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Kachelmann teilt nach Toten durch Hochwasser weiter gegen TV-Sender aus

Der Meteorologe fordert von seinem ehemaligen Arbeitgeber eine bessere Vorhersage der schweren lokalen Starkregen und Fluten, die in den vergangenen Tagen acht Menschen das Leben kosteten.
2.6.16
Bild: imago

Haben die öffentlich-rechtlichen Medien ihre Sorgfaltspflicht in der Berichterstattung über die Unwetter in Süddeutschland vernachlässigt? Das behauptet jedenfalls Jörg Kachelmann, der die Sender in seinem Twitteraccount zur Zeit fortwährend kritisiert: „Wieder Tote, wieder fahrlässig geschlafen", so die harschen Vorwürfe des Meteorologen. Auch die ARD, bei der er ehemals selbst als Wetterexperte angestellt war, kommt dabei nicht gut weg und wurde in einem aktuellen Tweet als „gewissenslos" bezeichnet.

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Bereits nach den ersten Unwettern vor drei Tagen, bei denen drei Menschen starben, hatte Kachelmann sich erstmals kritisch zu Wort gemeldet. Obwohl aktuelle Vorhersagen und vor allem Warnungen für die betroffenen Orte möglich gewesen seien, hätten die Fernsehsender keine Infos zur Wetterlage thematisiert. Selbst als in den sozialen Netzwerken aktuelle Meldungen und Videos von Bewohnern der schwäbischen Landkreise kursierten, kamen die Sendeanstalten laut Kachelmann noch immer nicht ihrer Verpflichtung nach, die Öffentlichkeit dezidiert über die bedrohlichen Wetterverhältnisse aufzuklären.

Auch gestern gab es wieder mindestens vier Tote durch Unwetter, diesmal in Niederbayern. Und das Programm der Sendeanstalten wies erneut nicht dezidiert auf die lokalen Gefahrenzonen hin und lieferte während der ersten Stunden des Unwetters keine Sonderbeiträge aus den betroffenen Gebieten. Tatsächlich wurden keine Informationen über die Gefahren des Unwetters an konkreten Orten gesendet—das Unwetter trat in seiner Schärfe jedoch so plötzlich auf, dass selbst der Hochwasserdienst des Augsburger Umwelt-Landesamtes von der plötzlichen Flut überrascht wurde. Eine Warnung wurde also auch von den öffentlichen Behörden erst ausgegeben, als in einigen Orten bereits „Land unter" herrschte.

Hätten sich die Toten dennoch durch eine bessere Informationspolitik vermeiden lassen? Kachelmann glaubt wohl ja: „Es ist kein Zufall, dass selbst bei schlimmsten Tornados und Hurrikanen in den USA nur wenige Menschen sterben, wenn überhaupt", so Kachelmann in einem Blogpost.

In Fällen solcher extremen Unwetter kommt Medien wie Radio und Fernsehen nach wie vor eine besondere Bedeutung zu. In überfluteten Gegenden fallen Handynetze und Internet oft aus, lediglich das Festnetztelefon funktioniert noch. Insofern sollte die Bedeutung regionaler Sender als Informationsquelle nicht unterschätzt werden.

Die gewitterartigen Starkregenfälle, die diese Woche über Deutschland niedergingen und bei denen gebietsweise über 25 Liter Wasser pro Quadratmeter vom Himmel fielen, lassen sich zum Teil erst ein bis zwei Stunden vorher in ihrem vollständigen Ausmaß voraussagen, so Kachelmann. Dennoch wäre seiner Meinung nach eine aktuelle Berichterstattung ohne weiteres möglich gewesen, da nicht nur seine Seite, sondern ebenfalls der Deutsche Wetterdienst permanent über die meteorologischen Entwicklungen informiert hätten. Kachelmann twitterte während des Starkregens permanent Radarbilder, die die aktuelle Situation und das Fortschreiten der Wetterfront dokumentierten—konkrete Informationen mit lokalem Bezug, die seiner Meinung nach auch öffentlich-rechtliche Medien hätten verbreiten können.

Ein Sprecher der Programmdirektion der ARD hatte bereits am Montag zu den schweren Vorwürfen Stellung bezogen. In der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau habe man laut der ARD eine Unwetterwarnung mit folgenden Worten ausgesprochen: „Direkt über uns dreht ein Tief seine Kreise und verursacht teilweise unwetterartige Gewitter und Regenfälle. Es gelten entsprechende Warnungen des Deutschen Wetterdienstes. In der Nacht sind weitere Schauer und Gewitter mit Unwetterrisiko unterwegs."

Eine Möglichkeit, noch ausführlicher über bedrohliche Wetterlagen aufzuklären, könnte das Tagesprogramm besonders in den Regionalsendern bieten. Die Hoffnung: Desaströse Gewitterfronten wären für manche Bewohner weniger überraschend. Wie die aktuellen Vorfälle zeigen, bietet dabei eine allgemeine Wetterwarnung nicht ausreichend Schutz. Da sich die sintflutartigen Regenfälle in der Regel besonders auf bestimmte Regionen konzentrieren, gäbe es jedoch die Möglichkeit, noch einmal gesondert auf diese Gegenden hinzuweisen. Auch die regelmäßige Einblendung von Livebildern des Regenradars könnte eine wichtige Ergänzung zu der Berichterstattung darstellen, schlug Kachelmann vor. Die ARD hinterfragte in einer Ausgabe der Tagesthemen bereits ihre Berichterstattung und dachte laut über Verbesserungsmöglichkeiten nach.

Früher gab es die Möglichkeit, durch Alarmsirenen ein deutliches akustisches Warnsignal zu setzen, doch Sirenen sind auf den Hausdächern mittlerweise selten geworden. Auch eine direkte Warnung an die Bürger sieht die deutsche Rechtslage nicht vor. So ist die eigene Wahrnehmung und eine Wetterwarnung durch die Medien oft die einzige Möglichkeit, welche die Menschen in den Katastrophengebieten vorwarnen kann. Eine regionale Berichterstattung würde die Betroffenen dabei nicht nur mit dem Nahen der Wetterfront auf dem Laufen halten, sondern könnte gleichzeitig über Schutzmaßnahmen informieren, welche bei Hochwasser Menschenleben retten können.

Jenseits ausführlicher (Früh-)Warnungen für betroffene Gebiete fehlen in Deutschland allerdings noch die technischen Voraussetzungen, auf plötzliche Unwetter akkurat und zeitnah hinweisen zu können. Warnsysteme, die auch an kleinen Bächen die Pegelstände überwachen und bei Auffälligkeiten Warnungen direkt an Feuerwehr und Behörden senden, befinden sich erst noch im Testverfahren. Ob die Entwicklung nach den aktuellen Ereignissen noch einmal deutlich angekurbelt wird, wird sich zeigen.