Anzeige
Tech

Eine Leipziger Technologie soll das massenhafte Küken-Schreddern verhindern

Jährlich werden in Deutschland 45 Millionen männliche Küken kurz nach der Geburt vergast oder geschreddert. Ein Prototyp, der das Geschlecht von Küken im Ei feststellt, soll das verhindern.

von Nicola Stender
17 November 2015, 1:00pm

Bild: Anonymous for Animal Rights | Mit freundlicher Genehmigung

Das Küken ist gerade geschlüpft, als eine Hand über sein Leben entscheidet. Ein kurzer Blick auf seine Körperunterseite, wo die Farbe des weichen Flaums das Geschlecht verrät—schon ist klar, ob es leben darf oder sterben muss. Weiblich links, männlich rechts: Wohin das Küken geworfen wird, entscheidet alles.

Etwa 45 Millionen männliche Küken werden in Betrieben der Geflügelwirtschaft jährlich aussortiert und vergast oder lebend vom Fließband in den Schredder gefahren. EU-weit sind es sogar insgesamt 280 Millionen Tiere, die auf diese Weise am Tag ihres Schlüpfens getötet werden. Weil sie keine Eier legen, längere Mastzeiten verursachen und weniger Brustfleisch entwickeln, nützen die männlichen Küken den Legebatterien nichts. Das Töten ist wirtschaftlicher als eine Aufzucht—und so brutal, dass man es sich tendenziell lieber nicht genauer vorstellt.

Tierrechtsorganisationen wie Peta Deutschland kritisieren die Vorgehensweise schon lange. Seit 2012 fördert auch das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) Forschungsvorhaben, die nach einer Methode suchen, das massenhafte Töten zu verhindern.

Bild: imago/ United Archives

So wird auch aktuell ein interdisziplinärer Verbund bestehend aus Forschungseinrichtungen in Dresden, Jena und Leipzig vom BMEL mit insgesamt 3,17 Millionen Euro subventioniert. Die Forscher wollen eine Alternative für die bestehende Praxis in der Geflügelwirtschaft finden und entwickeln derzeit einen Prototyp, der das Geschlecht von Küken schon vor dem Schlüpfen und vor der Entstehung ihres Schmerzempfindens bestimmen können soll.

Ein weiteres Beispiel für die dunklen Seiten industrieller Fleischproduktion: Tieraktivisten veröffentlichen heimlich gedrehte Aufnahmen aus dem Schweinehochhaus

Das Projekt verknüpft Eigenschaften von Nah-Infrarot- und Raman-Spektroskopie (NIRS) und ermöglicht es den Forschern, innerhalb von Sekunden molekulare Zusammensetzungen zu untersuchen und so die unterschiedlich großen Geschlechtschromosomen von embryonalem Zellmaterial zu analysieren. „Da männliche Vögel zwei Z-Chromosomen besitzen, weibliche Vögel hingegen jeweils ein Z- und ein W-Chromosom, lässt sich das Geschlecht im Infrarot-Spektrum eindeutig identifizieren", schreiben die Forscher in der Rundschau für Fleischhygiene und Lebensmittelüberwachung von Dezember 2014. „Zudem bieten die spektroskopischen Methoden den Vorteil, befruchtete, etwa 72 Stunden bebrütete Hühnereier testen zu können", so die Forschungsgruppenleiterin Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns in einer Presseerklärung.

Doch die Forschungsarbeit ist aufwendig und kompliziert: Für die Infrarot-Spektroskopie mussten zu Beginn frische oder angebrütete Eier geöffnet und Blut des Embryos entnommen werden. Es zeigte sich jedoch, dass durch die Öffnung Keime in das Ei eindringen konnten und die Schlupfrate der Küken stark einschränkten. In Kombination mit der Raman-Spektroskopie, bei der „monochromatisches Licht, beispielsweise von einem Laser, auf das Untersuchungsobjekt eingestrahlt und das Spektrum des gestreuten Lichtes analysiert" wird, um die Struktur von Molekülen zu bestimmen, wollen die Forscher durch die Schale hindurchleuchten und die Größe des Genoms analysieren.

Den aktuellen Stand dieser Methodik oder Erfolge und Rückschläge kommentiert der Forschungsverbund auch auf Nachfrage nicht. Doch: „In Versuchsreihen konnte bereits eine Spezifität bzw. Sensitivität von ca. 90 Prozent erreicht werden", schrieben die Forscher schon im Jahrbuch Agrartechnik 2014. „Mit der Erforschung einer geeigneten Alternative zum Töten von männlichen Küken von Legelinien haben wir die vermeintlich schwierigste Etappe bereits hinter uns. Jetzt ist es die Herausforderung, die einzelnen Komponenten, die wir bereits erfolgreich in Dresden und Leipzig getestet haben, zu einem Ganzen zusammenzufügen. Dieses Gerät muss sich dann im praktischen Einsatz in den Brütereien bewähren", so Krautmann-Junghanns.

So werden Turbokühe für die deutsche Biligmilchproduktion hochgezüchtet

Ende 2016 soll die Wirtschaft auf Verlangen der Bundesregierung aus der Kükentötung aussteigen—erste vollautomatische Geräteprototypen für den breiten Einsatz, die die Gruppe gemeinsam mit der Dresdner Evonta Technology GmbH entwickelt, wollen die Forscher bei der Internationalen Grünen Woche in Berlin im Januar 2016 vorstellen, so Forschungsgruppenmitglied und Diplom-Biologe Thomas Bartels in einer E-Mail gegenüber Motherboard. Sobald die automatische Geschlechtsbestimmung im Hühnerei erreicht ist, haben sich die Unternehmen verpflichtet, in die serienmäßige Entwicklung der Geräte zu investieren und sie sukzessive in Betrieb zu nehmen.

Die Selbstverpflichtung vom Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft e.V. und dem Verband Deutscher Putenerzeuger, die die Geflügelzüchter auf Bundes- und EU-Ebene vertreten, zeigen, dass die Betriebe trotz zusätzlicher Investitionen nicht unbedingt abgeneigt sind, die Technologien zu verwenden. Der große Geflügelzuchtbetrieb Lohmann unterstützt die Forscher sogar mit eigenen Mitteln.

Zwar kritisieren einige Tierschützer die NIRS, weil auch sie nicht verhindert, dass männliche Küken aussortiert werden müssen. Einige kritische Stimmen vermuten zudem, dass sich Geflügelzüchter, die nicht in die neue Technologie investieren wollen, ins Ausland absetzen könnten. Ob sich diese Bedenken bewahrheiten, werden wir wohl erst Ende 2016 erfahren, wenn die Technologie in allen Betrieben angewandt werden soll.

Tagged:
tech
Motherboard
küken
motherboard show
Hühner
Massentierhaltung
Tierrechte
Fleisch
Fleischproduktion
Chromosome
NIRS