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Um Wilderern zuvorzukommen, sägen Tierärzte Nashörnern die Hörner ab

Angesichts der ausufernden illegalen Nashornjagd wissen sich manche südafrikanischen Tierärzte nicht anders zu helfen, als den Wilderern durch Enthornung ihre Beute wegzuschnappen.
17.11.14
Thandi ist Opfer von Wilderern geworden, bevor William Folds zur Stelle sein konnte. Bild: Paul Mills.

Es ist ein brütend heißer Julitag im südafrikanischen Hoedspruit, als das Telefon des Großwild-Tierarztes Peter Rogers klingelt: Eine Bande Wilderer hatte soeben einem Nashorn in den Kopf geschossen. Das Tier war allerdings nicht gestorben, sondern rannte verletzt und verängstigt viele Kilometer durch den Busch. Als Rogers und sein Team das Nashorn endlich fanden, war es vor Erschöpfung zusammengebrochen—bevor es mit weiterer Medizin versorgt werden konnten, hatte es seinen letzten Atemzug getan.

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Tierärzte wie Rogers wollen solche Tragödien in Zukunft mit drastischen Mitteln verhindern: Bevor die Wilderer auf ihren rücksichtslosen Beutezügen zuschlagen, planen sie, ihnen zuvor zu kommen, indem sie den Tieren selbst die Hörner absägen.

Rogers gehört zu einem knappen Dutzend südafrikanischer Großwild-Veterinäre, die an ihrem Arbeitsplatz unmittelbar mit dem Problem der Nashornjagd konfrontiert sind. Das Phänomen hat bedrohliche Ausmaße angenommen; Anrufe wegen Wilderei-Vorfällen gibt es fast täglich.

„Dass wir helfen können, ist die Ausnahme", sagt Rogers. „Meistens finden wir die Tiere tot vor, das halbe Gesicht abgehackt. Diese Wilderer sind Barbaren."

Das Nashorn Geza. Bild: Mike Holmes

In den vergangenen Jahren erreichte die Nashornwilderei ein trauriges Rekordhoch. Geschuldet ist dies einer gestiegenen Nachfrage durch wohlhabende chinesische und vietnamesische Käufer, die wegen ihrer pseudomedizinischen Wirkung und als Statussymbole nach den Hörnern gieren. Südafrika, die Heimat von 80 Prozent der nur noch 25.000 verbleibenden afrikanischen Nashörner, trifft es besonders hart.

Das radikale Konzept der südafrikanischen Tierärzte scheint als verzweifelte Lösungsstrategie aufzugehen: Gerade hat die namibische Regierung die Strategie offiziell gebilligt. Doch die Tierärzte—die die größten Nashornpopulationen der Erde betreuen—müssen sich auf die Kooperation kleinerer, gut geschützter Privatparks verlassen, um ihre Strategie auch umsetzen zu können.

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Für private Wildschützer gibt es immerhin Anreize, das Enthornen zu unterstützen. Der Öko-Tourismus ist einer von Südafrikas größten Wirtschaftszweigen, und tote Nashörner sind nicht gerade als schöne Ferienerinnerung geeignet. Gleichzeitig zahlen einige internationale Touristen Höchstpreise, um bei einer Enthornung dabei zu sein.

„Das ist eine echte Cashcow", sagt Max Emanuel, Veterinärstudent an der University of Pennsylvania, der im Sommer regelmäßig Freiwilligenarbeit in Rogers Großwildklinik leistet. „Auf einer Safari dabei zu sein, ist die eine Sache, aber eine Nashorn-Enthornung mitzuerleben, ist für die meisten Leute eine ganz neue Erfahrung."

Rogers begann seine Karriere in den späten 1980er Jahren mit Nashornfang und -Umsiedelung. Inzwischen lässt er seine jahrelangen Erfahrungen in einer Operation zum Einsatz kommen, die direkt aus Jurassic Park stammen könnte. Der Plot geht ungefähr so: Tierarzt und Wildschützer klettern in einen Helikopter, entdecken ein Nashorn und beschießen es mit einem starken Opioid-Pfeil.

Ein Nashorn wird für die Entthronung vorbereitet. Bild: Max Emanuel

Das Nashorn rennt durch den Busch, vom Helikopter verfolgt, bis es schließlich taumelt und zusammenbricht. Dann beginnt ein Rennen gegen die Zeit. Das betäubte Nashorn wird an einen Baum gebunden und seine Atemfrequenz überwacht, während ein Team Haar- und Blutproben nimmt. Anschließend schmeißt jemand die Kettensäge an und schneidet das Horn ungefähr acht Zentimeter über der Wurzel ab—das ist ein Sicherheitsabstand, um nicht die Sinusröhren zu verletzen.

