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Interviews

"Rapper in der Schweiz sehen aus wie Frontmänner einer Indieband"

Der Zürcher Rapper Steezo nennt sich jetzt Maurice Polo. Ausserhalb der Szene ist er ein No-Name. Das soll sich jetzt ändern.

von Ugur Gültekin
12 Mai 2016, 2:45pm

Foto: zvg Maurice Polo

Mitte der 00er Jahre sorgte ein junger Rapper Namens Steezo landesweit für Kopfnicken. Aus dem Umfeld der Broken Mental Clique aus dem Norden Zürichs, dem auch Streetrap-Legende Semantik oder Züri-Nord-Hustler Piment entstammen, machte sich ein Rapper bemerkbar, der anders war. Steezo orientierte sich schon damals sehr stark an seinen amerikanischen Vorbildern und zeichnete damit einen Gegenentwurf zu den damals tonangebenden Rapper aus den ländlichen Regionen und mittelständischen Schichten der Schweiz. Währenddem Crews wie Sektion Kuchikäschtli, Brandhärd oder Gimma mit ihren Alben die Hitparade eroberten, releaste Steezo unzählige Mixtapes, die er an Jams, Konzerten oder auf der Strasse für Cash an den Mann brachte.

INSIDEBOY–Hallo feat. STEEZO

Sein Style war stark geprägt von der Dipset-Bewegung und Rappern wie Juelz Santana, Cam'ron oder Jim Jones. Das wichtigste dabei war nicht was, sondern wie es gesagt wurde. Steezo hat seit dieser Zeit fast jedes Jahr eine Veröffentlichung an den Start gebracht. Ob als Sparringpartner von Skor, mit dem er zwei Projekte veröffentlicht hat, als Teil des Broken Mental Kollektivs oder mit seinen Soloalben, er ist einer der Mundart-Rapper mit dem höchsten Wiedererkennungswert. Innerhalb der Szene ist der mittlerweile 34-jährige ein fester Wert und für viele Rapfans gilt er als einer der meistunterschätzten MCs des Landes. Aber Steezo ist auch bekannt für seine Eskapaden, die damit verbundenen vergeigten Live-Auftritte oder seine ihm ganz eigene direkte Art. Ausserhalb der Szene ist er jedoch immer noch ein No-Name. Nun soll sich das ändern: Steezo nennt sich jetzt Maurice Polo und releast sein drittes Solo-Album Nordringboulevard.

Maurice Polo - Nordringboulevard (Snippet - Mixed by DJ CNG)

Ich habe mich mit ihm getroffen, um mit ihm in seinem legendären Wagen durch Zürich zu fahren, über sein Album zu reden und die Situation der Rapszene unseres Landes unter die Lupezu nehmen.

Noisey: Du bist 34 Jahre alt, hast Kinder zuhause und bist ein erwachsener Mann. Was ist der Grund dafür, dass Du Dich immer noch mit Rap beschäftigst, sogar einen neuen MC-Namen angenommen hast und mit einem neuen Album am Start bist?

Maurice Polo: Meinen Namen hab ich geändert, weil Steezo vorbelastet ist. Ich stehe immer noch zu 100 Prozent zu dem was ich bis anhin gemacht habe. Maurice Polo ist aber dennoch ein Neustart. Ich bin auf einem anderen Level als noch vor 10 Jahren und der Namenswechsel soll genau das unterstreichen. Die Frage, warum ich mir das Ganze immer noch gebe, ist ganz einfach zu beantworten: Rap ist mein Hobby. Andere gehen Basketball spielen, ich arbeite gerne an Songs und möchte dass diese Art von Rap, wie ich und mein Umfeld es repräsentieren endlich mehr Anklang findet. Ich will, dass man mit straightem Rap an Festivals spielen kann, Leute ausserhalb der Szene erreicht und vielleicht sogar Airplay in den Radios kriegt.

Welche Art von Rap meinst Du denn?
Ich stehe mit meinem Sound für geradlinigen, unangepassten Rap. Ich will nicht Kompromisse eingehen müssen. Ich habe eine gewisse Vorstellung von Rap, die in der Schweiz seit Jahren ignoriert wird. Mir fällt auf, dass in der Schweiz vor allem Rapper gepusht werden, die auf textliche Inhalte setzten. Die Ästhetik und Coolness des HipHops, wie ich ihn liebe, sind zweitrangig oder gar nicht relevant. Ich vermisse Charakterköpfe mit Ecken und Kanten. Aber das ist wohl eine Frage der Mentalität. Der Schweizer meidet gerne Konfrontation, Reibereien und Direktheit. Rapper wie EKR, Semantik oder ich stehen genau für diese Eigenschaften.

