Wie ernähren sich eigentlich Thaiboxer?

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Thailand

Wie ernähren sich eigentlich Thaiboxer?

Ich reiste nach Bangkok, um herauszufinden, was Thaiboxer während ihrer Trainingsphasen essen.
18.5.15

Als mich mein Motorradtaxi beim Eminent Air Boxing Gym absetzte, fing ich sofort an zu schwitzen. Es lag nicht daran, dass ich nervös war, weil ich gleich Thaibox-Champions interviewen würde; ich wurde von der drückenden Bangkoker Hitze am lebendigen Leib gekocht. Bei fast 35 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit war es beinahe unmöglich, das sintflutartige Schwitzen unter Kontrolle zu haben.

Thailändische und ausländische Boxer kamen nach und nach beim Open-air-Boxstudio für ihr nachmittägliches Training an. In ihren grellen Satin-Shorts fingen sie mit dem Aufwärmen an, sie sprangen Seil und liefen eine Runde um die Häuser.

Den brütenden Sommertemperaturen trotzend, absolvierten die Männer eine dreistündige Trainingseinheit – die zweite des Tages. Ich konnte mir vom Herumstehen den Schweiß kaum aus den Augen halten. Ein aufmerksamer Trainer brachte mir einen Eistee, um mich etwas abzukühlen.

Ich war hier, um herauszufinden, was Thaiboxer während den Trainingsphasen essen. Von was ernähren sich diese Männer mit ihren stählernen Körpern und ihren definierten Bauchmuskeln? Nachdem ich von Dwayne „The Rock" Johnsons kabeljaulastiger Diät gelesen hatte, erwartete ich, dass Clean Eating in der Thaibox-Community groß geschrieben wird. Sind Thaiboxer Ernährungspuristen?, fragte ich mich.

Anders als andere, mir bekannte Fitness-Freaks sprach hier kaum einer von Nahrungsergänzungsmitteln – und Kabeljau wurde nicht einmal erwähnt. Stattdessen erfuhr ich, dass die Ernährung eines Thaiboxers sehr ähnlich aussieht wie die eines durchschnittlichen Thailänders.

Lolo Kiatphontip kam vor vier Monaten aus Frankreich hierher, aber war bereits sieben Mal zum Thaibox-Training in Thailand. Dieses Mal bleibt er acht Monate. Um sechs Uhr früh steht Lolo auf, um mit leerem Bauch laufen zu gehen. Und er ist nicht der Einzige, der die erste Mahlzeit des Tages nach hinten verschiebt. In der Welt der Thaiboxer scheint es normal zu sein, das Frühstück auszulassen.

„Am Morgen essen wir nichts, weil das Training schon um sieben Uhr losgeht. Wir haben keine Zeit dafür – wir schlafen lieber ein bisschen länger", erklärt Claudio Amoruso, ein Expat aus Italien. „Wir wachen auf und gehen direkt zum Training. Ich weiß, dass das nicht gut ist, weil man davor essen sollte, aber wenn man etwas essen wollen würde, müsste man mindestens eine Stunde vorher aufstehen und wenn man jeden Tag trainiert, ist man müde."

Das Essen, das die Thaiboxer nach ihrem anstrengenden morgendlichen Training zu sich nehmen, sieht mehr wie Mittagessen und Abendessen aus. Zu den Gerichten gehören thailändische Street Food-Klassiker wie khao man gai, gra pao oder khao soi.

Je nach Region unterscheidet sich die Ernährung der Thaiboxer. Ich sprach mit Frances Watthanaya, die kürzlich mit ihrem Ehemann – einem Thaiboxer – im Nordosten des Landes eine Boxhalle eröffnet hat, über das Frühstück der Champions.

„In Isan besteht ein typisches Frühstück aus Reis, Fischsuppe, som tam-Salat nach Isan-Art, Eiern und vielleicht ein bisschen gekochtem Gemüse", sagt sie. „In Isan sind die Leute sehr arm. Manche fangen selbst Fische und Schweinefleisch ist eher etwas Besonderes."

Weil sie eine vollständige Proteinquelle sind und nicht viel kosten, sind Eier eines der wichtigsten Nahrungsmittel aller Sportler in ganz Thailand.

