Der Amazonas-Regenwald ist die wahrscheinlich beste Apotheke der Welt
Regenwald

Der Amazonas-Regenwald ist die wahrscheinlich beste Apotheke der Welt

Aus den Pflanzen des Dschungels kann man nicht nur Ayahuasca brauen. Der Regenwald hält anscheinend für fast jede erdenkliche Krankheit ein Heilmittel bereit, egal ob Malaria, Gelbfieber, Kopfschmerzen, Unfruchtbarkeit oder Durchfall.
12.7.16

Es ist stockdunkel und ich habe verdammt Schiss. Ich bahne mir meinen Weg durch den Amazonas-Regenwald und folge blind einem Typen namens Llacko: Vereinzelt streifen herunterhängendeÄste meinen Rücken, Fledermäuse zischen geräuschvoll dicht an meinen Ohren vorbei und immer wieder fallen Früchte vom Kanonenkugelbaummit einem lauten Rumms herunter. Da ich aber unbedingt mehr über das Essen im Regenwald herausfinden will, folge ich ihm einfach weiter. Er ist ungefähr halb so groß wie ich. Immer tiefer gehen wir in den scheinbar endlosen Blätterwald. Der einzige Schutz vor Jaguaren, Anakondas oder Pfeilgiftfröschen ist seine Machete…

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Ich bin das erste und wahrscheinlich auch das letzte Mal im Amazonas-Regenwald.

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Mit seiner Taschenlampe leuchtet mirLlacko ins Gesicht und weiß trotz meines Pokerface sofort, was in mir vorgeht: „Warum hast du Angst, Michaela?", fragt er mich. „In der Stadt ist es viel gefährlicher als im Dschungel." Ich weiß nicht so recht, ob das wirklich stimmt, aber eins weiß ich sicher: Hier im Amazonas sollen sich Heilmittel für alle möglichen Krankheiten verstecken und deshalb folge ich Llacko weiter Schritt für Schritt durch die dunkle Nacht.

Die Fingerkuppe seines rechten Zeigefingers hat er an einen Piranha verloren. Er hat sein ganzes Leben hier im Regenwald verbracht. Regelmäßig veranstaltet er Touren für die Öko-Ferienanlage Samiria Ecolodge, aber nebenbei ist er auch noch Survival-Experte und führt erwartungsvolleAbenteurer auf mehrtätigen Survival-Touren durch den größten Regenwald der Welt.

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Die Früchte der Aguaje-Palme gleichen den Hormanhaushalt aus und sind voll mit Vitamin B12, angeblich ein wahres Wundermittel bei unreiner Haut, Unfruchtbarkeit und Beschwerden in den Wechseljahren.

„Ich habe meinen Finger mit weißem Ton aus dem Fluss eingeschmiert", erinnert sich Llacko an sein Piranha-Unglück. „Mein Angelhaken steckte in dem Piranha und weil ich dachte, dass er tot war, habe ich einfach meinen Finger in sein Maul gesteckt." Doch er hat schnell bemerkt, dass der Fisch ziemlich lebendig war. „Dann habe ich ihn auf den Boden geschleudert und habe fest draufgetreten."

Das sei nur ein Beispiel für die wirkungsvollen Heilmittel, die sich im Regenwald verstecken, meint Llacko. Auch gegen Malaria soll ein natürliches Medikament wirken: Man nehme einfach ein bisschen Rinde der Amazonaszeder und mischt sie mit Zwergseidenäffchenblut. Llacko meint, dass das nicht nur gegen Malaria, sondern auch gegen Gelbfieber hilft.

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Aus Camu-Camu-Früchten wird ein Saft gekocht, der im ganzen Regenwald getrunken wird. Die hohe Vitamin-B12-Konzentration soll gut für die Haut sein.