Aber ist es nicht real, dass wenn die Schweiz schon ein Land von Bünzlis ist, auch ihre Hip-Hop Szene von Bünzlis repräsentiert wird?
Man kann doch nicht eine urbane Subkultur aus einem anderen Land übernehmen, ohne eine Ahnung von deren Entstehung, von ihrer Ästhetik und ihrem Look zu haben. HipHop ist die coolste Jugendkultur die es je gab. Rapper in der Schweiz sehen aber aus, als wären sie Frontmänner einer Indieband. Das geht doch nicht. Das nervt mich und macht mich manchmal sogar wütend. Natürlich kann jeder HipHop so interpretieren wie er oder sie es möchte, aber es gibt auch Leute wie mich, die keine Bünzlis sind, sondern die HipHop nahe am amerikanischen Vorbild zelebrieren möchten. Und auch diese Subszene soll endlich Gehör finden. Und das fehlt in der Schweiz. Darum ist HipHop in der Schweiz nicht HipHop. Punkt.

Ca$hmoney–Maurice Polo (feat. LiVin, Layo, Skor, Ali 7000, Kush Karisma, Bossnak & EffE)

Wie lebt den ein 34-jähriger Hip Hoper der kein Bünzli ist seinen Alltag in der Schweiz? Oder anders gefragt: Was hast Du von der Subkultur Hip Hop in dein alltägliches Dasein implementiert?
Ich bin noch nie in meinem Leben einem Vorgesetzten in der Arsch gekrochen. Das ist die reinste Form von HipHop. Klingt für Aussenstehende unverständlich, das mag sein. Aber das ist für mich alles auch ein Teil der Kultur: Sich selbst zu sein, direkt zu sagen wenn man jemanden nicht mag und sich für nichts in der Welt verbiegen zu lassen. Ich habe mir all diese Eigenschaften angeeignet, weil ich Hip Hopper bin. Weil ich mich seit ich ein kleiner Junge bin mit dieser Kultur auseinandersetzte und ich das alles in meinen Alltag integriert habe. Diese Attitüde– roh zu sein, ist ein wichtiger Bestandteil von HipHop.

Welche Mundartrapper findest Du denn kredibil und würdest es jemanden aus dem Ausland zeigen
Ich würde sicher meine eigenen Sachen zeigen und ich würde ihm Sachen von Baze, EKR, Skor oder Manillio vorspielen.

Warum?
Weil dass sind alles Charaktere, die für etwas stehen, die eine gewisse Sound-Ästhetik erschaffen haben, die mir persönlich gefällt, weil sie sich ernsthaft mit der Kultur auseinandergesetzt haben und weil sie ganz einfach gute MCs sind, auch im internationalen Vergleich.

Und was denkst Du über dein eigenes aktuelles Album? Könnte es im internationalen Vergleich bestehen?

Mein Album gefällt mir ehrlich gesagt sehr gut und ich bin sehr zufrieden mit dem Endprodukt. Es ist mein bestes Album bis anhin. Es ist produktionstechnisch auf einem hohen Level und ich habe es mir bestimmt schon 200 Mal angehört. Ich glaube auch, dass es beim Publikum gut ankommen wird. Ich möchte die Anerkennung die mir zusteht und ich bin eigentlich auch ganz froh, wie sich alles entwickelt. Wo es im internationalen Vergleich dasteht, weiss ich nicht und es spielt auch keine Rolle. Die Leute ausserhalb der Schweiz verstehen es so oder so nicht.

Aber dir gehts doch vor allem um die Sound-Ästhetik– was heisst, dass die Lyrics und die Message eh nicht im Mittelpunkt stehen. Somit könnte man es ja doch jemandem vorspielen, der kein Schweizerdeutsch versteht. Oder nicht?
Nur weil ich nicht studiert habe oder jeden Tag zehn Bücher lese, heisst es nicht dass ich nichts zu sagen habe. Ich interessiere mich halt einfach nicht gross für Politik oder das Weltgeschehen. Ich will viel lieber Geschichten aus meinem Alltag erzählen, mit denen man sich identifizieren kann. Mir ist bewusst, dass ich aus einem Mikrokosmos berichte, der nicht das Leben der grossen Masse in der Schweiz repräsentiert. Ich will, dass es nach HipHop klingt, wie er 2016 zu klingen hat. Ich finde dieses Ziel haben wir erreicht, darauf bin ich schon ein wenig stolz.

Könntest du dir vorstellen, dass jemand für dich deine Texte schreibt? In anderen Ländern und Genres ist das eine Selbstverständlichkeit, warum wehrt man sich hierzulande so stark dagegen?
Ja, das könnte ich mir durchaus vorstellen. Ich weiss, dass das in der Schweiz viele ganz anders sehen und glauben, dass es fake sei, seine Texte von einem anderen schreiben zu lassen oder Leute im Boot zu haben, die bei der Entstehung der Lyrics mitarbeiten. Das zeigt mir nur eins: Die meisten haben einfach keine Ahnung. Auf Nordringboulevard hatte ich keine Ghostwriter, aber ich könnte mir das für ein nächstes Album wirklich vorstellen. Was man auf einem Album sagt ist wichtig, ja. Wie man es sagt und wie man es rüberbringt ist meiner Meinung nach aber viel wichtiger.

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