Delikatesse

Ich habe Vogelscheiße gegessen und es war großartig

In einigen Teilen Grönlands gilt Vogelscheiße, genauer die kleinen Kothaufen des Alpenschneehuhns, als Delikatesse. Urumiit, so der Name, wird im Winter gesammelt und mit Robbenöl und Robbenfleisch gekocht.

von Lawrence Millman
19 Mai 2016, 11:00am

Photo via Flickr user

Manchmal muss man eben Scheiße fressen, um Gold zu ernten. Das haben sich die Grönländer ganz besonders zu Herzen genommen. In einigen Teilen der Insel gilt Vogelscheiße, genauer die kleinen Kothaufen des Alpenschneehuhns, als Delikatesse. Wenn es nur wenige Nahrungsquellen gibt, können auch die abwegigsten Dinge zur Haute Cuisine gehören. Urumiit, so der Name,wird im Winter gesammelt, dann ist es schön trocken und nicht so klebrig wie im Sommer. Gekocht wird es mit ranzigem Robbenöl und ein bisschen Robbenfleisch. Früher hat die Frau des Hauses das Fleisch vorgekaut und dann in den Kochtopf gespuckt.

Den meisten kommt bei dem bloßen Gedanken an ein solches Gericht wahrscheinlich alles hoch. Allerdings sollte man erwähnen, dass Alpenschneehühner, wie der Name schon andeutet, zu den Hühnervögeln gehören, wie auch Truthähne, Fasane und eben Hühner. Ihr dichtes Federkleid, das sich von den Augenlidern bis zu den Füßen erstreckt, ist quasi ein dicker Wintermantel, mit dem sie auch in der frostigen Kälte überleben.

Und noch etwas sollte man wissen, bevor man sich einen Happen Vogelscheiße genehmigt: Alpenschneehühner bleiben lange Zeit am selben Ort und entleerensich dort bis zu 50 Mal. Das heißt also, dass man nicht nach der Nadel im Heuhafen suchen muss, um einen leckeren Kötel zu finden, sondern gleich einen ganzen Haufen Scheiße auf einmal einsacken kann.

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Ein Haufen Vogelscheiße. Foto vom Autor

Jetzt aber zurück nach Grönland. Schon bei meinen früheren Reisen auf die dahinschmelzende Insel habe ich zwei Mal urumiit essen können. Beim ersten Mal musste ich einen Grönländer regelrecht überreden, dass ich es mal probieren kann. Warum? Na ja, er meinte, dass „Amerikaner zwar ein Haufen Scheiße sind, aber nicht gerne Scheiße essen." Irgendwann hatte ich ihn dann überzeugt und er kochte mir eine Portion Vogelkacke. Das leicht ranzige Robbenöl hat—wie auch beim zweiten Mal, als ich das Gericht probiert habe—den Geschmack der Alpenschneehuhn-Kacke überdeckt.

Deshalb wollte ich unbedingt wissen, wie die Vogelscheiße denn nun wirklich schmeckt. Im April war ich auf Island und obwohl ich die ganze Insel mit ihren Lavafeldern und heißen Quellen abgeklappert habe, konnte ich keine Vogelkacke finden. Als ich aber eine Freundin und Pilzexpertin in Akureyri besucht habe, hatte sie zufällig eine Tüte mit den Häufchen meiner Träume auf dem Tisch liegen. Sie wollte mit den Köteln eigentlich Kulturen anlegen und herausfinden, welche Pilze darauf wachsen würden. Dann sah sie aber meinen sehnsüchtigen Blick und schenkte mir die Tüte.

Zusammen mit Lene habe ich die isländische Variante des Rezepts aus Grönland unter freiem Himmel gekocht: Mit der schneebedeckten Kuppe des Eyjafjórður im Hintergrund haben wir zuerst etwas Schaffett in einem Topf geschmolzen. Ganz wichtig: Das Fett war nicht ranzig.

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Kötel-Cuisine unter freiem Himmel

Statt Robbenfleisch haben wir vorgekochtes (aber nicht vorgekautes) Bärenfleisch genommen. Als letztes habe ich die Tüte mit den Vogelköteln dazugegeben und den römischen Gott des Kots und Mists, Stercutus, angerufen, der unser Essen segnen sollte. Dazu streute ich auch noch etwas Kurkuma in den Topf. Das Ganze haben wir circa 15 Minuten kochen lassen.

Während die Scheiße vor sich hinköchelte, diskutierten wir, welches Getränk dazu am besten passen würde. Am Ende entschieden wir uns für Birkir, einen isländischen Birkenschnaps, denn Alpenschneehühner ernähren sich im Winter vor allem von Birkenzweigenund jungen Birkentrieben. Wenn Birke also für Alpenschneehühner gut ist, warum nicht auch für uns. Sie ernähren sich auch von Weidentrieben und Weidenkätzchen.

„Skól!", meinte Lene und hob ihr Glas.

„Skól!", gab ich zurück und erhob meines.

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Sieht nicht gut aus, schmeckt aber gar nicht mal so schlecht

Nun war es Zeit zu dinieren. Ich spießte drei Kötel mit meiner Gabel auf, führte sie an meinen Mund, fing an zu kauen und kaute weiter. Sie waren knusprig und erinnerten mich irgendwie an diese Bacon-Chips (nur wahrscheinlich mit mehr Ballaststoffen). Geschmacklich deutete die leichte herbe Note daraufhin, dass der Vogel Planzen oder Gemüse verdaut hatte—wahrscheinlich Weiden- oder Birkentriebe. Ein Hoch auf die Magen- und Darmsäfte. Den Geschmack würden Lene und ich insgesamt mit einer Zwei bewerten.

Dann kam ein Fischer auf uns zu und fragte, was wir essen würden. „Rjúpa skítur!", antwortete Lene mit einem Grinsen.

Um den Titel des isländischen Nationalgerichts kämpfen mehrere Kreationen: An erster Stelle steht wohl hákarl (fermentiertes Haifleisch), dicht gefolgt von svið (schwarzgesengte Schafsköpfe) und hrútspungar (eingelegte Widderhoden). Da verwundert es nicht, dass der neugierige Fischer sofort probieren wollte. Nach ein paar Bissen meinte er nur: „Schmeckt gut, aber Salz fehlt …"

Ich weiß, was du jetzt denkst: Egal ob mit oder ohne Salz, Alpenschneehuhn-Kacke wird nie zu meinen Lieblingsgerichten gehören. Und das ist auch OK. In anderen Teilen der Welt sehen die Menschen das vielleicht genauso mit Tofu, genetisch verändertem Mais, Rosenkohl oder dem Zeug, das McDonald's zwischen seine Brötchen knallt. Was in einer Kultur als schmackhaft gilt, löst bei anderen Kulturen sofort Würfelhusten aus. Es ist eben alles Geschmackssache.

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