Während wir weiter durch den Dschungel wandern, entdecke ich langsam ein Schema in Llackos angeblichen Wundermitteln: Genauso wie auch das berühmte Ayahuasca werden sie alle in Form von Tees zubereitet. Bei jeder Pflanze, an der wir vorbeikommen, weiß er, ob und was sie heilt oder ob sie giftig ist. Die verschiedenen Pflanzentees sollen alle unterschiedliche Wirkungen haben: hierba santa soll bei Verdauungsstörungen helfen, cordoncillo wirkt ähnlich wie Aspirin gegen Kopfschmerzen, wenn man bestimmte Graspflanzen auspresst, erhält man Augentropfen, und der Saft der psychotria elata, einem Brechstrauchgewächs, soll fast jede Pilzinfektion abtöten. Wenn die Verletzung doch etwas schlimmer ist, gibt es den Bismia-Baum, dessen Saft bei offenen Wunden wie Jod wirkt.

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Heilpflanzen aus dem Regenwald: Cashew-Blätter, hierba santa und andere

Genauso wie verschiedene Blätter sind auch einige Früchte extrem gesund, meint Llacko. Camu camu sind kleine rot-grüne Früchte, die ein bisschen an wilde Stachelbeeren erinnern, und überall in der Amazonas-Region wachsen. Sie sollen 30 Prozent mehr Vitamin B12 enthalten als Orangen und man kann sie zu einem pinken Saft einkochen. Zusammen mit den Früchten der Buriti-Palme, in Peru aguaje genannt, ersetzen sie quasi alle Kosmetikprodukte und Cremes, die bei uns so verkauft werden. Durch die hohe B12-Konzentration haben sie eine wahre Wunderwirkung für die Haut. Außerdem sollen sie ein natürliches Abwehrmittel gegen Moskitos sein. Die Einheimischen bedienen sich angeblich auch bei anderen Krankheiten an der Palme: Sie schneiden Löcher in den unteren Teil des Stamms, damit sich dort kleine gelbe Maden einnisten. Diese sogenannten suri werden dann einfach „geerntet" und direkt gegessen oder später gebraten. Sie sollen innerhalb eines Monats Asthma heilen.

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Der Blick über den Marañon, ein Nebenfluss des Amazonas im Naturschutzgebiet Pacaya-Samiria

Am nächsten Morgen geht es für Llacko und mich zurück in den Dschungel. Er entdeckt einen sanango-Baum mit extrem halluzinogener Wirkung. Dafür schabt man die Rinde an der Baumwurzel ab und macht daraus einen „Saft", der sie zwei Stunden lang gekocht wird, um so die Wirkstoffe aus der Rinde freizusetzen. „Das trinken wir nur nachts", meint Llacko. „Damit können wir, obwohl es dunkel ist, alles im Dschungel sehen, als wäre es taghell."

Er lächelt, während er mir von der Pflanze erzählt, und erinnert sich an seine Halluzinationen zurück. „Zuerst fühlen sich die Lippen ganz kalt an, dann fühlt man sich, als würde man mit einem Affenzahn an einen anderen Ort fahren und die Aura löst sich von deinem Körper", erzählt Llacko. „Für uns ist das wie Fernsehen, eine Form der Unterhaltung, um mehr Spaß im Leben zu haben, genauso wie ihr das bei Filmen macht."

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Der Sonnenaufgang über dem Amazonas

An unserem letzten gemeinsamen Tag sammeln wir huasaí-Blätter. Llacko zeigt mir, wie man aus den Stielen Körbe macht: „Wir weben Körbe daraus, um die Bananen aus dem Dschungel transportieren zu können", erklärt er. Die Körbe eignen sich auch zum Fischfang. Dafür packen die Einheimischen zum Beispiel Bananen in die Körbe und sobald sich die Fische um den Köder sammeln, ziehen sie sie hoch.

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Camu camu, aguaje und andere Früchte des Regenwalds

Meine anfängliche Angst ist mittlerweile verflogen: Das wird definitiv nicht das letzte Mal hier im Amazonas-Regenwald sein. Weil gerade auch in den USA viele Medikamente gegen Depressionen verschrieben werden, frage ich Llacko noch, ob hier viele Menschen traurig sind. Irgendwie irritiert ihn meine Frage: „Warum sollten wir traurig sein? Die Menschen werden nur traurig, wenn sie in die Stadt ziehen und keine Arbeit finden. Ich mag den Dschungel lieber. Die Stadt ist viel zu kompliziert, Musik, Motorräder, Fernsehen … Ich bleibe lieber hier, hier bin ich am glücklichsten."