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Ein Neurowissenschaftler erklärt, warum unser Hirn manchmal Pornos braucht

Wenn wir uns selbst berühren, gibt es biologische Schranken, die einen Orgasmus erschweren—neurologisch gesehen kann Pornographie dagegen helfen.

von David J. Linden
04 Oktober 2016, 11:00am

Bild: Ares Tavolazzi / Flickr | CC BY-NC-SA 2.0

Selten war ein Umfrageergebnis so unmissverständlich und lag dabei gleichzeitig dennoch so weit von der Realität entfernt: Im letzten Jahre ergab eine Befragung, dass sich 66 Prozent aller Amerikaner und 41 Prozent aller Amerikanerinnen mindestens einmal im Monat einen Pornofilm ansehen. In der Vergangenheit vermutete eine Datenanalyse sogar, dass rund die Hälfte des gesamten Web-Traffics aus pornographischen Inhalten besteht. Auch wenn viele diese Hochrechnung für maßlos übertrieben halten und viele Experten eher von einer deutlich geringeren Prozentzahl von rund 4% ausgehen (die aber angesichts der schieren Menge des alltäglichen Web-Traffics noch immer stattlich ist), steht eines doch außer Frage: Das Internetpornos ein außergewöhnlich populärer Teil des Internets waren, sind und noch lange bleiben werden.

Warum aber erfreuen sich Pornos solch ungemeiner Beliebtheit? Eine einfache Frage, die man jedoch ganz unterschiedlich beantworten kann. Während Pornographie gelegentlich Paaren dazu dient, in die richtige Stimmung für den Beischlaf zu kommen, geht es doch meistens darum, dass der geneigte Zuschauer die Pornos mit einem einzigen Ziel konsumiert: Masturbieren und einen Orgasmus haben. Tatsächlich geht es heute vielen so, dass sie sich ohne pornographische Bilder oder Filme gar nicht mehr selbst befriedigen können.

Aber warum helfen uns Pornos überhaupt dabei? Auf psychologischer Ebene lautet die Erklärung so: Pornographie eröffnet den Menschen durch das Bedienen sexueller Fantasien und das Hervorrufen von sexueller Erregung dabei zum Orgasmus zu kommen. Die Antwort mag zwar stimmig erscheinen, aber es muss auch erwähnt werden, dass sie nicht ganz vollständig ist und neurobiologische Aspekte der Selbstbefriedigung ignoriert.

Der menschliche Organismus ist so angelegt, dass wir körperliche Berührungen, die die Folge von unseren eigenen Bewegungen sind, weniger stark wahrnehmen als haptische Reize, die von Faktoren außerhalb unseres Körpers verursacht werden. Gehen wir beispielsweise die Straße entlang, so nehmen wir die Bewegung der Kleidung an unserer Haut kaum war. Würden wir aber dieselben Berührungen fühlen, während wir still stehen, so wäre das für unseren Körper sehr auffällig und wir würden den Empfindungen sofort erhöhte Aufmerksamkeit schenken: wer oder was berührt uns da? Das ganze ist natürlich von der Evolution so vorgesehen: Berührungen von außen sollten wir stärker beachten, da sie uns auf etwas Gefährliches oder aber auch Angenehmes hinweisen können.

Bild: Charlotte Cunningham

Das Phänomen lässt sich auch beim Kitzeln beobachten: Die meisten Menschen können sich gar nicht wirklich selbst kitzeln und sich so zum Lachen bringen—der Lachreiz entsteht erst, wenn jemand anderes uns kitzelt.

Sarah-Jayne Blakemore und ihre Kollegen vom Institute of Neurology in London haben dieses Phänomen ausführlich neurobiologisch untersucht und experimentelle Untersuchungen durchgeführt, in denen die Testpersonen entweder gekitzelt wurden oder sich selbst kitzeln sollten, während sie in einem Hirnscanner lagen.

Wird man gekitzelt, so werden Hirnregionen aktiviert, die den präzisen Ort und die Qualität der Berührung dekodieren (man nennt diese Regionen den primären und sekundären somatosensorischen Cortex), sowie die Teile des Gehirns, die für die positive emotionale Empfindung der Berührung zuständig sind (die anteriore cinguläre Hirnrinde und die posteriore Hirnrinde). Als das Experiment wiederholt wurde, die Probanden sich aber selbst kitzelten, wurden diese Berührungszentren im Gehirn weitaus weniger stimuliert als beim normalen Kitzeln.

