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Restaurant Confessionals

Als Köchin wurde ich sexuell belästigt

Es waren nicht die Arbeitszeiten und die Überstunden, weswegen ich meine Karriere aufgab. Es waren auch nicht meine verbrannten Arme. Es war die sexuelle Belästigung in jeder einzelnen Küche, wegen der ich das Handtuch warf.

von Munchies Staff
30 März 2015, 8:34am

Photo via Wiki Commons

Küchen sind bekannt für ihren draufgängerischen Humor, der den Köchen dabei hilft, mit dem Stress umzugehen. Wenn es aber nur eine Frau in der Küche gibt, wie oft wird sie dann Opfer dieser Scherze?

Wir haben mit einer 31-jährigen, ehemaligen Köchin gesprochen, die heute Besitzerin eines Buchladens und Teilzeit-Autorin ist.

Ich verbrachte fünf Jahre lang in den Küchen von Kettenrestaurants, um meine eigentliche Leidenschaft—das Schreiben—zu finanzieren. Jeder Job hätte immer nur vorübergehend oder Teilzeit sein sollen, um einen Puffer zu schaffen. Doch das sichere, regelmäßige Einkommen brachte mich dazu, länger zu bleiben, als ich vorhatte. Außerdem war ich ziemlich gut.

Es waren nicht die Arbeitszeiten und die Überstunden, weswegen ich meine Karriere aufgab. Es waren auch nicht meine verbrannten Arme. Es war die sexuelle Belästigung in jeder einzelnen Küche, die ich über mich ergehen lassen musste, wegen der ich das Handtuch schmiss.

Die Küche ist ein hartes Umfeld. Es ist heiß, hektisch und die Stimmung ist angespannt. Die Kollegen gehen in Stresssituationen sehr aggressiv miteinander um und machen danach die widerlichsten Scherze, um Spannung abzulassen. Wenn man die einzige Frau in der Küche ist, wird man leider sehr oft zur Angeschmierten.

Wenn du das erste Mal deinen Vorgesetzten „Uhlala!" rufen hörst, wenn du nach einer Pfanne auf einem niedrigen Regal greifst, lachst du noch. Was aber weniger witzig ist: wenn du dich umdrehst und der gleiche Koch so tut, als würde er sich den Zeigefinger abschlecken und in deinen Anus stecken. Da habe ich nicht gelacht. Er aber schon, während die anderen Köche nervös in ihre Geschirrtücher kicherten. Mir ist das Herz in die Hose gerutscht und ich stand ungläubig und wie versteinert da.

Ich sagte nicht zu ihm, dass er ein ekliger, armseliger Perversling ist und dass ich ihn anzeigen werde. Ich habe keine Angst, für mich selbst einzustehen, aber in diesem Moment, brachte ich keine vernünftige Reaktion hervor. Ich war vor Schock erstarrt. Kurz nach diesem Vorfall, kündigte ich meinen Job in diesem Restaurant. Von besagtem Chefkoch bekam ich ein glänzendes Arbeitszeugnis und der Vorfall wurde nie wieder erwähnt. Ich hakte das Erlebnis als einmaligen Vorfall ab und wollte es einfach nur noch vergessen.

Ich spielte mit dem Gedanken, das Kochen ganz zu lassen, aber die harte Arbeit schreckte mich nicht ab, ich brauchte dringend das Geld und dachte mir, ich reiße mich zusammen und versuche einfach zu sparen. Also machte ich weiter und bemerkte bald, dass ich in fast jeder Küche sexueller Belästigung—in verschiedenen Formen—ausgesetzt war. Ich weiß nicht, wie es in Michelin-Sterneküchen abläuft, aber in meiner Erfahrung in Restaurantküchen mit nur einer oder zwei Frauen, zeigt sich sexuelle Belästigung in blöden Bemerkungen (wie: „Hast wohl deine Tage, was? Entschuldigung, dass ich atme") oder in Wettbewerben, die der Besitzer und der Chefkoch veranstalten, bei denen alle Frauen—aus der Küche und die Kellnerinnen—versuchen müssen, sich eine Zucchini so weit wie möglich in den Rachen zu stecken.