Nashornenthornung. Bild: Max Emanuel

Das Nashorn nach der OP wiederzubeleben, ist der riskanteste Teil des Unterfangens. Nach einer großzügigen Dosis Naltrexon—chemisch ähnlich der Droge, mit der man Heroinüberdosen behandelt—erwacht das zwei Tonnen schwere Tier aus dem Koma und wird schließlich panisch und hellwach. „Und dann rennen wir, so schnell wir können, zu den SUVs zurück", sagt Emanuel.

Die Enthornungen mögen vielleicht ein gewisses Abschreckungspotential haben, aber der Vorgang selbst ist auch wirklich gefährlich, arbeitsintensiv und von der Unterstützung der Tierschützer abhängig. Emanuel hat allein in diesem Sommer mindestens vierzig Tiere enthornt, doch da die Hörner nachwachsen, muss die Operation alle paar Jahre wiederholt werden.

Nashorn-Hörner. Bild: Max Emanuel

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Gier der Wilderer nachlässt: 2007 wurden 13 Nashörner wegen ihre Hörner getötet. Im vergangenen Jahr waren es 1004, in diesem Jahr bislang 868. In Südafrika wurden in diesem Jahr mehr Nashörner getötet als geboren, so Rogers.

Das war nicht immer so. Und die Behandlung von verletzten Nashörnern ist für die meisten afrikanischen Tierärzte nach wie vor ein Novum, wie mir der Großwild-Tieratzt Dr. William Fowlds erzählte, der in der südafrikanischen Eastern Cape-Provinz arbeitet:

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„Bevor die Wilderei derart eskalierte, gab es so gut wie kein tiermedizinisches Wissen über Nashörner. Wir mussten ganz von vorn anfangen. Das Nashorn ist ein Tier, das niemals ausgiebig anatomisch analysiert wurde, daher gibt es einfach keine Forschung über dieserlei Verletzungen."

Nach einer Enthornung bleibt bei dem Tier eine fussballgroße Wunde zurück. Emanuel entwarf mit Hilfe eines Gesichtschrirurgen und eines Pferdearztes eine Metallplatte, die er nun in den Nashornschädel schrauben kann, um die die Wunde abzudecken.

Ein enthorntes Tier wird auf seine Operation vorbereitet. Bild: Max Emanuel

Die Gesichtsplatte wird angeschraubt. Bild: Max Emanuel 

Die Platte nach der Operation. Bild: Max Emanuel

„Manchmal reißt ein Nashorn die Platte wieder herunter und fängt sich eine üble Infektion ein", erzählte mir Emanuel. „Letzten Sommer hatten wir ein Tier, dessen Nebenhöhlen waren ganz verrottet, alles voller Maden. Das nekröse Gewebe müssen wir dann ausschaben und alles betäuben, bevor wir die Platte wieder anschrauben können."

Fowlds, der zum ersten mal 2011 mit dem Wildereiproblem in Kontakt kam, erzählt von ähnlichen Horrorgeschichten. „Die Wilderer wissen nicht, wo das Horn beginnt und endet—oder sie scheren sich nicht drum. Also hacken sie direkt in den Schädel und reißen manchmal das halbe Gesicht des Nashorns mit ab. Die meisten Nashörner sterben durch den Blutverlust, den Schock und den Schmerz. Und in den wenigen Fällen, in denen mal ein Nashorn überlebt, müssen wir dann entschieden, ob wir versuchen, es zu retten."

Und als wären die entstellten Tiere noch nicht genug, müssen sich die Wildtierärzte auch noch zunehmend mit verwaisten Jungtieren beschäftigen. „Sehr häufig müssen die Jungen dabei zuschauen, wenn ihrer Mutter das Gesicht entstellt wird", sagt Fowlds. „Hier und da gibt es Auffangstationen, aber wir haben nicht die Kapazitäten, um so viele Jungtiere aufzunehmen."

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Während Polizei und Ranger versuchen, mit der rasant gestiegenen Zahl der letzten Tötungen mitzuhalten, militarisieren sich die Wilderer ebenfalls, wie mir Fowlds berichtet:

„Es ist besorgniserrgend, wie das organisierte Verbrechen die Geschäfte übernommen hat. Diese Leute lieben die Großwildgeschäfte, weil die Belohnungen höher sind und die Risiken geringer als beim Waffen-, Drogen-, oder Menschenhandel."

