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Bekenntnisse eines Kochs: Das Leben im Weißen Haus, Teil 2

Im zweiten Teil unseres Interviews mit Walter Scheib schimpft er über die Molekularküche und erzählt von den Lieblingsgetränken der Präsidentenfamilie.

von Hilary Pollack
09 Februar 2015, 8:26am

Photo via Flickr user Gary Kavanaugh

Am Freitag erschien der erste Teil unseres Interviews mit dem ehemaligen Koch des Weißen Hauses auf MUNCHIES. Falls du es über's Wochenende vergessen hast: Walter Scheib wurde während der gesamten Amtszeit von Bill Clinton von der damaligen First Lady Hillary persönlich als Küchenchef auserwählt und blieb dem Weißen Haus auch noch während der ersten Amtszeit von George W. Bush erhalten. Heute ist er Autor von White House Chef und der Gründer des Unternehmens The American Chef, das Kochkurse, Eventmanagement und Vorträge anbietet, bei denen er von seiner Erfahrung und seinem Leben mit der Präsidentenfamilie erzählt.

Nachdem er im ersten Teil versuchte, die amerikanische Küche zu definieren, von der Vorliebe der First Ladys für scharfe Saucen erzählte und über regionalen Barbecue in den USA philosophierte, spricht Scheib im zweiten Teil über seine Teilnahme bei der TV-Sendung Iron Chef America, seine Lieblingsgäste im Weißen Haus, seine Abneigung gegen die Molekularküche und er erzählt uns von den kleinen Lastern der Präsidenten, wenn ihre Frauen nicht da sind.

MUNCHIES: Du wirst oft nach den Vorlieben der Präsidenten gefragt. Was sind eigentlich deine Lieblingsgerichte? Walter Scheib: Das ist, als würde man fragen: Was ist dein Lieblingslied? Jeder hat 1000 Lieblingslieder. Es hängt von der Stimmung und dem Umfeld ab. Ich mag würziges, scharfes Essen und ich mag Gerichte mit einem komplexen Geschmacksprofil, ohne das aber überzustrapazieren. Ich mag Thailändisch und Äthiopisch sehr gerne, aber mit einem richtig guten Cheeseburger kriegt man mich auch rum. Es geht nicht darum, um was für ein Gericht es sich handelt, sondern wie es ausgeführt wird. Das Allerbeste ist wahrscheinlich, wenn man im August in seinen Garten geht, eine Tomate, die von der Sommersonne schön reif ist, vom Strauch pickt, einen Bissen nimmt, Salz und Pfeffer drüberstreut und sie wie einen Apfel isst.

Ich mag es nicht, wenn Leute versuchen, irgendetwas vorzutäuschen. Wenn es nach mir geht, und ich vermute, das ist ein etwas kontroverses Thema, kann dieses ganze Konzept um die Modeerscheinung der Molekularküche—und ich verwende hier absichtlich das Wort Modeerscheinung—nicht schnell genug von der Bildfläche verschwinden. Das sind des Kaisers neue Kleider für die Küche. Irgendein Typ hat sich gedacht, Ich mach jetzt Essen mit Chemikalien. Das interessiert mich nicht. Ich habe auch kein Interesse an Essen, das für die Massen amerikanisiert wurde und nicht mehr authentisch ist. Ich schätze es, wenn ein Gericht so authentisch wie möglich schmeckt.

Man macht im Weißen Haus nicht den Kasper, wenn man es vermeiden kann.

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Foto von Walter Scheib.

Wie sah deine Herangehensweise aus, für eine so vielfältige Gruppe von führenden Personen aus der ganzen Welt zu kochen? In der amerikanischen Küche steckt auf irgendeine Art fast jede Küche dieser Welt, deshalb war das unsere erste Wahl bei Staatsbanketts. Normalerweise hatte das Menü vier Gänge—drei pikante und einen süßen. Wir versuchten immer im ersten Gang die Küche des Herkunftslands unseres Gasts einzuarbeiten, in Form einer Technik, einer Geschmackskombination oder einer Zutat. Die Gerichte waren nicht authentisch, sondern eine amerikanische Interpretation der jeweiligen Küche. Das bot der First Lady einen Aufhänger, damit sie so etwas sagen konnte wie: „Euer Volk ist ein Teil unseres Volkes, unser Volk ist ein Teil eures Volkes. Eure Kultur ist Teil unserer Kultur." Das war immer gut, um das Eis zu brechen und positiv in den Abend zu starten.