Ja, genau. Wer die Zucchini am weitesten runter brachte, durfte an diesem Abend früher nach Hause gehen. Ich machte nicht mit und wurde deswegen ausgelacht und als „langweilig" bezeichnet. Wenn es mich zu einer Langweilerin macht, weil ich mir vor kichernden Männern mittleren Alters und nervös lachenden Kellnerinnen, denen es ebenfalls unangenehm ist, die aber ihren Job nicht verlieren wollen, keine Gurke in den Hals stecken will, dann scheiß ich drauf. Dann bin ich eben die langweiligste Frau auf Erden.

Wieso ich nichts gesagt habe, wunderst du dich? Habe ich. Ich sagte zum Chefkoch—sehr diskret, weil ich die Würde der anderen Frauen schützen wollte—, dass ich der Meinung war, es wäre erniedrigend und dass er vorsichtig sein sollte, weil das für ihn Konsequenzen haben könnte, wenn es öffentlich wird. Er antwortete: „Ach, das ist doch nur Spaß, nur blöde Neckereien. Wir machen das hier schon lange bevor du hier warst." Gefolgt von einem ernsteren: „Drohst du mir etwa, ******?" Wobei die eigentliche Botschaft lautete: „Wenn du deinen Job behalten willst, halt den Mund." Ohne diesen Job hätte ich meine Miete nicht bezahlen können und er wusste das. Ja, ich hätte einen anderen Job finden können, aber trotz meiner Fähigkeiten und meiner Erfahrung hatte ich keine Garantie dafür.

Genau darin liegt das Dilemma. Bleibe ich und versuche ich, im Stillen dafür zu sorgen, dass nichts Unangemessenes abgeht—die andere Köchin behauptete beharrlich, dass es ihr nichts ausmache, wenn der Konditor ihr jedes mal an die Hüften greift, wenn er an ihr vorbei geht—und mache dafür weiterhin das, worin ich mittlerweile ganz gut bin, mit der Sicherheit, dass ich etwas zu essen habe und meine Miete bezahlen kann? Oder kündige ich, habe dafür nichts mehr zu essen, aber die die Befriedigung, dass ich diesen Bastard und seine dummen „Scherze" bloßgestellt habe?

Ich habe meinen Job als Köchin aufgegeben, denn egal wie dick meine Haut ist, wenn Männer Anspielungen und Scherze aus dem einzigen Grund, dass ich eine Frau bin, machten, und egal wie geschickt ich diese zurückweisen konnte, es zerstörte meine Seele. Durch die Arbeit in der Küche hatte ich das Vertrauen in Männer verloren, was furchtbar ist. Glücklicherweise ist dieses Gefühl wieder verschwunden. Mir ist klar, dass nicht jeder die gleiche Erfahrung macht wie ich, aber ich hatte den Eindruck, wenn mehrere Männer in einem stressigen Umfeld unter Druck stehen, werden sie auf das Niveau von kleinen Schuljungen reduziert, die den Mädchen auf dem Spielplatz die Unterhose runterziehen und wegrennen wollen.

Vor mittlerweile mehr als eineinhalb Jahren hängte ich meine weiße Arbeitskleidung ein allerletztes Mal an den Haken und fand einen Job in einer Buchhandlung.

Über die Jahre hinweg, meldete ich öfter unangemessenes Verhalten, wenn ich es beobachtete. Kein Manager ergriff jemals härtere Maßnahmen, als vielleicht ein ernstes Gespräch mit dem beschuldigten Koch. An meinem letzten Tag in einer professionellen Küche sagte ich zu diesem ekligen Koch, der mir einmal absichtlich ein Bein gestellte hatte, um mich aufzufangen und „zufällig" meine Brüste betatschten konnte, dass er wie ein Krebsgeschwür aussah und sein Schwanz so groß wie ein Pfefferkorn sein muss.

Das fühlte sich gut an.

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