Das Sich-Selbst-Kitzeln regt nämlich das Kleinhirn an, eine Hirnstruktur, die sowohl Berührungssignale als auch Instruktionen von anderen Hirnregionen, die eine Bewegung initiieren, empfängt— unter anderem mit den elektrischen Impulsen, die über Neuronen fließen, um die Muskeln von Arm und Hand während des Selbstkitzelvorgangs zu kontrollieren. Das Kleinhirn wird aktiviert, wenn eine Bewegung initiiert werden soll und wenn sie mit dem sensorischem Feedback der Haut zusammenhängt. Es sendet dann hemmende Signale an die Berührungszentren (oder andere Regionen) im Gehirn, die die Aktivierung mindern und dadurch das kitzlige Gefühl abschwächen. Unsere Gehirnzellen können also unterscheiden, ob unser Körper von eigener oder fremder Hand gekitzelt wird, und reduzieren entsprechend das Kitzelgefühl.

Die Parallelen zwischen sich selbst kitzeln und sich selbst befriedigen liegen auf der Hand. In beiden Fällen wird das Kleinhirn aktiviert und unterdrückt die neuronale Aktivität in den Gehirnregionen, die auf die sensorische und emotionale Komponente einer Berührung reagieren.

Und genau diese Reduzierung wichtiger neuronaler Regionen muss entgegengewirkt werden: Um die berührungsinduzierten Signale während des Masturbierens zu intensivieren, kann man also bestimmten Fantasien nachhängen oder, noch effektiver, sich erotische Bilder oder Filme ansehen. Man kann auch einfach eine erotische Geschichte lesen, da dadurch ebenfalls höhere Hirnregionen angesprochen werden, die auf Bilder reagieren, weil beim Lesen mentale Bilder entstehen.

Die von mir hier ausgeführte Theorie wurde soweit ich weiß bisher nicht unter Laborverhältnissen getestet. Ich gehe auch nicht davon aus, dass man eine öffentliche Stelle finden wird, die diese Art von Forschung finanzieren würde. Die Studie wäre aber zumindest theoretisch einfach umzusetzen: Man bräuchte schlicht einige Männer und Frauen, die in einem Hirnscanner masturbieren, einmal mit und einmal ohne Pornographie. Doch dabei gibt es auch eine praktische Herausforderung: Es wäre sicher gar nicht so einfach, sich selbst zu befriedigen, ohne das Gehirn ein bisschen in Gang zu setzen.

Während der Selbstbefriedigung werden Aktivitäten der anterioren cingulären Hirnrinde (rot), die für die emotionale Regulierung zuständig ist (wie auch für Entscheidungsprozesse und die Regulierung physiologischer Prozesse), durch das Kleinhirn rekalibriert. Bild: Wikipedia

Um die berührungsinduzierten Signale während des Masturbierens zu intensivieren, gehen Menschen also quasi aus biologischer Notwendigkeit dazu über, bestimmten Fantasien nachhängen oder, noch effektiver, sich erotische Bilder oder Filme ansehen.

Doch warum erregt uns nun der Anblick des Akts auf dem Bildschirm in ähnlicher Weise wie eine fremde Berührung auf unserer eigenen Haut? Das liegt an den neuronalen Informationen, die die posteriore Hirnrinde erhält—jene entscheidende Region der Hirnrinde also, die durch Liebkosungen aktiviert wird und ein wichtiger Knotenpunkt im emotionalen Gehirn ist. Zusammen mit den Nervenfasern, die durch das Streicheln aktiviert werden, erhält die posteriore Hirnrinde auch hochgradig neuronal verarbeitete visuelle Informationen.

Erstaunlicherweise wird einer Studie aus dem Jahr 2011 zufolge durch das Ansehen eines Films, in dem der Körper eines anderen liebkost wird, die posteriore Hirnrinde der Betrachter auf ähnliche Weise aktiviert wie bei einer tatsächlichen Liebkosung. Die Aktivierung der emotionalen Berührungszentren durch Pornographie wirkt den Aktionen des Kleinhirns, die die Empfindung der eigenen Berührungen dämpfen, entgegen. Durch die höhere Aktivität der emotionalen Berührungszentren werden also die Intensität und das angenehme Gefühl der eigenen Berührung gesteigert, und es wird einfacher, den Orgasmus zu erreichen.

Jetzt wisst ihr, wie das alles aus wissenschaftlicher Sicht so abläuft. Würde das Ansehen pornographischer Bilder oder Filme nicht den Aktivitäten des Kleinhirns entgegenwirken, die die Empfindung eigener Berührungen schwächen, wären Pornos auch keine so effektive Hilfe beim Masturbieren und würden gesellschaftlich wie privat eine deutlich geringere Rolle spielen.

Prof. Dr. David J. Linden lehrt als Neurowissenschaftler an der medizinischen Fakultät der John Hopkins University und ist Autor des Buches Touch: The Science of Hand, Heart and Mind.