Benahmen sich die Leute generell bei diesen Veranstaltungen sehr angemessen oder wurde es auch manchmal wild? Naja … lass uns lieber nicht darüber sprechen. Das ist eine Angelegenheit der Familie. Wenn sie gerne darüber sprechen möchten, ist das ihr Vorrecht. Aber es ist eben immer noch das Weiße Haus. Man macht im Weißen Haus nicht den Kasper, wenn man es vermeiden kann.

Der Präsident regiert die Welt, aber die First Ladies das Weiße Haus. Wenn sie mal nicht in der Stadt waren, dann holten sie das Porterhouse-Steak und die Onion Rings raus.

Du hast an Iron Chef America teilgenommen. Was war stressiger: Iron Chef oder Weißes Haus? Die Sache mit dem Food Network und Iron Chef im Speziellen ist, dass ich im Weißen Haus war, als die Show aufkam, deshalb hatte ich sie nie wirklich gesehen. Als ich das Weiße Haus verließ, war einer der ersten Anrufe, die ich erhielt, von einem der Produzenten, der mich einlud, an der Show teilzunehmen. Ich sagte: „Ich weiß nicht, lassen Sie mich darüber nachdenken."

Ich sah mir eine Folge mit meinen Kindern an und war fassungslos. Ich sagte, „Oh mein Gott, das ist wie das professionelle Wrestling des Kochens." Daraufhin sagte ich dem Produzenten ab. Er erwiderte, keiner würde je die Teilnahme ablehnen, aber ich beharrte darauf. Das Jahr darauf riefen sie mich wieder an und alle ermutigten mich, mitzumachen. Also sagte ich zu, wir gewannen. Man bekommt 2000 Dollar, um die Kosten eines dreitägigen Aufenthalts in New York für sich und drei weitere Personen zu decken. Aber jedem, der nur ein bisschen was über New York weiß, ist klar, dass das gerade mal für die Barrechnung reicht. Iron Chef hat aber Spaß gemacht und einen Kommentar für die New York Times zu schreiben, war auch lustig—ich habe definitiv Dinge erlebt, die ich mir nie erträumt hätte, als ich vor 40 Jahren angefangen habe, Zwiebeln zu schneiden.

Wer war der größere Mitternachtssnacker? Clinton oder Bush? Mitternachtssnacks gab es generell nicht sehr oft. Ihre private Küche war mit allem ausgestattet, was sie gerne mochten. Es gab auch ein Logbuch, in dem festgehalten wurde, wann das Präsidentenpaar aufstand und ins Bett ging, damit wir da waren. Wenn sie am nächsten Tag zur gleichen Zeit aufstanden und schlafen gingen, war das unser neuer Biorhythmus. Oft holten sie sich einfach selbst etwas aus der Küche und die meiste Zeit stand ihnen ein Butler oder ein Koch zur Verfügung. Das mag ein bisschen altbacken scheinen, aber meistens kochten wir nach den Wünschen und Vorlieben der First Lady. Und der Präsident, wenn er clever war, passte sich an. Der Präsident regiert die Welt, aber die First Ladies das Weiße Haus. Wenn sie mal nicht in der Stadt waren, dann holten sie das Porterhouse-Steak und die Onion Rings raus.

Es ist weitgehend bekannt, dass George W. Bush nicht trinkt. Kürzlich schrieb die New York Post, dass Bill Clintons Lieblingsgetränk der Snakebite ist—Lager gemischt mit Cidre. Kannst du das bestätigen? Präsident Bush ist Alkoholiker, deshalb nimmt er die Abstinenz sehr ernst. Clinton, vielleicht weil er als Baptist erzogen wurde, ist kein großer Trinker. Aber die First Ladys tranken schon hin und wieder einen Cocktail oder zwei. Sie tranken aber nie über den Durst hinaus. Wenn die Leute fragen: „Was ist das Lieblingsgericht des Präsidenten?", antworte ich nie darauf, weil sich das dann im Internet verbreitet und alle glauben, er möchte dieses eine Gericht die ganze Zeit haben.

Vielen Dank für das Gespräch.