Dieser Wandel zeigt sich exemplarisch darin, dass die meisten Fälle aus Fowlds Praxis inzwischen mit tiermedizinischen Anästhetika getötet wurden: „Irgendwo in der Versorgungskette zwischen Pharmafirmen und Tierärzten muss es ein Leck geben", sagte mir Fowlds. „Jedes Milligramm dieser Drogen sollte eigentlich nachweisbar sein, aber in Wirklichkeit ist eine Totalüberwachung sehr schwierig. Die Spritzen sind leiser als Schrotflinten und sie wirken effektiver. Damit können die Wilderer jetzt zwei, drei oder sogar vier Tiere auf einmal töten."

Doch sollte man dieser Eskalation der Wilderei mit einer ebenso aggressiven Enthornungskampagne begegnen? Rogers und auch Fowlds bleiben skeptisch.

„Würden Wilderer ein Nashorn ohne Hörner erschießen, wenn in unmittelbarer Nähe ein Artgenosse mit Hörnern steht? Wahrscheinlich nicht. Aber würden sie ein enthorntes Nashorn schießen, wenn das ihre einzige Option ist? Ja. Es scheint, als könnten wir das Problem auf diese Weise langfristig nicht lösen." Nach einer Pause fügt er hinzu: „Wenn wir sie bei Sichtkontakt erschießen dürften, so wie in Botswana, dann wäre das eine andere Sache." Fowlds spricht dabei von den Wilderern.

Das Nashorn Thandi, ein jahr nach dem Angriff durch die Wilderer und der Behandlung von Dr. Fowlds. Bild: Fowlds

Der Schädel eines Nashorns übt mit seinem Versprechen von schier magischem Reichtum weiterhin eine allzu große Anziehungskraft aus. Tatsächlich hüten sogar diejenigen, die im Namen der Rettung der Spezies die Tiere enthornen, ihr Horn wie einen Schatz: „Nach der Enthornung lassen wir ungefähr ein halbes Kilo Horn am Tier zurück", sagt Fowlds. „Angesichts des momentanen Marktwerts ist das immer noch lukrativ genug, um das Tier zu töten."

„Alle heben die Hörner auf", sagt Emanuel. „Die sammeln sogar die Späne von der Kettensäge. Die Wildschützer wissen auch: Sollte der Handel eines Tages legalisiert werden, sitzen sie auf einem verdammten Vermögen."

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Trotz aller Probleme erscheint das Enthornen viel besser zu funktionieren als alle früheren Strategien, mit denen die Macht und der Einfluss der Wilderer gebrochen werden sollten. Das alte Konzept, die Hörner einzufärben und zu vergiften, klang zwar theoretisch nach einer guten Idee—aber dann stellte sich heraus, dass es den Wilderern egal ist, ob sie ihre Kunden vergiften.

Und obwohl die Regierungsbehörden, die hinter den internationalen Handelskonvetionen CITES stecken, nicht dazu bereit sind, den Handel vollständig zu legalisieren, so ist auch diese radikale Option noch nicht ganz vom Tisch. Dr. Duan Biggs, Wildschützer an der University of Queensland in Australien, hält die Praxis, Nashörner zu züchten, für eine sichere, effektive und humanere Methode, um der gigantischen Nachfrage in Asien zu begegnen, wie der Guardian im vergangenen Herbst berichtete.

Auch für Rogers ist ein regulierter, legalisierter Handel mit Nashorn-Hörnern die einzige langfristige Lösung: „Die Leute werden immer Nashörner wollen. Da kämpft man gegen einen jahrtausendealten Aberglauben und eine Tradition an. Und jeden Tag werden immer mehr Menschen so reich, dass sie es sich auch leisten können. Zu hoffen, dass die Wilderer einfach aufhören, ist ungefähr so, wie 100.000 Euro unter einen Baum zu legen und zu hoffen, dass keiner das Geld mitnimmt."

Andere Experten glauben wiederum, dass ein legalisierter Handel die illegale Wilderei nur noch unübersichtlicher machen würde. Es wäre so nämlich unmöglich, zu bestimmen, ob das Nashorn aus einer legalen Quelle stammt oder nicht. Außerdem könnte ein offizieller Handel die Märkte noch einmal vergrößern, indem er das Stigma der Illegalität abschwächt und den Preis des Luxusgutes senkt.

„Das stärkste Argument für einen legalen Handel ist, dass es einfach nicht anders geht," sagt Fowlds. „Aber es ist eine sehr komplizierte Angelegenheit. Damit ein Geschäftsmodell funktionieren kann, müsste der Preis für das Produkt deutlich unter dem Risikofaktor für die Wilderer liegen. Wenn wir einen offiziellen Handel einführen, obwohl der Preis weiterhin hoch bleibt, dann wird die illegale Wilderei weiterwuchern."

Der Kern des Problems ist ohnehin der hohe Bedarf in Asien. Die dortige Nachfrage dürfte letztlich über das Schicksal der Nashörner in Afrika entscheiden.