zur Überwachung von Fußball-Fans aufsteigen:

Drohnen über den Alpen und in Kratern

Wiederum das Unternehmen Microdrones machte in diesem Sommer mit der ersten automatisierten Alpenquerung eines Quadrokopters von sich reden. Ein GPS-gestützer automatisch fliegender Kopter überquerte den Sankt Gothard Pass mit beeindruckender Präzision. Warum der mehrere Kilometer dauernde Flug in der Ästhetik einer militärischen Operation dokumentiert werden musste, erschließt sich im Angesicht des Kontextes saftiger Wiesen und freundlicher Kühe allerdings nicht abschließend:

Nach einem Erdrutsch in Nachterstedt im Jahr 2009, der drei Menschen das Leben kostete, kamen Drohnen zum Einsatz um den den stark einsturzgefährdeten Krater zu inspizieren, und das Risiko weiterer Einstürze zu bemessen. Ein Pilot berichtet, wie er das für Menschen unzugängliche Gelände untersucht, und dass er sich insgesamt momentan vor Aufträgen kaum retten kann.

Joachim Schlechtriem von dem Start-Up DroneIt ist sich der zivilen Chancen der Technologie nur allzu bewusst und ist bereit für die weitere Entwicklung: „Kopter sind für viele sinnvolle Dienstleistungen bereit, man muss nur wissen wie man diese am besten einsetzt und effizienter und sauberer zu arbeiten. Mir schweben genug Ideen im Kopf herum."

In Deutschland wurden Drohnen erst im Mai 2012 überhaupt vom Gesetz anerkannt. Aber viel mehr als das der Ausdruck „unbemannte Flugsysteme" nun neben dem Wort Drehflügler im Luftverkehrsgesetz verankert wurde, ist damals eigentlich nicht geregelt worden. Allerdings wurde damit der Weg frei, dass, ohne parlamentarische Diskussion die weitere Verwendung von Drohnen in einem legalen Rahmen geregelt werden kann. In der Luftverkehrsordnung findet sich nun die weder präzise noch restriktive Angabe, dass jeweils die Länder der Nutzung von Drohnen zustimmen müssen, und dass dabei die Vorschriften „über den Datenschutz nicht verletzt" werden dürften.

Aber ohne eine breite und realistische Diskussion auch über die zivilen Einsätze von Drohnen ist weder der weiteren Forschung, noch der Angst, um unsere Privatsphäre oder vor Abstürzen geholfen. Von den Hackerszenarien, in denen Drohnen einfach am Himmel übernommen werden können einmal ganz zu schweigen. Auch die Aussicht auf ein schwebendes von Hackern kontrolliertes Bot-Netz ist wohl näher als wir glauben.

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