Wenn die britische Expat-Boxerin und Eminent Air Gym-Legende Melissa Ray trainiert, isst sie Haferbrei, Müsli, Joghurt und Sojamilch. Der südafrikanische Boxer Wasim Mather mixt sich zu Hause einen Smoothie aus tropischen Früchten, bevor er draußen dann eine Portion Reis mit Hähnchen isst.

Einheimische wie auch Ausländer essen extrem viel Reis. Das scheint wohl so etwas wie Kabeljau für The Rock zu sein.

„Man isst immer Reis", sagt Frances. „Je nachdem wo sich in Isan die Boxhalle befindet, isst man entweder Klebreis oder normalen. Wenn die Kämpfer versuchen, Gewicht zu verlieren, essen sie Reissuppe."

Die Boxer mögen dieses einfache Kohlenhydrat, weil es sich leicht verdauen lässt. Claudio, der Italiener, zieht es aus diesem Grund auch Pasta vor.

„Reis ist für das Training am besten, weil es einem Kraft gibt, aber man sich nicht schwer fühlt", erzählt er. „Wenn man Pasta isst, muss man das zwei oder drei Stunden vor dem Training tun. Erst eine Stunde vor dem Training Pasta zu essen, wäre unvorstellbar."

Zeit ist kostbar. Thaiboxer nutzen jede freie Minute, um sich auszuruhen, damit sie ihre strengen Trainingspläne einhalten können.

„Der Trainingsplan lässt nicht viel Zeit für irgendetwas anderes als Training. Das ganze Pratzentraining, die Clinches, das Laufen – das ist alles extrem anstrengend und deshalb schlafen die meisten Sportler während des Tages", sagt Phill Savage, ein britischer Boxer in Chiang Mai.

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Der Tag von Thaiboxer Sueadam „Black Tiger" Khongsittha beginnt um halb sechs Uhr früh mit Laufen. Dann geht er in die Boxhalle, die Khongsittha Muay Thai in Bangkok, wo er mit dem Sandsack und einem Sparringpartner trainiert, Knieschläge übt und Liegestützen macht. Dieses höllische Programm wiederholt er dann am gleichen Tag noch einmal.

Wenn ein Boxer eine Gewichtsgrenze für einen Kampf erreichen muss, ändert sich seine Ernährung schlagartig. Wer zwei bis fünf Kilo verlieren möchte, lässt die Finger vom Street Food – oder besser gesagt von fast allem Essen. Der Schweizer Markus Meier kämpfte fünf Jahre lang in Thailand. Gewicht verlieren war für ihn „das Schlimmste".

„Ich aß gar nichts. Vielleicht einen Apfel am Tag oder alle drei Tage eine Suppe", erinnert er sich an die drastischen Maßnahmen. „Außerdem rannte ich zwei Mal pro Tag in einem Sweatsuit, so lange, bis ich genügend Gewicht verloren hatte. So läuft das in Thailand. Manche Jungs werden ohnmächtig."

Er erinnert sich, wie manche Kämpfer Abführmittel nahmen und mit ihren Sweatsuits in der Sauna saßen. Die Hölle.

Als ich am Freitag Abend im Bangkoker Lumpinee-Stadion ankomme, werde ich von Musik begrüßt, die mich an Schlangenbeschwörer erinnert. Männer auf der Tribüne rufen ihre Wetten, lachen, heizen sich gegenseitig an und winken mit ihren Händen, als würde sie ein Taxi rufen.

Im Ring führen zwei Kämpfer zum Aufwärmen den traditionellen wai khru-Tanz vor als Zeichen des Respekts. Die Kämpfer sind konzentriert und ziehen sich Mongkhon-Stirnbänder an, während sie sich zu der thailändischen Musik bewegen.

Die Kampf beginnt und die Energie des Publikums wird immer stärker. Die Kicks werden härter, die Menge wird lauter, Glocken und Sirenen ertönen im Takt der intensiven Trommelmusik. Blut fließt, Knie fliegen. Mit jeder Runde wird der Raum spannungsgeladener. Die Männer schreien, der Schiedsrichter schreit, und plötzliche schreie auch ich.

In diesem Fieber habe ich endlich verstanden, warum die Männer des Eminent Air Gym in der brütenden Nachmittagshitze in Bangkok Laufen gehen.

Das stundenlange Training und das Abhungern haben zu diesem einen Moment geführt. Und das war es wert.